chotemysl

Auf dem Weg zur Arbeit Ich fahre auf eine Kreuzung zu und sehe schon von weitem einen Teenager, die mit starrem Blick auf ihr Smartphone über den Bürgersteig läuft.

Dann tritt die junge Dame, ohne nach links oder rechts zu schauen, auf die Straße.

Ich überlege, ob ich hupe oder einfach abwarte, ob sie mich bemerkt und rolle langsam weiter auf sie zu.

Als sie genau vor mir ist, hebt sie den Blick und guckt mich mit einem Blick an, der aus sehr weiter Ferne zu kommen scheint.

Ich winke ihr zu. Keine Reaktion.

Es ist ein Smombie!

Ein Kollege kommt nach einer Woche Urlaub zurück. “Wie? Ich soll Auto fahren? Das hättet ihr mir vorher sagen müssen. Das geht nicht!”

Auf unsere Nachfrage, was denn los wäre, kommen gemurmelte Hinweise auf legale und illegale Substanzen, die er sich eingeworfen hätte. Da wäre er ja auf keinen Fall fahrtüchig. “Ich nehme dann Günter mit, der kann fahren. Aber der arbeitet ja nur bis Mittags, da müßt ihr die Nachmittagstermine verlegen.”

Und weg ist er.

Ähm... ja...

Unsere Fahrer (wie auch dieser Kollege) sind hier nach § 16i SGB II “Teilhabe am Arbeitsmarkt” beschäftigt, d. h. sie müssen mindestens 6 Jahre in ALG2 Bezug gewesen sein und in der Zeit auch nicht kurzfristig sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein. Ihr Gehalt wird vom Jobcenter finanziert: in den ersten beiden Jahren zu 100%, danach jährlich 10% weniger, maximal auf 5 Jahre begrenzt. Die Arbeitszeit beträgt laut Arbeitsvertrag täglich 7,8 Stunden, d. h. 8:00 – 16:18 Uhr. Das Gehalt entspricht dem Mindestlohn. Dafür erwartet die Firma Verantwortungsbewußtsein, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.

Eigentlich nicht zuviel verlangt, oder?

In der Realität bedeutet es “Wieso immer ich? Das sollen die anderen machen. Habe ich nicht gesehen, waren wir nicht. Das kann gar nicht sein.”, morgens gerne mal verschlafen und Feierabend spätestens um 14 Uhr, weil dann “wichtiger” Privatkram angesagt ist.

Nach außen hin transportiert meine Abteilung das Bild eines professionellen Gebrauchtmöbelabholers und Wohnungsauflösers und unsere Dienste werden von den Bürgern gerne in Anspruch genommen. Intern regiert das Chaos und wir müssen die Unzulänglichkeiten der Mitarbeiter jeden Tag auf's Neue ausgleichen.

Diese grandiose Schieflage von Außenwirkung und Arbeitsrealität macht mich im wahrsten Sinne des Wortes krank.

Wir haben zwei Katzenklos, eins steht in der Ecke vor dem Bad, das andere (keinen Meter entfernt) im Bad. Beide sind identisch: blaues Unterteil, weiße Haube drüber, Schwingklappe davor. Bei der täglichen Reinigung tausche ich sie jedesmal aus.

Und wo erledigen die Katzen ihr Geschäft? Natürlich immer in dem Klo, das im Flur steht. Nur ganz selten im Bad.

Und hinterher schießen sie meist wie ein geölter Blitz los. Verständlich, wenn man erleichtert ist.

Nur blöd, daß dadurch die Klokrümel in der ganzen Wohnung verteilt werden. Was übrigens mit ein Grund war, warum wir uns einen Saugroboter zugelegt haben.

Katzen, immer ein Quell der Freude!

Die Kollegen haben die Arbeit beendet und geben ihre Unterlagen zurück.

Dabei flattert eine Abrechnung unseres Schrotthändlers auf Tisch: 93,70€ für sortiertes Altmetall. „Ähm, da kriege ich noch das Geld für“, mahnt mein Kollege, denn Altmetall aus Wohnungsauflösungen ist eine zusätzliche und einfache Einnahmequelle für uns.

Es dauert verdächtig lange, bis der Fahrer zurück kommt und mir das Geld auf den Tisch legt.

Ich gucke ihn fragend an, er zuckt mit den Schultern und murmelt „Das haben wir bei den letzten Auflösungen gesammelt. Wollten wir unter allen aufteilen.“ Ähm, wie bitte?

Wenig später kommt der 2. LKW auf den Hof, man berichtet von dem Vorfall und kurz darauf wird unser Büro gestürmt.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“ tönt es mir entgegen, „da sammeln wir draußen Zeug, um uns Geld zu verdienen und dann sowas!“

Ich antworte ruhig, daß sie doch wissen, daß alle Gegenstände bei einer Auflösung der Firma gehören und sie ungefragt nichts einstecken dürfen.

Uiuiui, jetzt geht es richtig los „Ich bin seit 11 Jahren hier, wir machen das immer so!“ und „Wir sammeln immer gute Sachen, geben die ab und tun uns das Geld zur Seite.“

Ich bin weiter ganz ruhig „Leute, ist euch eigentlich klar, daß ihr hier gerade Diebstahl zugebt? Mehrfachen Diebstahl?“

Die Antwort ist ein aufgeregtes „Das ist mir egal! Ich geh zur Zeitung, das kann ja wohl nicht wahr sein!“ und die Bande stürmt raus.

Ich bin sprachlos: natürlich kann man versuchen, die Firma zu bestehlen und die Möglichkeiten vor Ort ja auch sind vielfältig und verlockend. Aber wenn man erwischt wird, ein großes Geschrei über die Ungerechtigkeit der Welt anzustimmen, verrät schon ein gerüttelt Maß an Realitätsferne.

Ein ganz normaler Morgen im Büro 9:30 Uhr: Termin beim Kunden zur Wohnungsauflösung

Fahrt des 1. LKW 9:20 Uhr: Start hier auf dem Hof 9:25 Uhr: Ankunft Aldi 9:30 Uhr: Abfahrt am Aldi Die Fahrzeit Aldi –> Kunde beträgt 10 Minuten. 9:41 Uhr: Ankunft des 1. LKW beim Kunden

Fahrt des 2. LKW 9:20 Uhr: Start hier auf dem Hof 9:22 Uhr: Ankunft an der Sparkasse 9.43 Uhr: Ankunft am Lidl 9:47 Uhr: Abfahrt vom Lidl 10:05 Uhr: Ankunft beim Kunden

Erfahrungsgemäß haben die Kollegen des 1. LKW bis jetzt noch keinen Handschlag getan.

Fahrt des 3. LKW 9:20 Uhr: Start zu einer kleinen Auslieferung 9:45 Uhr: zurück auf den Hof. “Wir brauchen Körbe auf der Baustelle!” Körbe nutzen wir bei einer Wohnungsauflösung, um Bücher, Geschirr, Nippes u. ä. zu verpacken und zum Lager zu transportieren. 10:15 Uhr: Ankunft beim Kunden

Man kann also sagen, daß 45 Minuten nach dem vereinbarten Termin unsere Mannschaft vollständig und komplett arbeitsbereit an der Baustelle eingetroffen ist.

Eigentlich logisch, daß man so die Arbeit nicht in der geplanten Zeit schafft. Nur meine Kollegen kriegen das nicht gebacken.

So geht das hier jeden verdammten Tag. Nur falls sich jemand wundert, warum ich oft so genervt und übellaunig bin.

Ach so, alle unsere Fahrzeuge sind mit GPS ausgerüstet und lassen sich hier im Büro über das Internetz jederzeit orten und verfolgen. Das ist den Fahrern bekannt und wir weisen sie regelmäßig darauf hin, so daß es eigentlich in tiefste Gehirnschichten eingedrungen sein müßte.

Praktische Neugestaltung

Deutschland wird oft vorgeworfen, in vielen Dingen unbeweglich und langsam zu sein. Als Grund dafür wird u. a. das föderale System genannt.

Ich habe mir mal die Karte unseres Landes angesehen und bin zu der Erkenntnis gelangt, daßsich dieser Mißstand recht einfach beheben läßt: wir legen die Bundesländer so zusammen, daß nur noch vier übrig bleiben.

  1. Nordland, bestehend aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und dem nördlichen Teil NRWs bis zum Ruhrgebiet. Spezialität: wortkarge Menschen, Fisch und gute Luft.

  2. Ostland, bestehend aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg. Spezialität: viel schöne Landschaft und seltsame Sprachen.

  3. Mittelland, mit dem restlichen NRW, Hessen, Thürigen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Spezialität: dünnes Bier, Karneval, guter Wein und lustige Bräuche.

  4. das Königreich Südland, gebildet aus Baden-Württemberg und Bayern, pompöös repräsentiert von König Harald Glööckler. Spezialität: grantelnde Menschen, Lederhosen, Oktoberfest, starkes Bier und deftige Mahlzeiten.

Wenn wir das haben, werfen wir alle Technik und Arbeitskraft nach Nordland, um einen großen Damm von Sylt über Helgoland nach Ostfriesland zu bauen. Das Land dahinter wird aufgeschüttet, dazu tragen wir die Alpen ab. Denn mal ehrlich, wozu sind die nötig? Die behindern doch nur die Reise in das beste Urlaubsland der Welt: Italien!

Sind Damm und Hinterland fertig, bauen wir dort oben den neuen Hafen Bremburg, Deutschlands Tor zur Welt. Auch wenn das 50 Jahre dauert und der Preis in astronomische Höhen steigt, egal! Wir schaffen das!

Und als gute Nachbarn denken wir natürlich auch an die Menschen, die um uns herum leben. So haben Dänemark und die Niederlande sicher Interesse an einem Zusammenschluss mit Nordland und die Bürger Österreichs finden ein Leben unter der pompööse Herrschaft König Glööcklers sicher erstrebenswert.

Auf diese Weise kann Deutschland sich selbst einen Dienst erweisen und zusammen mit seinen Nachbarn Frieden, Glück und Zufriedenheit im Zentrum Europas sichern.

Quarantäne Fazit Es sagt sich so leicht “Bleiben Sie 10 Tage zuhause, meiden Sie jeden Kontakt mit Menschen.” Genauso leicht sagt es sich “Halten Sie für 14 Tage Vorräte bereit, falls etwas unvorhergesehenes passiert.”

(und jetzt weiß ich nicht weiter...)

Corona, Tag 5 Vorhandene Symptome: Husten, Schnupfen, Kopf- und Gleiderschmerzen. (Also wie bei einem normalen grippalen Infekt.)

Nicht vorhandene Symptome: Geruchs- und Geschmacksstörungen, kognitive und neurale Störungen, Atembeschwerden (und das ist gut so!)

Es heißt ja “isolieren Sie sich von anderen Menschen”. Das wird schwierig, wenn man zu zweit in einer 2-Raum-Wohnung wohnt. Ansonsten ist es kein Problem, wir genügen uns und haben genug Interessen, daß uns nicht langweilig wird.

In der Coronazeit haben wir immer etwas mehr Vorräte angelegt als sonst, so daß wir erst mal ganz gut zurecht kommen. Ein paar Kleinigkeiten und frische Lebensmittel haben Freunde besorgt und vor der Wohnungstür abgelegt.

Worüber man vorher gar nicht nachdenkt: wer bringt den Müll raus? Wer holt die Post? Wer holt den Kasten Wasser aus dem Keller? Was ist mit Paketboten, die vorher bestellte Sachen anliefern?

Durch Telefon und Computer sind wir auch nicht von allem abgeschnitten und Freunde und Familie erkundigen sich täglich nach unserem Befinden. So harren wir geduldig dem Ende der Quarantäne entgegen.

Anruf einer Kundin: “Gestern waren Ihre Kollegen bei uns im Geschäft und sollten eine Designercouch von Rolf Benz abholen. Aber die haben sich geweigert. Wenn es in unserer Wohlstandsgesellschaft schon so weit gekommen ist, daß Sie solche edlen Stücke nicht annehmen, dann weiß ich auch nicht.”

Ich versuche sie zu beruhigen und den Sachverhalt zu klären, aber sie läßt mich kaum zu Wort kommen. “Ihre Mitarbeiter haben gesagt, die wäre beschädigt. Dabei war da nur eine kleine Stelle abgeschabt. Die hätte man einfach mit Lederfett beseitigen können.”

Ich werfe ein “Da muß ich mich auf die Kollegen verlassen. Ich habe die Couch ja nicht gesehen.”

Sie echauffiert sich weiter “Wir sind ein renomiertes, alteingesessenes Unternehmen! Sie können sich sicher sein, daß wir Ihnen keinen Müll anbieten! Wissen Sie, Ihre Leute hatten einfach keine Lust, die Couch rauszutragen.”

Ich versuche noch einmal, ihren Wortschwall zu unterbrechen: “Na ja, 'keine Lust' ist jetzt kein Argument. Die Kollegen sind täglich unterwegs und tragen alle Arten von Möbeln. Da ist eine Couch nichts besonderes für sie.” Sie schnauft verächtlich in den Hörer. “Und wie ich schon sagte, das kann ich am Telefon nicht beurteilen. Dazu muß ich mit den Kollegen sprechen.”

Die Dame ist jedoch in ihrem Unmut nicht zu bremsen “Ich werde Sie nie mehr mit sowas beauftragen und allen davon abraten.”

Ich “Tja, da müssen wir dann mit leben.”

Zack. Aufgelegt.

Wieder etwas gelernt: Ich habe mich in letzter Zeit beim Einkaufen oft gewundert, daß viele Einkaufswagen nicht durch ihre Kette gesichert in der Reihe standen.

Gerade habe ich gelernt, daß es sogenannte „Einkaufswagenlöser“ gibt. Die steckt man statt einer Münze in den dafür vorgesehenen Schlitz, zieht die Sicherungskette raus und kann direkt den Löser wieder einstecken.

Mag sein, daß das als Alternative für vergessliche Menschen gedacht ist. Wenn die aber auch „vergessen“, die Sicherungskette wieder einzustecken, ist das nicht im Sinne des Erfinders!

Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Einkaufswagenhersteller da ein anderes System bauen, um Einkaufswagen wieder richtig zu sichern.