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Steter Tropfen höhlt das Hirn

Vor Facebook, Rundfunk und Buchdruck wurde Wissen im Wesentlichen direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben. Über einen zerstörerischen Brand in der Nachbarsiedlung erfuhr man nur durch eigene Beobachtungen oder durch Erzählungen. Über Ereignisse außerhalb des unittelbaren eigenen Umfelds erfuhr man in der Regel gar nichts und wenn, dann nur mit erheblicher Zeitverzögerung. Heute kann der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump täglich bis zu 36 unwahre Aussagen in Echtzeit an Abermillionen Menschen senden, die diese „Fake News“ ihrerseits in Sekundenbruchteilen weiterverbreiten können [1]. Die technische Entwicklung der Massenmedien in der jüngeren Menschheitsgeschichte verlief rasant. Die biologische „Hardware“ mit der wir heute Wissen erwerben – unser Gehirn –, unterscheidet sich jedoch kaum von der unserer Vorfahren, die durch Gesten und Grunzen mitteilten, wo sich essbare Pflanzen und gefährliche Tiere befanden. Ein Neandertaler, der 36 Mal am Tag die Mitglieder seiner Gruppe belog, hatte in einer Zeit, in der Kooperation überlebenswichtig war, vermutlich schlechte Karten. Die Prinzipien nach denen unser Gehirn arbeitet, haben sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert. Unsere mediale Umwelt ist dagegen eine grundlegend andere. Um die Konsequenzen dieser Diskrepanz besser begreifen zu können, müssen wir verstehen, wie Menschen lernen und wie das Gedächtnis funktioniert.

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1. Wiederholungen: Steter Tropfen höhlt den Stein

Wiederholungen spielen von Geburt an eine zentrale Rolle für viele Lernprozesse. Noch in Windeln haben wir gelernt, dass bestimmte Gesichter immer wieder vor uns auftauchen und häufig dieselben Laute von sich geben. Wir haben selbst immer wieder dieselben Laute gebrabbelt und Bewegungen wiederholt. Wir haben Vokabel solange erneut gelesen, gesprochen und aufgeschrieben, bis wir sie auswendig konnten. Parteien präsentieren uns vor jeder Wahl ihr Spitzenpersonal auf unzähligen Plakaten. Und allen Radiohörern, die nach den Verkehrsnachrichten nicht rechtzeitig abschalten, wird wieder und wieder eingebläut, welche Firma Steinschläge in der Windschutzscheibe repariert.

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1.1 Wiederholungen: Schneller

Im psychologischen Versuchslabor untersucht man die Wirkung von Wiederholungen oft in sogenannten Wiederholungspriming-Experimenten [2]. Priming kann mit Bahnung übersetzt werden. In einem typischen Bahnungsexperiment werden Versuchspersonen beispielsweise am Computer nacheinander Bilder von Tieren und Alltagsgegenständen gezeigt. Bei jedem Bild sollen die Versuchspersonen dann eine Kategorisierungsaufgabe durchführen. Man fragt etwa danach, ob ein Bild ein Lebewesen oder einen Gegenstand zeigt und lässt die Versuchspersonen so schnell wie möglich eine von zwei zugewiesenen Reaktionstasten drücken. Diese Aufgabe ist extrem einfach und Menschen können sie in Sekundenbruchteilen praktisch fehlerfrei durchführen. Interessant ist nun, was passiert, wenn Bilder nach einiger Zeit erneut präsentiert werden. Man findet dann, dass die Reaktionszeiten für wiederholte Bilder im Durchschnitt kürzer als die Reaktionszeiten bei den ersten Präsentationen sind. Dies bezeichnet man als Bahnungseffekt (oder kurz Priming).

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1.2 Wiederholungen: Schöner

Für unser nächstes Experiment wählen wir den gleichen Grundaufbau wie für das Priming-Experiment. Wir präsentieren wieder Bilder in zufälliger Reihenfolge und wiederholen nach einiger Zeit die Präsentationen. Aber dieses Mal messen wir keine Reaktionszeiten, sondern fragen unsere Versuchspersonen, wie gut ihnen das jeweilige Bild gefällt. Dazu lassen wir sie beispielsweise nach jedem Bild einfach eine Zahl zwischen Null („gefällt mir gar nicht“) und Zehn („gefällt mir sehr gut“) angeben. Wenn wir uns jetzt in die Lage einer Versuchsperson versetzen, kommt uns diese Aufgabe vielleicht sinnlos vor. Wir gehen natürlich davon aus, dass uns ein Bild nicht mehr oder weniger gefallen wird, nur weil wir es ein paar Minuten zuvor schon einmal gesehen haben. Ein typisches Ergebnis eines solchen Wiederholungsexperimentes zeigt jedoch, dass die wiederholten Bilder im Durchschnitt tatsächlich positiver beurteilt werden als die Erstpräsentationen. Im Fachjargon wird dieser überraschende Befund als Mere-Exposure-Effekt bezeichnet [3].

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1.3 Wiederholungen: Berühmter

Die erleichterte Bearbeitung wiederholter Information kann uns noch auf andere Art und Weise auf's Glatteis führen. Larry Jacoby und seine Kolleg*innen präsentierten ihren Versuchspersonenen in einer ersten Phase eines Wiederholungsexperimentes Namen von unbekannten Personen [4]. Diese unbekannten Namen sollten einfach gelesen werden. Einen Tag später wurde den Versuchspersonen wieder eine Liste mit Namen vorgelegt – jedoch diesmal mit der Aufgabe, zu entscheiden, ob es sich jeweils um eine berühmte oder eine nichtberühmte Person handelt. In dieser Testphase gab es a) nichtberühmte Namen vom Vortag, b) neue nichtberühmte Namen und c) neue berühmte Namen. Der Titel dieser Studie „Becoming famous over night“ (Über Nacht berühmt werden) verrät das Ergebnis: Nichtberühmte Namen, die in der ersten Phase des Experimentes vorkamen, wurden am zweiten Tag mit höherer Wahrscheinlichkeit für berühmt gehalten als neue nichtberühmte Namen.

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1.4 Wiederholungen: Glaubwürdiger

Bis hierher haben wir gesehen, dass die Wiederholung von Informationen zu einer schnelleren allgemeinen Verarbeitung (Priming), zu einer positiveren Einstellung (Mere exposure effect) und zu einer Überschätzung der Berühmtheit von Personen (False fame) führt. Wie sieht es nun mit inhaltlich etwas komplexeren Botschaften aus, wie sie für unseren Medienalltag typisch sind? Die nächste Studie beschäftigte sich mit der Glaubwürdigkeit von Schlagzeilen, die verschiedenen Boulevardblättern entnommen waren [5]. Darunter waren auch eher weniger glaubwürdige Aussagen, wie zum Beispiel: „Chlor im Schwimmbecken kann gegen Hautkrebs helfen“. Die Versuchspersonen sollten in diesem Experiment auf einer Skala angeben, für wie glaubwürdig sie die jeweilige Aussage hielten. Wie schon in den zuvor besprochenen Experimenten wurde ein Teil der Schlagzeilen später unter der gleichen Aufgabenstellung erneut präsentiert. Sie ahnen das Ergebnis: Wiederholte Schlagzeilen hatten im Durchschnitt höhere Glaubwürdigkeitswerte als erstmalig präsentierte Schlagzeilen. Wie lässt sich dieser Befund erklären?

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1.5 Wiederholungen: Zusammenschau

Die zentrale Botschaft dieses Kapitels ist, dass Wiederholungen wirken. Es ist daher nicht einfach nur ein nerviges Ärgernis, wenn der Präsident der U.S.A. über Monate seine fast 80 Millionen Twitter-Follower vor einer „Karawane“ von gewaltbereiten Kriminellen warnt [6]. Wir haben gesehen, dass auch wenig glaubwürdige Botschaften durch die Wiederholung an Glaubwürdigkeit gewinnen. Auch die BILD erreicht in Deutschland täglich über 8 Millionen Leser*innen [7]. Es ist allein aufgrund dieser großen Reichweite von Bedeutung, wenn die BILD systematisch abfällig über „die faulen Griechen“ berichtet. Dabei spielt es keine Rolle, ob die meisten Leser*innen dieses Blatt eher wenig glaubwürdig finden (– zumal die übrigen Leitmedien ähnlich verzerrt berichtet hatten [1]). In der Masse formt diese Art der Berichterstattung die öffentliche Meinung in Richtung der gesendeten Botschaft.

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