Keine Theorie

examining the 21st century's most divisive issues

Es gibt einen neuen Bürgerrechtskampf zu gewinnen: die Herrschaft über schwarze Gesichter im Internet. Die Verwendung von GIFs, um eine bestimmte Reaktion zu verdeutlichen, ist mittlerweile sehr verbreitet. Dabei kann es vorkommen, dass die Person im GIF schwarz ist. Das Verwenden schwarzer Reaktions-GIFs wird dann auch gleich als “digital Blackface” bezeichnet – also mit der rassistischen Praktik verglichen, sich als Weisser schwarz anzumalen, um dann möglichst stereotype schwarze Rollen zu spielen. Wer möchte schon mit 50er Jahre-Rassisten vergleichbar sein?

Wie immer, wenn die woke bubble verkündet, dass etwas nicht ok sei, handelt es sich um Einzelmeinungen. In diesem Fall ist es die Schriftstellerin Victoria Princewill, deren Erklärvideo dazu gerade herumgereicht wird. In Reaktions-GIFs mit schwarzen würden Schwarze besonders häufig als “übermäßig dramatisch” dargestellt und seien “auf übertriebene Art schwarz”. Zwar gibt es meiner Meinung nach für jeden emotionalen Ausdruck jede Hautfarbe zur Auswahl, aber die wirken für mich alle ziemlich ähnlich

Doch finden es Schwarze wirklich so übergriffig, wenn diese GIFs verwendet werden? In der hier laufenden Twitter-Umfrage sieht es bisher nicht danach aus. Es bleibt abzuwarten, wie sie ausgeht, denn sie läuft noch 22 Stunden. Meine Vorhersage: 25% der teilnehmenden Schwarzen sind dagegen, 75% dafür.

Wie immer ist das ganze Konzept inkonsistent. Ist es genau so “problematisch”, als Mann GIFs mit Frauen zu teilen? Oder wäre das “digital crossdressing” und – folgt man dem woken Kanon – vielleicht sogar eine Form der Befreiung von Gender-Stereotypen? Was ist mit all den anderen Szenarien, in denen jemand GIFs mit Personen verwendet, die hinsichtlich ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, oder sonst irgendeines Körpermerkmals nicht exakt so ist wie man selbst? Hier wird es vermutlich widersprüchliche Antworten darauf geben. Doch Widersprüche in politischen Ansichten sind – so lernen wir gerade – etwas, das man aushalten muss, um ein höheres Ziel zu erreichen.

Aber wenn wir schon dabei sind, Vergleiche mit früheren rassistischen Praktiken anzustellen, warum nicht diesen: Weissen zu verbieten, Reaktions-GIFs mit Schwarzen zu verwenden, ist so, als würde man Rassentrennung befürworten. Eine Rassentrennung zwar, die Schwarze schützen soll und nicht etwa Weisse – aber trotzdem Rassentrennung. Egal ob die Identitäre Bewegung, oder identitäre Linke, beide Gruppen sehnen sich nach einer Welt, in der Hautfarbe das alles bestimmende Kriterium ist. Die Aufgliederung der Menschheit in fein säuberlich getrennte ethnische Kollektive wurde im Kopf schon vollzogen. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vielleicht fehlt es an Abstraktionsvermögen, sodass es bedrohlich erscheint, sich mit Menschen zu identifizieren, die nicht exakt so sind wie man selbst.

Worum geht es?

Triggerwarnungen sind Warnungen, die insbesondere vor Medieninhalten (Bücher, Filme, Computerspiele, etc.) gezeigt werden, wenn diese Auslösereize („trigger“) für Menschen enthalten, die traumatische Erfahrungen gemacht haben oder sogar an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. In politisch linken Kreisen wird der Begriff „Trigger“ derzeit weiter ausgedehnt, sodass er auch solche umfasst, die Diskriminierungserfahrungen wieder aufrufen. Aber auch anderswo ist der Begriff „triggern“ oder „getriggert sein“ schon Teil der Alltagssprache und bezeichnet jede Form emotionaler Regung, die nicht vollständig rationalisierbar ist.

In diesem Text werde ich versuchen, Argumente für und gegen Triggerwarnungen darzustellen, sofern sich diese aus wissenschaftlichen Studien ableiten lassen. Dann werde ich Vorschläge zu Alternativen machen und den breiteren gesellschaftlichen Kontext aus meiner Sicht diskutieren.

Was spricht dafür?

50-60% aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens mit einem Trauma konfrontiert. 1-3% aller Menschen entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung. Potenzielle Trigger sollten also nach Möglichkeit mit einer Vorwarnung versehen werden, da sonst Symptome wie Flashbacks, Alpträume oder Intrusionen ausgelöst werden könnten. Es wäre diskriminierend, Traumatisierten die Möglichkeit zu nehmen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, nur weil sie psychische Probleme haben.

Mir ist derzeit keine empirische Studie bekannt, die eine positive Wirkung von Triggerwarnungen nachweist. Eine Übersichtsarbeit von 2016 hat sich mit möglichen positiven und negativen Auswirkungen von Triggerwarnungen beschäftigt. Diese Arbeit wird häufig von Befürwortern von Triggerwarnungen zitiert, um zu zeigen, dass diese hilfreich sein können. Der Artikel führt allerdings keine einzige Studie an, die direkt die Wirkung von Triggerwarnungen untersucht hat. Im Jahr 2016 gab es nämlich noch keine solche Studie. Stattdessen wurden aus verschiedenen Studien der letzten Jahrzehnte einige Kernaussagen herausgearbeitet, die die Nützlichkeit indirekt belegen sollen. Diese Aussagen sind:

  • Es gibt „Trigger“ bei Menschen mit Traumafolgestörungen.
  • Nicht jeder traumatisierte Student braucht Triggerwarnungen.
  • Trigger sind schwer bis unmöglich vorherzusagen. Manche stehen erkennbar mit dem erlebten Trauma einer Person in Zusammenhang, aber das muss nicht immer so sein.
  • Menschen mit Traumafolgestörungen reagieren stärker auf unvorhergesehene Trigger, als auf Vorhergesehene. Triggerwarnungen können also helfen, Trigger etwas vorhersehbarer zu machen.
  • Es gibt keinen Beleg dafür, dass Triggerwarnungen das Lernen behindern, wohl aber viele dafür, dass Angst das Lernen behindert.
  • Vermeidungsverhalten verschlimmert die Symptome von Traumafolgestörungen. Konfrontationstherapie sollte aber nur in einer sicheren Umgebung mit geschultem Fachpersonal statt finden.

So weit, so gut. Den meisten dieser Aussagen würde niemand widersprechen, selbst wenn er Triggerwarnungen ablehnt. Seit 2016 hat sich in der Forschung auch viel getan, was uns zum nächsten Absatz bringt:

Was spricht dagegen?

Der Idee, dass Triggerwarnungen hilfreich für psychisch Erkrankte sein können, liegt ein Mangel an Wissen über psychische Störungen zugrunde. Dass Triggerwarnungen bestimmte Trigger kontrollierbar und daher weniger bedrohlich machen, ist nur ein kleiner Teil des Bildes. Vor allem sind sie schädlich, weil sie Traumatisierte dazu ermutigen, Reize, die sie an ihr Trauma erinnern, zu vermeiden. Dieses Vermeidungsverhalten kann kurzfristig helfen, unangenehme Erfahrungen nicht machen zu müssen. Vermeidung sorgt aber vor allem dafür, dass eine posttraumatische Belastungsstörung aufrecht erhalten wird. Bei Traumatisierten, die später keine psychische Störung entwickeln, kann ein stärkeres Vermeidungsverhalten sogar eine psychische Störung auslösen.

Zweitens verstärken Triggerwarnungen die „Trauma-Zentralität“. Menschen, die Triggerwarnungen häufiger nutzen und verlangen, betrachten ihr Trauma häufiger als Teil der eigenen Lebensgeschichte, und Identität und messen ihm allgemein mehr Bedeutung für das eigene Leben bei. In einer klinischen Studie wurde gezeigt, dass eine Traumatherapie nur dann maximale Wirksamkeit zeigt, wenn die Trauma-Zentralität sich reduziert. Tut sie das nicht, bleibt ein Teil der Symptome mit einer größeren Wahrscheinlichkeit bestehen. Da gezeigt wurde, dass die Benutzung von Triggerwarnungen die Traumazentralität noch weiter erhöht, liegt die Befürchtung nahe, dass sie die Wirksamkeit einer Traumatherapie verringern.

Welche Belege gibt es für diese Aussagen?

Mittlerweile liegen erste Studien zur Wirkung von Triggerwarnungen vor. Die erste Studie, die es in eine Fachzeitschrift geschafft hat, kommt von Benjamin Bellet, Payton Jones und Richard McNally (2018). An gesunden Probanden zeigte sich, dass diese sich durch Triggerwarnungen verletzlicher fühlen und mehr Angst vor potenziell belastenden Texten hatten. Sie sahen Traumatisierte auch eher als verletzliche Gruppe an. Fazit: Triggerwarnungen sind eher schädlich.

Eine weitere Studie von Izzy Gainsburg und Allison Earl (2018) zeigte, dass Triggerwarnungen dafür sorgen, dass entsprechende Medien seltener konsumiert werden. Die Probanden erwarteten sich mehr negative Gefühle, nachdem sie eine Triggerwarnung gesehen haben. Fazit: Triggerwarnungen sind nicht hilfreich.

Eine weitere Studie von Sanson, Strange und Garry (2019) kam zu dem Schluss, dass Triggerwarnungen keinen der gewünschten Effekte zeigen. In sechs verschiedenen Experimenten wurden Studenten oder Internet-Nutzern mit oder ohne Triggerwarnung verschiedene negative Materialien gezeigt. Die Probanden berichteten über ein ähnliches Ausmaß an negativen Auswirkungen, Intrusionen (waren ähnlich häufig „getriggert“) und Vermeidung, unabhängig davon, ob sie eine Triggerwarnung erhalten hatten. Das war unabhängig davon, ob sie Traumata erlebt haben oder nicht. Fazit: Triggerwarnungen sind weder hilfreich noch schädlich.

Ähnlich war es bei der Studie von Victoria Bridgland und Kollegen (2019). Die Forscher zeigten den Probanden mehrdeutige Fotos. Diese wurden durch Triggerwarnungen nicht negativer interpretiert als sonst, aber durch die Warnung entstand “eine negative Vorlaufzeit vor der Bildbetrachtung, die wenig dazu beigetragen hat, nachfolgende negative Reaktionen zu mildern”. Fazit: Triggerwarnungen haben keine Wirkung.

Madeline Bruce ist eine Doktorandin der Psychologie, die schon seit ihrer Masterarbeit dazu forscht und wichtige Pionierbeiträge geleistet hat. Besonders zeichnet ihre Studien aus, dass sie auch Betroffene untersucht. Eine Studie an Gesunden und Traumatisierten zeigte, dass Triggerwarnungen körperliche Anzeichen von Stress (Herzrate, Atmung, Hautleitwiderstand) verstärkten. Das war besonders bei Traumatisierten der Fall. Eine weitere Studie an Traumatisierten zeigte, dass Studenten Texte, die sie lesen, weniger gut verstehen, wenn vorher eine Triggerwarnung zu lesen ist. Das widerlegt die Schlussfolgerung der oben erwähnten Übersichtsarbeit von 2016, die besagte, dass Triggerwarnungen keine Einschränkung beim Lernen bedeuten. Fazit: Triggerwarnungen sind schädlich.

Im Mai 2019 veröffentlichte der Autor der 2016 verfassten, gerne von Befürwortern von Triggerwarnungen angeführten, Übersichtsarbeit eine eigene Untersuchung. In drei Experimenten wurde die Wirkung von Triggerwarnungen vor Vorlesungen über sexuelle Gewalt und Suizid getestet. Auch hier zeigten Triggerwarnungen keine Wirkung: sie verhinderten keine negativen Gefühle, und beeinflussten nicht den Lernerfolg. Unter den Probanden waren auch Betroffene sexueller Gewalt. Der einzige Effekt: Personen, die Triggerwarnungen bekamen, hielten es später für wichtiger, Triggerwarnungen vor sensiblen Inhalten zu bekommen. Das erscheint zunächst banal, zeigt aber, dass sich der Gedanke, dass Triggerwarnungen benutzt werden sollten, unabhängig davon verbreiten, ob sie tatsächlich den gewünschten Effekt bringen. Fazit: Triggerwarnungen sind weder nützlich noch schädlich. Die Autoren selbst folgern: Triggerwarnungen sind überbewertet.

Insgesamt sprechen diese Studien dafür, dass Triggerwarnungen entweder nichts bringen oder sogar schaden. Allerdings läuft die Forschung zu dem Thema gerade erst an – die erste Studie, die es zur Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift brachte ist von 2018. Daher gibt es noch viele Lücken in der Forschung zu Triggerwarnungen. Offene Fragen, die noch zu klären sind, sind zum Beispiel:

  • Macht es einen Unterschied, wie detailliert Triggerwarnungen sind?
  • Wie wirkt sich der eigene emotionale Zustand und Empfindungen zur Situation (bedrohlich, entspannt, sicher, verängstigt) darauf aus, ob Triggerwarnungen benutzt werden oder nicht?
  • Welche Langzeitfolgen von Triggerwarnungen gibt es, die über unmittelbare Reaktionen hinaus gehen?
  • Verhindern oder begünstigen Triggerwarnungen den Ausbruch psychischer Störungen?
  • Welchen Effekt hat es, wenn Menschen wegen einer Triggerwarnung einen Inhalt nicht sehen? Entscheiden sie sich später dafür, den Inhalt doch noch zu sehen und wenn ja, wie oft?

Einige Fragen sind einfach zu beantworten, andere erfordern langwierige Studien über mehrere Jahre. Ich hoffe, dass die Forschung dazu weiter geht. Meine Vorhersage ist, dass sich die Ergebnisse in der Richtung „Triggerwarnungen haben keine Effekte oder wenn, dann Negative“ häufen werden.

Was ist die Alternative?

Therapie. Das Wichtigste zuerst: wenn Personen stark emotional auf „trigger“ reagieren, ist das ein Zeichen dafür, dass sie sich mit geeigneten Therapieverfahren behandeln lassen sollten. Triggerwarnungen helfen diesen Personen nicht. Die Therapie beinhaltet eine allmähliche, systematische Exposition gegenüber traumatischen Erinnerungen, bis diese nicht mehr so belastend sind. Ein weiteres Therapieziel ist aber auch, das Konzept Exposition mit ins Alltagsleben zu nehmen, sodass das Vermeidungsverhalten nicht wieder aufkommt, wenn die Therapie beendet ist. Patienten lernen, auch eigenständig Expositionsübungen zu planen und selbst durchzuführen. Beispiele für eine solche Therapie sind die prolongierte Exposition, narrative Exposition, oder EMDR. Natürlich kann es auch in sehr gut versorgten Ländern zu langen Wartezeiten kommen, wenn man einen Therapieplatz sucht. Es muss also noch viel mehr dafür getan werden, dass Menschen einen schnellen Zugang zu evidenzbasierten, wirksamen Therapien bekommen. Daraus sollte man aber nicht schließen, dass Triggerwarnungen denen weiter helfen, die noch nicht in Therapie sind. Wie bereits dargestellt hilft es nur kurzfristig, Trigger zu vermeiden, während die damit verbundene Störung langfristig schlimmer wird. Ist noch keine Störung ausgebrochen – nur eine kleine Minderheit der Traumatisierten entwickelt auch eine Störung – kann stärkere Vermeidung sie ausbrechen lassen.

Warnen oder nicht warnen? Die Alternative zu Triggerwarnungen liegt nicht darin, bessere oder sinnvollere Warnungen zu formulieren, sondern Warnungen ganz wegzulassen. Sie besteht darin, einen vernünftigen Blick auf das Thema „psychische Gesundheit“ zu entwickeln und öffentlich zu vertreten. Die Energie, die in Aktivismus für „Triggerwarnungen“ geflossen ist, hätte genauso gut in eine Verbesserung des Zugangs zu Psychotherapie fließen können. Wichtig ist zudem, dass psychische Probleme nicht als Teil der Identität gesehen werden. Niemand „ist“ seine psychische Störung. Das impliziert, dass sie zu behandeln einen Verlust der eigenen Identität nach sich zieht. Diese Verbindung von persönlicher Identität und psychischer Störung muss unbedingt aufgegeben werden. In Online-Gemeinden und anderen Gruppierungen, in denen das gängig ist, sollte daher dringend interveniert werden.

Coping-Strategien. Denkbar wäre die Möglichkeit, Triggerwarnungen durch positive Empfehlungen zu ersetzen, wie beispielsweise eine Reihe von Hinweisen zur Bewältigung emotional schwieriger Situationen (coping skills). Das schlagen die Autorinnen einer der Studien vor, die ich hier vorstelle.

Generell scheint die Triggerwarnung für einige ein Politikum zu sein, das den moralischen Ansprüchen der politischen Linken auf die möglichst korrekte, also fürsorgliche, Behandlung vermeintlich Schutzbedürftiger genügt. Kritik an Triggerwarnungen wird darum nicht als Beitrag zu einer sachlichen Debatte um die bestmögliche Behandlung von menschen mit psychischen Störungen wahrgenommen, sondern als Angriff auf diese Schutzbedürftigen und ihre Bedürfnisse. Diese Angriffe rechtfertigen Gegenangriffe derer, die vermeintlich für Schutzbedürftige eintreten. Die Entscheidung darüber, was „triggern“ könnte wird meist intuitiv getroffen. Sind es nur Gewalt und sexuelle Übergriffe, die triggern? Was ist mit anderen Inhalten? Was ist, wenn jemand durch Disney-Figuren getriggert wird?