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Beffaná 2021

Folge 24: Lost & Found

Was bisher geschah bei Alien-Beffaná:

Die kluge und attraktive Teilzeithexe Beffaná studiert vergleichende Kulturwissenschaften. Beffanas Bachelorarbeit über eine Therapie für das Godzilla-Monster motiviert Fleur, den psychisch labilen Schrecken der Hochschulbibliothek, Beffaná zu besuchen. Fleur trifft gleichzeitig mit dem jungen Pastor Thomas ein, der sich unsterblich in Beffaná verliebt und sich im Wohnungsflur unter mysteriösen Umständen in ein Schaf verwandelt. Als wäre Beffaná nicht schon gefordert genug, taucht schließlich noch Schrödinger auf, eine Zeitreisekatze, die von Beffanás älterem Ich geschickt wurde, um Jung-Beffaná zu motivieren, armen Monstern im Weltall eine gute Zeit zu bereiten. Zusammen mit Schrödinger und seiner Zeitmaschine, Fleur und Thomas macht sich die verwirrte Hexe sich auf ins Weltall. Das erste Projekt läuft eher so mittel. Auf dem Mond spielt Tatzelwurm Denise verrückt und will alles und jeden auffressen. Zusammen mit Denise’s Ex-Freund Harold flieht die Besatzung der Zeitmaschine in letzter Minute. Dabei wird ihre Kapsel beschädigt und Denise wird in die Steinzeit katapultiert. Antriebslos in der Leere des Raums gestrandet, trifft unsere attraktive Clique unkonventioneller Querdenker auf eine uralte Kampfdrohne mit einer eigenen Persönlichkeit. Schrödinger zerstört die Drohne in einem Akt beispielloser Barbarei, um Ersatzteile für die Zeitmaschine zu bekommen. Beffaná wird von ihrem Gewissen geplagt und beschließt, mit der reparieren Zeitmaschine in der Zeit zurückzureisen. Sie überzeugt Vergangenheits-Beffaná, die Drohne nicht zu zerstören und lässt die Vergangenheits-Crew zusammen mit ihrem einige Stunden jüngeren Ich antriebslos in der kaputten Zeitmaschine zurück. Auf der Suche mach neuen Weltallmonstern treffen Beffaná und ihre Freunde auf die Sterne eines Dreifachsternsystems, die gefrustet sind, dass es in ihrem System kein Leben gibt. Schrödinger reist heimlich in der Zeit zurück und sorgt dafür, dass auf dem Planeten Sentus mitten im Dreifachsternsystem Leben entsteht. Nur mithilfe von Thomas, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wer Schrödinger ist, gelangt die Katze zurück zu Beffaná und ihrer Crew. Bei diesem Treffen mit Schrödinger bekommt Thomas eine Portion Liebestrank ab, verliebt sich in die zufällig anwesende Studentin Beffaná und verwandelt sich kurz darauf in ein Schaf. Leider hinterlässt Schrödinger während seiner Reise in die Vergangenheit auch eigene DNA auf de Planeten Sentus und so entsteht dort in einer Pfütze eine Superrasse omnipotenter Titanen unter der Führung der paranoiden und komplexbeladenen Proxima. Proxima schickt ihre Geschwister auf lebensgefährliche Zeitreisemissionen zum Schutz ihrer Sippe, bis schließlich nur noch Proxima selbst und eine abtrünnige Schwester übrig bleiben. Also erwählt Proxima Admiral Klumpatsch, das fieseste Exemplar der zweiten Spezies auf Sentus, die Nachfolge ihrer Geschwister anzutreten. Proxima erfährt, dass Schrödinger ihr Urahn ist und ihre eigene Zukunft eng an ein Überleben Schrödingers und seiner Hexen-BFF Beffaná gebunden ist. Als die Vergangenheit der Erde und die Existenz von Schrödinger und Beffaná durch Eisenmangel im Erdkern in Gefahr gerät, sorgt Proxima dafür, dass ein riesiges Superwesen mit der Erde kollidiert und somit wieder genug Eisen auf der Erde existiert. Durch diese Kollision entsteht auch der Mond, auf dem sich (s. o.) Harold und Denise kennenlernen werden. Außerdem beauftragt Proxima ihren Admiral mit der Verfolgung der Zeitmaschine. Er glaubt, es ginge um die Eroberung der Erde, aber eigentlich will Proxima die Crew der Zeitmaschine von Sentus fernhalten, damit Schrödinger nichts von ihrer Existenz erfährt und auf typisch schrödingerische Art mit der Zeitline ihres Heimatplaneten herumpfuscht. Durch Klumpatschs Jagd nach der Zeitmaschine wird jedoch eine Kaskade von Ereignissen in Gang gesetzt, die letztlich zur Entdeckung der Verbindung zwischen Schrödinger und Proxima durch die Hexe führt. Sie erkennt, dass Schrödinger und die Titanen-Sippe dringend eine gründliche Familientherapie brauchen und beauftragt die autodidaktische Therapeutin Fleur. In der Zwischenzeit wähnt sich Klumpatsch bei der Verfolgung von Beffaná erfolgreich. Er entdeckt die antriebslose Zeitmaschine in der Leere des Vakuums und zerstört sie. Als er zu Proxima zurückkehrt um Vollzug zu melden, findet er die Gebieterin zusammen mit ihrer abtrünnigen Schwester einträchtig mit Beffaná und der intakten Zeitmaschine im Orbit von Sentus.

Und jetzt die Fortsetzung:

Thomas gießt gerade Tee in die große Kanne, als es unten klingelt. „Perfekt, auf die Minute“, sagt er. Er stellt die Kanne auf das Stövchen und zündet das Teelicht an.

„Ist für mich!“, ruft er, damit seine Mitbewohner nicht umsonst zur Tür laufen. Aber es ist eh niemand da. Für die Frischlinge ist das erste Semester bis kurz vor Weihnachten vollgepackt mit ´Veranstaltungen, Parties, Wasserpistolengefechten und anderen aufregenden Dingen, die Thomas mit seinen 50 Jahren nur noch milde lächeln lassen. Andererseits: Niemals würde er aus der WG mitten im Univiertel ausziehen, um sich eine eigene Wohnung zu suchen. Solange die Studis ihn nicht irgendwann rausschmeißen, will er immer hier wohnen bleiben und es einfach nur genießen, mitten drin im Uni-Leben zu sein. „Knurps!“ sagt er freudestrahlend, als der kleine, stämmige Mann mit dem Backenbart und den funkelnden Augen vor ihm steht. „Komm herein!“ Knurps sieht gut aus. Endlich hat er es geschafft, vorbeizukommen. Er ist immer äußerst beschäftigt. „Und, woran arbeitest du gerade?“, fragt Thomas, als sie in der Gemeinschaftsküche sitzen und Tee trinken. „Mein Kumpel Ritchie nervt wegen so einer verrückten Idee“, sagt Knurps. „Es ist noch nichts spruchreif, aber könnte passieren, dass wir die Paläontologie revolutionieren. Also: er. Ich halte mich schön im Hintergrund.“ Thomas überlegt eine Zeit lang, dann schüttelt er den Kopf. „Was hast du da mitgebracht?“, fragt er. „Etwa ein Geschenk für mich?“ „Ach, nur `ne Kleinigkeit“. Knurps winkt ab. „Außerdem weißt du eh, was es ist.“ „Ich ahne es!“, sagt Thomas. „Die längliche Form gibt einen guten Hinweis. Lass uns rauf auf’s Dach! Bis wir aufgebaut haben st es dunkel genug.“

Oben weht ein kalte Wind. Nordwind, denkt Thomas. Er hebt die Hand wie zum Gruß und begutachtet das Teleskop, das Knurps inzwischen aufgebaut hat. „Es sieht toll aus“, sagt er. „Echte Handarbeit“, sagt Knurps. „Du hast so oft gesagt, dass du eins möchtest, da dachte, ein paar Linsen und Spiegel zusammenbasteln kann ja so schwer nicht sein. Schau mal durch“´.“ Thomas hat erst einmal Schwierigkeiten, überhaupt etwas zu erkennen. Die Lichter der Stadt lassen den Himmel immer noch leicht bläulich schimmern. Aber der eine oder andere Stern ist dann doch zu sehen. „Schade, dass der Mond noch nicht aufgegangen ist“, sagt Thomas. Der Gedanke an den Mond weckt viele alte Erinnerungen in ihm. Aber das ist nichts für Knurps. Noch nicht. „Es ist vor allem so robust“, sagt er stattdessen. „Die Dinge, die man im Geschäft kaufen kann, wie wirken immer so, als reicht ein kleiner Schupser, um sie umzuwerfen.“ „Das ist eins meiner Grundprinzipien, Thomas. Immer grundsolide. Man muss die Sachen so bauen, dass sie auch für einen Yeti funktionieren. Am besten hat alles Netz und doppelten Boden!“ Knurps haut kräftig von der Seite gegen das Teleskop. Es schwankt etwas, aber es fällt nicht um. „Siehst du“, sagt er. „Man darf sie nie so bauen, dass sie nur bei Windstille und schönem Wetter funktionieren. Die Messlatte muss immer der stärkste Sturm sein.“ „Solidität“, murmelt Thomas. „Solidität und Redundanz. Mit Netz und doppeltem Boden.“ „Ganz genau, Pastor. So mach ich es immer.“

Als die siebte Raumflotte in der Casimir-Ausdehnung ankommt und auf den Anzeigen der Zeitmaschine erscheint, bemerkt das zunächst niemand. Trotz luftdichter Schleusen beginnt es auch hier drinnen langsam aber sicher nach Pups zu riechen. Natürlich beschwert sich niemand , immerhin sind Harolds Darmwinde zusammen mit dem Gas aus Beffanás Haarspray ihr einziger Antrieb. Es war eine unwirkliche Begegnung mit der anderen Zeitmaschine. Der aus der Zukunft. Als sie sich in den Luftschleusen gegenüberstanden, Beffaná gegenüber Beffaná, Schrödinger dem anderen Schrödinger gegenüber und auch die anderen mit ihren Alter Egos aus der Zukunft konfrontiert, da herrschte eine betretene Atmosphäre. Es fühlte sich falsch an und es war auch falsch und wie zur Bestätigung, dass etwas nicht in Ordnung war, knarzten und ächzten die beiden Zeitmaschinen wie ein altes U-Boot bei 1000 Metern Tiefe. Das, was die Zukunfstbeffaná zu sagen hatte, wirkte kalt, fast gefühllos. „Ihr werdet das Metallding nicht zerstören“, sagt sie. „Es könnte intelligent sein.“ „Aber das hatten wir nicht vor“, sagte die andere Beffaná. „Du nicht, aber er!“ Die beiden Schrödinger starrten möglichst unschuldig in die Leere. „Schrödinger hofft darauf, exotische Higgs-Teilchen in dem Ding ernten zu können“, sagte die Beffaná aus der Zukunft. „Aber es ist falsch Leute. Man kann nicht einfach fremdes Leben oder was auch immer es ist, zerstören, nur weil’s gerade praktisch ist.“ „Aber ihr habt’s gemacht“, sagte Schrödinger. „Ihr habt alles wünsch repariert und kommt jetzt zu uns, um uns genau das Gleiche zu verbieten?“ „Ja, weil falsch war!“ sagte Beffaná. Die andere Beffaná nickte. „Sie hat recht. Ich hab recht!“ „Da seit ihr ja fein raus!“ sagte Schrödinger. „Ups, jetzt ist es schon passiert. Sorry. Bitte nicht nachmachen, ist super falsch. Schönes Leben noch, wir sind dann mal weg.“ „Können wir nicht alle zusammen in der heilen Zeitmaschine wegfliegen?“ fragte Thomas. Beffaná wusste nicht, welcher Thomas es war, der gefragt hatte. „Selbst wenn wir alle in das kleine Ding hineinpassen würden“, sagte Schrödinger, „Diese Begegnung ist ein Paradox. Hört Ihr, wie die Zeitmaschinen stöhnen, um die Spannungen de Raumzeit auszuhalten? Wenn wir Euch in der reparierten Zeitmaschine mitnehmen, dann fliegt das Ding beim nächsten Sprung auseinander. Wir müssen dringend für mehr Abstand sorgen. Keine Alternative.“ „Ich sehe trotzdem nichts ein, dass ihr fein raus seid, und wir hier in der Casimir-Ausdehnung gestrandet sind“. sagte der andere Schrödinger. „Wir sollten losen. Eine Version von uns bleibt in der kaputten Zeitmaschine, die andere fliegt weiter.“ „Ich brauche nicht losen“, sagte Beffaná. „Ich weiß wohin ich gehöre. Ihre Doppelgängerin bestätigte: „Ich auch.“ „Mäh, dann wäre es vielleicht ds Beste, wenn jedes unter sich ausmacht, ob gelost wird oder nicht“, sagte Thomas. „Hauptsache, am Ende sind genau gleich viele von uns in jeder Zeitmaschine.“ Und so wurde es gemacht.

Das ist die Situation, als die siebte Raumflotte von Admiral Klumpatsch eintrifft. Die reparierte Zeitmaschine ist weg. Es stinkt nach Harolds Fürzen, überall läuft geschmolzenes Ben&Jerrys-Eis die Oberflächen herunter und erst ziemlich spät deutet Thomas auf die blinkende Konsole. „Was ist das, mäh?“ „Der Annäherungsalarm!“ sagt Schrödinger. „Und der Waffenalarm. Die zielen auf uns!“ „Ruf sie per Funk!“ ruft Beffaná. Aber Schrödinger fuchtelt mit den Armen. „Alle Frequenzen sind blockiert. Die wollen nicht reden! Die wollen schießen!“ „Dann tu irgendetwas!“ „Was, Beffaná? Was genau soll ich tun mit einem kaputten Antrieb und ohne Waffen? Ich kann noch nicht mal eine weiße Fahne aus dem Fenster halten. Es gibt kEINE EINZIGE ALTERNATIVE!“ „Akzeptieren statt schwadronieren“, sagt Fleur und schließt ihre Augen.

Das kann man jetzt glauben oder auch nicht, aber Zeitmaschinen, zumindest die, die Knurps gebaut hat, mögen es nicht, wenn Situationen ausweglos sind. Wir hatten das Thema in diesem Podcast schon. Und darum öffnet sich in dem Augenblick, als Admiral Klumpatschs Erster Offizier Koslowsky den Knopf zum Feuern drückt, eine Steuerkonsole mit einem beeindruckend rot blinkenden Knopf. Dieses Mal sitzt Thomas nicht drauf. „Mäh der Knopf blinkt!“ „Das hilft nicht, der Knopf hat uns ja direkt hierher in die Leere gebracht!“ „Es ist nicht der Notknopf. Es ist ein anderer Knopf!“ „Ein anderer Knopf?“ „Ja. Auf dem hier steht Not-Not-Knopf!“

Mit Netz und doppeltem Boden. Not-Notknöpfe in Zeitmaschinen, zumindest in denen´, die Knurps baut, funktionieren alle nach einem ähnlichen Prinzip. Sie erscheinen immer dann, wenn der Notknopf bereits aktiviert worden ist und die Reserveenergie für die Verteidigung und den Sprung „So schnell und so weit weg›, wie du nur kannst“ bereits verbracht hat. Erst dann kommt im Fall einer unmittelbaren Bedrohung der Notnotknopf ins Spiel. Sein Befehl lautet: HAU AB! „Soll ich ihn drücken?“ fragt Thomas, aber da hat Schrödinger schon längst die Pranke auf das Ding gehauen, just in dem Augenblick, als alle Laser und Raketen der siebten Raumflotte auf die Zeitmaschine treffen.

Als Knurps gegangen ist, bleibt Thomas noch eine ganze Weile auf dem Dach sitzen. Er hat sich eng in seinen Wintermantel gehüllt und blickt über die Stadt. Sie wären damals, nach Aktivierung des Not-Not-Kmopfes fast in den Jupiter hineingeknallt und von hier aus war es für Schrödinger kein Problem gewesen, sich eine Mitfluggelegenheit zu organisieren. Naja. Ein paar kleine Probleme hatte es dann doch gegeben, aber überraschenderweise gab es da draußen ein paar hilfsbereite Aliens, die ihnen Unterstützung anboten. Einen Teil des Weges war Thomas auf dem Spacemofa eines jungen Eispferdes mitgefahren, der auf dem Weg zum irgendeinem kosmischen Gerümpelhaufen In der Nähe der Erde war. Im Prinzip war es ein Glück, dass die Gruppe den letzten Rest des Weges zu Erde getrennt voneinander unterwegs war. Denn durch die Trennung von der Gruppe merkte Thomas, dass seine Verliebtheit in Beffaná ganz allmählich nachließ. Und das war tatsächlich auch die Lösung. Nachdem sie Thomas für ein paar Tage auf de Weide eines altern Bauern zwischengeparkte hatte, war Beffaná sehr überrascht, dass Thomas sie bei ihrem nächsten Treffen wüst beschimpfen konnte, auf ws für eine wahnsinnige Reise sie ihn da mitgeschleppt hatte. Zwar war Thomas noch weitern 5 Minuten Zusammensein mit Beffaná wieder hoffnungslos in sie verliebt, aber sie waren auf dem richtigen Weg. Nachdem sie einen Monat lang getrennt gewesen waren, merkte Thomas, das Pastorenschaf, dass es auf zwei Beinen laufen konnte. Und nach weiteren zwei Monaten traute er sich das erste Mal wieder als Mensch unter die Leute. Leider wurde die Sache sofort wieder rapide schlechter, wenn Beffaná vorbei kam. Die Lösung gefiel ihnen beiden nicht, aber die junge Hexe hatte auch nach Monaten Recherche in ihren Büchern keine Alternative gefunden. Schreiben ging. Und das machen sie bis heute. Keine Briefe, zu gefährlich. Aber eine Karte zum Geburtstag und eine zu Weihnachten ist absolut möglich, ohne das Thomas wieder Appetit auf Blumen bekommt. Und Beffaná schickt alte Freunde vorbei, die inzwischen auch seine Freunde sind. Sie erzählen ihm von Zeit zu Zeit, wie es der inzwischen gar nicht mehr so jungen Hexe geht. Weihnachten hat sie jedes Jahr offensichtlich gut zu tun. Und man hört und liest so Einiges. Manchmal koimmt eine Krähe vorbei und berichtet ausführlich. Knurps hat erzählt, dass sie gerade in Japan war und nach Spuren von Godzilla gesucht hat. Aber zu Weihnachten ist sie wieder zuhause. Tomas fragt sich, was die andere Beffaná wohl gerade treibt. Sein Weltraumabenteuer war schnell wieder vorbei. Aber sie und die anderen, die sind noch unterwegs, da ist sich Thomas ziemlich sicher. Ob das Schaf Thomas wohl immer noch ein Schaf ist? Wahrscheinlich haben sie das mit der Trennung längst selbst herausgefunden. Thomas erinnert sich, dass er damals auf dem Gipfel im Beteigeuze-System, als er sich mit dem sterbenden roten Riesen unterhalten hat, langsam nicht mehr so große Sehnsucht nach der Hexe empfunden hatte. Irgendeine Lösung werden sie gefunden haben, denkt er. Beffaná findet immer eine Lösung. Und vor allem werden sie zusammen viele unbeschreibliche ´Wunder sehen dürfen. Unendlich viele Wunder. „Es gibt ein paar mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Menschen vorstellen können“, hatte ihm eine bekannte Katze einmal gesagt. Thomas steht von seinem Stuhl auf und geht zu seinem neuen Teleskop. Es fällt ihm immer noch schwer es richtig einzustellen. Wie weit man damit wohl schauen kann? Vielleicht reicht es ja sogar, hin und wieder den Himmel abzusuchen, wenn der Winterwind so stark vom Norden her weht, dass man meint, ein „Hui, Potzblitz!“ zu hören. Einen Blick kann man ja mal riskieren.

Beffaná 2021

Folge 23: Verstrickungen

Warnung: Die folgende Sendung kann bei unsachgemäßem Gebrauch zu Hirnverknotungen führen. Achten Sie während des Hörens darauf, ausreichend zu trinken und genügend Pausen einzulegen

Es sind mehrere Bibliotheken nur mit Geschichten und theoretischen Abhandlungen über Zeitreisen vollgeschrieben worden. Wenig wird allerdings mit Praktikerinnen, also den Zeitreisenden selbst über das Thema gesprochen. Die sind meist zu beschäftigt damit, alles durcheinanderzubringen.
Die gelehrten Geister streiten sich meistes über sehr theoretische Fragen. Zum Beispiel darüber, was geschieht, wenn man in der eigenen Zeitlinie zurückreist, um die Vergangenheit zu ändern. Holger die Waldfee, sag ich nur! Denn die Wissenschaftler
innen streiten sich über diese Frage wie die Kesselflickerinnen: Kann man die eigene Vergangenheit überhaupt ändern? Oder ist die Struktur der Raumzeit so stabil, dass, egal, was man tut, um sie nachträglich zu verändern, doch immer nur das Resultat vom Anfang herauskommt? Oder erzeugt eine Reise zurück in die Vergangenheit eine alternative Zeitlinie, ein Paralleluniversum, das neben der alten Zeitline existiert? Oder kann man tatsächlich die eigene Vergangenheit ändern und schwuppsdiewupps ist auch alles in der Zukunft, man selbst inbegriffen, ganz anders? Die Antwort ist auf diese Fragen hat zwei Buchstaben: Ja. Denn während Wissenschaftler und Schriftstellerinnen fleißig Bibliotheken mit geschredderten toten Bäumen in Buchform füllen, haben es die Praktiker*nnen natürlich alles längst ausprobiert. Nicht systematisch nach dem Schema: Zuerst prüfe ich mal diese Frage, und dann die zweite usw. Sondern vielmehr nach dem Motto: Ey, der Vollidiot hat das letzte Stück Kuchen aufgegessen! Was passiert wohl, wenn ich in der Zeit zurückreise und dafür sorge, dass er keinen Kopf mehr hat. Das war jetzt kein blöder Spruch, sondern ist genauso passiert. Denn: Zeitreisen, das merkt man leider auch bei Schrödinger, macht ein bisschen unempfindlich gegen schlimme Dinge, die man damit so anrichtet. Schrödinger hat mindestens hundert Knoten in seinem Kopf durch seine ständige Zeitreiserei und wenn man ihn Fragen würde, wie er selbst die Sache mit dem Zeitreisen erklären würde, dann würde er nur mit dem Kopf schütteln. Eine Künstlerin zu sein, heißt noch lange nicht, dass man erklären kann, wie genau die Kunst funktioniert. Ein Tänzer mag der beste seines Faches sein, aber ein vollkommen unfähiger Lehrer. Ja, die Raumzeit lässt sich beeinflussen, ja, die Raumzeit tendiert zu einer gewissen Stabilität, so dass Dinge, die man tut, um Entwicklungen zu verändern, häufig genug dazu führen, dass genau das eintritt, was man verhindern will und ja, manchmal macht man etwas Unbedachtes in der Vergangenheit und schwupps, ist man eine Kaulquappe. Proxima hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie hatte, genau wie anfangs Schrödinger, keine Zeitmaschine, aber mit den Quantengeschwüren, die ihr schon als Kind immer mal wieder überall am Körper aufplatzten, kann sie wirklich´ lustige Sachen anstellen. Macht sie aber nicht. Sie ist die schlechtgelaunteste Zeitreisende, die man sich vorstellen kann. Noch ein Grund, warum die Wissenschaftstpyen so selten direkt mit Zeitreisenden sprechen. Man wird ungewöhnlich häufig aufgefressen bei diesen Interviews.

„Fleur, was willst du eigentlich mal werden, wenn du groß bist?“ Schrödinger ist langweilig. Nichtstun ist für ihn die schlimmste Sache neben Wirsing. Aber Beffaná berät sich noch mit Philippa, oder „dem Pferd Elsa“, wie er sie heimlich nennt. Wegen Eispferd – Schrödinger ist ein Riesen-Anna-und-Elsa-Fan – und der Kuh Elsa, aber das müsst ihr bei YouTube mal irgendwann selbst nachschauen. Jedenfalls: Schrödinger ist langweilig, weil Beffaná sich mit Philippa berät und ihn nicht dabei haben will. Ganz eventuell hat er ihr, um „ein bisschen Kontext beizusteuern“ möglicherweise gerade die ganze Geschichte seiner Zeitreise erzählt, die den Geschwistern der Sonne ein bisschen Leben in die Bude bringen sollte. Jetzt ist die Hexe sauer über seinen tiefen Eingriff in die Geschichte und da merkt msn mal wieder, dass diese Nichtzeitreisenden ein dickes Problem damit haben, Tempora vernetzt zu denken. Denn es ist ja nichts schief gegangen. Und wäre es doch, würd’s außer Schröderinger sowieso niemand wissen. Der Einzige, der so ein bisschen Überblick darüber hat, was geschehen und was nicht mehr geschehen ist, weil es ungeschehen gemacht wurde, ist die Katze selbst.
Beffaná überlegt jedenfalls zusammen mit Philippa recht verzweifelt, warum Admiral Klumpatsch einen Grund gehabt haben könnte, einen Leviathan in die Protoerde zu schubsen. Und, auch nicht ganz unwichtig, wie Klumpatsch und seine Flotte so weit in die Vergangenheit reisen konnten. Schrödinger haben sie gefragt. Er hat nur leer in die Gegend geschaut und gemeint, er kenne keine anderen Zeitreisenden. Zumindest nicht persönlich. Zumindest nicht solche, die so einen Stunt hinkriegen würden. Da haben sie ihn rausgeschickt wegen Nicht-Besonders-hilfreich-sein-und-dauernd-in-der-Zeitline-herumfummelns. Also hat er versprochen, einen Moment lang nicht zu fummeln und jetzt ist ihm langweilig. „Fleur, jetzt sag schon! Was willst du eigentlich mal werden, wenn du groß bist?“ „Therapeutin.“ „Bitte?“ „Therapieren statt Massakrieren!“ „Fleur, das ist beknackt. Du wärst die schlechteste Therapeutin der Welt! Du bist dir doch nicht mal so richtig sicher, ob du jetzt Therapeutin oder Therapeut werden willst, oder? Mann, Fleur, du BRAUCHST Therapie!“ „Was hat das eine mit dem andren zu tun, Katze? Ich WÜRD DICH AM LIEBSTEN AUFFRESSEN! Aber ich tu’s nicht.“ „Mäh, das stimmt, Fleur habt überhaupt noch nie was aufgefressen, während wir mit ihm… ihr zusammen sind.“ „Miau, halt dich da raus, Pastor! Du bist überhaupt nicht qualifiziert, um Therapeutin zu werden, Fleur! Wie stellst du dir das vor? Willst du einen Kurs an einer Fernuni machen?“ „Ich hab Beffanás Buch gelesen. Und die Tipps darin befolgt. Und so langsam kapiere ich: Das Buch ist sooo schlecht, das kann ich auf jeden FALL besser. AUS DEN FEHLERN VON ANDEREN LERNEN.“ „Das reimt sich nicht mal.“ „Gute Therapien müssen sich vielleicht gar nicht reimen. Auch wenn Beffaná in ihrem Buch was anderes geschrieben hat.“ „Mäh, Beffaná macht keine Fehler?“ „Miau. Sag das noch mal, Pastor…“ „Mäh, gut, vielleicht macht sie manchmal Fehler, aber sie sieht sooooo schlau und kompetent dabei aus!“ Endlich kommt Beffaná zurück. „Leute, wir reisen noch einmal zurück zu den Geschwistern der Sonne. Da hat die ganze Sache mit Klumpatsch und Schrödingers Zetilinienharakiri angefangen.“ … „Was schaust du mich so an, Schrödinger?“ „Miau, ich dachte, da kommt noch ein Potzblitz hinterher.“ „Ich potzblitz dir gleich eine, Katze. Hier wird noch lange nicht potzblitzt!“

Es gib nicht wenige Wesen in unserer Galaxis, die verdanken Proxima ihr Leben. Mit großer Sicherheit gehören die Lenisianer dazu, die Spezies, der auch ein gewisser Admiral Klumpatsch angehört. Die Lenisianer sind allerdings erst die zweite intelligente Spezies, die der gebeutelte Planet Sentus hervorbrachte. Den Gezeitenkräften von drei verschiedenen Sternen ausgesetzt, war Sentus eigentlich kein sehr wahrscheinlicher Kandidat für das Hervorbringen einer intelligenten Zivilisation. Und, seien wir ehrlich, ohne Hilfe hätten es die Lenisianer nie geschafft. Dass Schrödingers fast anmaßendes Experiment, auf einer Welt mal eben Leben zu erschaffen, tatsächlich gelang, lag kurz gesagt an der Schnoddrigkeit – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – mit der er die Sache anging. Wer lebensstiftenden Urschlamm in eine Pfütze auf einem fremden Planeten kippt, sollte möglicherweise ein bisschen auf das achten, was man einige Milliarden Jahre später „Hygiene“ nennt. Quizfrage: Wenn eine Zeitreisekatze auf einem bisher toten Planeten herumlatscht, und dann schließlich Urschlamm in eine Pfütze kippt, den er einige Lichtjahre weit in seinem Mund transportiert hat, welche DNA würde ein CSI-Team aus Spurensicherungsexpert*innen wohl später auf dem Planeten finden? Die Schrödinger-DNA und die Aminosäuren aus der Ursuppe verstanden sich jedenfalls ganz prächtig. Und weil es auf dem Planeten sonst nicht viel zu lachen gab, verbündeten sich die beiden dauerhaft. Nach dem üblichen Milliarde Jahre andauernden Evolutionshickhack entwickelten sich die Lenisianer und cid so genannten Titanen von Sentus. Letztere Spezies vererbte einen sehr ordentlichen Anteil Schrödinger-DNA an ihre Nachfahren und das hatte Folgen. Eigentlich lassen sich die Titanen von Sentus nicht einmal als eine Spezies beschreiben. Msn stelle sich eine Gruppe Minikleiner Schrödinger-DNA-Schnipselchen vor, wie die wohl reagiert, wenn man ihr sagt: Und macht mal hübsch alle das Gleiche, seit fruchtbar und mehret Euch. Ja genau, nicht mit den kleinen Titanen, weder waren sie sonderlich vermehrungsfreudig, noch wuchsen sie zu ähnlich aussehenden Wesen heran. Es war vielmehr eine sehr bunte Mischung aus Freaks, die nach einigen Millionen Jahren aus dieser Pfütze herausstieg. Die jüngste und kräftigste von Ihnen war Proxima. Und obwohl sie die jüngste war, war sie bald diejenige, die ihre Geschwister vor den Gefahren des Planeten Sentus beschützte. Dabei kam ihr zupass, dass sie über eine üble Form eitriger Geschwüre verfügte, aus denen quantenwirbelgesättigte Flüssigkeit austrat, ein, wie sich bald herausstellte, idealer Schmierstoff für Zeitreisen. Die einzige, bei der er nicht wirkte, war allerdings Proxima selbst. Und so entwickelte sich eine Aufgabenteilung unter den Geschwistern, die zur Rettung der Lenisianer und zum Verhängnis der Titanen von Sentus wurde. Proxima konnte zwar selbst nicht zeitreisen, aber sie hatte einen unglaublichen Instinkt für die Strukturen der Raumzeit. Und so konnte sie Gefahren für ihre Familie und den ganzen Planeten schon weit im Voraus ahnen und dementsprechend handeln. Sie begann, ihre Geschwister mit kleinen Aufträgen vorwärts und rückwärts in der Raumzeit zu schicken, immer mit dem Ziel, ihre Existenz auf Sentus zu sichern und vor allen Gefahren zu schützen. Zwar kann kein Computer das mathematische Rätsel lösen, wie es dem zwischen drei Sternen hin- und hergeworfene Sentus wohl in den nächsten hundert Jahren gehen würde, aber Proxima musste nichts ausrechnen. Sie konnte eins ihrer Geschwister schicken und nachschauen lassen. Die begabteste Kundschafterin von allen war ihre älteste Schwester Eterna, die in weiten Bögen durch die Raumzeit segeln konnte und Proxima bei ihrer Langfristplanung eng zur Seite stand. Schon bald bekam Proxima heraus, dass ihre Existenz keineswegs ein Produkt des Zufalls war, sondern das Resultat einer ungeheuren Verstrickung der Zeitlinien durch ein reitreisendes Wesen Namens Schrödinger. Und mit dem Tag dieser Entdeckung wurde sich Proxima bewusst, dass sie verflucht war, auf ewig mit dem Schicksal dieser Katze verstrickt zu sein. Die fuhrwerkte nämlich munter in ihrer eigenen Vergangenheit herum, und brachte dabei einige Male eine jüngerer Version von sich selbst in große Gefahr. Kurz und gut: Schrödingers Leben und das seiner früheren Ich hing ständig am seidenen Faden. Und damit auch das von Proxima und ihren Geschwistern. Also musste Proxima ein regelrechtes Abwehrbollwerk aus Schutzmaßnahmen errichten, damit Schrödinger keinen Mist baute und ein jüngeres ich von sich umbrachte. Immerwährend brütete Proxima an Plänen, Schrödingers Leben und damit sich selbst zu schützen. Natürlich hatte Proxima schon viele Male erwogen, die Katze einfach zu einem Zeitpunkt zu töten, nach dem kein Unheil für sie drohte Aber wie sollte solch ein Zeitpunkt gefunden werden? Wie konnte Proxima sicher sein, dass die Version der ›Katze, auf die sie eines ihrer Geschwister ansetzen würde, nicht eigentlich dazu bestimmt war, das Leben einer früheren Schrödinger-Version zu retten? Ihr merkt schon: Die Gedanken beginnen sich im Kreis zu drehen und ich sage nur: Willkommen in Proxima Welt. Sie wurde, das darf man wohl so nennen, ein kleines bisschen verrückt während der ganzen Sache. Und zu der Verrücktheit kam schließlich noch das Trauma. Denn wenn man hundert Mal seine Geschwister durch Zeit und Raum schickt, dann geht dabei vielleicht einmal etwas schief und am Ende heult eine. Nämlich Proxima. Ihre Geschwister überlebten die Missionen nicht immer. Bis am Ende nur noch Eterna und Proxima übrig blieben. Und Eterna rebellierte. Sie nannte Proxima eine paranoide Ziege und weigerte sich, länger für Proxima den Laufburschen zu machen und dabei das eigene Leben zu gefährden. Sie verschwand aus Proximas Leben und Proxima stand da, mit all ihrem Wissen über die vergangenen und zukünftigen Gefahren für Sentus, konnte daran aber nichts ändern. Bis ihr Blick auf die überraschend gut gediehene andere Spezies auf ihrem Planteten fiel. Die Puzzle-liebenden Lenisianer waren im Schutz von Proximas Spinnennetz aus Intrigen und Vorsichtsmaßnahmen der eigentlich sicheren Vernichtung entgangen und hatten sich zu einem properen lustigen Völkchen entwickelt. Und so begann Proxima sich diese Leute näher anzuschauen. Da musste es doch jemanden geben, der sich als Mann für’s Grobe eignete.

Ja, das ist eine ziemlich lange Vorgeschichte. Aber sie musste erzählt werden, um zu verstehen, was und warum an dem Tag passiert, an dem Beffaná und ihre Crew in der Zeitmaschine ins Dietmar-Erdmute-Udo-System eintreten. Diese Hexe war erst spät ins Spiel gekommen. Aber Proxima musste einsehen, dass Beffanás Schicksal so eng mit dem von Proximas Urahn Schrödinger verquickt war, dass auch Beffanás Zeitlinien überprüft und beschützt werden mussten. Und leider nicht nur das. Da war ja die Sache mit den verschiedenen Theorien zu Zeitreisen. Und darüber, dass sich Zeitreisepraktiker*innen wie Proxima manchmal lieber auf ihren Instinkt verlassen. Und das ist auch ganz gut so. Weil die Raumzeit manchmal nämlich störrisch sein kann. Und sich Dinge, die eigentlich als ‚save‘ abgespeichert wurden, plötzlich überhaupt nicht mehr ‚save‘ sind. Es gab diesen Moment, da wurde Proxima plötzlich klar, dass mit der Evolution auf der Erde irgendwas nicht passte. Durch irgendwelche Zeitpfuschereien einer Drittpartei (wahrscheinlich Schrödinger, mal wieder), war der Erdkern plötzlich zu leicht. Es gab nicht genug Eisen im Erkern und das gesamte Magnetfeld der Protoerde drohte nicht ordentlich in Gang zu kommen. Und Magnetfeld, das wissen wir ja, ist wichtig für Leben und so. Die Zeit drängte. Bald würde das erste Leben entstehen, die Zutaten waren alle da, es war nur noch eine Frage von eher tausenden als Millionen von Jahren, aber dieses Leben würde wohl keine 20 Minuten durchhalten. Und dann? Keine Beffaná, kein Schrödinger, keine Proxima. Also musste schnell genug Eisen her. Ein Leviathan war die naheliegende Lösung. Diese Riesen trugen Eisen genug in sich und, genau so wichtig, waren mobil. Proxima musste nur noch Klumpatsch Bescheid geben. All diese Details kennt die Hexe natürlich nicht, als sie ins Dietmar-Erdmute-Udo-System eintraten. Aber einige davon. Denn das Gute daran, einen Zeitreisekatzenbuddy zu haben ist ja, dass der kurz vor der Ankunft noch mal eigene Recherchen anstellen kann. Also: Noch mal zurück in der Zeit zu der Stelle, wo er die Ursuppe auf Sentus zurück gelassen hat, sich hinter einen Stein auf die Laufer leben und schauen, was passiert. Nun ist Schrödinger deutlich zuuuu ungeduldig, sich die ganze Geschichte von außen nochmal anzuschauen. Aber bis zu der Stelle, wo Admiral Klumpatsch Eterna al Handlanger ablöste, kommt er dann doch. Und zu seiner großen Überraschung freut sich Beffaná wie ein Schneekönig, als sie davon hört. „Trauer, Trauma, Familienstreit und getrennte Schwestern? Und zwar nicht wie bei Alien-Rote-Rosen, sondern ganz in echt? Endlich einmal Weihnachtshexen-Sachen machen!“ ruft sie. „Und nicht diesen ganzen Zeitreisemumpitz. Allerdings: Eimal muss ich dich noch mal losschicken…“ „Potzblitz!“ ruft Schrödinger. „Du hast Potzblitz vergessen!“ „Nee, meine lieber“, sagt die Hexe und grinst. „Immer noch nicht.“

Admiral Klumpatsch ist äußerst zufrieden mit sich und der Welt, als er von seinem Auftrag in der Casimir-Ausdehung zurückkehrt. Er pfeift sogar leise vor sich hin, als er sich von Koslowsky verabschiedet, sich abends in den Whirlpool legt und fast ein bisschen entspannt ins Bett geht. Der Tagesbefehl am nächsten Morgen ist anders. Er findet nicht statt. Stattdessen klebt ein gelber Post-it-Zettel auf dem Bartresen seiner Küche. Schon das ist seltsam. Denn die Farbe Gelb ist auf Sentus noch gar nichts erfunden worden. Man war bisher einfach zu sehr mit Überleben, Seidenstickerei und Puzzeln beschäftigt. Noch seltsamer ist allerdings, dass der Zettel nicht mit schlurpsigen Grüßen seines Schatzis unterschrieben ist, sondern mit B-Punkt. „Schwing deinen Admiralshintern in dein Raumschiff und lass deine Flotte zuhause. Die Koordinaten stehen unten.“ Natürlich lässt Klumpatsch seine Flotte keinesfalls zuhause. Er bringt sie mit. Alle drei. Er hätte gerne mehr, aber ist gar nicht einfach, in einer Zivilisation aus Puzzle-Freaks genügend okaye Soldat*innen zu rekrutieren. Als er an den Koordinaten ankommt, sieht er zunächst mal: Nichts. Nichts außer einer roten, oben auf dem Dach immer noch ganz leicht verbeulten Zeitmaschine. Klumpatsch fällt die Kinnlade herunter. Er ist so neben der Spur, dass er die beiden Titaninnen, die sich mit einem Flimmern im leeren Raum materialisieren gar nicht groß beachtet. Müsste man das Äußere von Eterna beschreiben, würde es das Bild einer überdimensional riesigen im All schwebenden gelben Qualle wohl ganz gut treffen. „Was ist das für eine seltsame Farbe?“, fragt sich Klumpatsch, als sich auf der anderen Seite des Raumschiffs Proxima materialisiert. Spinnenhaft, über alle Maßen riesig, mit ihren durch Geschwüre verunstalteten Tentakeln nach dem leeren Weltraum greifend. „Willkommen Admiralchen“, tönt da Beffanás Stimme über das Funkgerät. „Du bist gerade Zeuge unserer großen Familienzusammenführung. Wir sind alle noch ganz gerührt.“ „Und wir werden die dysfunktionalen Aspekte der geschwisterlichen Beziehungsdynamik natürlich sehr sauber aufarbeiten, keine Sorge“, tönt dann eine andere Stimme durch das Funkgerät, die Klumpatsch aber nicht zuordnen kann. Er sitzt einen halbe Minute schweigend vor dem Funkgerät und schaut immer wieder zwischen dem roten Raumschiff und den beiden Titanen hin und her. „Aber das ist einfach unmöglich!“ Schreit er schließlich. „Wir haben sie verdampft! Ich habe selbst den Befehl gegeben und das Resultat gesehen! Wir haben mit allem geschossen, was wir hatten. Da war nichts mehr! Das rote Raumschiff ist zerstört, ich habe den Auftrag ausgeführt!“

„Das erfordert dringend ein Potzblitz!“ ´stöhnt Schrödinger. „Jetzt blick ich nicht mehr durch?“ „Jetzt?“ mäht Thomas. „Das ist schlimmer als alt-hebräisch pauken. Es gibt nicht mal Spickzettel irgendwo!“ „Ja“, sagt Beffana. „Ganz offensichtlich sollten wir tot sein. Potzblitz.“

Beffaná 2021

Kapitel 22: Proxima

Proxima: Kluuuumpatsch… Klumpatsch! Kluuuumpatsch… Klumpatsch! Klumpatsch (schreckt auf): Was kann ich tun, Gebieterin? Proxima: Ich werde dich wohl in die die große Leere schicken müssen. Etwas gefällt mir nicht im Raumzeitmuster dort. Klumpatsch: Wonach soll ich suchen, Gebieterin? Proxima: Such nach irgend etwas, Klumpatsch! Und was immer es auch ist, vernichte es. Es hat dort nichts zu suchen. Klumpatsch: Ja, Gebieterin. Proxima: Ach, und Klumpatsch? Sei doch so gut und schneide dir die Fingernägel. Nicht nur die von deinen Steuerhänden, sondern auch die von deinen Würgehänden und die von deiner Fuchtelhand. Klumpatsch: Es ist meine Wilde-Drohungs-Hand, Gebieterin. Proxima: Schneid dir einfach deine verdammten Fingernägel, du Dreckbolzen! Du bist mein oberster Kommandeur und kein grongalischer Schlurps! Klumpatsch: Grongalische Schlurpse gelten als äußerst attraktiv, Gebieterin! Proxima: Ist dein Lebensgefährte nicht ein grongalischer Schlurps? Klumpatsch: Ja Gebieterin. Er ist der schlurpsigste Schlurps von allen. Proxima: Dann zieh dir wenigstens Handschuhe an, wenn Du im Dienst bist. Ich kann deine Drecksgriffel einfach nicht ertragen. Klumpatsch: Ja, Gebieterin. Proxima: Eine Sache noch, Klumpatsch. Sie ist hinter dir her. Klumpatsch: Das kann nicht sein, Gebieterin! Ich habe sie fünf Minuten lang erwürgt, und dann verbrannt und dann gegessen. Proxima: Nicht deine Mutter, Idiot. Die Hexe in der Zeitmaschine. Sie hat deinen Schlüsselanhänger gefunden. Klumpatsch: Meinen Schlüsselanhänger? Wirklich! Ich hab den schon überall gesucht! Wo war er denn? Doch nicht in der Sauna?! Sag nicht, er saß doch im Abfluss des Whirlpools!“ Proxima: Er lag dort, wo du ihn verloren hast, als ihr den Leviathan in die Protoerde geschleudert habt. Eine gewisse Philippa Steel hat ihn im Fundbüro abgegeben. Klumpatsch: Es tut mir unendlich leid, Gebieterin. Proxima: Ich weiß, Klumpatsch. Aber es läuft alles genau nach Plan. Hörst du das eigentlich auch? Da singst ein Kind, oder? Warum singt es? Warum singt dieses verdammte Kind? Hat es keine Mutter, die es schlägt, wenn es zu laut singt? Klumpatsch: Ich höre kein Kind singen, Gebieterin. Proxima: Schon gut, Klumpatsch. Ich kümmere ich selbst drum. Ich kümmere mich selbst… Schlaf jetzt.

Es gibt Morgene, da würde Admiral Amadeus Klumpatsch gerne ohne einen neuen Tagesbefehl aufwachen. Aber so etwas hat es lange nicht gegeben. Eine halbe Stunde, bevor der Admiral schweißgebadet von seiner Liege steigt, beginnen sich seine Augen unter den geschlossenen Lidern in einem zuckend- schnellen Rhythmus zu bewegen. Ärzt*innen würden sagen, dass Admiral Klumpatsch träumt. Klumpatsch weiß es allerdings besser. Denn das, was er in der ersten Morgendämmerung eine halbe Stunde vor dem Aufstehen träumt, hat sehr reale Folgen. Davon könnten unter anderem die ersten Bewohner von Rigel 3 berichten, würden sie noch existieren. Proxima hatte beschlossen, dass sie keine Schneehasen auf Rigel 3 brauchet, sondern Eiswürmer. Und das bereits in 200 Millionen Jahren. Der Admiral räumte schnell und gründlich auf und hinterließ auf dem Planeten eine Probe braun-grünen Schlamm. Eiswurm-Ursuppe. Meist sind es kleine Sachen, die seine Gebieterin ihm im Traum befielt. Häufig muss er nicht einmal darum bitten, dass sie eins ihrer Quantengeschwüre für ihn öffnet, um ihn und seine Flotte durch die Zeit zu schicken. Klumpatsch ist froh, dass er Proxima noch nie im wachen Zustand gesehen hat. Alles was er von ihr weiß, sieht er im Traum Klumpatsch hat schon unzählige Missionen für Proxima ausgeführt, und die allermeisten erfolgreich. Seltsamerweise hat die Gebieterin die letzte Mission, die er nicht erfolgreich zu Ende führen konnte, nicht mehr weiterverfolgt. Er wurde nicht einmal bestraft. Die mehrwöchige Suche nach einem neuen Heimatplaneten und die Verfolgungsjagd eines Raumschiffs, das gerade auf dem Weg zu einem vielversprechenden Kandidaten namens Erde war, wurde einfach abgebrochen. Klumpatsch war klar, dass Proxima ihm nur einen Bruchteil von dem sagte, was sie wusste und was die plante, aber manchmal war er sich nicht sicher, ob sie wirklich einen klaren Plan verfolgte. Nun, es war nicht seine Aufgabe, sich diese Fragen zu stellen oder zu beantworten. Das erste und letzte Mal, als er es versucht hatte, wäre ihm im Traum fast das Gehirn zerplatzt. Ansonsten, das muss Klumpatsch zugeben, kommen Proxima und er ziemlich gut miteinander klar. Er tut, was sie will und sie foltert ihn nur ziemlich selten. Als der Admiral an diesem Morgen aufsteht, sind die Kopfschmerzen nur mäßig stark. Es könnte ein guter Tag werden. Es geht also in die große Leere. Riecht nach einem langweiligen Auftrag. Es passiert oft genug, da hört Proxima einfach nur die Flöhe husten. Wahrscheinlich hat sich einfach nur ein betrunkener Leviathan hoffnungslos verflogen und schreckt mit seinem Gegröle die kleinen Minikampfdrohnen auf , die es dort gibt. Oder gab? Klumpatsch erinnert sich nicht hat mehr, wann er das letzte Mal da war. Aber hey! Noch ein Vorteil: Keine Zeitreise heute. Es könnte wirklich ein guter Tag werden. Der Admiral köpft sich einen leicht widerborstigen Warzensqueezer zum Frühstück und schlürft ihn langsam aus. „Koslowsky!, ruft er dann. „Fahr schon mal den Wagen vor.“

Schrödinger hat schlecht geschlafen heute. Und ja, auch Zeitreisekatzen schlafen. Wer Milliarden Jahre alt ist und fit bleiben will, braucht seinen Schönheitsschlaf. Heute Nacht hat er wieder von früher geträumt. ‚Früher‘ ist eine verwirrende Beschreibung für das Leben eines Zeitreisenden, das ist Schrödinger schon klar. Es gibt das ‚Früher‘ in der eigenen Biographie, also zum Beispiel die Zeit, kurz nachdem man geboren oder ausgespuckt wurde, geschlüpft ist, sich ins nächste Entwicklungsstadium metamorphosiert hat oder mit einem „Lass dich hier bloß nie wieder blicken!“ auf die Welt geworfen wurde. Diese Sachen hat Schrödinger alle hinter sich und nichts davon hat ihn irgendwie besonders beeindruckt. Aber es gibt auch das ‚Früher‘ des Universums, dieses Früher, in dem die Raumzeit noch straff gespannt war und ganz frisch roch, ein bisschen wie Algen und Lachgas mit einer Prise Pfefferminz. Damals, auf der Protoerde, kamen schon andere Aromen dazu. Da hatte die Raumzeit schon ordentlich gearbeitet, eine ganze Reihe riesiger Sterne verdaut und war schon ordentlich durchlöchert. Aber es ist dieses Früher, das Früher im jungen Sonnenssystem, das für Schrödinger am meisten nach „Früher“ klingt. Weil es der Anfang dieser Geschichte war. Auch wenn er lange gebraucht hat, um dahin zu kommen. Gerade hatte er noch mit drei knatschigen Sternen namens Erdmute, Dietmar und Udo konferiert, wobei Udo natürlich auch ein richtiger Stern ist, selbst wenn er klein und braun ist, (genau) Und dann war er zurückgereist, um den Geschwistern der Sonne das Leben in ihre Systeme zu bringen. Schrödinger fand das eine simple und geniale Idee: Alle kriegen eigene Planeten mit Leben drauf, keine ist mehr neidisch auf die andere, alles ist gut. Und weil Schrödinger keine Lust hatte, lange nach den Grundzutaten des Lebens zu suchen, nahm er sich einfach das, von dem er schon wusste, das es funktioniert. Urschlamm von der Protoerde. Damals noch ein ziemlich wilder Planet. Den er erst einmal finden musste. Es war wieder die Sache mit dem Topfschlagen: Wenn niemand „kalt“ oder „heiß“ ruft, muss man ziemlich lange auf dem Boden herumkriechen. Also: Im Sonnensystem. Nachschauen, ob die Sonne schon da ist, huch, da ist sie ja, noch ziemlich kalt, aber wird schon, und dann schauen, wo und wann die Erde auftaucht. Wenn Schrödinger es sich’s jetzt so überlegt, dann hat er endlich Urschlamm auf der Erde gefunden, da muss der Einschlag des Leviathans auf der Erde längst passiert gewesen sei. Vielleicht gab es damals also schon Trolle auf der Erde. Schrödinger hat allerdings keine gesehen und einfach ein Maul voll Urschlamm mitgenommen. Einfach ist aber natürlich gelogen. Nix war einfach. Diese ganz schnelle Idee im Cockpit der Zeitmaschine hatte sich zu einem regelrechten Mammutprojekt ausgewachsen. Allein schon, mit dem Urschlamm in die anderen Sternsystem zu kommen. Ohne Hilfe auch für eine Zeitreisekatze kaum zu schaffen. Also irgendwo hinterm Jupiter auf die Lauer legen und gucken, ob ein interstellarer Komet vorbeikommt, der zufällig in die richtige Richtung fliegt. Soll ja vorkommen, alle paar Millionen Jahre. Als Schrödinger es dann endlich geschafft hatte, das Dreifachsternsystem von Erdmute, Dietmar und dem gar nicht mal so kleinen Udo zu kommen (genau) Da gab es das nächste Problem: Er fand keinen Planeten. Du kannst tiefgefrorene Ursuppe ja schlecht in den Stern selbst werfen, da is’n büsschen mollig für zum Überleben. Das ist ein Grundsatzproblem von Dreifachsternsystemen. Je mehr Kram in den Sternen selbst gelandet ist, desto weniger bleibt für die Planten übrig. Drei Sterne brauchen ordentlich Futter. Auch Udo (genau) Schließlich fand er doch einen einzigen Planeten. Keinen super-coolen, aber was solls. Er war ein bisschen schwer, und hatte auch nicht so diiiiiie ideale Umlaufbahn. Aber das ist ja auch kein Wunder in einem Dreifachsternsystem: Da ist die erste Frage schließlich: Umlaufbahn um was? Um einen der Sterne? Um alle drei? Fliegt man irgendwie Slalom oder eine Acht oder wie soll das richtig laufen? Es läuft, kurz gesagt gar nicht so richtig. Weil: Wenn drei oder mehr Körper sich gegenseitig mit ihrer Schwerkraft beeinflussen, dann kann kein Physiklehrer der Welt und auch kein Supercomputer ausrechnen, wo der Planet in der ganz Geschichte bleibt. Kann man gerne googeln, heißt Dreikörperproblem, sind schon viele kluge Aufsätze und ein genialer Science-Fiction-Roman drüber geschrieben worden: Geht nicht. Aber Schrödinger hatte keine Wahl.. Und er wollte auch noch mal irgendwann zurück nach Hause. Also: In das Cockpit der Zeitmaschine, wo die anderen bereits seit einer hundertstel Sekunde auf ihn warteten. „Scheiß drauf“, murrte er (ja, sorry, hat er wirklich so gesagt), kippte die Ursuppe in eine Pfütze, von der er hoffte, dass es so was ähnliches wie Wasser war und haute ab. Wenigstens würden, wenn’s klappt, auf diese Weise gleich alle drei Sterne Leben bekommen, denn der Planet eumelte im Laufe der Jahrhunderte irgendwie immer zwischen allen Dreien herum. Der Rest ist Geschichte. Irgendwie fand Schrödinger den Weg ins Cockpit der Zeitmaschine zurück, unter anderem, weil er unterwegs Hilfe von einem Pastor und einer Vogelscheuche bekam und aus dem Klecks Ursuppe entwickelte sich tatsächlich, keiner kapiert genau, wie das überhaupt klappen konnte, eine Spezies unglaublich liebenswerter Fans von Seidenmalerei und einer besonders komplizierten Art des Puzzlens. Nur einer von ihnen wurde ein Riesenarschloch nämlich Admiral Klumpatsch. Er versklavte bereits Fünfzehn Jahre nach seiner Geburt den gesamten Planeten und war ziemlich mit sich und der Weltherrschaft im Reinen, bis er eines Nachts anfing, richtig bösen Mist zu träumen. Er wusste nicht genau, wer oder was Proxima war. Aber er wusste ziemlich schnell, dass man es sich sehr genau überlegen musste, Befehle mit ihr zu diskutieren. In dieser Hinsicht konnte Proxima genau so ein fieser Möpp sein, wie er selbst.

Als Admiral Klumpatsch einige Tage nach Abflug in Richtung der großen Leere, die von manchen auch die Casimir-Ausdehnung genannt wird, seinen ersten Offizier Koslowsky nach dem neusten Stand fragt, präsentiert der ihm ein etwas unscharfes Bild des Bordteleskops: „Sieht aus wie das rote Raumschiff, das wir letztens vergeblich verfolgt haben. Ich verstehe das allerdings nicht. Unsere Sensoren zeigen keinerlei Antriebsspuren nichts. Das Ding hat sich in der letzten Zeit nicht sonderlich bewegt. Außerdem ist es ganz schön zusammengequetscht. Und: Es wabert ein leichter Furzgeruch durch den ganzen Sektor. „Was wartest du dann noch!“, blafft Klumpatsch. „Du kennst doch den Befehl: Was immer es auch ist, vernichte es. Es hat dort nichts zu suchen!“ „Potzblitz“, murmelt Koslowsky. „Was soll das sein, Potzblitz! Reissense sich mal zusammen, Mann!“ „Jawohl, Herr Admiral. Es kam mir nur so vor, als wäre das ein gutes Abschiedswort!“ Dann drückt Koslowski einen großen, roten Knopf.

Beffaná 2021

Folge 21: Philippa Steel, Privatdetektivin

„Hi, ich muss mit Philippa sprechen, ist sie da?“ „Wer fragt das?“ „Sag ihr einfach, es ist wichtig.“ „Das sagt jeder.“ „Sag ihr, die Trolle schicken mich.“ „Wir mögen hier keine Trolle.“ „Aber sie haben Geld.“ „Dein Geld ist hier nichts wert. Philippa ist beschäftigt.“ „Sag ihr es geht um Trojaner.“ „Was?“ „Trojaner!“ (Musik geht aus)

Eispferde mögen es nicht, wenn sie gefunden werden. Das hat sehr gute Gründe und darum sind Eispferde mit ihrem Misstrauen gegenüber Fremden keineswegs eine Ausnahme. Im Gegenteil. Es gibt 93 bekannte fortgeschrittene Zivilisationen in diesem Teil der Galaxis und davon gibt es genau eine, die wie bekloppt elektromagnetische Wellen in die Nachbarschaft sendet. Niemand mag diese Leute, viele lachen sie aus und ein paar rüsten bereits ein paar Schiffe aus, um zu schauen, ob’s bei den Idioten was zu holen gibt. Diese Idioten nennt man Menschen. Sie haben sogar zwei golden schimmernde Sonden ins Weltall geschickt mit Botschaften für die galaktische Nachbarschaft. Die Sonden heißen Voyager 1 und 2, sie hängen in vielen Klassenzimmern der Galaxis als Warnung für die Alienkinder, was man besser auf keinen Fall tun sollte, wenn man den nächsten Tag in unserem Winkel des Universums noch erleben möchte. Unter Eispferden gibt es die Redensart: Dumm wie die Erderwärmer. Damit sind natürlich die Menschen gemeint. Wer so laut in den Weltraum ruft: „Findet mich! Tötet mich! Esst meine Milz und meine Leber!“, der muss schon sehr dumm sein. Da fragt man dann auf der anderen Seite, wie so ein dummes Volk ein so erfolgreiches Terraforming-Projekt durchziehen konnte. 1 Grad Atmosphären-Temperaturanstieg nach nur 120 Jahren – das verdient dann schon Respekt.
Jedenfalls, um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Es gibt 93 bekannte fortgeschrittene Zivilisationen in diesem Teil der Galaxis, eine davon ist bekloppt und wahrscheinlich gibt’s noch tausende von anderen Zivilisationen. Die wollen nicht nur nicht gefunden werden, die Schaffens’s auch tatsächlich. Unter Menschen ist die Vermutung, dass andere Zivilisationen in der Galaxis sich vielleicht vor allen anderen verstecken, durchaus bekannt. Man nennt das auf der Erde die „Dunkle-Wald-Theorie, weil man sich das Universum quasi wie einen großen Wald bei Nacht vorstellen kann. Man sieht nichts, alles ist stockfinster, und im nächsten Augenblick ist man gefressen worden. Vertreterinnen dieser Theorie auf der Erde werden zumeist belächelt, weil man Ihnen sagt, das man vor Zivilisationen, die schlau genug sind um Raumschiffe zu bauen, keine Angst haben muss. Die seien zu klug, um Gewalt gegen andere anzuwenden. Naja. Sieht man ja bei den Menschen, was von dieser Theorie zu halten ist. Aber zurück zu den Eispferden. Die leben seit vielen hunderttausend Jahren sehr zufrieden und sehr versteckt unter der vereisten Wasseroberfläche des Saturnmondes Titan und genießen die geringe Schwerkraft. Darum gelten Eispferde auch als die elegantesten Tänzerinnen des Sonnensystems, obwohl sie eine doppelt so große Masse wie die Pferde auf der Erde haben. Aber Eispferde sind nicht nur gute Tänzer*innen. Auf dem Titan gibt es auch die größte Dichte erfolgreicher Privatdetektivinnen im weiten Umkreis. Und es heißt ganz bewusst Privatdetektivinnen, denn auf dem Titan werden Hengste bezüglich ihrer beruflichen Wahlfreiheit leider stark diskriminiert. In der Regel werden sie nur für’s Zeugen kleiner Eispferdchen und als Fernseher gebraucht. Eispferdhengste besitzen eine äußerst lange und breite Zunge, auf die sie Fernsehbilder projizieren können. Darum ist der meist verwendete Spruch bei einem ersten Date von Eispferden auch: „Zeig mir Deine Zunge Baby!“ Dazu kommt: Eispferdhengste beschäftigen sich quasi den halben Tag nur damit, zu vergleichen, wer von ihnen wohl die größte Zunge hat. Die berühmteste Privatdetektivin auf dem Titan ist Philippa Steel. Sie ist es, die Beffaná von verschiedenen Seiten empfohlen wurde. Ihr Büro, wenn man es denn so nennen kann, unterhält sie im ersten Stock des berühmten Tanzlokals Hippster-Hippo.

„Komm herein, Beffaná. Du lässt nicht locker, oder?“ „Ich hab’s ein paar Freunden versprochen. Es geht um eine Leviathan-Kollision vor rund vier Milliarden Jahren.“ „Schon’n büsschen her, wäre ich meinen.“ „Darum komme ich zu dir. Man sagt, du bist die Beste.“ „Ich werd’ schauen, was ich tun kann. Leviathane sterben immer wieder mal. Der Titan ist auch einer, wusstest du das? Ist ebenfalls vor vier Milliarden Jahren gestorben. Aber ganz friedlich, an Altersschwäche. Die Trolle treiben sich hier immer noch irgendwo rum und klauben die Reste ihres alten Sternheims auf.“ „Die Trolle, um die es in unserem Fall geht, sind nur noch zu dritt.“ „Das bezweifle ich, Beffaná. Es geht doch um den Crash auf die Erde damals, oder? Guck nicht so erstaunt, sooo viele Möglichkeiten gibts nun nicht... Wenn ein Teil von Eurem Leviathan auf der Erde gelandet ist, dann gibt’s bei euch auch Trolle. Jede Wette. Die Biester sind zäh.“ „Aber kein Mensch hat jemals bisher Trolle auf der Erde gesehen.“ „Kein Mensch hat jemals bisher irgendwas gesehen, Beffaná! Das ganze Sonnensystem ist quietschfidel vor Leben und ihr fragt euch immer noch, ob noch irgendwer das draußen ist.“ „Nimm mich da raus, ich weiß es inzwischen.“ „Dann musst du’s mal bei Gelegenheit deinem Bürgermeisters sagen oder wer immer jetzt gerade euer Dingenskirchen regiert.“ „Okay, das ist doch schon einmal ein guter Anfang. Die Trolle wird’s sicher freuen, dass ein och andere gibt. Aber die zweite Frage ist, was eigentlich genau gestehen ist. Die Trolle wollen das nicht einfach so akzeptieren. So wie ich das verstanden habe, gibt es tausend Verschwörungstheorien darüber, was damals passiert ist.“ „Besoffen gewesen und nicht aufgepasst?“ „Wie bitte?“ „Ehrlich Beffaná! Betrunkene Leviathane, das ist mal ein ernsthaften Problem gewesen. Wenn die Trolle innen drin bei der symbiotischen Nahrungsherstellung Mist bauen, dann kommt es immer wieder mal zu Gährungsprozessen. Und so einem planetengroßen Leviathan willst du nicht im Weg stehen, wenn es betrunken ist.“ „Ich weiß nicht, Philippa. Ausschließen kann Ich’s nicht. Aber ich hab ein bisschen selbst recherchiert und darum hab ich unten gesagt, es geht um Trojaner.“ „Ja, richtig. Hast du etwa einen erwischt? Hat ihn noch irgendwer gesehen? Ehrlich, das gibt richtig Ärger! „Nein, Philippa. Aber der Leviathan befand sich vor dem Crash am Lagrange-Punkt L5. Da, wo sich auch die Trojaner verstecken. Wieviel müsste man denn gesoffen haben, um von dort aus gegen die Erde zu krachen?“ „Viel, Beffaná. Viel zu viel, wenn du mich fragst

Okay. Kleiner Service-Block. Wir haben schon mal über Lagrange-Punkte gesprochen. Um jeden Planten im Sonnensystem gibt es 5 Stück davon. An diesem Punkt heben sich Schwerkraft der Sonne und des um die Sonne kreisenden Planten mehr oder weniger gegeneinander auf. Ein super Platz für einen Leviathan um genau hier zu parken und sich quasi wie auf einem Autozug von den Gesetzen der Schwer- und der Fliehkraft um die Sonne ziehen zu lassen. Und das, ohne jemals gleichzeitig den Abstand zum jeweiligen Planeten zu verändern. Es gibt aber Unterschiede zwischen diesen Lagrange-Punkten. Drei davon sind ziemlich instabil. Die beiden anderen, L4 und L5 sind stabil. Wenn der Leviathan da mal leicht betrunken raustrudelt, machte das überhaupt nichts. Er fällt quasi automatisch immer wieder in L4 oder L5 zurück. Und jetzt die Sache mit den Trojanern. Weil diese Langrange-Punkte so ein guter Platz zum Chillen sind, machen es sich da nicht nur Leviathane bequem. Sondern auch alles andere an Gerümpel, was so durchs All trudelt. Asteroiden zum Beispiel. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es in den Langrange-Punkten aller größeren Planten eine Art Gerümpelhaufen gibt. Und weil sich diese Steine quasi im Schwerkraftschatten von Sonne und Planet verstecken, nennt man sie auch Trojaner bzw. Trojanische Pferde. Griechische Sagen, Troja und so. Fiese Geschichte, würde an dieser Stelle zu weit führen, sie zu erzählen. Und leider gibt’s da noch mal den Spezialfall der trojanischen Eispferde. Bei Eispferden gibt’s ja, wie bei den meisten anderen auch, Kinder. Und die werden irgendwann größer. Und bevor sie vollständig erwachsen sind, gibts eine kurze Phase, in der die jungen Pferde ein bisschen übermütig werden. Sie finden diese ganze „Wir-müssen-uns-vor-anderen-bösen-Aliens-verstecken“-Sache blöd, langweilig und altmodisch und machen das, was die amerikanischen Amish-People bei ihren Teenagern „Rumspringa“ nennen. Auf ihren viel zu lauten Mofas durchs Weltall sausen. Und der größte Kick ist es, in der Nähe von anderen großen Planeten in den Lagrange-Punkten zu chillen und zeigen, wie cool man ist. Am beliebtesten sind L1 und L2, die sind am nächsten dran und damit am Gefährlichsten, wenn’s darum geht, entdeckt zu werden. L4 und L5 sind aber auch ganz okay. Die sind stabiler und eine bisschen weiter weg. Ist quasi wie der Sprungturm im Schwimmbad . L3 ist der Startblock, L4 und 5 der Dreier und L1 und L2 sind der Zehner. Trojaner sind aus diesem Grund ein Riesendings auf dem Titan. Da die Behörden wegen der Entdeckungsgefahr durch böse Aliens völlig paranoid beim Thema Trojaner sind und Erwischtwerden beim Langrange-Punkt-Chillen drakonische Strafen nach sich zieht, engagieren Eltern, die es sich leisten können, Privatdetektivinnen, um ihre Kinder vor der Polizei nach Hause zu bringen. Das Ganze ist ein Riesengeschäft. Und Philippa ist die beste darin.

Es war wirklich sehr, sehr eng in der Zeitmaschine. Aber Philippa Steel hatte darauf bestanden, bei Beffaná mitzufliegen. Wann bekommt mn schon einmal die Gelegenheit in einem Raumschiff mit Zeitreisedingsi mitzufliegen. Natürlich war die Nutzung des Relativitätsrelativierers die allererste Idee gewesen. Einfach in die Vergangenheit fliegen und schauen, was genau geschehen sit. Das Problem ist nur zu wissen wo genau bzw. wann genau man hin will. So auf 200, 300 Millionen Jahre genau lässt sich der Zeitpunkt des Leviathan-Crashs wohl schätzen, aber dann hieße es, schön alle paar Jahrtausende Nachgucken, ob man gerade richtig ist, wenn die Sache beginnt. Quasi wie Topfschlagen. Kann dauern und ist überraschend langweilig ,wenn keiner „heiß“ oder „kalt“ ruft. Dann doch lieber Philippa Steel, die beste Privatdetektivin des Sonnensystems zum richtigen Lagrange-Punk schaffen und schauen, ob sie irgendwelche Spuren dort findet. Das mag sich seltsam anhören: Spuren von etwas zu finden, von dem man noch nicht einmal genau weiß, was genau es ist bzw. war. Aber wenn es irgendeine schafft, dann Philippa! Sie hat die höchstmögliche Zahl an Wochenendweiterbildungskursen für Privatdetektivinnen belegt (nämlich 4) und hat 15 Jahre lang alle Mitratekrimis in der Fernsehzeitung gelöst. Und außerdem hat Philippa etwas, das man nicht mal mit dem Geld der Trolle bezahlen kann: Glück. Als sie am Lagrange-Punkt ankommen sehen sie sofort, dass es sich dort inzwischen ein kleiner Asteroid in der Größe eines Fußballstadions gemütlich gemacht hat. Und als sie gerade aussteigen, um ihn zu fragen, ob er in den letzten paar Milliarden Jahren etwas Ungewöhnliches gesehen hat, findet Philippa auf dem staubigen Boden den Asteroiden einen goldenen Schlüsselanhänger. Darauf steht: „Eigentum von Admiral Klumpatsch, Befehlshaber der 7. Raumflotte. Bitte sofort zurückgeben, sonst werden Sie verdampft. Erreichbarkeitszeiten meines Sekretariats: Mo -Do 9 bis 15 Uhr, Fr. 9 bis 12 Uhr. Sprechen Sie in den übrigen Zeiten bitte auf die Alien-Mailbox.“ „Ziemlich viel Schrift für einen Schlüsselanhänger“, sagt Philippa. „Potzblitz!“ sagt Beffaná. „Wenn das ein Zufall ist, fresse ich unsere Katze.“

Beffaná 2021

Folge 20: Leviathan

Seit dem Urknall entstanden drei Generationen von Sternen. Vor viereinhalb Milliarden Jahren begann eine Wolke aus Gas und der Asche uralter Sterne in sich zusammenzustürzen und das Fusionsfeuer eines Sterns der dritten Generation zu zünden. Unserer Sonne. Es gab keinen Knall und keine Explosion, denn im Vakuum des Weltalls herrscht ewige Stille. Aus der verbleidenden Gas- und Staubscheibe um die Sonne herum bildeten sich in Laufe der nächsten Millionen von Jahren die Planeten. Dabei ging es wild zu. Einige der Himmelskörper krachten ineinander und bildeten neue Planeten. Der neu entstandene Uranus war nach einem solchen Crash so von der Rolle, dass er sich seitdem auf der Seite liegend dreht und der Venus war nach einem Asteriodenunfall so schwindelig, dass dort seitdem die Sonne im Western aufgeht. Als der erste Staub sich verzogen hatte, und so langsam Ordnung ins Sonnensystem einkehrte, kamen die Leviathane. Riesige, friedliche Ungetüme, die in den äußeren Asteroidengürteln der Sterne lebten und sich nun in die Nähe der Sonne wagten, um sich aufzuwärmen. Mit Vorliebe ließen sie sich im Gravitationsschatten sonnennaher Planeten treiben, denn dort gab es Orte, an denen sie ohne eigene Anstrengung um die Sonne kreisen konnten, ohne mit dem Planeten zu kollidieren oder von ihm angezogen zu werden. Schrödinger nennt einen solchen Ort Lagrange-Punkt. Die Trolle nennen ihn Stjerne hjem, Sternheim.

Es fühlt sich seltsam vertraut an, wieder auf dem Mond zu sein. Die Crew der Zeitmaschine hat Harold versprochen, in seinem altem Basiscamp auf der Rückseite des Mondes neue Sauerstoffflaschen und eine große Palette Dosenfleisch ›einzusammeln und in Denises’ Lager am Rand des Aiken-Kraters nach ein paar alten Sachen von ihm zu suchen. „Sie hat mir dauernd meine Handcreme geklaut“, meinte Harold. „Und hier auf Aische krieg immer immer so trockene Haut bei fast 24 Stunden täglich im Raumanzug.“ Denise’ Lager sieht nicht nicht besonders ordentlich aus. Der hydroponische Garten wuchert vor sich hin und überall liegen alte Noten herum. Beffaná erinnert sich, dass Denise gerne gesungen hat. „Hat die sich nicht beschwert, dass Harold so unordentlich ist?“ brummt Thomas. „Ich würd eher sagen, in Sachen Putzen tun die beiden sich nicht besonders viel.“ Die beiden sind alle hier, Schrödinger und Fleur haben sie nur abgesetzt und laden drüben bei Harolds altem Zelt Proviant und Sauerstoff in die Zeitmaschine. „Möchte mal wissen, wo Denise diese Stapel an Schokoriegelverpackungen her hat“, murmelt Beffaná. „Ich meine, hat die `n ganzen Kiosk leergefressen?“ „Muss ein englischer Kiosk gewesen sein“, mäht Thomas. „Alles auf Englisch. Pop -Tarts. Nie gehört. Sieht aus wie glasiertes Hundefutter“ Das Schaf ist inzwischen an die Raumanzugeinsätze bei geringer Schwerkraft gewöhnt und hüpft fröhlich in der Höhle hinter dem hydroponischen Garten herum. „Hast du die Handcreme schon gefunden, Beffaná?“ ruft er. Die schüttelt ihren Helm und hält ihm statt dessen eine uralte Packung Pralinen in Herzform unter die Nase. „Schau mal, Valentinstags-Pralinen. Sag mal Thomas, liebst du mich eigentlich noch?“ Thomas erstarrt. „Was?“ „Na du warst doch in mich verliebt, damals. Als wir uns kennengelernt haben. Ist das inzwischen wieder weg?“ „Warum soll es weg sein, Beffaná? Ist ein bisschen gemein, Witze darüber zu machen, findest du nicht?“ Beffaná erinnert sich daran ,wie der Pastor mit diesem riesigen Blumenstrauss vor ihrer Tür stand, um ihr seine Liebe zu gestehen und wie er kurz darauf blökend in ihrem Badezimmer stand. „Gemein schon!“sagt sie. „Aber auch witzig!“ „Haha, mäh!“

Thomas verzieht sich weiter nach hinten in die Höhle. Inzwischen ist er sich gar nicht mehr so sicher, dass wirklich Beffaná für seine Verwandlung verantwortlich ist. Das Auftauchen Schrödingers in der Zeitmaschine war mehr als nur reiner Zufall. Ein paar Stunden, nach der Party, auf der Thomas Beffaná kennengelernt hat, verschwindet die sprechende Katze aus seiner Wohnung, nur um kurze Zeit später genau dort wieder aufzutauchen, wo Thomas Beffaná seine Liebe gestanden hat. Wer kann schon wissen, was die Katze inzwischen oder vorher oder nachher oder wann und wo auch immer mithilfe ihrer Fähigkeiten angestellt hat? Andererseits: Was auch immer seine Verwandlung verursacht hat, das Verliebtsein in Beffaná ist immer noch da. Thomas weiß, dass es dämlich ist und er weiß, das es aussichtslos ist, aber dieses Gefühl ist wie Hunger oder Müdigkeit, es kommt immer wieder. Inzwischen hat Thomas das Ende der Höhle erreicht. Von hier führt aber immer noch ein breiter Gang ins Innere des Felsens. „Wahrscheinlich der Ort, wo Denise versucht hat, ins Innere des Mondes zu graben“, denkt er. „Ah, Handcreme! Na bitte. Hab sie gefunden“, ruft er nach vorne zu Beffaná. Es ist für ein Schaf im Raumanzug gar nicht so einfach, eine Cremetube vom Boden aufzuheben. Keine Finger und das Maul unter einem Helm. Also beschließt Thomas die Tube mit den Hufen vor sich herzuschieben. Er ist noch nicht besonders weit gekommen, da bemerkt er aus den Augenwinkeln einen Schatten. Etwas stößt ihn zur Seite, Thomas verliert kurz die Orientierung und als er das Gleichgewicht wieder bekommen hat, ist die Handcreme verschwunden! Genauso wie was immer es auch war, das ihn weggeschubst hat. „Beffaná!“, ruft Thomas und dann hört er sie auch schon, wie sie vorne am Eingang schreit. „Na wartet! Habt wohl nicht mit einer ausgewachsenen Hexe gerechnet, ihr Zwerge!“ Thomas rennt in Richtung der Schreie. Beffaná steht direkt im Eingang und lässt in der Luft drei vielleicht einen Meter hohe Gestalten um sie herum durch die Luft wirbeln. Sie kreischen und fluchen, können sich aber nicht aus Beffanás Zauber befreien. Einer von ihnen lässt die Handcreme fallen, die er Thomas offensichtlich gerade entrissen hat. „Was ist los, Beffaná?“ ruft Thomas. „Was sind das für Wesen?“ „Keine Ahnung, Thomas“, ruft die Hexe. „Lauf raus zu dem Funkgerät, das Schrödinger uns dagelassen hat. Er soll sofort herkommen! Vielleicht hat er solche wie die hier schon einmal vorher gesehen.“

„Sowas wie die hier hab ich noch nie vorher gesehen!“ murrt Schrödinger. Es hat keine Minute gedauert, dann war er da. Fleur hat er offenbar in der Zeitmaschine zurückgelassen. „Und dass ich solche wie die noch nie gesehen habe, ist allein schon sonderbar genug! Ich bin viel rumgekommen in der Welt, wie ihr wisst.“ Beffaná hat die drei Zwerge in einer Ecke der Höhle abgesetzt, von wo die drei hektisch zwischen Beffaná, Thomas, und Schrödinger hin und her schauen und offenbar versuchen, den besten Fluchtweg auszumachen. Irgendwie erinnert Thomas sich, so zerknautschte Gesichter, große Nasen und Ohren und wilde Haare schon einmal irgendwo gesehen zu haben. „Keine Angst“, sagt Beffaná. „Wir tun euch nichts. Ich bin Beffaná. Meine Freunde und ich kommen von der Erde. Wer seid ihr, wohnt ihr hier? Ist das hier eure Heimat?“ Die Zwerge starren schweigend nach unten, offenbar sind sie geblendet vom Mondtag, die Sonne scheint durch den Höhleneingang weit hinein in die Höhle. Schließlich zuckt einer von den drei Zwergen mit den Schultern und schüttet seinen Kopf. „Utgardloki“, sagt er und zeigt nach unten auf den Boden. „Utgardloki?“, sagt Schrödinger. „Das ist kein Ort, das ist der Name eines Riesen aus dem Märchen.“ „Nein“, sagt einer der Zwerge. „Aber ich wundere mich, dass du diesen Namen kennst! Er ist streng geheim, denn wir glauben daran, dass wer den Namen kennt, auch Macht über den Besitzer hat. Utgardloki ist unser Name für die verlorene Heimat. Sternheim.“ „Und was genau seid ihr?“ fragt Thomas. „Ich habe so etwas wie euch schon mal gesehen, da von ich mir sicher!“ „Das glaube ich kaum“, sagt der Zwerg. „Denn nach allem, was ich weiß, sind wir die letzten. Wir sind Nøkk, Draug, Nisser. Und wir nennen uns Trolle.“

Trolle! Natürlich. Thomas erinnert sich an die vielen Male, die er kleine Trollfiguren in überteuerten Souvenirgeschäften in den Händen gehalten hatte. Sie sehen tatsächlich aus wie Trolle. „Wo genau ist dieses Sternheim, Eure Heimat?“, fragt Beffaná. Sie sind auf Bitten der Trolle ein Stück weit tiefer in die Höhle gegangen, da den Trollen das Sonnenlicht zu grell ist. „Und warum seid ihr denn hier, in der alten Höhle des Tatzelwurms?“ „Oh, wir wollten nachschauen, ob der Wurm noch da ist und zum Glück ist er weg“, antwortet Draug, einer der Trolle. „Und Sternheim ist verloren. Wir suchen in den Tiefen nur die alten Steine von Sternheim.“ „Aber was war Sternheim?“, fragt Beffaná. Draug schaut die anderen beiden Trolle an. „Wir können es ihnen ruhig erzählen. Sonst nehmen wir die Geschichte unseres Volkes bald mit in unser Grab.“ Und er beginnt.

Vor unermesslich langer Zeit war die Galaxis von den Leviathanen bewohnt. Jeder einzelne Leviathan war ein einziges Wunder, einige waren nur einige Kilometer groß, aber es gab andere, die waren groß wie Planeten. Sie ernährten sich vom Licht und vom Staub der Sterne und zogen friedlich durch die Galaxis, nachdem die ersten Sternenfeuer abgekühlt waren. Der Name unseres Leviathans, unsers Sternheims lautete Utgardloki. Und weil er uns Vater und Mutter zugleich war, nannten andere ihn auch Theia, die Göttliche. Jahrmillionen reiste unser Volk im Inneren des Utgardloki durch das Weltall. Er führte und er nährte uns, indem er mit uns seine Weisheit und die Nahrungsmittel teilte. Wir waren eins mit dem Utgardloki, er war unsere Theia, wenn er unsere Kinder gebar und unser Führer, wenn er uns sicher durch Asteroidenfelder und Sonnenstürme führte. Im Gegenzug pflegten wir ihn und halfen ihm, die Nahrung in jeden letzten Abzweig seines unermesslich großen Körpers zu tragen. Nach vielen, vielen Jahren hatte Utgardloki endlich einen Ort gefunden, wo er ruhen konnte. Nahe der Sonne und so zwischen der Sonne und einem jungen Planeten platziert, dass er einfach nur durchs Weltall gleiten konnte. Es war die glücklichste Zeit unseren Volkes. Und dann kam das Verderben. Etwas geschah mit dem Utgardloki und er kam von seinem Kurs ab. Immer näher kam der dem jungen Planeten, durch dessen Schwerkraft wir vorher so sicher gewesen waren. Wir flehten den Utgardloki an, er möge den Kurs ändern. Aber er konnte es nicht! Die Katastrophe geschah! Das Sternheim zerbrach und der Utgardloki stieß mit dem jungen Planeten zusammen. Es war ein unermesslicher Feuerball. Der Utgardloki wurde auseinandergerissen und zersprengte den jungen Planeten in zwei Teile. Unser Volk wurde in alle Sonnenwinde zerstreut und die allermeisten starben. Einige von uns konnten auf einem Trümmer des Sternheims hier auf dem kleineren Stück des geteilten jungen Planten landen, der sich nach und nach zu einem Mond formte. Und nachdem wir lange Hunger litten, viele starben und auch wir Restlichen dachten, das wir sterben müssten, fanden wir in den Tiefen dieses Mondes mit der Zeit genügend Steine unseres Sternheims, um uns davon zu ernähren.

„Potzblitz!“ sagt Beffaná, was für eine traurige Geschichte.“ „Ja“, sagt Schrödinger. „Und so langsam verstehe ich, dass sie auch wahr ist. Denn nach allem was wir wissen, ist das die Geschichte, wir der Mond entstanden ist. Aus einem Zusammenprall der Erde mit einem unbekannten Himmelkörper. Miau. Und auch wir nennen diesen Himmelskörper Theia, die Göttliche. Tochter der Gaia und des Uranos und eine der zwölf Titanen.

Beffaná 2021

Folge 19: Krähenpost News Flash

Samatha: Guten Abend live aus dem Newsroom der Krähenpost. Mein Name ist Samantha Broschinski und wir melden uns live mit einem Update zu der mysteriösen Komentensichtung, die seit heute Morgen Journalisten und Wissenschaftlerinnen auf der ganzen Welt beschäftigt. Ich bin jetzt live verbunden mit unserem Praktikanten Günter, der dankenswerterweise seinen Surfurlaub auf Hawaii unterbrochen hat und sich exklusiv für uns auf den Weg hoch zum Mauna-Kea-Obsersatorium gemacht hat. Günter, beschreib uns doch bitte kurz: Wo genau bist du gerade? Günter: Hallo Samatha. Ich muss gestehen, ich bin noch ein bisschen aufgeregt, denn das hier ist mein allererster Einsatz für Krähenpost.tv. Ich bin hier am Gipfel des Vulkans Mauna Kea auf Hawaii auf 4200 Metern Höhe.. Zum Glück ist es hier noch mitten in der Nacht und so können die Astronominnen hier seit mehreren Stunden live mitverfolgen, was gerade im Orbit des Mars geschieht, unseres roten Nachbarplaneten. Samantha: Günter, vor einigen Stunden gab es erste Meldungen, dass ein bisher nur Expertinnen bekannter Komet überraschend von seiner Bahn abgewichen ist und direkt auf den Mars zusteuert. Konntest du diese Angaben inzwischen verifizieren und wie genau ist der Status jetzt. Günter: Ja, Samantha, alle, mit denen ich hier sprechen konnte, bestätigen, dass der Komet vollkommen aus dem Nichts eine neue Bahn ins innere des Sonnensystems eingeschlagen hat und dem Mars gefährlich nahe gekommen ist. Die Wissenschaftlerinnen haben dem Kometen die interne Bezeichnung „Alien Intra Solar-system Comet with High Energy“ gegeben, oder kurz: AISCHE. Samantha: Günter, unsere Hörerinnen interessiert natürlich ganz besonders, ob eine unmittelbare Gefahr für die Erde besteht. Immerhin ist ja bald Weihnachten. Günter, werden wir dieses Jahr unvorstellbar schreckliche Horror-Alien-Weihnachten erleben. Günter: So leid es mir tut, Samantha, aber völlig ausschließen kann das ich nach derzeitigem Wissensstand nicht. Wenn du mich also direkt fragst, ob ich unvorstellbar schreckliche Horror-Alien-Weihnachten auf der Erde ausschließen kann, würde ich sagen: Nein, ich kann leider nicht ausschließen, dass wir dieses Jahr ein unvorstellbar schreckliches Horror-Alien-Weihnachten bekommen. Ich habe genau zu dem Thema eine der Wissenschaftlerinnen hier im Observatorium befragt. Das hat hat sie mir geantwortet: Günter: Entschuldigen Sie. Darf ich sie fragen, was sie gerade machen.? Forscherin: Äh. Ich mache gerade Pause. Ich essen mein Butterbrot und spiele Minekraft. Günter: Ähm. Okay. Darf ich sie fragen, können sie zu Einhundertprozent und mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass wir dieses Jahr ein unvorstellbar schreckliches Horror-Alien-Weihnachten bekommen? Ich denke, unserer Hörerinnen haben das Recht auf eine ehrliche Antwort. Forscherin: Zu Einhundertprozent und mit absoluter Sicherheit ausschließen? Also eigentlich kann niemand in der Wissenschaft irgendwas zu 100 Prozent und mit absoluter Sicherheit ausschließen, außer…. Günter: Du hast es selbst gehört Samantha. Ich denke es ist unsere journalistische Pflicht, den Menschen da draußen die ungeschminkte Wahrheit zu sagen: Die Wissenschaft ist sich einig – es wird unvorstellbar schreckliche Horror-Alien-Weihnachten geben. Samantha: Günter, darf ich dich fragen, nehmen die Wissenschaftlerinnen die ungeheure Bedrohung durch den Kometen auch wirklich ernst genug? Ich hatte bei der Antwort den Eindruck, da wird einfach Dienst nach Vorschrift gemacht. Ist das so? Günter: Ja, es ist mir unerklärlich, Samatha, aber den Eindruck habe ich leider auch. Anscheinend sind wir Journalistinnen gerade die einzigen hier, die den unvorstellbaren Ernst der Lage durchschauen. Samantha: Was genau passiert jetzt gerade? Hat die Presse Zugriff auf die aktuellen Bilder der Teleskope? Günter: Ja, Samatha. Mir wurde gesagt, die Bilder vom Mars kommen hier mit einer Verzögerung von rund 4 Minuten an. Es scheint so zu sein, dass der Komet kurzfristig abgebremst hat und an einem Punkt in der Nähe des Mars zum Halten gekommen ist, den die Wissenschaftlerinnen Lagrange-Punkt L1 nennen. Ich habe unsere Krähenpost-Expertin Professor Dr. Gertrud Walross gefragt, was ein Lagrange-Punkt ist. Hier ihre Antwort: Walross: Uh ! Uh1 Uh! Uh! Uh! … (Overlay Übersetzung): Ja, herzlichen Dank für die Frage. Die Langrange Punkte sind nach einem berühmten italienischen Mathematiker benannt. Jeder Planet, der um einen Stern kreist, hat genau 5 Langrange Punkte. Das sind Punkte im Weltall, auf denen ein Gleichgewicht zwischen den Graviationskräften des Planten und des Sterns herrscht. Der Lagrange-Punkt L1 liegt in diesem Fall zwischen dem Mars und der Sonne und der Komet bleibt, wenn er erst einmal an diesem Punkt ist, immer zwischen der Sonne und dem Mars. Samantha: Günter, ich sehe von hier aus auf dem Bildschirm, dass auf dem Kometen große sonnenschirmartige Strukturen in Richtung Sonne zeigen. Kannst du dazu etwas sagen? Günter: Ja Samantha, das hat die Wissenschaftlerinnen auch gewundert. Sie sehen in der maximalen Vergrößerung mit dem Teleskop tatsächlich wie Pilze aus. Apropos, Samantha, kennst Du den schon? Sitzen zwei Pilze auf der Lichtung und hobeln Joghurt. Sagt der eine: Wenn du weiter so langsam machst, dann ist es dunkel, bevor der Witz vorbei ist. Samantha: Super Günther, der ist wirklich sehr lustig. Aber sag mal, hat das, was da oben gerade passiert, auch Auswirkungen auf den Mars? Günter: Ja, genau das habe ich Professor Walross auch gefragt und das hat sie mir dazu erzählen können: Walross: Uh ! Uh1 Uh! Uh! Uh! … (Overlay Übersetzung): Wir sind uns nicht sicher. Aber da der Komet relativ groß ist und diese großen pilzartigen Strukturen auf ihm existieren, kann es sein, dass dadurch dauerhaft ein großer Teil der Partikel gestoppt wird, die von der Sonnenaktivität zum Mars geschleudert werden. Das könnte für zukünftige Marsmissionen von Menschen auf der Erde sogar ganz hilfreich sein, weil sie dann auf dem Mars viel weniger Teilchenstrahlung von der Sonne ausgesetzt wären. Die Kolleginnen konnten erst allererste Messungen durchführen, aber irgendetwas auf diesem Kometen erzeugt ein kleines Magnetfeld, das diesen Effekt sogar noch verstärkt. Wir konnten es noch nicht genau identifizieren. Bisher sehen wir nur, dass es rot ist und auf der Rückseite steht in großen Buchstaben geschrieben: „Eat My Dust, Admiral Klumpatsch Mittelfinger-Emoji. Günter: Samantha, gerade höre ich, dass etwas Interessantes geschieht: Das rote Ding ist urplötzlich in einer Art buntem Quantenwirbel verschwunden. Samantha: Günter, das musst du unseren Höreinnen genauer erklären. Was ist ein Quantenwirbel. Günter: Laut den Wissenschaftlerinnen hier ist sowas bisher nur in der Populärkultur bekannt. In manchen Sciece-Fiction-Geschichten wird so etwas von wissenschaftlich ahnungslosen Autorinnen verwendet, um Zeitreisen zu erklären. Samantha: Günter, ich muss gestehen, das kommt mir alles sehr seltsam vor. Ich danke dir für die Live-Eindrücke. Und den Zuhörenden verspreche ich, dass wir uns natürlich sofort wieder melden, sollte uns der Komet doch noch unvorstellbar schreckliche Horror-Alien-Weihnachten bescheren, wie es einige Wissenschaftlerinnen gegenüber diesem Sender wiederholt gesagt haben. Günter: Warte kurz, ich höre gerade, dass es auf dem Mars eine neue Entwicklung gibt. Die Mars-Orbiter der Europäischen und Chinesischen Raumfahrtagentur sowie der Orbiter der Vereinigten Arabischen Emirate melden, dass gerade ein rotes Objekt auf dem Mars gelandet ist. Das passt zu einer ähnlichen Sichtung, die erst kürzlich vom Mars gemeldet wurde und bei der alle dachten, die betreffende Wissenschaftlerin war einfach nur zu abgelenkt vom Minecraft spielen. Samantha, kannst du diese neue Entwicklung bestätigen? Samantha: Ja, Günter. Wir bekommen hier tatsächlich gerade Live-Material von den Chinesischen Kolleg*innen eingespielt. Es ist wirklich unglaublich! Aus dem roten Dinge steigt jemand aus! Günter, wir werden gerade Zeuge der ersten Landung von Aliens in unserem Sonnensystem! Der eine hat entfernte Ähnlichkeit mit einem Schaf in einem Raumanzug oder so etwas und das andere ist eine Art Katze oder so. Die sieht aber schlecht gelaunt aus! Sie tragen etwas, das wie Säcke oder Tüten aussieht. Günter, du magst mich für verrückt halten, aber es sieht so aus, als würden sie ihre Gartenabfälle aus den Säcken einfach aus dem Mars ausschütten! Was sind das denn für Ferkel! Drei große Haufen haben sie gemacht. Und was ziehen sie jetzt noch für eine Folie darüber? Und da sind auch noch kleine Wesen bei Ihnen. So kleine Pilz-artige und ein rotes Männchen, das die ganze Zeit um die anderen rumläuft und Ihnen Befehle gibt. Günter, das ist eine regelrechte Invasion! Jetzt scheinen die Pilzartigen dem roten Männchen irgendetwas zu erzählen und, Günter, ich weiß nicht genau, was jetzt passiert ist, aber der Rote ist plötzlich auf dem Boden zusammengebrochen und scheint eine Art Krampfanfall zu haben. Oh mein Gott, haben die Pilze eine Art Telepathietodesstrahl-Geheimwaffe? Günter, können wir wirklich zu Einhundertprozent absolut sicher ausschließen, dass wir’s nicht mit megagebührlichen Horror-Aliens zu tun haben?

Zeitmaschinengeräusch

Thomas: Mäh, haben wir irgendwo Oropax? Diese Pilz-Witze sind wirklich der absolute Horror! Beffaná, du hättest ruhig mal tragen helfen können, mäh. Von wegen drei kleine Ameisenhaufen! Das waren riesige Säcke! Und das Zelt für die Ameisen war auch richtig Arbeit! Beffaná: Ach komm, du hattest doch Schrödinger um Helfen. Ich wollte mich noch ein bisschen mit Harold unterhalten, bevor wir ihn zurück zu Aische und den anderen Pilzen bringen. Thomas: Und du meinst, die Pilze kriegen das mit dem Terraforming hier hin? Beffaná: Ach, bestimmt. Lars und die Pilze verstehen sich ja prächtig, so wie Lars über ihre Witze lacht. Oh, Harold, Potzblitz, lass doch die Schleusentür nicht offen stehen. Sonst kommen wieder die Pilze rein…! Pilz: Ach, hier steckt ihr alle: Kennt ihr den schon: Ein Priester, ein Rabbi und ein Fliegenpilz sitzen in einer Bar. Sagt der Rabbi: Ey, kannst du fliegen, Pilz…

Beffaná 2021

Folge 18: Kein Puzzle für Lars

Früher, sagt der kleine rote Mann in der goldenen Rüstung, früher war alles besser. Früher hatte der kleine rote Mann den Titel Ludovico der Schreckliche, Gottkaiser vom Mars. In der Sprache der Marsianer heißt der Mars natürlich nicht Mars, das wäre schon ein irrer Zufall, wenn ein Planet in der Sprache zweier völlig unterschiedlicher Spezies gleich hieße. in der Sprache der Marsianer heißt der Mars Lars. Das ist allerdings lange her. Längst sind Marsianer ausgestorben und zu Staub zerfallen und nur Ludovico, der sich jetzt einfach nur noch Lars nennt, ist noch übrig. Lars ist übrig, weil er tatsächlich Gottkaiser ist. Von dem Kaiser-teil seines Titels hat er nicht mehr viel, aber der Gott-teil bedeutet, dass er allmächtig und unsterblich ist und daher seiner Heimat seit vielen Jahrmillionen sehr einsam beim Rosten zuschaut. Streng genommen ist Lars nicht allmächtig-allmächtig, sondern war nur sehr viel mächtiger als alle seine ehemaligen Untertanen. Allerdings hatten seine Untertanen die Größe, Gestalt und Intelligenz von Waldameisen. Wahrscheinlich waren es sogar Waldameisen, vermutet Thomas, aber wer kann das schon wissen. „Ich weiß es!“ ruft Lars aka Ludovico der Schreckliche. „Es waren keine Ameisen! Das waren richtige Untertanen. Mit sechs Beinen und Fühlern und so komischen schwarzen Glubschaugen. Total unheimlich, ich sag’s euch.“ „Ich verstehe immer noch nicht, warum du dich bei uns gemeldet hast?“ fragt Beffaná. „Weil ihr diese Werbung im Streaming-Programm geschaltet habt, dass jedes galaktische Monster, das Eure Hilfe braucht, sich melden soll.“ „Du bist 20 Zentimeter groß. Mit Stiefeln!“ sagt Beffaná. „Dagegen ist unser Rattenkönig ein Riese.“ „Ich fress Dich auf!“ sagt Fleur und man weiß nicht so genau, ob Beffaná oder Lars gemeint ist. Da Fleur aber keine Anstalten macht, sich aufzurichten und irgendwas in Richtung Auffressen zu unternehmen, beachtet sie keiner. „Ich bin zehnmal größer als alle meine Untertanen“, sagt Lars. „Glaub mir, ich bin ein Monster. Ich war der Schrecken des Planeten. Manchmal hab ich ein Glas über einen meiner Untertanen gestülpt und stundenlang beobachtet, wie er versucht hat, von innen die Wände hochzuklettern. Aber seit ein paar Milliarden Jahren ist hier tote Hose und es interessiert niemanden, wie schrecklich ich bin. Ich bin traurig!“ „Hast du’s mal mit Puzzeln probiert“, fragt Fleur. „Ein Schwager von mir hat viel gepuzzelt. Hat gegen seine Panikattacken geholfen. Außer der einen…“ „Der einen, was…?“ „Der Panikattacke, als ich ihn aufgefressen habe. Aufgefressen oder assimiliert… Puh… Joachim, bist du da…? Nee. Offensichtlich aufgefressen.“ „Das nächste Puzzle-Geschäft ist 70 Millionen Kilometer entfernt. Helft ihr mir jetzt, oder nicht?“ „Wie sollen wir dir helfen, Lars?“ fragt Beffaná. „Hey, in eurer Werbung klingt das, als wär’ es EUER Job, das zu klären!“ „Bitte, dann gibt’s das Puzzle“, sagt Beffaná. „Irgendwelche besonderen Wünsche?“ „Ich will meine Untertanen zurück und erneut eine Herrschaft des Schreckens auf dem roten Planten errichten!“ „Ich glaube, er will kein Puzzle“, sagt Fleur. „Gut“, sagt Beffaná. „Schrödinger. Was müssen wir tun, damit Lars wieder Schreckensherrscher über seine Ameisen werden kann?“ „Das sind keine Ameisen!“ „Natürlich sind das Ameisen, Herrgott“, schnaubt Schrödinger. „Ich war schon mal hier, ich hab’s mir angeschaut. Du hattest drei mickrige Ameisenhügel und hast dich aufgespielt wie Napoleon.“ „Wer ist Napoleon.“ „Sowas ähnliches wie Alien-Napoleon, nur bei uns auf der Erde.“ „Ah, okay. Alien-Napoleon war cool. Dann will ich sowas werden wie Alien-Napoleon.“ „Nur mit Ameisen.“ „DAS SIND KEINE AMEISEN!“ „Entschuldigung“, blökt Thomas, „nur aus Interesse: Wo gab’s denn mal einen Alien-Napoleon?“ „Blöde Frage. In Alien-Frankreich, natürlich“, sagt Schrödinger. „Also“, sagt Beffaná. „Was können wir tun? Können wir in der Zeit zurückreisen und Lars’ Untertanten irgendwie vorm Aussterben bewahren?“ „Das könnten wir vielleicht“, sagt Schrödinger. „Aber Lars’ Untertanten sind schon seit ein paar Milliarden Jahren nicht mehr da. Wenn wir dahin zurückreisen und sie irgendwie retten, dann mache ich mir so ein bisschen Sorgen, dass sie irgendwann Raumschiffe bauen und die Erde übernehmen, bevor’s da überhaupt Dinos oder Menschen gab.“ „Versprichst du, dass du’s nicht machst?“ fragt Beffaná den Gottkaiser des roten Planeten. „Sorry, kann ich echt nicht machen. Was wär’ ich denn für ein lausiger Alien-Napoleon, wenn ich keine fremden Planeten erobern würde.“ „Dann eben nicht“, sagt Beffaná. „Kommt Leute, wir gehen. Auf der Rückrufliste stehen noch sieben andre Monster.“ „Wir könnten natürlich auch zurückreisen und die Untertanen hierhin bringen“, sagt Schrödinger. „Ich meine, es sind drei Ameisenhügel. Ist unwahrscheinlich, dass die in den nächsten paar Millionen Jahren die Erde bedrohen.“ „Das wär supi“, sagt Lars aka Ludovico der Schreckliche. „Kann könntet ihr vielleicht Frauke mitbringen? Das war meine Lieblingsam….. -untertanin. Die habe ich auch nie gefoltert oder so. Aber die Frage ist ja: Sterben meine Untertanen auf dem heutigen Mars nicht sofort wieder aus? Das wär’ dann ja total ärgerlich, weil dann müsste ich mich nochmal bei euch melden oder `ne schlechte Bewertung geben und das muss ja alles nicht sein.“ „Wenn Du uns eine schlechte Bewertung gibst, dann fress ich dich auf!“ „Ich bin Ludovico der Schreckliche! Ich gebe so viele schlechte Bewertungen wie ich will. Wenn der Service schlecht ist, dann muss es auch miese Bewertungen geben, sonst macht das ganze System keinen Sinn! Also: Sterben sie jetzt sofort wieder aus oder nicht?!“

Schrödinger: Ja, tun sie. Aber mit Hilfe von total cooler ud überhaupt nicht langweiliger Wissenschaft können wir das vielleicht verhindern. Habt ihr Lust auf ein bisschen total coole und Interessante Wissenschaft, Kinder? Kinder: Ja!! Schrödinger: Dann mal los. Um zu verstehen, wie man neues Leben auf dem Mars ansiedeln könnte, müssen wir erst einmal verstehen, was damals beim Mars überhaupt schief gegangen ist. Das Hauptproblem beim Mars ist sein Magnetfeld. Er hat nämlich keins. Besser gesagt: Er hat keins mehr. Oder so gut wie keins. Ein Magnetfeld wie bei der Erde ist aber total wichtig für die Entstehung von Leben. Das Magnetfeld der Erde wirkt erstens wie eine Art Schutzschild gegen die Sonnenstürme. Immer wenn von der Sonne Teilchen ins Weltall geschleudert werden, kann das für das Leben auf einem Planeten gefährlich werden. Mit Schutzschild ist man davor aber sicher. Außerdem hilft dieser Schutzschild auch, dass ein Planet eine Atmosphäre aufbauen und behalten kann. Der so genannte Treibhauseffekt, der bei der Erde momentan so viel diskutiert ist, weil er für die Erderwärmung sorgt, dieser Treibhauseffekt wäre beim Mars total praktisch. Denn auf dem Mars ist es viel zu kalt. Gäbe es ein Magnetfeld und damit vielleicht auch eine Atmosphäre und Wolken auf dem Mars, dann könnte es dort viel wärmer werden. Es könnte wegen der Wolken auch wieder regnen. Vielleicht fragen sich jetzt einige, warum es denn kein Magnetfeld mehr auf dem Mars gibt. Früher hatte er nämlich eins. Das hängt damit zusammen, das ein Planet für ein Magnetfeld einen heißen, flüssigen Kern aus Metall, vor allem Eisen braucht. Wenn ein Planet sowas hat und sich dabei um sich selber dreht, dann erzeugt er Strom, ähnlich wie ein Fahrraddynamo. Und da, wo auf diese Weise Strom fließt, da entsteht auch ein Magnetfeld. Das nennt man Induktion und auch das ist super-coole, überhaupt nicht langweilige Wissenschaft Kinder. Aber das erzähle ich beim nächsten Mal.
Kinder: Ja!! Schrödinger: Der Mars hat deshalb kein Magnetfeld mehr, weil er kleiner als die Erde ist. Darum ist sein heißer Kern auch schneller kalt geworden, das Metall wurde fest, es floss kein Strom und der Magnet war aus. Verstanden? Kinder: Ja!!

„Aber wir können ja den Kern vom Mars nicht wieder heiß machen!“ sagt Lars. „Oder?“ „Nein.“ „Wie sollen meine Amei….“ „Ha, du wolltest Ameisen sagen!“ „Ja, meinetwegen! Okay ich geb’s zu. Es waren Ameisen. Ist doch nicht schlimm! Wie sollen meine Ameisen dann hier überleben ohne Magnetfeld? Dann ist das ja alles umsonst!“ Fleur: „Willst du doch ein Puzzle?“ Schrödinger: „Nein, warte, wir müssen die beiden Dinge, für die das Magnetfeld sorgt, irgendwie anders hinkriegen. Wir müssen einen Schutzschirm gegen die Sonnenpartikelstürme bauen und eine Atmosphäre erzeugen. Und dabei…“ Beffaná: „Potzblitz, jetzt verstehe ich. Und dabei könnten uns ein paar alte Freunde helfen! Schmeiß schon mal die Zeitmaschine an, Schrödinger!“ Thomas: „Mäh! Weißt du was sie meint, Fleur?“ Fleur: „Ja, soeinverdammterMist! Sie meint: PILZE!“

Beffaná 2021

Folge 17: Vier glorreiche Halunken

Es geschah in meinem neunten Jahr auf Rigel 3. Wir hatten die Eiswürmer weit hinaus in die Ebene der Winde vertrieben und seit fast drei Monden war Ruhe in der Stadt. Die Nacht war vorgedrungen, am Himmel stand weithin leuchtend der Hexenkopfnebel und die Gipfel der Pathos-Berge glitzerten im Sternenlicht. Drinnen in der Bar stritten sich Kang und Kodos um das letze Stück Wurmleber und der Automat spielte seit Stunden die Klagelieder der großen Mutter von Gorbsch. Der Major war oben in seinem Zimmer und hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Dennoch wartete draußen vor der Tür, gesattelt und bereit, sein Kryon-Drache. Das Tier war unruhig. Bis hinter den Bartresen hörte ich sein Schnauben in der eisigen Kälte. Das Licht flackerte. Die beiden Leuchtfeen flogen, statt oben an der Decke zu bleiben, immer wieder zum Tresen, um das Schaf zu beschnüffeln, das seit einer Stunde vor einem Glas Wasser saß und auf den Bildschirm starrte. „Mach die scheiß Roten-Alien-Rosen aus!“ schrie Kang. „Diese stereotypen Charaktere beleidigen meine Intelligenz!“ Kodos gluckste zustimmend, nutzte die Ablenkungen aber und schnappte sich das letzte Stück Wurmleber. „Niemand schaltet irgendetwas aus“, brummte das Schaf. „Das ist die Folge, in der Alien-Katrin vor Augen geführt wird, dass sie nicht mehr Teil von Alien-Florians Familie ist und Alien-Mia und Anke den Vortritt beim Krankenhausbesuch lässt. Außerdem muss Alien-Simon Gunter überzeugen, dass er sein Assistent im Hotel wird.“ „Woher weißt du das?“ grunzte Kodos. „Bist du etwa ein Zeitreisender?“ „Fernsehzeitung“, meckerte das Schaf und warf Kodos den steinernen West-Galaxis-Streaming-Almanachen an den Kopf.

In diesem Augenblick ging die Tür des Majors auf und der Alte stand oben am Geländer. „Niemand spoilert Rote-Alien-Rosen, solange ich auf diesem Planeten etwas zu sagen habe“ rief er mit fester Stimme herunter und schritt mit seinen schweren Stiefeln die Treppe hinunter. „Wer ist der Bettvorleger?“ fragte er mich, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken. „Sitzt seit einer Stunde hier und starrt in sein Wasserglas.“ „Immerhin jemand, der einen guten Drink zu schätzen weiß. Gib mir auch eins, aber in einem sauberen Glas.“ „Natürlich, Major“, sagte ich und verschwand kurz in den Keller, um ein Glas für den Major sauberzulecken. Als ich wieder hoch kam, hatte sich der Major direkt neben das Schaf gesetzt. „Gibt es noch Wurmleber?“ fragte er, und als ich nur den Kopf schütteln konnte, schaubte der Major einmal kurz auf und bestellte eine Packung Fischstäbchen. „Was willst du hier?“ fragte er das Schaf. „Wenn du in meine Stadt kommst, musst du als allererstes um Erlaubnis fragen, bevor du auch nur einen Huf auf meine Straßen stellst. Also?“ „Also was?“ „Ich habe nicht gehört, dass du gefragt hast!“ „Ich habe nicht gefragt“, sagte das Schaf. „Man sagt, du hättest auch nicht gefragt.“ In der Bar wurde es still. Die Leuchtfeen flitzten blitzartig nach oben an die Decke und stießen fluchend mit den Köpfen aneinander. Kang und Kodos entblößten ihre Zähne. „Ich… hätte nicht gefragt?“ zischte der Major. „Darauf kannst du verdammt noch mal wetten, dass ich nicht gefragt habe! Mir gehört dieser ganze verdammte Planet! Jedes Eiskristall, jeder Stein, jedes einzelne verdammte Atom auf diesem Planeten ist mein Eigentum! Selbst Kang und Kodos hier machen genau das, was ich ihnen sage. Stimmt doch, Kang?“ Kang wollte antworten, verschluckte sich aber an dem Stückchen Wurmleber, das er Kodos im letzten Moment aus dem Maul gerissen hatte und nickte nur wild, während er hustete. „Die Würmer sagen, dass sie zuerst hier waren“, schnurrte es da aus Richtung der Tür. Im Eingang zur Bar stand die lässigste Katze im ganzen Hexenkopfnebel. Sie lutschte an einem Eiszapfen, während sie langsam zum Schaf und zum Major ging. „Die Würmer sagen, sie hätten dich, obwohl du nicht gefragt hast, trotzdem willkommen geheißen und dich zu ihrem Ehrenbruder gemacht. Sie sagen, sie haben dir sogar einen elektrisch beheizten Eiskratzer und eine Heizdecke mit 2 Jahren Garantie plus Option auf eine Mitgliedschaft in ihrem Curling-Team geschenkt und du… hast sie gejagt!“ „Sie waren im Weg“, brummte der Major. „Sie sind abscheulich!“ ergänzte ich. „Und lecker!“ ´schmatzte Kang.

„Genug geredet!“rief das Schaf und stieß den Hocker nach hinten. „Die Würmer finden in der Ebene keinen Schutz und nichts zu fressen. Sie müssen in die Berge zurück, um zu überleben. Und wir sorgen dafür, dass genau das auch geschieht.“ „Tut ihr das?“, lachte der Major. Er trank sein Wasserglas mit einem Zug aus und bließ auf seiner Drachenpfeife. Ich wusste, was er vorhatte und bückte mich hinter den Tresen, um bereit zu sein für das, was jetzt folgte. „Gorgon!“ bellte der Major, „komm herein! Ich nominiere dich zum Duell!“ Kang und Kodos lachten nervös, sprangen aber sofort auf und verzogen sich hinter den Musikautomaten. Der Drache brach durch den Haupteingang und steckte sein riesiges Haupt durch den Raum bis zum Tresen. „Major?“ fragte er. „Such dir einen aus“, sagte der Major. „Sie bezweifeln meine Rechte an dem Planeten.“ „Du da!“ Dröhnte der Drache und wies mit seiner Schnauze auf das Schaf. „Wie ist dein Name?“ „Der Name ist Thomas.“ „Dann Thomas, fordere ich dich zum Duell. Alles oder nichts. Du kennst die Regeln?“ „Welche Regeln?“ sagte das Schaf und grinste. „Mäh, nur Spaß. Wir spielen drei offene Runden. Mein Partner Schrödinger macht die Ersatzrunde. 1 Joker, aber im Team.“ „Guuuut“, lachte Gorgon, der Drache. „Ich nominiere Kang als Ersatz. Aber wir spielen alle 17 Staffeln. Und wenn du verlierst, dann gehört mir dein Fell.“ Das Schaf schluckte. „Und wenn Du verlierst, verlasst ihr den Planeten für immer und die Würmer können zurück ins Gebirge.“ Ich trat hinter dem Tresen hervor und legte meine Quizblöcke und die Sanduhr neben mich auf den Tisch. „20 Sekunden pro Frage“, sagte ich. „Ich notiere die Ergebnisse und Kodos ist der Regelwart.“ „Mach ich“, maulte Kodos. „Wenn ihr meine Schiedsrichterlinzenz sehen wollt, die hängt drüben an der Wand. Lehrgangszweitbester im letzten Jahr hinter Gesine Schlotterbeck. Diese blöden Streberin.“ „Es geht los!“, sagte ich. „Alien-Rote-Rosen-Kneipen-Quiz. Erste Runde: Wie heißt Alien-Clemens’ Winters erste Ehefrau in der 7. Staffel, bevor der merkt, dass er Gefühle für Alien-Susann hat und mit ihr, nachdem die sich von ihrem totgeglaubten Mann Alien-Roman getrennt hat, eine Teeplantage in Alien-Vietnam gründet?“ „Alien-Regina!“ dröhnte Gorgon wie aus der Schneepistole geschossen. Das Schaf wurde bleich. „Korrekt“, sagte ich und der Major klopfte anerkennend mit den Fingerknöcheln auf den Tresen. „Es ist natürlich dieselbe Alien-Regina, die vorher Zusammen mit Alien-Britta Berger, der Ärztin aus Leidenschaft, einen Medizinpreis für ihre Studie an Morbus Kensington gewinnt und die zwischendurch auch eine Affäre mit dem Meeresbiologen Thomas Alien-Janson hat.“ „Natürlich“, brummte Kodos. „Verdammt, Thomas!“ miaute die Katze. „Ersatzrunde! Ersatzrunde!“ „Ich beantrage Ersatzrunde“, sagte das Schaf. Es schaute entschuldigend zu der Katze hinüber. Kodos zog die Ersatzaufgabe aus dem Kartenstapel. „Alien-Montagsmaler!“ sagte er. Es stellte sich heraus, dass die Katze überhaupt nicht zeichnen konnte und das Schaf versuchte gar nicht erst, die Kritzelei der Katze am Flipchart zu erraten. „Zwillingsparadoxon“, zischte die Katze, als sie sich neben das Schaf setzte. „Die Lösung war Zwillingsparadoxon!“ „Du hast ein Gesicht gemalt!“ „Das sollte die Mona-Lisa sein. Und Mona und Lisa sind die Zwillinge bei Halo-Spencer!“ „Nächste Runde“, rief ich. „Aufgepasst: Was für einen Laden eröffnet Alien-Helen in der 14. Staffel?“ Wieder war der Drache schneller. „Cupcake—Laden“, brüllte er. Kang und der Major grinsten, aber dieses Mal gab sich das Schaf nicht so schnell zufrieden. „Falsch!“ mähte es. „Es ist genau genommen ein so genannter Cupcake-Pop-up-Laden.“ „Aber das ist doch das gleiche“ donnerte der Major. „Nein!“ rief Schrödinger. „Ein Laden ist ein Laden. Aber ein Pop-up-Laden ist ein Laden, den die jungen Alien-Leute heutzutage einfach mal schnell irgendwo eröffnen, wo eigentlich noch was anderes verkauft oder gemacht wird. Und wenn sie nach 2 Tagen merken, dass ihre Trendy-Hipster-Idee nur ein Haufen Scheiße ohne vernünftigen Business-Plan ist, schmeißen sie alles wieder hin, wandern nach Peru aus und eröffnen dort ein stinknormales Café. So wie Alien-Helen und Alien-Peer am Ende der 14. Staffel.“ Jetzt schauten alle auf Kodos. Der sah sehr gequält aus. „Denk an deine Schiedrichter Lizenz!“ mahnte ihn das Schaf. Das wirkte. „Fehler. Punkt für das Schaf. 1:1.“ Gorgon tobte! Sein Kopf schoss in die Höhe und eine der Feen-Lampen wurde fast zwischen seinem Schädel und der Zimmerdecke zerquetscht. „Hätte ich bloß diese verdammte Gesine Schlotterbeck nach Rigel geholt“, schrie der Major. Er musste sich merklich zusammenreißen, um Kodos nicht an die Gurgel zu gehen. Aber alle im Raum wussten, dass so etwas gegen alle Regeln der Galaxis verstoßen hätte: Das Quiz und seine Regeln stehen immer über den Belangen der Einzelnen. Kodos schüttelte sich: „Die letzte Runde entscheidet. Bereit?“ „Bereit.“ „Bereit.“ „Achtung: Doppelfrage. Alien-Marc und Alien-Alice verlassen am Ende der zweiten Staffel den Hautplaneten Demenz, um im Aldebaran-System Schafe zu züchten. Mit wem war Alien-Marc noch kurz vorher zusammen und warum hat er sich von ihr oder ihm dann doch getrennt?“ Zum ersten Mal konnte ich den Drachen wirklich verunsichert sehen. Es malte in seinem Hirn. Ich war mir sicher, dass er den Namen kannte. Aber kannte er auch den Trennungsgrund? Alle wussten, dass Fragen zu Motiven der Handelnden sehr tricky waren. Denn erstens wurden sie meist nicht explizit erklärt und zweitens waren sie nicht selten auch an den Alien-Haaren herbeigezogen, um einer Staffel noch ein Happy-End zu verpassen. Aber auch das Schaf schwankte. Und dann… sahen sich die beiden Kontrahenten an und brüllten absolut synchron: „Joker-Runde!“

Der Boden der Bar bebte, als draußen die Drachen landeten. Gorgon hatte nicht weniger als drei seiner Brüder als Joker benannt. Es war eine äußerst schwierige Übung, zumindest die Köpfe der drei in die Bar hineinzubekommen. Fenster splitterten. Ich würde im Anschluss viel reparieren müssen. Als der Joker des Schafs in die Bar kam, wurde es erneut mucksmäuschenstill in der Bar. Dick eingepackt in einen Schneeanzug kam eine junge Alien-Frau durch die Tür. Begleitet wurde sie von einem keifenden, zuckenden Fellball. Alle Anwesenden im Raum wussten sofort, wen sie hier vor sich hatten. Das Bild der jungen Alienfrau wurde seit Wochen über alle Streaming-Dienste der westlichen Galaxis gesendet. Es war die Hexe Beffaná. Wo immer sie und ihre Bande auftauchten, stifteten sie Chaos und Verzweiflung. Angeblich waren sie sogar der großen Leere entkommen und hatten Admiral Klumpatsch und seine 7. Raumflotte abgehängt. Das Schaf zwinkerte Beffaná zu. „Sie schenken hier ein sehr anständiges Wasser aus“, sagte es zu ihr und funkelte dann mich direkt an: „Für manche sogar im sauberen Glas.“ Ich leckte in Windeseile ein Glas aus, begab mich zurück an meinen Platz zur Sanduhr und wartete gespannt auf die Jokerfrage. Kodos mischte sorgfältig den Fragenstapel. „Die richtige Antwort eben wäre übrigens Cathrin Alien-Wadowski gewesen, die Frau, die Alien-Marc bei einem Raumschiffabsturz das Leben rettete.“ „Und der Grund für die Trennung“ fragte der Major. „Er hat gemerkt, dass er Dankbarkeit mit Liebe verwechselt hat.“ „Ich wusste es!“ brüllte der Drache. „Immer verwechseln diese verdammten Idioten Liebe und Dankbarkeit. Das ist doch einfach nicht zu fassen!“ „Ruhe jetzt bitte“, sagte Kodos und zog eine Quizfrage aus dem Stapel. „Das ist die entscheidende Frage. Maximal 60 Sekunden Zeit.Wer sie richtig beantwortet hat sofort gewonnen. Wer sie falsch beantwortet hat sofort verloren. Nicht antworten ist gegen die Regeln. Es zählt die schnellste Antwort. Beratung in der Gruppe ist erlaubt. Bereit?“ „Bereit!“ „Bereit.“ Die Drachenköpfe drängelten sich bis fast zu meinem Tresen. Ich konnte ihre heißen Atemwolken spüren. Auch das Team des Schafes und der Hexe wirkte angespannt.
„Also: Warum…“ „Oh verdammt, schon wieder eine Warum-Frage!“ zischte einer der Drachen. „Pssssst! Also: Warum gucken wir uns diesen Scheiß eigentlich jeden Tag wieder an?“ Die Hexe, und das ist die Wahrheit, ich schwöre, die Hexe antwortete schneller als ihr Schatten an der Wand: „Weil wir trotz all der Stereotypen die Identifikation grundlegender sozialer Dynamiken in seriellen Narrativen allein schon aus evolutionären Gründen interessant und relevant finden, weil wir die Protagonist:innen und ihr Handeln ständig im Rahmen sozialer Vergleichsprozesse mit uns selbst und unserem Leben abgleichen, was im Laufe der Zeit zur Manifestation von Empathie und para-sozialen Beziehungen führt und schließlich: Weil uns langweilig ist und wir die Kulisse und die Landschaftsbilder manchmal einfach toll finden! Potzblitz!“

Wieder regte sich niemand in der Bar. Selbst die Drachen hatten das Atmen eingestellt. Durch die offenen Fenster wehte eisige Luft herein und irgendwo weit draußen auf der Ebene der Winde begann der Jubel der Eiswürmer.

Beffaná 2021

Folge 16: Geister

Am Tag, als Beffaná 18 Jahre alt wurde, zog sie aus der Wohnung im achten Stock des Hochhauses mitten in der Stadt aus. Es gab keinen Streit, es gab keine Tränen, aber es gab auch keinen Abschiedskuss von ihrem Vater. Beffaná war nicht traurig, sie hatte ein ganzes Leben voller Abenteuer vor sich.

Bis Beffaná mit der Schule fertig war, lebte sie mit ihrer besten Freundin Jess in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Dann starb Sami, Beffanás geliebter Hund, an Altersschwäche. Kurz darauf besuchte ihr Vater sie zum ersten Mal für ein paar Stunden in der neuen Wohnung. Sie reden lange über die letzten Jahre, in denen Anil Grimm alle Hände voll damit zu tun gehabt hatte, sich um Jacob, ihren jüngeren Bruder zu kümmern. Zu dem Zeitpunkt, als Beffaná gerade mit ihrem Trekkingrucksack, dem alten Besen und Sami die Familienwohnung im achten Stock verließ, stand Anil Grimm im Büro eines Kaufhausdetektivs und musste sich eine Standpauke über die Klauerei seines Sohnes Jacob anhören. Jacob ließ derweil im Nebenzimmer einen Garderobenständer durch die Luft wirbeln. Anil hatte es wirklich nicht leicht. Beffaná war nicht böse. Jacob war schwierig und sie hatte schließlich Sami und Jess. Jetzt, wo Sami tot war, brauchte Beffaná ihren Vater. Und Anil kam, brachte seiner Tochter an dem Tag einen Kuchen und ein Fernglas mit. „Damit kannst du bis nach Hause gucken“, sagte er. „Falls du Sehnsucht bekommst.“

Beffaná benutzte das Fernglas kaum. Es gab zu viele andere Dinge zu tun und zu entdecken. Aber als sie zum Studium in eine neue Stadt zog, nahm sie es ganz selbstverständlich mit, auch, wenn sie das alte Hochhaus selbst vom größten Hügel ihrer neuen Heimat aus nicht sehen konnte. Jetzt, in der Zeitmaschine dicht mit den anderen zusammengedrängt, denkt sie zum ersten Mal seit langem an das Fernglas. Thomas kuschelt sich an Beffaná, unten zwischen ihren Füßen murmelt der Rattenkönig vor sich hin und Schrödinger steuert sie durch die Schwärze des freien Weltraums jenseits des Beteigeuze-Systems. Die Stimmung ist gedrückt. Thomas hat viele Tage auf dem Berg auf Soros verbracht, um, so dämlich es auch klingen mag, mit Beteigeuze zu reden. Beffaná und Schrödinger haben derweil wenig gesprochen. Die Katze ist beleidigt, dass Beffaná wegen der letzten Zeitreisegeschichte böse ist. Man kann die Dinge auch toddiskutieren, denkt Schrödinger. Man kann aber auch einfach mal machen. Und wenn’s dann schlechter wird, dann reist man eben zurück und versucht was Neues. Versuch und Irrtum. So funktioniert die Welt.

Das Fernglas, erinnert sich Beffaná, hängt an der Garderobe ihres Wohnheimzimmers, an dem Haken neben dem alten Besen ihrer Mutter. Beffaná erinnert sich an den Brief der alten Weihnachtshexe. Wie sie schrieb, dass sie nie länger über die Sterne und die Welten oben im All nachgedacht hatte. ‚Stimmt‘, denkt Beffaná. ‚Ich habe kein einziges Mal mit dem Fernglas hoch ins Weltall geschaut. Ich weiß ein bisschen aus meinen Büchern und von ein paar halb-garen Versuchen, ein paar Sterne zu erkennen. Ich weiß, dass es den Großen Wagen gibt und den Gürtel des Orion, dass hoch oben im Himmel der Polarstern steht und dass irgendwo am Himmels das große W der Cassopeia leuchtet. Aber das sind alles Geschichten, die Menschen sich ausgedacht haben. In Wahrheit sind die Sterne des Großen Wagens Millionen von Lichtjahren voneinander entfernt und haben nichts miteinander zu tun. Dasselbe gilt für alle anderen Sternbilder. Es sind einfach Bilder, die Menschen am Himmel erkennen und so zusammensetzen, dass es passt. Aber es passt nicht. Es ist alles reine Phantasie. So wie ein Fernglas, mit dem man zurück nach Hause schauen kann. Ein Zuhause, dass es gar nicht mehr gibt. Es ist alles nur in unseren Köpfen. Menschen klammern sich an diese Bilder, weil dann alles irgendwie mehr Sinn ergibt. Was bleibt denn sonst? Eine schwarze Ewigkeit und zwischendrin Millionen Feuerbälle.‘

„Es sind Billionen“, murmelt Schrödinger. „Billionen Galaxien, wohlgemerkt.“ Ganz offensichtlich hat die Hexe laut gedacht. „Das macht alles überhaupt keinen Sinn“, ruft Beffaná „Was hat sie sich dabei gedacht? Schicke ich die junge Beffaná mal los um ein paar Aliens zu helfen… So what, Schrödinger? Es macht keinen Unterschied. Wer bin ich schon? Selbst eine skrupellose Zeitreisekatze kann doch nichts erreichen außer ein paar krasse Geschichten zu erleben. Billionen! Billionen Galaxien, Schrödinger!“ „Kein Widerspruch von mir“, schnurrt Schrödinger. „Mäh, von mir auch nicht“, meckert Thomas leise. „Depression statt Aggression“, tönt es von unten aus dem Fußraum. „Also war’s das jetzt?“, fragt Beffaná. „Fliegen wir nach Hause?“ „Und wo soll das sein?“ fragt Schrödinger. „Und wann soll das sein? Soll ich Euch in Deinem Wohnheim absetzen? Ist das Dein Zuhause?“ „Nein, ich glaube nicht“ sagt Beffaná. „Aber da ist alles wenigstens wie immer. Und ich frag mich nicht, was ich als nächstes tun muss. Ich weiß, wo der Tee steht und wo das Bett ist und kann mir die Decke über den Kopf ziehen. Hier draußen ist alles so groß und… tja. So groß halt. Viel zu groß. Und sinnlos.“ „Kein Widerspruch von mir“, wiederholt sich Schrödinger. „Allerdings…“ „Ja?“ „Es ist ja interessant, dass alles so gut zusammenpasst.“ „Dass was zusammenpasst?“, fragt Beffaná. „Na, alles! Überleg doch mal: wäre die Schwerkraft nur ein bisschen anders, würde das ganze Universum in sich zusammenfallen oder viel zu schnell auseinander fliegen. Oder die Wärme der Sonnen. Oder die Lichtgeschwindigkeit. Oder die Art, wie die Atome zusammenhalten! Wir sind in dem Universum gelandet, in dem alles so zusammenpasst, dass alles irgendwie funktioniert.
Eigentlich ist es ja verrückt!“ ruft Schrödinger. „Selbst für die Monster gibt’s zu Weinachten eine Weihnachtshexe. Was für ein irrer Zufall.“ „Und dann explodiert irgendwo ein Stern und wird zu einem Schwarzen Loch“, mäht Thomas. „Und dann Funkstille. Für immer.“ „Sinnlos“, sagt Beffaná. „Irgendwie bin ich geradte in falschen Film“, murrt Schrödinger. „Muss ICH jetzt die Weihnachtshexe und den Pastor aufbauen? Vergesst es Leute! Ich hab eine Milliarden Jahre lang keine Predigt und keine Motivationsrede gehalten. Ich fange jetzt nicht damit an.“ Wieder kehrt Schweigen ein. Langes Schweigen. Schließlich fällt Schrödinger etwas ein. „Neutrinos“, sagt er. „Neutrinos machen keinen Sinn. Aber ohne sie wäre alles sinnlos.“ „Du redest wirr, Katze.“ „Miau, irgendwann, da hatten Wissenschaftlerinnen auf der Erde schon ganz schön viel davon verstanden, wie das mit dem Universum und seinen vielen kleinen Teilchen funktioniert. Das Problem war nur: Es passte nicht alles zusammen. Ihre Formeln waren logisch, aber die Ergebnisse ihrer verschiedenen Formeln ergaben zusammen keinen Sinn. Das ganze verdammte Universum machte keinen Sinn! Und dann kam einer von ihnen auf die Idee, einfach ein neues minikleines Teilchen zu erfinden, wirklich, er hat es einfach erfunden! Die Formeln über das Universum, die die Wissenschaftlerinnen in Jahrhunderten zusammengepuzzelt hatten, waren eine Art Geschichte mit einem klaffend großen, riesigen Plot-Hole, einer Lücke in der Story, und das ganze Kartenhaus, die ganze Lügengeschichte drohte zusammenzubrechen. Jahrhunderte Wissenschaft umsonst. Für nichts! Und dann kam einer, rechnete nach und erfand ein wirklich winzig kleines Teilchen, das einfach nur da war. Es machte nix mit den anderen Teilchen, es musste nirgends eingebaut werden es wurde einfach nur gebraucht, damit die Formeln stimmten.“ „Ja und?“ sagt Beffaná. „Schön. Sie haben sich was zusammengelogen, damit alles, was sie vorher überlegt hatten, am Ende irgendwie zusammenpasst. Was willst Du damit sagen? Dass wir uns irgendeine Geschichte ausdenken, damit alle wieder Lust haben, sich neue Geschenke für neue Weltraummonster auszudenken?“ „Fast“, sagt Schrödinger. „Diese Teilchen, die die Wissenschaftlerinnen erfinden mussten, damit alles zusammenpasst, bekamen den Spitznamen „Geisterteilchen“, weil sie natürlich niemand sehen konnte. Offiziell hießen sie Neutrinos. Ein paar Jahre später aber wurde mit Experimenten bewiesen, dass es Neutrinos wirklich gibt. Tatsächlich ist es so, dass Neutrinos außer dem Licht der Sterne die häufigsten Teilchen im Universum sind. In jedem Stern entstehen in jeder Sekunde fast unendliche viele von ihnen. Jetzt gerade, während wir hier durchs leere Weltall fliegen, werden wir von ihnen durchdrungen. Dabei machen sie fast gar nichts, sie sind einfach nur da und fliegen mit Lichtgeschwindigkeit durch alles durch. Aber: Ohne sie würde das ganze Universum nicht funktionieren. Es gibt sie quasi nur, damit alles einen Sinn ergibt.“ „Aus der Geschichte ist Wahrheit geworden“, sagt Beffaná. „Ich kann es schwer beschreiben, aber wenn ich hexe, funktioniert das ganz ähnlich: Ich denke, dass etwas auf bestimmte Art passieren muss, und irgendwie passiert das dann auch. Obwohl es vorher nur Gedanken waren.“ „Naja“, entgegnet Schrödinger. „Wissenschaftlerinnen würden sagen, dass die Dinge schon immer so waren, wie sie waren, und dass im Laufe der Zeit die Geschichten der Wissenschaftler*innen immer besser dazu passen.“ „Und was bedeutet das jetzt?“ „Das bedeutet, dass du dir aussuchen kannst, wie du auf die Welt schaust“, sagt Schrödinger. „Gibst Du auf, nur weil Du nicht alles verstehst? Dann okay, alles scheiße, deine Elli. Oder erfindest du lieber ein paar Geisterteilchen und überlegst, wie Du irgendwann Beweise findest, dass es sie wirklich gibt?“ Wieder ist es lange still in der Zeitmaschine. Beffaná erinnert sich an den Tag, bevor sie aus der gemeinsamen Wohnung mit Jess auszog, um ihr Studium zu beginnen. Bevor sie das Fernglas in den Umzugskarton legte, schaute sie damit durch’s Fenster, um zu prüfen, ob es überhaupt noch funktioniert. Sie sah ihren Vater unten an der Straße stehen, wie er zusammen mit Jacob, ihrem Bruder, Beffanás Schreibtisch in den Umzugswagen hob. Als er Beffaná oben am Fenster erblickte rief er ihr etwas zu, was sie sie nicht verstehen konnte. Vielleicht, denkt Beffaná, war es ja das, was er so häufig zu ihr gesagt hatte. „Alles wird gut, Große.“

Beffaná 2021

Folge 15: Wo sind all die Popel hin?

Nun sitzen sie da. Und warten. Es ist gut, denkt Beffaná, dass Thomas sich dem roten Überriesen angenommen hat. Soll er sich die Zeit ruhig nehmen. Zeit haben sie wirklich mehr als genug.

Zeitreisen verändert die Perspektive auf die Dinge. Beffaná wollte Schrödinger schon darum bitten, einfach eimal 100 Jahre in die Zukunft zu …hm, fliegen, um zu schauen, ob Beteigeuze dann noch da ist. Sagt man das bei Zeitreisen? Fliegen? Wahrscheinlich heißt es einfach reisen. Schrödinger kennt wahrscheinlich auch irgendeinen wichtig klingenden Schwurbelfachbegriff, aber so kompliziert ist es ja nun auch nicht. Beffaná hat das Ding zwischendurch ja selbst gesteuert. Raumvektorhebel, Zeitvektorhebel, Relativitätsrelativierer. Letztlich ist es komplizierter, einen Besen zu steuern. Es gibt zwar weniger Hebel, aber die Balance ist wichtig… Wie auch immer, es ist wohl besser nicht nachschauen, ob Beteigeuze in 100 Jahren noch da ist. Wem soll das helfen? Nun sitzen sie also und warten. Der Planet, auf dem sie Thomas abgesetzt haben liegt direkt im Beteigeuze-System. Überraschenderweise ist er bewohnt und heißt Soror. Es wäre natürlich schön, ebenfalls kurz dazubleiben und ein bisschen frische Luft zu schnappen. Aber Zeitmaschinen und ihre Quantenwirbel erregen in einer Zivilisation schnell Aufsehen. Wenn in der Nähe des Landepunktes die Leute plötzlich beginnen, in Rekordzeit rückwärts zu altern oder eine Millionen Jahre Evolution zu überspringen, dann gibt das garantiert Ärger oder hochgezogene Augenbrauen. Außerdem: Frische Luft schnappen klappt hier sowieso nicht. Soror müffelt. Also haben sie Thomas mit seinem Funkgerät auf einem Berg zurückgelassen und machen Rast auf dem nächsten Mond von Soror, einem überraschend idyllischen Fleckchen Stein mitten im Weltall. Zwischen unzähligen Kratern flitzen grün leuchtende Kügelchen hin und her, über den Himmel spannt sich kilometerweit ein Bogen aus gefrorenem Gas und dahinter geht am Horizont gerade Beteigeuze auf. „Sind die grünen Dingelchen irgendwie gefährlich? Ich meine gefährlich für uns oder die Zeitmaschine?“ fragt Beffaná und Schrödinger zuckt mit den Achseln: „Wasser, verschiedene Salze, Proteine, und Muzine: Eiweiß-Mehrfachzucker-Verbindungrn. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen: Fliegender Schleim.“ „Schleim?“ „Schleim, Schnotten, Rotze, Popel, Mömmes, Popel.“ „Jeder Popel fährt ’n’ Opel“, wispert Fleur, aber extra leise, der Spruch ist selbst Ihr im Prinzip zu blöd. „Du sagst, wir haben es mit fliegendem Popel zu tun? Meinst Du das, Schrödinger?“ Aber statt der Zeitreiseekatze antwortet jemand anderes. „Angenehm, Meisenkaiser.“ Die Popel fliegen nicht nur, sie können offenbar auch sprechen. „Guten Tag“, sagt Beffaná. Ihr wird bewusst, dass sie als der Alien auf diesem Mond sich vielleicht erst mal vorstellen müsste. „Ich bin Beffaná, Beffaná Grimm. Bachelor in Interkultureller Regionalgeshichte. Von der Erde.“ „Meisenkaiser, wie gesagt“, antwortet ein schwebender grellgrüner Punkt direkt vor Beffanás Nase. „Ich bin amtierender Borkentruchsess und zweiter Prinzipal der drei Schnottenstollen. Darf ich fragen, was ihr hier tut?“ „Och, nix Besonderes“, sagt Beffaná. „Wir warten auf einen Freund unten auf dem Planeten.“ „Soso. Unten auf dem Planeten. Kommt bald wieder eine Ladung wie? Ich weiß nicht, wie die sich das vorstellen!“ „Was, vorstellen?“, fragt Beffaná. „Na, das mit der Popelpopulation hier auf Soror 3! Soll ich’s euch zeigen? Habt ihr ein bisschen Zeit?“ „Du hast ja keine Ahnung“, murmelt Beffaná. „Überhaupt keine Ahnung…“

Der grellgrüne Popel mit dem vollständigen Namen Meinhard Meisenkaiser fliegt ihnen ein Stückchen voraus. Immer wieder grüßt er vorbeifliegende andere Popel, die sofort anhalten und angeregte Gespräche mit dem zweiten Prinzipal beginnen. Beffaná und Schrödinger ist das ganz recht, denn mit ihren Raumanzügen kommen sie nur schwer voran. Zudem schleppen die beiden zusammen eine selbst gebaute Atemkapsel für Fleur, damit der Rattenkönig nicht wieder in der Zeitmaschine zurückbleiben muss. Als sie am Rande eines großen Kraters anhalten, stockt Beffaná der Atem. Der Krater ist dich gefüllt mit grün-schleimiger Rotze, aus der immer wieder große Blasen emporsteigen. Zerplatzt eine der Blasen an der Oberfläche, steigt ein Schwarm frischer, neongrüner Popel in den Himmel empor. Die anderen Popel in der Luft begrüßen die Neuankömmlinge, aber ihr Enthusiasmus hält sich eher in Grenzen. „Tja, Tag auch“, hört man und „Willkommen in der Hölle.“ „Was ist hier denn los?“ fragt Beffaná. „Das kommt halt davon“ grummelt Meinhard Meisenkaiser. „Fast jede Woche entsorgen die Riesenaffen von Soror ihren Popel in den Kratern der Monde. Und weil die Monde einen radioaktiven Kern haben, beginnt der Schnotten unten am Grund der Rotzeseen irgendwann zu leben. Das sind wir. Die Popel von Soror.“ „Die Popel von Soror?“ miaut Schrödinger. „Hört sich wie ein sehr schlechter Film an.“ „IST ein schlechter Film!“ zischt Meisenkaiser. “Schau dich mal um! Sieht du, wovon wir uns hier ernähren können?“ „Nein. Ich sehe nur Landschaft und Rotze“, entgegnet Schrödinger. „Eben!“, schnaubt Meisenkaiser. „Es gibt nichts es essen! Außer Schnotten. Wir müssen uns gegenseitig aufessen!“ „Das ist ja furchtbar“, ruft Beffaná. „Und es gibt keine Alternative?“ „Schnitten buttern statt Schnotten futtern?“, flüstert Fleur. Heute ist irgendwie nicht ihr Tag. „Die Jungen essen die Alten. So einfach ist das“, sagt Meisenkaiser. „Wir als gewählte Prinzipale sorgen für die Auswahl. Morgen bin ich selbst dran. Schade, es waren sehr schöne zwei Tage, die ich gelebt habe.“ „Und es gibt keine Alternative?“ ruft Beffaná. „Du musst wissen, es ist quasi meine Spezialität Lösungen für diese Art von Problemen zu finden.“ „Solange die Riesenaffen von Soror so riesige Mengen Popel produzieren, wüsste ich nicht, was du tun könntest“, murmelt Meisenkaiser. Dann erklärt er es ihnen etwas genauer: „Popeln ist eine Art Volkssport auf Soror. Popeln gilt als höflich und absolut notwendig, um in der Gesellschaft nicht verachtet zu werden. Dabei ist es weder nötig, noch ist es gesund. Im Gegenteil! Die Popelei erzeugt ungeheure gesellschaftliche Probleme. Das Gesundheitssystem kollabiert fast wegen der ganzen Nasenentzündungen. Die Popelberge sind riesig! Jede Woche starten Raumschiffe zu einem der Monde, um zumindest für ein bisschen Entlastung zu sorgen. Und die Leute auf Soror müssen essen und trinken ohne Ende, um immer genug Nachschub in der Nase zu haben! Unsere eigenen Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass die Gesellschaft auf Soror kurz vor einem Kipppunkt steht. Wenn sie noch zehn Jahre so weiter machen, dann ist es zu spät. Erst werden sie untergehen und wir sowieso!“ „Naja“, murmelt Schrödinger. „So wie ich das sehe, explodiert euer Stern sowieso in ein paar Jahren…“ Aber Beffaná bedeutet ihm zu schweigen. „So wie ich das sehe, braucht Ihr hier oben eine nicht-kannibalistische Ernährungsgrundlage und die da unten müssen mit der Popelei aufhören.“ „Nein!“ entgegnet Meisenkaiser. „Was wir brauchen sind Waffen! Wir werden die Affen mit Krieg überziehen und ihren Planeten unterwerfen! Und dank Euch haben wir jetzt die ultimative Massenvernichtungswaffe! Eine Zeitmaschine! Damit werden wir sie auslöschen!“ „Aber das ist Wahnsinn!“ ruft Beffaná. „Es gäbe Euch gar nicht ohne die Affen!“ „Und mit ihnen leiden wir“ entgegnet Meisenkaiser. „So können wir uns wenigstens wehren. Wir ziehen in den Kampf!“ Das Ufer und die Luft über dem Rotzesee hallt vom Kampfgeschrei der neongrünen, radioaktiven Popel wider. „Brrrrrr!“ Neben Beffaná explodiert Fleur fast in ihrer engen Kapsel. „Streicheln statt Strafen!“ zischt sie und versucht verzweifelt, aus der Kapsel herauszukommen. Das ist die Ablenkung, auf die Schrödinger gewartet hat.

(Zeitmaschinengeräusch).

Nun sitzen sie also und warten. Der Planet, auf dem sie Thomas abgesetzt haben liegt direkt im Beteigeuze-System. Überraschenderweise ist er bewohnt und heißt Soror. Eigentlich will Beffaná die Zeitmaschine, während sie auf Thomas warten, auf einem der Soror-Monde parken, um die lokale Zeitline nicht durcheinander zu bringen. Doch das nicht nicht notwendig. Die Bewohner von Soror scheinen Beffaná und die Crew der Zeitmaschine erwartet zu haben. Tatsächlich gibt es einen eigenen mit zehn Meter dickem Carbon ummantelten Hangar zum Abstellen der Zeitmaschine. Als Beffaná aussteigt atmet sie tief durch: „Herrlich, endlich wieder frische Luft zum Atmen!“ Als sie, Schrödinger und Fleur in der Stadt der Riesenaffen spazieren gehen, während Thomas sich mit seinem Funkgerät in die Berge verzogen hat, begegnen Ihnen immer wieder mobile Gesundheitsteams. Einer der umstehenden Affen klärt sie auf: „Das sind nur die Popelpräventionsteams. In unserer Religion gibt es sehr klare Regeln, dass Popeln eine schlechte Sache ist! Heutzutage nimmt das zwar niemand mehr besonders ernst, aber sollen sie doch ihre Flugblätter verteilen. Popeln ist eh uncool.“ „Interessant“, sagt Beffaná. „Was es nicht alles für Religionen gibt…“ „Ja“, sagt der Affe. „Und Schrödinger sei Dank ist die Anti-Popel-Regel sogar irgendwie sinnvoll. Unsere Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass uns die Popelei vor echte globale Probleme stellen würde.“ „Sagtest Du ‚Schrödinger sei Dank?‘“ Fragt Beffaná? „Ja, Schrödinger!“ Der Affe zeigt auf ein großes Gebäude am Ende der Straße. „Unsere wichtigste Gottheit! Der Gott der Coolheit und des Nichtpopelns.“ Beffaná funkelt böse ihren Reisebegleiter an: „Potzblitz! Was hast Du jetzt wieder angestellt, Katze?“ „Ehrlich Beffaná, es war wirkich die beste Lösung…!“ „Was heißt hier BESTE LÖSUNG? Warum haben die einen verdammten Gott nach dir benannt? Was hast du denen erzählt? Und was bedeutet diese Sache mit dem Popeln…?“