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Kapitel 24: Die Tochter des Windes

“Zum zweiundzwanzigsten, dreiundzwanzigsten, vierundzwanzigsten Mal: Öffne dich!” flüstert Beffaná und in der Vase raschelt es, es ist fast, als ginge ein Windhauch durchs Zimmer, die Zweige richten sich ein Stück weit auf und aus vierundzwanzig Knospen entfalten sich große Weidenkätzchen. „Ist doch irgendwie gemein von ihm“, sagt Beffaná zu Jacob. „Hat immer so geheimnisvoll getan mit den Kalendern. Dabei war Papa er einzige, der sie überhaupt nicht öffnen konnte.“ „Ja“, sagt Jacob. „Riesensauerei. Was hätte ich schon alles zaubern können, hätte Papa bloß mal was gesagt.“

Ein Baum bedeutet Arbeit bei Familie Grimm. Denn ein gefällter Baum kommt Anil nicht in die Wohnung. Weihnachtsbäume, sagt er, sind doch nicht anders als aufgeschickste Tannen-Zombies. Weil aber Weihnachten ohne einen Weihnachtsbaum in Jacobs Worten einfach nur „gequirlte Elefantenkacke“ ist, heißt es an Heiligabend: Stiefel und Jacken anziehen und raus in die Dunkelheit. Anil zieht einen Bollerwagen mit dem Picknickkorb und den Geschenken und, je nach Wetterlage, auch einem Zelt-Pavillon, um beim Rumstehen später nicht allzu nass zu werden. „Es gibt 1,8 Milliarden Tannen in diesem Land“, sagt Anil Grimm. „Da werden wir wohl eine finden, um die wir uns am 24. Dezember drumherumstellen können.“ Nur machen sie sich ziemlich rar, diese 1,8 Milliarden Tannen. Zumindest bei ihnen in der Stadt. Am Spielplatz gibt es zwei. Aber die stehen hinter dem Maschendrahtzaun und selbst wenn man sich durch das kleine Loch im Zaun zwängt, um den Bäumen etwas näher zu sein, steht man mit ziemlicher Sicherheit in Kaninchen- oder Hundedreck. Außerdem riecht es nach Abfluss. Ein Stück weiter, im Park, gibt es ein paar schöne Douglasien, da haben sie schon häufig Weihnachten gefeiert. Aber dieses Mal, sagt Beffaná, wäre es doch schön, nach einer echten Tanne zu suchen, obwohl sie gar nicht sicher ist, ob sie den Unterschied zwischen Fichten, Tannen, und Douglasien überhaupt erkennen kann. Beffaná mag zwar die Tochter des Windes und einer legendären Hexe sein, aber als Stadtkind hat sie trotzdem mehr Ahnung von den Tarifzonen des Nahverkersverbundes als von Nadelholzgedöns. „Dann sag’s doch gleich“, entgegnet ihr Anil. „Du willst in den Wald.“ „Das wäre doch rein baumtechnisch sehr vernünftig“, meint Beffaná. „Außerdem kann Jacob dann gleich mit seiner Arbeit anfangen.“ Anil ist sich letztlich mit dem Krampus einig geworden, dass Beffanás unfreiwilliges Pilzlandabenteuer zwar schon irgendwie auch eine superhinterhältige Kindesentführung war, aber die Zerstörung des grauen Hauses durch Jacob war auch nicht so richtig in Ordnung. Also muss Jacob jetzt Aufräumen helfen und der Krampus hat sich, naja, irgendwie entschuldigt. Beffaná weiß nicht mehr, ob die Entschuldigung mit einem „Meine Güte, stell dich mal nicht so an…“ anfing, oder mit einem „Is’ doch groß nix passiert…“, aber irgendwann am Ende war da in einem Nebensatz ein „Sorry“ versteckt. Den ganzen gestrigen Tag haben sie zusammen mit Esmeralda in der Wohnung gesessen und zum ersten Mal hat Anil einigermaßen zusammenhängend die Geschichte von ihm und Leah erzählt. Und als Knurps nachmittags klingelte, waren alle eigentlich ganz froh, über etwas weniger ernstes nachdenken zu können. Knurps hatte sich gehörig den Magen verdorben und außerdem Hausverbot in mehreren Konditoreien der Stadt, weil er mit bunten Steinen bezahlen wollte. Auch seine Pilzwitze hatten zur Beruhigung der Situation nicht besonders beitragen können. Knurps hatte sich nach seiner Ankunft im Hochhaus dann auch ziemlich fix mit einer Wärmflasche und einer Tasse Kamillentee auf das Gäste-Sofa in Esmeraldas Wohnzimmer zurückgezogen und Esmeralda und die Grimms hatten noch bis in den späten Abend Speed-Stadt-Land-Fluss gespielt, bei dem Anil immer haushoch verlor. Jetzt also Heiligabend. Die Erwachsenen haben beschlossen, mit dem Bus zu fahren, denn Knurps hat Esmeraldas stattliche Eierlikör-Sammlung entdeckt und drängt Anil und Esmeralda andauernd einen Schluck aus einer anderen Flasche auf. „Schmeckt das nicht alles gleich?“ fragt Anil und rülpst leise, denn er trinkt sonst nie Alkohol und süßen Eierlikör schon mal gar nicht. „Aber das ist doch der Witz!“, ruft Knurps. „Schau mal, so unterschiedliche Flaschen und es schmeckt alles gleich! Da, wo ich herkomme, schmeckt jedes Glas Wasser völlig anders, je nachdem, ob gerade eine Kuh in den Bach gepinkelt hat oder nicht.“ „Ihr habt also keine Pferde, aber Kühe gibt’s bei euch?“ fragt Beffaná. „Natürlich!“, ruft Knurps. „Stell dir das mal vor, eine Welt ohne Kühe! Wir könnten unsere wichtigsten Sportarten nicht mehr ausüben. Dressurreiten, Ritterturniere, Wagenrennen…“ Der Bus hält am Zentralen Busbahnhof und die Fahrer wechseln. Beffaná, die traditionell die Aluleiter zum Schmücken des Baumes transportiert, erkennt sofort die Busfahrerin wieder. Schnell zieht sie sich den unförmigen Hexenhut ihrer Mutter ins Gesicht, den sie zum Spaß oder vielleicht auch zur Feier des Tages aufgesetzt hat, doch es ist bereits zu spät. „Hey!“, kräht die Busfahrerin durch den ganzen Bus. „Du schuldest mir eine Thermoskanne, Herzchen!“ Die wenigen anderen Fahrgäste schauen irritiert zwischen der Busfahrerin und dem Mädchen aus der angeheiterten Truppe hinten im Bus hin und her. „Ja!“, ruft die Busfahrerin. „Die Göre hat mir meinen Kaffee geklaut, als ich gerade auf’m Kump saß. So sieht’s nämlich aus!“ „Na ja“, sagt Beffaná sehr ruhig und geht nach vorne. „Erstens hab ich mir die Kanne nur ausgeliehen und zweitens hab ich sie ja wieder mitgebracht.“ Sie reicht der Fahrerin eine glänzende Thermosflasche. „Vielen Dank für damals. Sie haben mir sehr geholfen.“ „Huch, da is ja was drin?“ brummt die Fahrerin. „Ja, aber erst zu Hause trinken. Fröhliche Weihnachten.“ Und während die Fahrerin interessiert an dem Liter warmen Eierlikör in der Flasche schnüffelt, muss sich Beffaná hinten das Geschimpfe der Erwachsenen anhören, was ihr denn einfällt, fast den ganzen guten Likör zu verschenken und die Aluleiter sei jetzt auch weg. „Ach kommt schon, Leute“, flüstert sie. „Wir sind Hexen. Wir kriegen doch einen Baum noch ohne Leiter geschmückt.“

Als sie endlich im Wald ankommen, müssen die Erwachsenen erst mal alle pinkeln gehen. Die Kinder und Sami streifen in der Zwischenzeit ein bisschen herum und Jacob und Beffaná zeigen sich gegenseitig die Stellen, wo Beffaná Sami zum ersten Mal getroffen hat und wo der unsichtbare Jacob Esmeralda und Anil belauscht hat. Genau wie damals bei Beffanás erstem Besuch beim Krampus regnet es ein bisschen. Wobei: heute ist es kein Wunder, schließlich sind sie mit Esmeralda unterwegs. Doch Beffaná stört sich nicht daran. Im Gegenteil, das gemächliche Tröpfeln des Wassers von den Bäumen ist etwas, das sie immer mit dem Wald verbinden wird und mit… „Mino?“ Der junge Zauber steht am Waldrand, ziemlich genau da, wo zum ersten Mal Sami gestanden und Beffaná angebellt hat. Sami zischt Jacob ein „Komm, wir gehen mal den interessanten Baum da hinten angucken“ zu und Mino schlendert zu Beffaná. „Fröhliche Weihnachten, Hexenschülerin.“ „Fröhliche Weihnachten, Drachentöter.“ „Wow, das klingt fast heldenhaft“, sagt Mino. „Ich wollte Drachenmörder sagen, aber heute ist Weihnachten. Wie geht es deinem Vater?“ „Grummelt so vor sich hin. Wartet, dass dein Monsterbruder auftaucht, um beim Aufbau zu helfen.“ „Hab ihn mitgebracht. Aber ich glaube, heute wird das nicht’s mehr. Die Erwachsenen haben drei, vier Eierlikörsorten zu viel probiert. Ich bin froh, wenn wir noch irgendwo Bescherung machen können, bevor die ins Bett müssen. „Bescherung? Hier im Wald?“ „Tradition, Mino. Keine Bäume fällen und so.“ „Also teilweise“, sagt Mino, „ist deine Familie noch viel duschgeknallter als meine.“ Er schaut an ihr vorbei zu Sami und Jacob, die inzwischen um das Wartehäuschen fangen spielen. „Mal ernsthaft, Beffaná. Wegen Jacob: Habt ihr da irgendeinen Plan?“ „Was für einen Plan?“ „Er ist ein Pulverfass, Beffaná. Es ist ein Wunder, was dein Vater bisher geschafft hat. Ein Zauberer wie Jacob braucht viel Anleitung und Freiraum und Möglichkeiten und alles zusammen.“ „Was willst du damit sagen, Mino?“ „Dass es nur einen Lehrer gibt, der Jacob zeigen kann, wie er seine Kräfte unter Kontrolle hält. Wie er sich unter Kontrolle hält.“ „Wir bringen ihn nicht zum Krampus, Mino. Das müsste dir doch klar sein.“ „Ist es, Beffaná. Ich rede nicht von meinem Vater. Ich rede von mir.“ „Du willst Jacobs Lehrer werden? Du?“ „Ja wer denn sonst, Hexenschülerin? Du hast zwar Talent für zehn Hexen, aber du sortierst doch selbst immer noch deine Finger, bevor du loszauberst. Und dein Vater hat keine magischen Fähigkeiten.“ „Mein Vater ist viel mehr als du denkst, Mino.“ „Es gab schon immer Gerüchte über deinen Vater, Beffaná. Aber er ist kein Zauberer. Und Esmeralda hat schon genug damit zu tun, dass sie nicht überall, wo sie hinkommt, einen Blizzard auslöst. Jacob braucht einen erfahrenen Zauberer. Einen besseren als mich werdet ihr nicht finden. Ich hab’s bewiesen, Beffaná. Ich hab bewiesen, dass ich anders als mein Vater bin.“ „Und du hast den Drachen getötet.“ „Und du… dir sind Drachen wichtiger als Freunde, Hexenschülerin.“ Für einige Zeit stehen sie schweigend voreinander, dann kommen vom Parkplatz lachend Knurps, Esmeralda und Anil auf sie zu. „Wo geht ihr hin?“, fragt Mino. Beffaná zuckt mit den Schultern. „Wir brauchen nur eine Tanne und einen geschützten Platz. Der Rest ist nicht wichtig.“ „Eine Tanne also…“ „Du weißt schon, keine Fichte oder Douglasie oder… ach weißt du was? Völlig schnuppe. Grün. Nadeln und keine Hunderscheiße in der Nähe reicht völlig.“ „Dann wartet hier“, sagt Mino. „Ich weiß da was.“

Es ist dunkel im Wald, doch Mino hat nicht zu viel versprochen. Der Weg leuchtet! Zwei grünlich schimmernde Bänder führen tief in den Wald hinein bis hin zu einer ganz besonderen Stelle. Es könnte sehr weihnachtlich, ja, fast romantisch sein, bestünden die leuchtenden Wegränder nicht aus tausenden von grün-schimmernden Pilzen, die sich unentwegt wirklich lahme Witze zurufen. Beffaná hört noch ein „Kommt Häschen in die Apotheke und fragt: „Haddu Fliegenpilz…?“, dann ist sie in einem ungewöhnlich dichten Waldstück angekommen. Anil und die anderen folgen ihr und schauen Beffaná fragend an. Die mächtigen Tannen stehen in engen Reihen nebeneinander. „Weiß beginnt!“, sagt Mino. Er steht plötzlich neben ihr. Seine Augen funkeln im fluorisierenden Schein der Pilze. Seine Hände hat er tief in den Hosentaschen vergraben, keine Chance zu sehen, ob der linke Daumen nervös auf sein Beim trommelt. Doch dieses Mal ist klar, er hat gewartet. Gespannt wie ein Flitzebogen. „E3“, sagt Beffaná. Weiter hinten im Wald hört sie das Jubeln eines Bigfoots und während alle übrigen Bäume wie auf ein geheimes Zeichen im Boden verschwinden, bleibt ein einziger Baum stehen, eine krüppelige Lärche, wie selbst Beffaná weiß. Denn Lärchen werfen als einzige Nadelbäume im Winter ihre Nadeln ab. „Ich dachte, ist irgendwie dein Stil, Hexenschülerin“, sagt Mino und winkt die anderen näher heran. „Überlegt’s euch bitte. Die Sache mit Jacob, meine ich.“ „Machen wir, Mino. Versprochen.“ „Dann feiert jetzt schön und Frohe Weihnachten Euch allen.“

Zum Glück kennt Esmeralda einen brauchbaren Ausnüchterungszauber. Sie ist zwar zu betrunken, um ihn selbst noch anzuwenden, kann aber Beffaná zumindest sagen, wie er funktioniert. So kann es doch noch eine äußerst lustige Bescherung geben. Die Lärche sieht auch geschmückt noch ziemlich ärmlich aus, aber so richtig stört das niemanden, und Beffaná ganz bestimmt nicht. Für Knurps ist es das allererste Weihnachten und er bekommt von Esmeralda einen Zirkel und Millimeterpapier. „Falls dir mal Ideen für neue Erfindungen kommen“, sagt sie. Und Anil hat natürlich vollkommen sinnlose Geschenke für alle, aber was soll’s? Sami hat einen Kratzbaum bekommen und freut sich auf eine irgendwie verstörende Weise trotzdem. Und der einzige, den Anils Geschenke früher wirklich geärgert haben, nämlich Jacob, der hat sich dieses Mal vorgenommen, die Geschenke demnächst einfach selbst im Kaufhaus umzutauschen , wenn er die Sache mit dem Schweben richtig in den Griff bekommt. Dann gibt Esmeralda Anil einen Stoß. Und noch einen. Und als er sich immer noch nicht rührt, schnappt sie sich eben selbst das längliche Paket und überreicht es Beffaná. „Dein Vater und ich“, sagt sie, „wir haben etwas von Deiner Mutter aufbewahrt und wir dachten…“ „DU hast aufbewahrt“, murmelt Anil. „Und DU dachtest!“ „…WIR dachten, dass du ein Recht darauf hast, das hier zu bekommen. Du weißt, was das ist?“ „Klar“, sagt Beffaná. „Und dein Vater“, sagt Esmeralda, „hat angeboten…!“ „Schluss mit dem Zauber!“ schnaubt Anil. „Hier ist der Deal: Einmal pro Woche, langsam anfangen und immer unter meiner Aufsicht.“ „Danke, Papa. Aufsicht heißt…“ „Aufsicht heißt, dass du Bescheid sagst, bevor du losfliegst, und ich schau mal, ob ich die alten Tricks noch kann. ‚Hui!‘ Und so…“ „Danke Papa. Weiß du, was wirklich doof ist? Ich hab überhaupt nichts für dich. Ernsthaft, ich hab’s total vergessen.“ „Nicht schlimm, Beffaná. Ich weiß schon was. Du bist doch jetzt eine echte Hexe, oder?“ „Ja.“ „Du tust du mir einen riesigen Gefallen, wenn du einfach mal den Fahrstuhl heile hext.“ „Klar Papa. Wird sofort erledigt. Potzblitz.

Und irgendwo, am Rand des Waldes, kräht ein dünnes Stimmchen: „Muddu wegschmeißen! Ist sehr giftig!“

Kapitel 23: Die Geschichte der Leah Grimm

Einmal, da hatte Leah Grimm wirklich unverschämtes Glück. Sie war mit ihrem Besen weit raus geflogen, an die Küste und hatte sich in den Kopf gesetzt, das Loch in den Klippen zu durchfliegen, an das sie sich noch aus den lange vergangenen Sommerurlauben mit ihren Eltern erinnerte. Die Möwen spotteten, jeder Vollidiot mit Flügeln könne das Loch durchfliegen, schließlich sei es einen Meter groß. Doch Leah entgegnete ihnen, sie wolle es nicht irgendwie durchfliegn, sondern so schnell wie niemand sonst und bei Sturmflut, wenn die höchsten Wellen das Loch erreichten und an den Klippen gebrochen wurden.
Also trafen sie sich in einer sturmgepeitschten Vollmondnacht, die schnellsten und wendigsten Sturmmöwen des Nordatlantiks und Leah Grimm, die Wahnsinnige, und flogen um die Wette. Ein Basstölpel saß oben auf der Klippe und markierte den Schiedsrichter dieses einmaligen Wettkampfes, und als er krächzend seinen Schnabel senkte, stürzten Leah und die Möwen hinab zum Loch in den Klippen, das jetzt, von Dunkelheit und Wasser umgegeben, zur Größe eines Nadelöhrs geschrumpft zu sein schien. Noch während sie aus der Höhe auf das Loch zustürzten, spürte Leah, dass der Wind sich drehte zu einem gefährlichen Fallwind und sie und ihre Konkurrenten mit großer Kraft nach unten zum aufgewühlten Wasser hin gedrückt wurden. Da umarmte sie den Wind, denn sie kannte seine Launen, und während alle Möwen neben ihr schreiend den Anflug auf das Loch abbrachen, vollführte Leah im Rücken des Windes einen steilen Looping, an dessen Ende sie irgendwie, sie würde niemals sagen können, ob geleitet durch ihren Instinkt oder einfach durch pures Glück, zwischen zwei riesigen Wellen durch das Loch sauste und jubelnd in die Höhe stieß. Es war in dieser Nacht, als der Sturmwind des Nordens sich in die wagemutige, die wahnwitzige Leah Grimm verliebte und von diesem Tag an blieb er an ihrer Seite. Sie konnte fliegen, wie sie wollte, sie konnte die unmöglichsten Kunststücke in den Himmel zaubern: der Wind war da und trug sie auf unsichtbaren Händen. Und an einem besonders schönen Abend, als der Wind Leah bis zu ihrer Hochhauswohnung in einer ärmlichen Siedlung getragen hatte, sagte sie: „Wind, Du bist alles, was ich mir im Leben je erträumt habe!“ Da erstarkte der Wind zu einer Böe, umkreiste dreimal das Haus und erstarb. Und als Leah später zu ihrer Nachbarin Esmeralda ging, die ein paar Jahre älter war als Leah, und Esmeralda von ihrem Tag erzählte,, da lachte die und sagte: „Fast klingt es, als seist du verliebt.“ Am nächsten Morgen lagen mehrere prächtig-gelbe Blätter auf dem Fensterbrett von Leahs Schlafzimmer und das wunderte sie, denn es war gerade erst Frühling geworden, und doch sahen die Blätter aus, als wären sie gerade erst gestern abgeworfen worden. Ihre liebe Nachbarin Esmeralda, die sich wie kaum jemand anderes mit der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten auskannte, zog die Stirn kraus und sagte: „Das ist entweder ein ein unglaublicher Zufall oder du hast einen weitgereisten Verehrer. Denn dieses Blatt stammt von einem Baum in Südamerika.“ Schnell wurde Leah klar, dass nur der Wind es sein konnte, der ihre diese Gaben brachte und jeden Morgen überraschte er sie mit neuen Geschenken. Und Leah waren diese seltsamen Geschenke keineswegs unangenehmen, im Gegenteil, sie freue sich jeden Morgen, aus dem Fenster zu schauen und zu sehen, was für ein Geschenk der Wind heute gebracht hatte. Und wenn sie mit ihm flog, dann legte sie sich in seine Böen wie in ein Daunenkissen. Ihre Flugkünste machten sie derweil zu einer Berühmtheit in der Hexenwelt und alles schien gut. Doch ihre Nachbarin und Freundin Esmeralda kannte Leah besser als die meisten anderen. Sie hatte Leah damals die Wohnung besorgt, als sie von zuhause weggelaufen war, denn ihre Eltern verstanden die wilde und ungehorsame Tochter nicht, die da in ihrem Haus wohnte. Und Esmeralda sah, dass Leah bei all ihrem Ruhm immer unruhiger und unglücklicher wurde. Eines Tages sagte Leah zu ihr: „Es wird sich alles ändern, wir haben eine Entscheidung getroffen“. Und bereits am nächsten Tag stellte sie Esmeralda Anil vor, der von nun an mit ihr leben würde. Anil war ein guter, freundlicher Mann, der Leah jeden Wunsch von den Augen ablas und häufig gingen die beiden für viele Tage fort und kamen aufgekratzt und mit lauter seltsamen Geschichten zurück. Weil Anil nie über seine Herkunft sprach und auch Leah nur lächelnd mit den Schultern zuckte, fing Esmeralda an, ein wenig selbst nachzuforschen. Doch das einzige, was sie herausbekam, war, dass Anil im alt-indischen Sanskrit „Wind“ bedeutet. Mehr musste sie nicht wissen und als Leah zum ersten Mal schwanger wurde und ein Mädchen namens Beffaná bekam, da wuchs in Esmeralda die Sorge, wie lange Anil, der Wind, für die Familie da sein konnte, bis er sich eines Tages in Luft auflösen würde. Doch sie lag falsch. Anil blieb und tatsächlich war es Leah, die Wagemutige, die sich bald wieder nach dem Fliegen und dem Abenteuer sehnte, während Anil sich um seine Beffaná und später um den kleinen Jacob kümmerte. Kurz nach Jacobs Geburt hielt es Leah nicht mehr in der engen Wohnung und immer wieder ging sie hinaus und stürzte sich mit ihrem Besen in die Lüfte. „Sei vorsichtig!“ sagte Anil immer wieder. „Es gibt viele Winde in der Welt, die das, was wir gewagt haben, als großen Frevel betrachten. Und wir können nicht jedes Mal Esmeralda bitten, die Kinder zu hüten, damit ich bei dir sein kann.“ „Du bist lieb“, sagte Leah, „doch denk daran, ich bin schon geflogen, als du mich nicht kanntest, und schon damals war ich eine Meisterin! Ich bin noch mit allen Winden fertig geworden!“ „Ich kannte dich“, murmelte Anil, „Du wusstest nur nichts davon. Und du solltest immer einen der Winde auf deiner Seite haben.“ Doch Leah ging und flog und kam zurück und warf Anil ein triumphierendes Lächeln zu. „Es war ganz leicht, Anil! Vielleicht mögen sie mich nicht, aber ich habe Ihren Respekt!“ Manchmal nahm Leah Esmeralda mit, doch die blieb immer nah am Boden, bewunderte und beneidete ihre Freundin, der sie anfangs selbst noch einige Tricks beim Fliegen beigebracht hatte. Jetzt aber war Leah die unumstrittene Meisterin. Eines Tages zog ein Taifun über das Land, der hatte bereits Leid und Verwüstung über große Teile der Erde gebracht und es war an einem der Tage, an denen Leah nichts mehr in der Wohnung hielt und sie an die Luft musste, um zu atmen und zu fliegen. Esmeralda flehte ihre Freundin an, im Haus zu bleiben, doch Leah lachte nur und höhnte: „Wir sind Hexen, Esmeralda! Was ist denn schon ein Sturm? Die Winde dienen uns, wir haben die Macht, ihnen jederzeit zu widerstehen! Bleib ruhig zuhause, dann fliege ich alleine. Hab ich immerhin die Chance auf gutes Wetter!“ Doch das Wetter war nicht gut, es wurde immer schlechter, und Leah flog hoch in die Lüfte und kam nicht mehr zurück. Erst nach einem Tag brachten zwei fremde Hexen Leah zurück zu Anil. Sie war schwer verletzt und weder Hexenkraft noch Medizin konnten sie retten. Zwei Monate später starb sie. Zwei Monate, in denen Anil mit der kleinen Beffaná und Jacob im Arm jeden Tag an ihrem Bett gesessen hatte und er den Kleinen immer wieder einschärfte, wie stark und mutig ihre Mutter war. Leah aber sprach nur wenig, und wenn, dann verlangte sie immer wieder, dass Beffaná und Jacob ein Schicksal wie das ihre erspart bleiben möge. Wenn sie mit Anil alleine war, weil Esmeralda die Kinder zum Spielen nach draußen mitgenommen hatte, schauten sie sich meist nur an und versuchten, die Gedanken des jeweils anderen zu raten. Denn Leah war eine Fliegerin, die anderen Künste des Hexentums hatten sie nie besonders interessiert. Und schließlich, als Leah gestorben war, überredete Anil Esmeralda nach einem langen Streit dazu, die kleine Beffaná und Jacob mithilfe eines Vergessenszaubers die Erinnerung an alles Hexentum und ganz besonders die furchtbaren letzten zwei Monate der wagemutigen Leah Grimm auszulöschen. Die Winde jedoch hatten Leahs Hochmut nicht vergessen und Leahs Behauptung, die Hexen hätten Macht über die Naturgewalten, wurden mit großem Zorn aufgenommen. Und weil Anil nicht mehr unter ihnen weilte, um die Hexen zu verteidigen und zu schützen, wurde von da an jeder Flug auf einem Besen zu einem Wagnis. Nur noch wenige trauten sich, in die Lüfte zu steigen, und ihre einst so wohlgehüteten Besen verstaubten in Besenkammern oder wurden sogar weggeworfen. Anil, der Wind, hielt sein Wort und war all die Jahre der beste Vater, der er sein konnte. Manchmal, wenn er fast verrückt vor Sehnsucht nach Leah und dem Leben in den Lüften wurde, zog er stundenlang durch die Straßen, durch die Wiesen und Wälder und brüllte jede Böe, jeden Lufthauch, jeden Windstoß an. Doch nicht ein einziges Mal dachte Anil, der Sturmwind des Nordens, daran, nicht zu seinen Kindern in den achten Stock eines Hochhauses mitten in der Stadt zurückzukehren. Denn, Potzblitz!, sie waren alles, was er hatte.

Kapitel 22: Requiem für einen Zombie

Niemand ist besonders überrascht, dass Jacob Grimm verschwunden ist. Und niemand überlegt lange, wo man ihn wohl suchen sollte. Der Junge hat einen ausgeprägten Sinn für Ungerechtigkeiten und wie man sich besonders hinterhältig dafür rächen kann. Jetzt, wo Beffaná in Sicherheit ist, gibt es keinen Grund mehr, diesen Krampus und seine Leute länger zu schonen. Nicht um des Jungen willen, sondern auch zum Schutz der Bewohner des grauen Hauses ist es ratsam, schnell zu handeln. Auf dem Parkplatz an der Busstation stehen Beffaná und Anil, Sami und Esmeralda und nicht zu vergessen Knurps, der Schmied und planen, was genau zu tun ist. Es ist der Abend des 21. Dezembers, dem kürzesten Tag das Jahres. Für Knurps bricht hier und heute nicht nur ein neues Sonnenjahr, sondern ein völlig neues Leben an. Bisher hat er nur seine Schmiede, sein Dorf und ein paar Pilze gekannt, jetzt aber steht ihm eine völlig neue Welt offen. Er will mit dem Bus fahren. Und obwohl Esmeralda ihn warnt, dass eine große Stadt für einen Schmied aus einer kleinen Phantasiewelt leicht überfordernd wirkend könnte, klopft sich Knurps nur an seinen Gürtel, an dem ein kleiner Hammer hängt und grunzt: „Ich kommt schon klar.“ Er lässt sich von Anil ein paar Münzen für eine Fahrkarte aufdrängen, obwohl er es lächerlich findet, für eine Fahrkarte zu bezahlen, wenn einem für’s Schwarzfahren nicht mal der Kopf abgeschlagen wird. Schließlich verspricht er, spätestens morgen bei den Grimms aufzutauchen und verschwindet zum Haltstellenhäuschen. Der Rest der Gruppe marschiert los, zum Haus des Krampus. Die Vogelscheuche an der Tür ahnt bereits, dass es nicht besonders gut für sie aussieht, als sie Esmeralda , Beffaná und Sami zusammen mit dem bärtigen Mann auf sich zukommen sieht. „Ihr kommt hier nicht vorbei…?“ krächzt sie zaghaft, doch als Beffaná sie stirnrunzelnd anschaut, die Finger wie bei einer Aufwärmübung spreizt und knacken lässt und nur „Ach, wirklich, Matilde“, flüstert, tritt sie einen Schritt zur Seite. „Aber passt auf herabfallende Trümmer auf!“ ruft sie den ungebetenen Gästen hinterher und das ist auch bitter nötig. Das Obergeschoss ist abgesprengt und im Erdgeschoss steht quasi kein Stein mehr auf dem anderen. Aus den Ruinen seiner Küche stapft ihnen der Krampus entgegen. „Ist das dein Werk, Beffaná?“ Hinter ihm tritt Mino aus dem Schatten. „Ich hab gehört, du hast den Drachen getötet?“ sagt Beffaná. „Und hier wird erzählt, du habest ihn gerettet“, sagt Mino. Beffaná nickt: „Ich habe einer Prinzessin gezeigt, wie sie ihre Angst besiegen kann.“ „Und ich habe einem verdammten Drachen gegeben, was er verdient“, sagt Mino. „Außerdem war es der einzige Ausweg, nachdem du mich zurückgelassen hast.“ „Du hattest die Wahl, Mino. Du hättest mitkommen können.“ „Könnten wir vielleicht einmal kurz über mein zerstörtes Haus sprechen?!“, ruft der Krampus. „Also, wer war das?“ „Ich fürchte, das war Jacob“ mischt sich jetzt Anil ein. „Und du bist?“ „Es ist lange her.“ „Du bist… du bist Anil. Der Vater, richtig. Und Jacob ist…?“ „Mein Sohn, Krampus. Leahs Sohn.“ Der Krampus zieht die Stirn kraus. Er schüttelt den Kopf und schaut fragend zu Sami. „Es gibt einen Sohn? Warum gibt es einen Sohn, Sami? Warum weiß ich nichts davon, dass es einen verdammten Sohn gibt?!“ „Der Auftrag war, das Mädchen zu beobachten“, sagt Sami. „Beffaná. Außerdem war da nie jemand anderes, wenn ich das Haus beobachtet habe. Und später dann…“ „Hast du die Seiten gewechselt“, knurrt der Krampus. „Seit wann gibt es denn ‚Seiten‘?“, fragt Beffaná. „Wir sind doch keine Gegner. Wir wollen nur andere Dinge.“ „Es gibt einen Sohn…“, ,murmelt der Krampus. „Und wo ist er?“

Vorne am Eingang gibt es Unruhe. Matilde, die Vogelscheuche stürmt herein. „Ernest, Herr! Er ist verschwunden!“ „Nicht jetzt, Matilde. Er taucht schon wieder auf. Liegt wahrscheinlich unter irgendeiner umgestürzten Säule und braucht ein paar Ersatzteile.“ „Nein Herr, schau!“ Matilde fuchtelt mit den Armen. Überall um sie herum schwirren Fliegen. „Seine Fliegen, Herr! Ernests Fliegen. Ich hab ihm versprochen auf sie aufzupassen, wenn ihm etwas geschehen sollte. Jetzt sind sie hier!“ „Mino, könntest du…“ stöhnt der Krampus und Mino konzentriert sich. Er starrt lange in die Luft und beginnt dann in verschiedene Richtungen zu schauen. „Nichts, Vater.“ „Das kann nicht sein! Er ist unser Eigentum. Er ist an uns und unser Haus gebunden! Das ist doch… Was macht ihr überhaupt noch hier, Beffaná und Beffaná-Vater und Beffaná-Nachbarin? Ihr seht doch, wir haben zu tun.“ „Ich sagte doch“, brummt Anil. „Wir suchen Jacob, meinen Sohn. Und solange wir ihn nicht gefunden haben, bleiben wir.“ „Ich weiß, wer uns helfen kann“, sagt Beffaná. „Wir brauchen nur ein Küchenmesser und ein wenig Geduld. Und Krampus, du bleibst besser hier, denn diejenige, um die es geht, die mag dich nicht besonders.“

Wie lange ist es her, dass sie zum letzten Mal auf dem Hügel hinter dem Haus gestanden und sich von Phlox verabschieden haben? Noch nicht mal eine Woche. Beffaná kommt es wie viele Jahre vor und verstohlen linst sie zu Mino, der neben Matilde, ihrem Vater, Esmeralda und Sami am Fuß des Hügels wartet. Erneut schneidet sie sich in den Unterarm und lässt ein wenig Blut auf die Erde tropfen. Anil reibt sich den Kopf. „Richtig, ich hatte vergessen, dass Hexen dauernd irgendwo Blut verschmieren und ekelige Suppe kochen müssen“, murmelt er. „Geht das nicht auch irgendwie… sauberer?“ „Psst!“, zischt Beffaná. Unter ihr regt sich etwas in der Erde und schließlich bricht der Boden unter einer Wurzel auf und das Nachtaschratweibchen Phlox schaut grimmig in Beffanás Richtung. „Hexe“, hört sie es in ihrem Kopf. „Phlox! Danke, dass du gekommen bist. Ich kann dir ein paar Tropfen meines Bluts anbieten und bitte dich, in den Höhlen bekanntzumachen, dass ich Jacob, meinen Bruder suche. Und auch Ernest, du erinnerst dich wahrscheinlich. Eine der Wachen. „Ja“, raunt Phlox. „Der mit dem Arm. Den haben wir gewittert. Erst vor kurzem. Aber nur sehr schwach. Als würde er von einem mächtigen Zauber beschützt.“ „Weißt du wo? Kannst du mich da hinbringen?“ „Das kann ich, Beffaná. Aber warum sollte ich denen da trauen? Es sind Jäger, Feinde meines Volkes. Für dich würde ich es tun, aber nicht für sie.“ „Mino“, ruft Beffaná. „Hast du gehört?“ „Vergiss nicht, dass ich geholfen habe, Phlox zu befreien. Du hast mich dafür belohnt.“ Mino fasst an seine Wange. „Aber würdest du auch der Nachtschratjagd als Ganzes abschwören?“ ruft Beffaná. „Und dein Vater auch?“ „Nur um einen Zombie zu finden? Vergiss es, Hexenschülerin. Das würde er nie tun…“ Beffanás Augen funkeln zornig „Dann schert Euch…“ „…aber ich würde es, Beffaná. Ich verspreche es. Keine Nachtschratjagd. Nie mehr! Es steht… zu viel auf dem Spiel.“ „Dann folgt mir“ flüstert es in ihren Köpfen. „Entschuldigt, dass ich über der Erde nicht sehr schnell bin.“

Der Platz ist gar nicht allzu weit entfernt, doch ist er gut versteckt in einer dornigen Senke. Der Zombie ist trotzdem leicht zu erkennen. Er hat ein weißes, langes Tuch um den Körper geschlungen und sitzt auf einer aus dem Boden gerissenen Baumwurzel. Um ihn herum wirbeln Reisigzweige. Nach und nach schichten sie sich zu einem Haufen neben Ernest auf. Es ist inzwischen tiefe Nacht und stockdunkel, doch geht von Ernest und dem Platz um ihn herum ein geisterhaftes Leuchten aus. „Das ist es“, flüstert Phlox. „Und es liegt etwas in der Luft, von dem ich denke, dass es Jacob sein könnte. Der Geruch des Blutes kommt mir bekannt vor.“ „Danke Phlox“ „Du stehst in meiner Schuld, Hexe.“ „Ich weiß, Phlox. Ich werde es nicht vergessen.“ „Ich auch nicht, Beffaná, ich auch nicht!“ „Ernest!“, ruft die Hexe. „Jacob!“ Ernest schaut ängstlich zu Beffaná und dann an ihr vorbei zu Mino. „Ich komme nicht zurück!“ hört Beffaná schließlich die Stimme des Zombies in ihrem Kopf. „Ich habe einen Schutzgeist! Ihr könnt mir nichts tun!“ „Niemand will dir etwas tun“, sagt Beffaná. Dann steht plötzlich Jacob neben ihr. „Aber der da!“ Er zeigt auf Mino. „Und sein Vater. Ich habe gesehen, wie sie den Armen behandeln. Schau ihn dir doch an, Beffaná. Er ist so müde. Er steht unter meinem Schutz.“ „Und was willst du jetzt tun, Jacob?“ „Er hilft mir zu schlafen“, sagt Ernest. „Er kann machen, dass der Krampus und der da“ – er zeigt auf Mino – „mich nicht erreichen können. Er ist ein mächtiger Zauberer!“ „Ich hab’s gesehen“ sagt Beffaná. „Das Haus des Krampus ist ein einziger Schrotthaufen.“ „Ich hab im Keller nichts angefasst“, ruft Jacob. „Es ist alles fertig, Ernest. Du kannst dich hinlegen.“ „Aber Ernest!“ Von ganz hinten meldet sich Matilde. „Lässt du mich jetzt alleine?“ „Ich habe dir meine liebsten Freunde geschickt“, sagt Ernest. „Die Fliegen finden, dass ich das Richtige tue. 1500 Jahre, Matilde! Das sind über 30.000 Fliegengenerationen, 1500 Jahre Dienst für einen Hexenmeister sind genug. Und jetzt habe ich einen Schutzgeist, der mich befreit.“ „Dürfen wir uns von dir verabschieden?“ „Der Sohn vom Krampus muss zurückbleiben“, sagt Jacob sehr bestimmt, „aber ihr anderen könnt ruhig näher kommen.“ Und sie kommen alle, Beffaná und Esmeralda, Anil, Sami und Phlox und ganz zuletzt Matilde. Und noch während sie sich verabschieden, legt sich Ernest auf den Reisighaufen und schließt langsam die Augen. „Ich werde dich nie vergessen“, schluchzt Matilde. „Und ich schwöre dir, dass ich ab heute etwas aus meinem Leben mache werde! Etwas besseres, als Türen und Kerker zu bewachen. Die Fliegen und ich, wir werden einen Weg finden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Dann tritt sie zurück und nickt Jacob zu. Der hebt die Arme, zuckt noch leicht unsicher mit den Händen und der Reisighaufen unter Ernest entzündet sich. „Entschuldige Ernest“, sagt er schluchzend, senkt den Kopf und umarmt seine große Schwester Beffaná. „Das ist nicht nötig“, sagt sie. „Für vollbrachte schöne Taten soll man sich nicht entschuldigen. Potzblitz.“

Kapitel 21: Jacob, der Lügner

Träfe das Sprichwort zu, und würden sich beim Lügen die Balken biegen, dann läge das Hochhaus von Familie Grimm längst in Schutt und Asche. Beffanás Hang, beim Familienabendessen wichtige Teile ihres Lebens für sich zu behalten, würde es schon ordentlich krachen lassen im Gebälk. Und Anils Verschleierung der Tatsache, dass seine Frau Leah eine der größten Hexen der bekannten Welt war, würde dann wahrscheinlich schon reichen, Teile der Decke einstürzen zu lassen, so dass Familie Hempelmann aus dem neunten Stock staubig und ordentlich verkratzt in der Küche der Grimms aufschlagen würde. Da die Hampelmanns die liebsten Menschen der Welt sind, würden sie sich bestimmt sofort sehr umständlich entschuldigen und anbieten, die zerstörte Kücheneinrichtung zu bezahlen, aber das ist ja zum Glück nicht nötig, schließlich handelt es sich nur um ein Gedankenexperiment. Doch wie auch immer: Der gerissenste und routinierteste Lügner von allen ist sowieso der kleine Jacob Grimm. Es fängt damit an, dass Jacob überhaupt nicht klein ist! Zumindest nicht die ganze Zeit. Jacob wird beim Spielen manchmal groß. So wie ein aufgepumpter Hüpfball. Und auch fast genau so rund. Weil Jacob weiß, wie das Leben funktioniert, ist er überzeugt davon, dass die ganze Angelegenheit sowieso wieder ihm in die Schuhe geschoben wird, so wie der verstopfte Abfluss und die Gelbbauchunken im Klo. Und weil er daran nun wirklich nicht so ganz unschuldig war und davon überzeugt ist, dass Hüpfballgroßwerden ähnlich ungnädig aufgenommen würde, hat er die Angelegenheit für sich behalten und die geplatzte Hose Simon aus der B in die Schuhe geschoben. So wie er es überhaupt sehr häufig macht, weil Simon schon lange weggezogen ist und den Anschuldigungen logischerweise nicht widersprechen kann. Das Schweben ist noch so eine Sache. Jacob schwebt schon, seitdem er sich erinnern kann. Normalerweise nur ein oder zwei Zentimeter über der Matratze, so dass es niemandem auffällt und ihm selbst ist wes ja auch lange nicht aufgefallen. Vielmehr dachte er lange, dass Menschen eben so schlafen. Ist ja schließlich viel gemütlicher. Als Papa ihm dann zum sechsten Geburtstag eine neue Matratze gekauft hat und Jacob sofort in die Nachverhandlungen einstieg, weil Matratzen ja nun wirklich das dämlichste Geschenk der ganzen Welt sind, dämmerte ihm, das andere Leute diese Matratzen beim Schlafen ständig berühren und Matratzen nicht einfach nur eine Vorsichtsmaßnahme sind. Seit einiger Zeit ist aber nicht nur das Schweben mehr geworden, sondern auch die Sache mit der Sichtbarkeit beziehungsweise Unsichtbarkeit, denn sichtbar sind ja irgendwie alle. Und im Gegensatz zum Großwerden und Schweben kann Jacob das Unsichtbarwerden ganz hervorragend kontrollieren und benutzt es auch ständig, um zum Beispiel seine große Schwester zu erschrecken. Warum das alles geschieht, weiß Jacob nicht so genau, aber er weiß ja auch nicht genau, ob seine Lehrerin in der Schule irgendwo ein Bett hat oder bis zum nächsten Tag an ihrem Pult erstarrt.

Jetzt allerdings ist die Zeit gekommen, Papa die Sache mit dem Unsichtbarwerden zu erzählen. Denn das Schweben ist eh schon rausgekommen und die Unsichtbarkeit könnte jetzt wirklich praktisch sein, um an den Vogelscheuchen vorbeizukommen, die die Tür des Krampus bewachen. Die Vogelscheuchen lassen Anil, Esmeralda und Jacob einfach nicht zum Krampus vor und die Drohung mit der Polizei hat eine der Vogelscheuchen mit einem einzigen Satz weggewischt: „Überleg dir sehr genau, ob und wie du deine Tochter wiedersehen willst.“ Inzwischen weiß Jacob, dass Beffaná gar nicht beim Krampus ist. Dass der seit zwei Tagen in seiner Küche hockt und eine unfassbar lange Reihe Pilzmännchen an der Katzenklappe in der Küche ansteht, um von Beffaná und einem Schmied zu berichten. Zwischendurch schreit der Krampus: „Das ist alles ganz falsch!“ Denn irgendwas läuft schief da, wo Beffaná gerade ist. Der Krampus murmelt ständig etwas von „Fehlkonjugationen“ und „unvorhergesehenen Interferenzen“ zwischen einem Hexentrainingsgelände und einer „dusseligen Kläranlage“. Und als der Krampus hört, dass ein gewisser Mino einen Drachen „zu Hackfleisch verarbeitet hat“ und Beffaná und dieser Schmied spurlos verschwunden sind, macht der Krampus Geschnetzeltes aus dem Pilz, der die Botschaft überbracht hat, obwohl der Pilz gerade einen Witz erzählt. Jacob spioniert ganz offiziell für seinen Vater beim Krampus. Und zu Jacobs Überraschung und Erleichterung war Anil wegen des Fliegens und des Unsichtbarwerdens überhaupt nicht böse, so dass Jacob wirklich am Überlegen ist, ob er nicht auch das Großwerden demnächst ansprechen soll. Andererseits: Besser noch ein bisschen warten. In ein paar Tagen ist Weihnachten und wer will schon Geschenke riskieren für ein bisschen „Die-Wahrheit-Sagen“. Vorher muss Jacob erst noch seinen großen Plan verwirklichen. Der hat mit dem Kaufhaus im Stadtzentrum zu tun, genauer, mit der Spielzeugabteilung. Denn wer schweben und unsichtbar werden kann, der könnte doch heimlich aus dem Fenster schweben und sich unsichtbar ins Kaufhaus einschleichen, oder nicht? Und so wie Jacob das sieht, gibt es keinen Regel, dass Unsichtbare kein Spielzeug klauen dürfen. Aber das ist noch ein langer Weg, denn die ganze Schweberei, die hat Jacob noch nicht besonders gut unter Kontrolle. Als Jacob nach seinem x-ten Einsatz im Krampus-Haus zum Parkplatz an der Busstation zurückkehrt, will er sich gerade sichtbar machen, als er seinen Vater mit Esmeralda reden hört. Sie sprechen leise und schauen sich immer wieder um, ein sicheres Zeichen dafür, dass Jacob möglichst nah heranschleichen sollte und sich ganz bestimmt nicht sichtbar macht. „Warum denn jetzt?“ fragt Anil gerade. „Ich weiß, du hast gleich gesagt, dass dein Zauber damals nicht gewirkt hat. Aber warum geht es jetzt erst los?“ „Ich glaub, der einzige, der sich mit diesen Sachen auskennt, ist der Krampus“, sagt Esmeralda. „Und den fragen wir ganz bestimmt nicht. Ich weiß nicht, vielleicht würde er Jacob sogar in eine Glasvitrine stellen, in seinem Kuriositätenkabinett.“ „Sag sowas nicht!“, zischt Anil. „Jacob ist ein ganz normaler Junge. Nur diese Kombination, Schweben, Unsichtbarkeit, sowas hab ich noch nie gehört.“ „Du und Leah, sowas hat man auch nich nie gehört.“ „Wir haben uns geliebt! Wir haben uns beide zu diesem Weg entschieden! Wir haben beide Opfer gebracht, vergiss das nicht! Lass und von was anderem reden. Wir sehen jedenfalls an Beffaná, wie kompliziert alles werden kann, wenn die Kinder diesen Weg gehen. Und jetzt! Ausgerechnet jetzt ist keine Leah mehr da, um mir zu helfen!“ „Ich war da, Anil! Die ganze Zeit! Ich habe Dir geholfen und ich hätte dir auch weiter geholfen!“ „Ich wollte einen Schlussstrich, Esmeralda Schniggenfittch! Sie sollten normal aufwachsen wie alle anderen Kinder und du hättest das torpediert. Obwohl Leah und ich das so vereinbart hatten!“ „Aber Leah ist tot, Anil! Sie ist das beste Beispiel dafür, dass normal sein nicht funktioniert für die Grimms!“ „Bei mir funktioniert es!“ „Sagt der Mann, er die Kinder nachts alleine lässt und was genau zu machen? Spazieren gehen? Dass ich nicht lache!“ „Es ist aber die verdammte Wahrheit!“, schreit Anil Grimm und in diesem Augenblick wird Jacob sichtbar. „Jacob!“, stammelt sein Vater. „Alles in Ordnung bei dir?“ „Papa, Beffaná ist verschwunden! Sie ist mit dem Schmied und Sami zum Schloss gelaufen und jetzt ist sie verschwunden!“ „Also hat sie den Drachen nicht getötet?“ „Mino hat den Drachen zerfetzt, Papa! Der Pilz sagt, der Drache hat volle Kanne angegriffen und Mino nur so duckweg und dann krawamms voll von hinten auf den Schwanz und der Drache so 'Aua!‘ Und Mino nur so ‚Ich metzel dich voll ab‘ und…“ „Ich hab’s verstanden, Jacob“, sagt Anil Grimm. „Und jetzt ist Mino sauer auf Beffaná, dass sie ihn allein gelassen hat.“ „Aber der Junge ist wieder beim Krampus?“
„Ja.“ „Und er weiß auch nicht, wo Beffaná jetzt steckt?“ „Nein, im Schloss sagt er.“ „Ja, aber das ist ja nur Attrappe, oder?“ „Ja. Papa, ich hab mir was überlegt. Wenn ich dir ein Geheimnis verraten, krieg ich dann trotzdem alle Geschenke, die du schon gekauft hast?“ „Kann ich dir nicht versprechen, Jacob. Du weißt doch, die Geschenke bringe gar nicht ich.“ „Ach, und wer dann?“ „Eine Hexe namens Beffaná“, ertönt es da hinter ihnen. „Papa, Esmeralda, Jacob, das hier ist Knurps, der Schmied!“

Was Anil Grimm in diesem Moment fühlt, das können nur andere Väter und Mütter wirklich verstehen. Natürlich, es ist Erleichterung. Aber es ist die Art von Erleichterung, die du vielleicht fühlst, wenn du mit einem Helium-Ballon in den Himmel steigst. Und, natürlich, es ist auch Freude. Aber es ist die Art von Freude, die du fühlst, wenn alles, wirklich alles gut ist. Und es ist auch Liebe, doch es ist die Liebe, die du fühlst, wenn du einen kleinen Menschen zum ersten Mal auf der Welt sieht und weißt, dass alles einen Sinn ergibt und du dich nie mehr fragen musst, warum du eigentlich auf dieser Welt bist.

Und Beffaná? Das starke Mädchen aus dem Bus hat angefangen zu weinen, denn sie weiß nicht, ob sie Mino jemals wiedersehen wird und ob sie jemals wieder Freunde sein können. Und darum umarmt sie erst ihren Vater und dann Esmeralda und dann auch noch Knurps, der gar nicht so genau weiß, wie ihm geschieht. Und zuletzt hebt sie Sami auf den Arm und sagt: „Papa, Sami wohnt jetzt bei uns. Damit das klar ist.“

Und Jacob? Jacob ist schon wieder verschwunden. Zum grauen Haus vom Krampus. Der kann sich jetzt auf was gefasst machen. Zeit, die Sache mit dem “Groß werden” mal so richtig auszutesten, Potzblitz.

Kapitel 21: Jacob, der Lügner

Träfe das Sprichwort zu, und würden sich beim Lügen die Balken biegen, dann läge das Hochhaus von Familie Grimm längst in Schutt und Asche. Beffanás Hang, beim Familienabendessen wichtige Teile ihres Lebens für sich zu behalten, würde es schon ordentlich krachen lassen im Gebälk. Und Anils Verschleierung der Tatsache, dass seine Frau Leah eine der größten Hexen der bekannten Welt war, würde dann wahrscheinlich schon reichen, Teile der Decke einstürzen zu lassen, so dass Familie Hempelmann aus dem neunten Stock staubig und ordentlich verkratzt in der Küche der Grimms aufschlagen würde. Da die Hampelmanns die liebsten Menschen der Welt sind, würden sie sich bestimmt sofort sehr umständlich entschuldigen und anbieten, die zerstörte Kücheneinrichtung zu bezahlen, aber das ist ja zum Glück nicht nötig, schließlich handelt es sich nur um ein Gedankenexperiment. Doch wie auch immer: Der gerissenste und routinierteste Lügner von allen ist sowieso der kleine Jacob Grimm. Es fängt damit an, dass Jacob überhaupt nicht klein ist! Zumindest nicht die ganze Zeit. Jacob wird beim Spielen manchmal groß. So wie ein aufgepumpter Hüpfball. Und auch fast genau so rund. Weil Jacob weiß, wie das Leben funktioniert, ist er überzeugt davon, dass die ganze Angelegenheit sowieso wieder ihm in die Schuhe geschoben wird, so wie der verstopfte Abfluss und die Gelbbauchunken im Klo. Und weil er daran nun wirklich nicht so ganz unschuldig war und davon überzeugt ist, dass Hüpfballgroßwerden ähnlich ungnädig aufgenommen würde, hat er die Angelegenheit für sich behalten und die geplatzte Hose Simon aus der B in die Schuhe geschoben. So wie er es überhaupt sehr häufig macht, weil Simon schon lange weggezogen ist und den Anschuldigungen logischerweise nicht widersprechen kann. Das Schweben ist noch so eine Sache. Jacob schwebt schon, seitdem er sich erinnern kann. Normalerweise nur ein oder zwei Zentimeter über der Matratze, so dass es niemandem auffällt und ihm selbst ist wes ja auch lange nicht aufgefallen. Vielmehr dachte er lange, dass Menschen eben so schlafen. Ist ja schließlich viel gemütlicher. Als Papa ihm dann zum sechsten Geburtstag eine neue Matratze gekauft hat und Jacob sofort in die Nachverhandlungen einstieg, weil Matratzen ja nun wirklich das dämlichste Geschenk der ganzen Welt sind, dämmerte ihm, das andere Leute diese Matratzen beim Schlafen ständig berühren und Matratzen nicht einfach nur eine Vorsichtsmaßnahme sind. Seit einiger Zeit ist aber nicht nur das Schweben mehr geworden, sondern auch die Sache mit der Sichtbarkeit beziehungsweise Unsichtbarkeit, denn sichtbar sind ja irgendwie alle. Und im Gegensatz zum Großwerden und Schweben kann Jacob das Unsichtbarwerden ganz hervorragend kontrollieren und benutzt es auch ständig, um zum Beispiel seine große Schwester zu erschrecken. Warum das alles geschieht, weiß Jacob nicht so genau, aber er weiß ja auch nicht genau, ob seine Lehrerin in der Schule irgendwo ein Bett hat oder bis zum nächsten Tag an ihrem Pult erstarrt.

Jetzt allerdings ist die Zeit gekommen, Papa die Sache mit dem Unsichtbarwerden zu erzählen. Denn das Schweben ist eh schon rausgekommen und die Unsichtbarkeit könnte jetzt wirklich praktisch sein, um an den Vogelscheuchen vorbeizukommen, die die Tür des Krampus bewachen. Die Vogelscheuchen lassen Anil, Esmeralda und Jacob einfach nicht zum Krampus vor und die Drohung mit der Polizei hat eine der Vogelscheuchen mit einem einzigen Satz weggewischt: „Überleg dir sehr genau, ob und wie du deine Tochter wiedersehen willst.“ Inzwischen weiß Jacob, dass Beffaná gar nicht beim Krampus ist. Dass der seit zwei Tagen in seiner Küche hockt und eine unfassbar lange Reihe Pilzmännchen an der Katzenklappe in der Küche ansteht, um von Beffaná und einem Schmied zu berichten. Zwischendurch schreit der Krampus: „Das ist alles ganz falsch!“ Denn irgendwas läuft schief da, wo Beffaná gerade ist. Der Krampus murmelt ständig etwas von „Fehlkonjugationen“ und „unvorhergesehenen Interferenzen“ zwischen einem Hexentrainingsgelände und einer „dusseligen Kläranlage“. Und als der Krampus hört, dass ein gewisser Mino einen Drachen „zu Hackfleisch verarbeitet hat“ und Beffaná und dieser Schmied spurlos verschwunden sind, macht der Krampus Geschnetzeltes aus dem Pilz, der die Botschaft überbracht hat, obwohl der Pilz gerade einen Witz erzählt. Jacob spioniert ganz offiziell für seinen Vater beim Krampus. Und zu Jacobs Überraschung und Erleichterung war Anil wegen des Fliegens und des Unsichtbarwerdens überhaupt nicht böse, so dass Jacob wirklich am Überlegen ist, ob er nicht auch das Großwerden demnächst ansprechen soll. Andererseits: Besser noch ein bisschen warten. In ein paar Tagen ist Weihnachten und wer will schon Geschenke riskieren für ein bisschen „Die-Wahrheit-Sagen“. Vorher muss Jacob erst noch seinen großen Plan verwirklichen. Der hat mit dem Kaufhaus im Stadtzentrum zu tun, genauer, mit der Spielzeugabteilung. Denn wer schweben und unsichtbar werden kann, der könnte doch heimlich aus dem Fenster schweben und sich unsichtbar ins Kaufhaus einschleichen, oder nicht? Und so wie Jacob das sieht, gibt es keinen Regel, dass Unsichtbare kein Spielzeug klauen dürfen. Aber das ist noch ein langer Weg, denn die ganze Schweberei, die hat Jacob noch nicht besonders gut unter Kontrolle. Als Jacob nach seinem x-ten Einsatz im Krampus-Haus zum Parkplatz an der Busstation zurückkehrt, will er sich gerade sichtbar machen, als er seinen Vater mit Esmeralda reden hört. Sie sprechen leise und schauen sich immer wieder um, ein sicheres Zeichen dafür, dass Jacob möglichst nah heranschleichen sollte und sich ganz bestimmt nicht sichtbar macht. „Warum denn jetzt?“ fragt Anil gerade. „Ich weiß, du hast gleich gesagt, dass dein Zauber damals nicht gewirkt hat. Aber warum geht es jetzt erst los?“ „Ich glaub, der einzige, der sich mit diesen Sachen auskennt, ist der Krampus“, sagt Esmeralda. „Und den fragen wir ganz bestimmt nicht. Ich weiß nicht, vielleicht würde er Jacob sogar in eine Glasvitrine stellen, in seinem Kuriositätenkabinett.“ „Sag sowas nicht!“, zischt Anil. „Jacob ist ein ganz normaler Junge. Nur diese Kombination, Schweben, Unsichtbarkeit, sowas hab ich noch nie gehört.“ „Du und Leah, sowas hat man auch nich nie gehört.“ „Wir haben uns geliebt! Wir haben uns beide zu diesem Weg entschieden! Wir haben beide Opfer gebracht, vergiss das nicht! Lass und von was anderem reden. Wir sehen jedenfalls an Beffaná, wie kompliziert alles werden kann, wenn die Kinder diesen Weg gehen. Und jetzt! Ausgerechnet jetzt ist keine Leah mehr da, um mir zu helfen!“ „Ich war da, Anil! Die ganze Zeit! Ich habe Dir geholfen und ich hätte dir auch weiter geholfen!“ „Ich wollte einen Schlussstrich, Esmeralda Schniggenfittch! Sie sollten normal aufwachsen wie alle anderen Kinder und du hättest das torpediert. Obwohl Leah und ich das so vereinbart hatten!“ „Aber Leah ist tot, Anil! Sie ist das beste Beispiel dafür, dass normal sein nicht funktioniert für die Grimms!“ „Bei mir funktioniert es!“ „Sagt der Mann, er die Kinder nachts alleine lässt und was genau zu machen? Spazieren gehen? Dass ich nicht lache!“ „Es ist aber die verdammte Wahrheit!“, schreit Anil Grimm und in diesem Augenblick wird Jacob sichtbar. „Jacob!“, stammelt sein Vater. „Alles in Ordnung bei dir?“ „Papa, Beffaná ist verschwunden! Sie ist mit dem Schmied und Sami zum Schloss gelaufen und jetzt ist sie verschwunden!“ „Also hat sie den Drachen nicht getötet?“ „Mino hat den Drachen zerfetzt, Papa! Der Pilz sagt, der Drache hat volle Kanne angegriffen und Mino nur so duckweg und dann krawamms voll von hinten auf den Schwanz und der Drache so 'Aua!‘ Und Mino nur so ‚Ich metzel dich voll ab‘ und…“ „Ich hab’s verstanden, Jacob“, sagt Anil Grimm. „Und jetzt ist Mino sauer auf Beffaná, dass sie ihn allein gelassen hat.“ „Aber der Junge ist wieder beim Krampus?“
„Ja.“ „Und er weiß auch nicht, wo Beffaná jetzt steckt?“ „Nein, im Schloss sagt er.“ „Ja, aber das ist ja nur Attrappe, oder?“ „Ja. Papa, ich hab mir was überlegt. Wenn ich dir ein Geheimnis verraten, krieg ich dann trotzdem alle Geschenke, die du schon gekauft hast?“ „Kann ich dir nicht versprechen, Jacob. Du weißt doch, die Geschenke bringe gar nicht ich.“ „Ach, und wer dann?“ „Eine Hexe namens Beffaná“, ertönt es da hinter ihnen. „Papa, Esmeralda, Jacob, das hier ist Knurps, der Schmied!“

Was Anil Grimm in diesem Moment fühlt, das können nur andere Väter und Mütter wirklich verstehen. Natürlich, es ist Erleichterung. Aber es ist die Art von Erleichterung, die du vielleicht fühlst, wenn du mit einem Helium-Ballon in den Himmel steigst. Und, natürlich, es ist auch Freude. Aber es ist die Art von Freude, die du fühlst, wenn alles, wirklich alles gut ist. Und es ist auch Liebe, doch es ist die Liebe, die du fühlst, wenn du einen kleinen Menschen zum ersten Mal auf der Welt sieht und weißt, dass alles einen Sinn ergibt und du dich nie mehr fragen musst, warum du eigentlich auf dieser Welt bist.

Und Beffaná? Das starke Mädchen aus dem Bus hat angefangen zu weinen, denn sie weiß nicht, ob sie Mino jemals wiedersehen wird und ob sie jemals wieder Freunde sein können. Und darum umarmt sie erst ihren Vater und dann Esmeralda und dann auch noch Knurps, der gar nicht so genau weiß, wie ihm geschieht. Und zuletzt hebt sie Sami auf den Arm und sagt: „Papa, Sami wohnt jetzt bei uns. Damit das klar ist.“

Und Jacob? Jacob ist schon wieder verschwunden. Zum grauen Haus vom Krampus. Der kann sich jetzt auf was gefasst machen. Zeit, die Sache mildem Groß werden mal so richtig auszutesten, Potzblitz.

Kapitel 20: Der alte König

Weder Sami, noch Beffaná, noch Mino haben so etwas jemals erlebt. Die Wege des Dorfes sind gesäumt von jubelnden Menschen in mittelalterlicher Tracht. Als der Schmied mit ihnen vor die Tür tritt, schweigt die Menge kurz, dann setzt wieder Jubel ein. „Beffaná!“ rufen die Kinder des Dorfes und rennen hinten ihnen her, als das Grüppchen die Dorfstraße hinunter marschiert. „Wieso kennen sie Beffanás Namen und meinen nicht?“, mault Mino. „Oh, sie kennen dich“, entgegnet Knurps, „Beffaná ist aber ganz klar die Heldin in der Prophezeiung. Von Sami und Frido ist nur ganz am Rand die Rede.“ „Frido?!!“ „Beruhig dich“, sagt Beffaná. „Es ist eben eine Prophezeiung. Ist wahrscheinlich wie die Wettervorhersage: Nur so halb genau.“ Die Vogtei sieht verlassen aus, als sie an der Baracke vorbeilaufen. Nur zwei Pilze stehen auf dem Fensterbrett und erzählen sich Witze: „Stehen zwei Pilze im Wald. Fragt der eine: ‚Wie gehts?‘ Sagt der andere: ‚Klappe, Pilze können nicht reden.‘“ Mino rollt genervt mit den Augen, aber Knurps vor ihm lacht sich scheckig. „Diese Pilze, oder? Sooo witzig!“ „Sag mal Knurps“, fragt Mino, „so ein Schmied ohne Feuer, der hat ja wahrscheinlich nicht so richtig viel zu tun, oder?“ „Ach“, sagt Knurps, „ich mach einfach alles was anfällt. Zähne ziehen, Sachen reparieren und Sachen erfinden.“ „Schau an, du bist ein Erfinder?“ „Erfinder, Berater, Innenarchitekt, wenn die Leute ein Problem haben und nicht so richtig wissen, was sie machen sollen, kommen sie zu mir. Ich hab ja Zeit.“ „Und die Pferde?“, fragt Mino. „Wie läuft das mit den Pferden, wenn du ihnen keine Hufe schmieden kannst?“ „Pferde? Nie gehört. Was ist das?“ „So Tiere, die Sachen ziehen, auf denen man reiten kann und so Zeugs.“ „Ach, du meinst ein Auto! Sowas haben wir hier nicht. Der König hat angeblich eins. Aber gesehen hab ich’s nicht.“ Sami rennt eine Weile hinter Knurps und den beiden Nachwuchszauberern her. Dann verschärft er sein Tempo und holt Beffaná ein. „Können wir mal kurz darüber reden, was das hier alles bedeutet?“ „Was schon?“, sagt Beffaná. „Das hier ist eindeutig Krampus' Werk. Ich will nach Hause, er findet das doof. Nur schickt er mir dieses Mal keine Raben hinterher, sondern versperrt uns den Weg und lockt uns in einen verrückten Zauberwald.“ „Klingt nach ihm“, sagt Mino. „Und eigentlich kannst du froh sein, er hätte dich auf einfach einen Stein verwandeln können.“ „Und dass du da jetzt mit drin hängst, das ist kein Problem für ihn?“, fragt Beffaná. „Was weiß ich?“, keift Mino zurück. „Frag ihn selbst, ich bin hier nicht der Böse!“ Beffaná muss sich kurz ducken, weil ein jubelndes Großmütterchen ihr vom Wegrand aus einen Blumenstrauß fast an den Kopf wirft. „Mach ihn platt, Beffaná! Immer feste druff!“ Beffaná zwingt sich zu einer Art Lächeln und winkt kurz zurück . „Der Plan ist ja ganz offensichtlich, dass der König uns zu einer Art Drachen-Endgegner-Boss schicken wird, und wenn der erledigt ist, ist der ganze Spuk vorbei.“ „Und?“, fragt Sami . „Irgendwie hab ich das Gefühl, dass du mal wieder alles unnötig kompliziert machen willst, damit dem Monster kein Haar gekrümmt wird.“ „Soweit hab ich noch nicht gedacht“, sagt Beffaná. „Aber so etwa in die Richtung wird’s wohl gehen.“ „Also wenn du mich fragst“, sagt Mino. „Dann mach das Vieh doch einfach platt. Wenn du überhaupt weißt, wie sowas geht…“ „Weiß ich nicht!“, unterbricht ihn Beffaná, „und will ich nicht wissen! Ist nicht mein Stil!“ „Ja aber überleg doch mal! Wir sind irgendwo im Wald in eine Crazy-Zauberwelt mit sprechenden Pilzen abgebogen. Egal, was hier passiert, ist Crazy-Zauberwelt-Kram und geschieht doch gar nicht in echt. Überleg doch mal lieber, wie wir hier bis Weihnachten heile rauskommen, ohne dass mein Vater sich immer neue Spielchen ausdenkt. Kapier das doch, Beffaná. Du hast den Superspezialzauberkurs beim Krampus gebucht und das hier ist eine Art Abschlussprüfung. Drache futsch, Drops gelutscht!“ „Wenn ich da mal einhaken darf“, meldet sich Knurps. „Wenn man euch so zuhört, glaubt man ja fast, dass das hier alles nicht echt ist!“ „Ja. Nee!“, sagt Mino. „Ein Schmied, der über die Witze von Pilzen lacht, da passt sich was nicht!“ „Kennt ihr den schon?“, meldet sich Pilz, „Sagt die Schnecke: ‚Ich war letztens joggen und neben mir kam ein Pilz aus der Erde geschossen.“ Knurps bleibt kurz stehen und macht sich fast in die Hose vor Lachen. Dann wird er wieder ernst: „Aber ich fühl mich verdammt real! Wisst ihr was, wir ändern den Deal: Behaltet die 10 Taler für Euch, aber ihr nehmt mich mit nach Hexenhausen, oder wie auch immer das heißt. Sind eure Pilze auch so ’ne Knaller, wie unsere hier?“ „Nee“, sagt Beffaná, „Unsere wohnen meist in Dosen und landen dann auf der Pizza“ „Da hab ich noch einen!“, ruft Pilz, „was ist der Unterschied zwischen einer Pizza und einer Schwimmbaddusche? Na?! Die Pizza gibt’s auch ohne Pilze!“ Noch während Knurps sich vor Lachen wegschmeißt, treten sie aus dem Wald heraus und blicken auf ein riesiges Schloss.

Beffaná war noch nie in einem Schloss und hat auch noch nie eins von außen gesehen. Das schlossähnlichste Gebäude, das sie kennt, ist das Rathaus, und das ist mit 150 Jahren wahrscheinlich deutlich jünger als der Krampus. Das Schloss vor ihnen ist nicht einfach irgendein Schloss. Es ist DAS Schloss, ein Walt-Disney-Neuschwanstein-Gedächtnis-Schloss mit Türmen und Mauern, einem breiten Graben drumherum, einer äußerst vorteilhaften Beleuchtung durch einen riesigen Vollmond in der Abenddämmerung und einer Wiese davor, auf der ungefähr eine Millionen Pilze auf die Gruppe wartet. Rechts von Ihnen mündet der Schlossgraben in einen breiten Fluß, der aus einem Gebirge am Horizont zu ihnen herabfließt. Und um den Gipfel des höchsten Berges schlängelt sich, kaum von hier zu sehen, ein feuerspeiender Drache. „Was für eine Szenerie“, denkt Beffaná und noch während die Gruppe anhält, um zu beraten, was jetzt zu tun ist, kommt ihnen ein Bote, ein Herold aus dem Schloss entgegen. Es ist der Vogt, oder sieht zumindest aus wie der Vogt und statt auf einem Pferd sitzt er in einem orangefarbenen Pickpup. „Hört, hört!“, ruft er, als er aus dem Auto springt und Beffaná glaubt zu erkennen, dass er ein blaues Auge hat und böse in Knurps’ Richtung funkelt. „Der König lässt ausrichten, dass, wer die Prophezeiung erfüllt und den Drachen tötet, Einlass in das Schloss bekommt!“ Dann wuchtet er ein großes Schwert von der Ladefläche des Pickups und schleudert es in Richtung von Beffaná, Mino und den anderen. „Der König verlangt seinen Kopf!“ „Hört, hört!“, raunen eine Millionen Pilze. „Hört, hört!“ Nur einer ruft: „Kennt ihr den schon? Kommt ein Pilz zum Arzt und sagt: ‚Herr Doktor, meine Frau sagt, ich hab einen Fuß auf dem Kopf…“ Weiter kommt er nicht, denn der Herold ist zurück in seinen Wagen gesprungen, fährt den Pilz zusammen mit einigen hundert anderen über den Haufen und braust zurück zum Schlosstor. Am Horizont brüllt der Drache und schwingt sich schnaubend in die Luft. Die Pilze auf der Wiese vor dem Schlossgraben rücken näher zusammen und türmen sich zu einer meterhohen Mauer vor dem Schlosstor. „Okay, Beffaná“, sagt Mino. „Ich weiß, dir geht’s hier um’s Prinzip. Aber mein Vater hat schon tausende solcher Spielchen mit mir gespielt. Es ist wahrscheinlich so wie in deiner Schule. Die Aufgaben mögen idiotisch sein, aber man sollte sich wirklich gut aussuchen, welche Kämpfe man auskämpft und wo man einfach das Spiel der Lehrer mitmacht. Die Leute mögen Prinzipienreiter nicht besonders, weißt du? Weil es offensichtlich nicht um Leben und Tod geht, sondern nur um die Frage, ob Beffaná der größere Dickkopf ist oder der Krampus. Der Klügere gibt nach! Verstehst du? Lass uns den Drachen fertig machen, meinen Vater drei Tage nicht mit dem Hintern angucken und mit ein bisschen Glück gibt’s am Ende einen Handshake und Kuchen.“ „Nein“, sagt Beffaná. „Es geht um’s Prinzip. Und zwar nicht darum, ob ein dusseliger Disney-Drache stirbt, sondern darum, ob ein angeblich Erwachsener eigentlich mit mir Herumspringen kann, wie es ihm gefällt.“ Der Drache hat sich inzwischen hoch in die Wolken erhoben und fliegt auf direktem Weg auf sie zu. Immer wieder zwischendurch speit er einen Feuerstrahl auf die Erde unter sich und grillt Bäume, Wiesen und jede Menge Pilze. Die Pilzmauer vor ihnen stöhnt bei jedem Mal auf und erhebt sich höher in die Luft. „Also“, ruft Beffaná. „Hilfst du mir jetzt oder nicht, Mino?“ „Ich helfe dir“, blafft Mino und schnappt sich das Schwert vom Boden. „Du kapierst es nur nicht.“ Dann erklimmt er einen kleinen Grashügel in seiner Nähe und baut sich in Verteidigungsstellung auf. „Hast du mal probiert, in diesem Land zu hexen?“, ruft er. „Wird nicht klappen. Ist Teil des Spiels. Es ist nur ein blödes Spiel, Hexenschülerin! Wach endlich auf und töte den Drachen!“ Beffaná blickt von ihrem Platz aus zu Mino auf dem Hügel, zum Schloss, zu Sami und zu Knurps. „Kennt ihr den schon…?“, fragt ein kleiner Pilz zwischen ihnen, doch weiter kommt er nicht, weil der Stiefel des Schmieds weitere Pilzwitze aus dieser Richtung für immer verhindert. „Wer kommt mit zum Schloss?“, fragt Beffaná. „Bin dabei“, schnaubt Knurps. Sami jault. „Ich auch.“ Doch er traut sich nicht in Minos Richtung zu schauen. „Also, Schmied“ ruft Beffaná. „Dann zeigt mal, was du kannst. Erfinde was, und zwar schnell. Wie kommen wir an den Pilzen vorbei ins Schloss?“ „Das ist leicht“, sagt Knurps. Er klemmt sich Sami unter den Arm, dreht sich zu der Pilzbarriere und schaut zu Beffaná zurück. „Wenn wir sie erreichen, mach einfach die Augen zu.“ Dann rennt er los.

Es war einmal ein alter König, der war ganz allein in seinem Schloss, das am Rande eines großen Waldes stand. Seine einzige Freude war, dass er jeden Tag Besuch von der kleinen Prinzessin bekam. Die ging gar nicht weit von hier in den Kindergarten und sie verbrachten viele Nachmittage zusammen, bis die Tochter des Königs die Prinzessin abends abholte und mit ihr in das Reihenhaus in der Vorstadt fuhr. Der alte König hatte ein großes Reich zu regieren, aber die Computertechnik hatte dazu geführt, dass die große städtische Kläranlage, für die er ganz alleine verantwortlich war, inzwischen gänzlich autark funktionierte, ohne das der alte König einen Handschlag tun musste. Er freute sich daher sehr auf die täglichen Besuche seiner kleinen Prinzessin und malte mit ihr in jeder freien Minute. Der alte König war ein sehr guter Zeichner und was immer ihm seine Prinzessin vorschlug, brachte er zu ihrem großen Vergnügen auf’s Papier und zeichnete alles so lebendig, dass die Figuren sich zu bewegen schienen. Immer wieder begab es sich, dass die Prinzessin furchtbare Träume hatte und dem alten König davon erzählte und dann brachte er die bösen Träume auf’s Papier und dachte sich Geschichten aus, die alles zum Guten wendeten. Eines Tages, kurz vor Weihnachten, erzählte die Prinzessin von einem Traum, in dem ein riesiger Drache in ein friedliches Königreich einfiel, den Menschen das Feuer raubte und immer wieder aus den Bergen herabkam, um das Land zu verwüsten. Da erinnerte sich der König an ein großes, starkes Mädchen, das er einst im Bus gesehen hatte, weil er fand, dass sie Ähnlichkeit mit seiner Prinzessin hatte und er zeichnete sie zusammen mit dem Drachen auf ein Bild und erzählte seiner Prinzessin die Geschichte, dass das große starke Mädchen eine mächtige Zauberin sei und den Drachen besiegte. Da war die Prinzessin sehr froh, dass der Drache nun endlich besiegt war. Am nächsten Tag jedoch kam sie erneut zum König und erzählte ihm von dem gleichen Traum und am nächsten Tag wieder und so ging es fort und fort. Der König konnte sich immer neue Heldengeschichten über die Zauberin und ihre tapferen Gefährten ausdenken, es half alles nichts und er wurde sehr betrübt. Eines Tages jedoch, es war vier Tage vor Weihnachten, da geschah ein Wunder. Der König saß an einem Schaltpult und überprüfte die Funktion der Sicherheitswarnlampen, da erschien ein großes, starkes Mädchen bei ihm in der städtischen Kläranlage und in ihrer Begleitung befanden sich ein roter Hund und ein staunender Schmied. Und weil er in dem Mädchen die Zauberin aus dem Bus erkannte, erzählte er ihr von seinem Kummer mit den Albträumen der Prinzessin. Und das Mädchen überlegte, beriet sich mit ihrem Hund und dem Schmied und erklärte dem alten König, die Sache sei doch sonnenklar: Der Drache habe Angst in der Dunkelheit und habe den Menschen aus diesem Grund das Feuer gestohlen, um sich es selbst in der Nacht hübsch muckelig zu machen. Und statt jeden Nachmittag Stift und Papier vorzunehmen und Drachen zu töten sei es viel klüger, dem Drachen eine Taschenlampe zu schenken, und zwar eine große und stabile Markentaschnenlampe, mit der ein Drache auch etwas anfangen könne und die nicht sofort kaputt geht, wenn er sie mal beim Durch-die-Gegend-Fliegen fallen lässt. Da bedankte sich der König recht herzlich bei der Zauberin aus dem Bus und las ihr und ihren Begleitern zum Abschied noch einen lustigen Witz aus seinem Pilzkalender vor und niemand lachte, außer dem Schmied. Der bog sich vor Lachen.

Kapitel 19: Die Prophezeiung

Es war einmal ein junges Mädchen, dem war die Mutter früh gestorben und es hatte Zauberkräfte. Als nun die Zeit gekommen war, in die Welt hinaus zu gehen, da gab das Mädchen seinem Vater einen Kuss, ermahnte das Brüderchen, gut auf den alten Vater acht zu geben und machte sich zusammen mit einem kleinen Hund auf in den blauen Morgen. Bald kam es zu einem großen Wald und als es eine zeitlang hindurch gegangen war, gelangte es an ein wunderliches Haus, in dem ein mächtiger Zauberer wohnte. Der Zauberer erkannte wohl, welch Hexenmacht in dem Mädchen schlummerte, und weil er sehen wollte, ob er die Kräfte des Mädchens nicht zu seinem Vorteile nutzen konnte, lud er es ein, in seinem Haus zu wohnen und ihm und seinem Sohn Gesellschaft zu leisten. Das Mädchen aber war müde und hungrig und es sehnte sich nach neuem Zauberwissen und so blieb es viele Tage im Haus des Zauberers. Der Zauberer staunte, wie das Mädchen unter seiner Führung an Fertigkeit und Weisheit gewann und hegte bald große Zuneigung zu ihm. Schließlich kam der Tag, da bedankte sich das Mädchen für die Gastfreundschaft und wollte seiner Wege gehen. Der Zauberer aber ärgerte sich. Hatte er dem Mädchen nicht vielfach mit Brot und Rat beiseite gestanden? Hatte er nicht des Recht zu hoffen, das Mädchen und sein Sohn könnten eines Tages zusammen den Wald und die ganze Welt beherrschen? Also ersann er eine List, und als das Mädchen seinen Abschied nahm, da begleitete sie der Sohn des Zauberers noch ein Stück Wegs aus dem Wald heraus. Plötzlich aber fanden sie sich auf einem Pfad, den keiner von beiden je gesehen hatte. „Es scheint mir dunkle Zauberkraft am Werk“, sagte der Junge und als er zurück schaute, da war der Weg hinter ihnen versperrt. Das Mädchen aber schritt mutig voran, denn es fürchtete weder Tod noch Teufel und der Hund lief freudig vor ihr her, denn er sah vor sich ein kleines Dorf hinter dichten Bäumen auf einer Lichtung liegen und er dachte, dass er dort wohl schmackhafte Katzen für ein zweites Frühstück finden könnte. „Ich geb dir gleich schmackhafte Katzen, du Eumel!“, ruft Beffaná und bleibt am Rand des Dorfes stehen. „Mino, die Sache ist jetzt ganz offiziell bescheuert. Ich bin nicht die allerbeste in Stadt, Land, Fluss, und in Erdkunde auch nicht, aber hier sollte kein Dort sein, sondern die städtische Kläranlage. Und das gerade“, sagt sie lallend, „war ein vergifteter Pfeil.“ Beffaná schlägt der Länge nach hin und noch während Mino zu ihr läuft, bekommt er von der Seite einen Schlag an den Kopf und die Welt wird dunkel. Sami wundert sich, wie still es hinter ihm geworden ist. Er hat gerade den Garten des ersten Hauses im Dorf erreicht und dreht sich um. Keine Spur von seinem beiden Begleitern, stattdessen sieht er, wie ein breit gebauter Kerl mit einer Armbrust in der einen und einem Knüppel in der anderen Hand unter den Bäumen hervortritt und sich nach unten beugt. „Beffaná! Mino!“ Die beiden liegen regungslos im Gras und der Mann macht sich an ihren Füßen zu schaffen. „Die armen Kinder“ sagt ein Pilzmann im Blumenbeet neben Sami. „Psst!“ zischt Sami, „ich versuche hier gerade nicht vollkommen durchzudrehen. „Huch“, sagt das Pilzmännchen, „ein sprechender Hund! Was machst du hier?“ „Was machst DU hier?“ schnauzt Sami, immer noch unentschlossen, ob er einen aussichtslosen Kampf mit dem Hünen am Waldrand aufnehmen soll oder nicht. „Das führt zu nichts“, sagt der Pilzmann, „ich hab zuerst gefragt.“ „Lass mich in Ruhe.“ Sami hat sich sehr unhündisch entschlossen, erst einmal abzuwarten und auf eine bessere Gelegenheit zu hoffen. „Meine Freunde werden gerade überfallen!“ „Ich sag dir, wer der Typ ist“, sagt der Pilzmann. „Und du verrätst mir, wer ihr seid.“ „Dann spring auf und erklär’s mir auf dem Weg“, zischt Sami, „er schleift die beiden weg.“ Das Gras ist hoch, es duftet nach Frühling. Was immer das hier ist, es hat nichts mehr mit dem Wald des Krampus und der Jahreszeit zu tun, in der sich Sami, Beffaná und Mino eben noch befunden haben. Der Pilzmann springt auf Samis Rücken und lässt sich von dem Spitz durch’s Gras tragen. Inzwischen hat der Hüne seine Waffen verstaut, Beffaná und Mino an den Füßen gepackt und zieht sie ziemlich unsanft über die Wiese bis zu einer einfachen Holzkarre am Wegrand, die ganz offensichtlich ihm gehört. „Also was ist jetzt?“, raunt Sami. „Das ist Sigmund, unser Vogt“, sagt der Pilzmann. „Und ich bin Pilz.“ Das war’s. Während Sami weiterläuft, grüßt Pilz eine Reihe anderer Pilze, die zwischen den Gemüsebeeten des Dorfes wachsen. „Pilz?“, blafft Sami. „Hast du keinen richtigen Namen?“ „Was ist dein Problem, Hund? Wie heißt du denn?“ „Sami.“ „Klingt fremdländisch“, sagt Pilz. „Wenn du Hund hießest, wüssten alle, okay, das ist ein Hund! Aber Sami? Was soll das sein, ein Sami?“ Sami wird langsam klar, dass diese Unterhaltung ziemlich anstrengend werden könnte. Also konzentriert er sich auf die wichtigen Dinge. „Wo bringt er sie hin, dieser Vogt?“, fragt er. „Na wo schon?“, sagt Pilz. „In die Vogtei wahrscheinlich.“ „Und dann?“ „Dann werden sie aufgehängt. Oder gevierteilt. Oder gerädert. Ertränkt. Oder alles hintereinander. Reihenfolge unklar.“, sagt der Pilz. „Das ist völlig bescheuerter Quatsch.“, sagt Sami. Er stoppt gerade, als der Karren ebenfalls anhält und der große Kerl beginnt, Beffaná und Mino auszuladen. „Natürlich ist das Quatsch“, sagt Pilz. „Das hier ist das Mittelalter. Quatsch ist quasi die die Kurzbeschreibung für das Mittelalter.“ „Aber das ist alles nicht echt! Das muss ein Traum sein!“, schreit Sami. „Nun.“ Pilz schaut sich selbstgefällig um. „Solange wir hier sind, ist dieser Traum alles, was du hast.“ Überall im Dorf wachsen Pilze wie das Ding auf Samis Rücken. In den Gärten, an den Wegen, auf den Dächern, selbst in einigen Fenstern. Jetzt, im Licht der späten Morgensonne, sieht Sami, wie die Tausenden, Millionen Pilzsporen, von der leichten Brise durch das ganze Dorf getragen werden. Langsam dämmert Sami, wer hinter diesem Wahnsinn stecken könnte. „Ihr arbeitet für den Krampus!“ „Wir sind Pilze. Wir arbeiten überhaupt nicht, denk doch mal nach Sami-Hund. Wir machen einfach was der König sagt. Einen Krampus kennen wir nicht.“ „Wie auch immer ihr ihn nennt: Er ist ein Zwerg, hässlich, zweifelhafte Körperhygiene, und, ganz offiziell jedenfalls, immer noch mein Herrchen, irgendwie. Hängt häufig mit Vogelscheuchen und Zombies herum.“ „Nein.“ Pilz hopst von Samis Rücken und schüttelt den Kopf. „Es heißt, der König sei ein alter, weiser Mann. Und der einzige Zwerg hier in der Gegend ist Knurps, unser lieber Schmied.“ Sami beobachtet gerade noch, wie der Vogt Beffaná und Mino in die Vogtei-Barracke hineinzerrt und die Tür ins Schlosse krachen lässt. „Zwerg, sagst du? Das ist vielleicht ein Anfang“, sagt Sami, und Pilz zeigt mit seinem Hütchen nach links, die Straße herunter. „Na dann hier entlang.“

Als Beffaná erwacht, liegt sie neben Mino in der Ecke eines dunklen Raums. Über sich sieht sie einen kleinen Kreis schwachen Tageslichts. „Keine Sorge, Beffaná!“, dröhnt ein großer Kerl von einem Tisch auf der anderen Seite des Raums zu ihr herüber. „Der Kamin ist sauber. Hier hat seit langem kein Feuer mehr gebrannt.“ „Wo bin ich?“ fragt Beffaná. Sie versucht, Mino zu erreichen, doch ihre Hände und Füße sind gefesselt. „Bei Sigmund, dem Vogt. Ich hab den Jungen vom Schuster schon geschickt. Die königliche Wache wird in ein paar Stunden hier sein und dann bringen wir euch zum König.“ „Was ist das hier?“ Beffanás Kopf dröhnt. Manchmal verschwimmt alles vor ihren Augen. „Ich weiß genau, wer ihr seid!“ Der Vogt ignoriert ihre Frage. „Die junge Hexe und der Zauberer! Ihr seid die aus der Prophezeiung der Könige: >> Und an ihren roten Haaren und ihren Eisenaugen sollt ihr sie erkennen. Und sie wird begleitet von einem Jungen und einem Fuchs << Ich hab den Fuchs am Rand des Dorfes gesehen, aber er war zu weit weg. Ich hol ihn mir später. Weißt du, dass der König eine Belohnung von 10 Talern zahlt, wenn jemand euch findet?“ Es klopft. „Wer ist da?“ dröhnt der Vogt. „Eine Nachricht vom König!“ „Das ging da fix!“ Der Vogt springt auf und öffnet die Tür. Das Letzte, was er sieht, ist ein breit grinsender Fuchs, und dann die Faust von Knurps, dem Schmied. Sie landet genau auf seinem Gesicht und Sigmund kracht zu Boden. „Mannomann“, brummt Knurps. „Das hat wirklich gutgetan.“ Noch während er Sigmund zurück in die Barracke schleift, springt Sami an ihm vorbei auf Beffaná und Mino zu. Langsam erwacht jetzt auch Mino, nachdem Sami ihm mehr oder weniger vollständig das Gesicht abgeschlabbert hat. Ganz zuletzt schlendert Pilz herein. „So sieht sie also aus der Nähe aus? Hm, hab sie mir irgendwie größer vorgestellt.“ „Wenn der Junge laufen kann“, sagt Knurps, der Schmied, „dann gehen wir zu mir. Hier beim Vogt bekomm ich Magenschmerzen.“

Und da sind sie also. Knurps erzählt Beffaná, wie er Sami kennengelernt hat und auf der Bank in der Ecke erzählt Pilz dem jungen Zauberer Mino, wie verdammt vorsichtig man sein muss, um Knollenblätterpilze richtig zuzubereiten. „Die Kurzfassung lautet“, sagt er gerade , „Tu’s einfach nicht. Eine falsche Bewegung und du bist tot. Ich kannte mal einen der hatte gerade Fronturlaub von den Punischen Kriegen…“ So geht es weiter und Mino wünscht sich, er wäre noch ein wenig länger bewusstlos. „Also.“ Knurps fegt ein paar Sägespäne weg und bietet Beffaná einen Platz neben dem Amboss an. „Ich bau hier gerade einen Webstuhl für meine Nachbarin, da schneit dieser Hund hier herein und hört gar nicht mehr auf zu erzählen. Schau an, denk ich noch bei mir, ein sprechender Hund, aber er hat einen Pilz dabei, denk ich, dann wird das schon so seine Richtigkeit haben. Sagt der Hund also gerade, dass der Vogt eine Hexe gefangen hat. Mit roten Haaren. Und einen Jungen dazu. Holla, denk ich, dieser alte Halunke. Klingt heftig nach der Prophezeiung. Und der Hund sagt: Ja, sagt er, sie ist eine Hexe, aber eine von den guten und dass man Leute doch nicht einfach so gefangen nehmen darf. Tja, denk ich, das hab ich aber ganz anders erlebt, aber er hört gar nicht auf zu quatschen. Und nachdenklich geworden bin ich dann, als der Hund meinte, ihr seid sowieso auf dem Weg zum König und der Pilz hätte ihm verklickert, dass es eine Belohnung gibt, wenn man euch zum König bringt und ich sag ja, sag ich, dass ist wohl so und dann sagt er: Gebongt. Ich soll euch aus der Barracke loseisen, ihr geht mit mir zusammen zum König und ich kann das gesamte Geld behalten. Stimmt das?“ „Ähm“, sagt Beffaná. „Ähm.“ Und schließlich. „Ähm, ja klar!“ „Gut“, sagt Knurps. „Dann ist das ja besprochen. Ich will mir endlich eine eigene Eisenbiegemaschine bauen, aber dafür brauche gebogenes Eisen, hört sich verrückt an, oder? Jedenfalls, die 10 Taler könnt ich da gut gebrauchen.“ „Ähm“, sagt Beffaná. „Was denn?“ „Ähm, du bist doch ein Schmied. Du kannst dir Eisen einfach selbst biegen, wenn ich das richtig im Kopf habe. Ganz ohne Maschine“. Knurps fängt an zu lachen. Er lacht wirklich eine ganze Weile und schaut Beffaná schließlich nachdenklich an. „Du hast wirklich keine Ahnung, oder?“ sagt er. Beffaná lächelt gequält. „Nee“, sagt sie. „Aber ich dachte wirklich, dass ich das mit dem Eisen und der Schmiede und so richtig verstanden habe.“ „Ja“, sagt Knurps, „hast du ja auch. Das Problem ist nur: Wir haben kein Feuer mehr. Schon ewig. Der Drache hat es uns gestohlen. Das ist doch der Grund, warum der König der Belohnung ausgesetzt hat. Es muss erst eine Hexe kommen und den Drachen töten. So lautet die Regel. Erst wenn die Hexe mit dem Kopf des Drachen vor dem König erscheint, wird alles wieder ganz normal, verstehst du?“ „Ja!“, kräht Pilz und springt in der kalten Esse auf und ab. „Verstehst du?! Verstehst du?! Verstehst du?! Du musst das Monster töten, Beffaná! Monster töten! Monster töten! Potzblitz! Potzblitz! Potzblitz!“

Kapitel 18: Zwei Hexen

Dies ist die Geschichte von zwei Hexen mit dem Namen Beffaná. Beide tragen sie eine Brille, unter einem roten Haarschopf. Beide sehen sich einem Jungen gegenüber, den sie sehr mögen. Während jedoch die eine Beffaná erleichtert und schwer atmend auf einem Fensterbrett im achten Stockwerk sitzt, muss die andere sich verabschieden.

Die Geschichte beginnt im Haus des Krampus, eines sonderlichen Zwergs, dem die Menschen bei seinen spärlichen Besuchen im örtlichen Supermarkt befremdet hinterherschauen. Natürlich hätte er es streng genommen gar nicht nötig, selbst im Supermarkt nach spanischen Oliven, Feuerzeugbenzin und heruntergesetzten Weihnachts-DVDs auf dem Wühltisch vor der Kasse zu suchen. Doch wenn er seine Diener schicken würde, vornehmlich Vogelscheuchen, Spinnen oder Zombies, würde die Situation im Supermarkt vermutlich etwas außer Kontrolle geraten. Und dabei wäre eine Vogelscheuche, die einen heruntergesetzten Ornithologie-Führer kaufen wollte, noch das kleinste Problem. Es lässt sich sogar annehmen, dass der frisch angelernte Kassierer an Kasse 2 auch nicht übermäßig überrascht wäre, würde er im Anschluss bei einem streng riechenden Untoten abkassieren, der einen turmhohen Stapel Horrorfilm-DVDs auf das Band legt. Die 100 Spinnen allerdings, die sich in der Obstabteilung um die letzten Bio-Bananen balgen, die wären dann wahrscheinlich doch ein bisschen viel und darum können die Leute hier in der Vorstadt eigentlich ganz froh sein, dass immer nur dieser gruselige Zwerg vorbeikommt, ewig an der Kasse braucht, weil er natürlich passend zahlen will, und dabei stets zwei Flaschen Schnaps unter seinem Mantel mitgehen lässt. Als besagter Zwerg heute allerdings von seinem morgendlichen Einkauf in sein graues Haus im Wald zurückkehrt, erlebt er eine böse Überraschung. Denn noch bevor er seinen Mantel ablegen kann, geschweige denn die Zeit hat, Wasser für einen starken Kaffee aufzusetzen, steht Beffaná in der Küchentür und erklärt ihm, dass sie den ganzen Kram hinschmeißt und nach Hause will. Als er sie noch fragend anstarrt, dreht sie sich bereits zum Flur und sagt im Weggehen: „Ach so, und den Nachtschrat hab ich auch freigelassen.“ Beffaná ist erleichtert. Ihr Vater ist kein Genie in Sachen gute Ratschläge und Kindererziehung, aber in dieser Sache hat er eigentlich immer Recht behalten: „Kopf hoch und der Gefahr ins Auge sehen!“, sagt er immer und würde er sich selbst ebenfalls an diese Regel halten, wäre er vielleicht sogar ein ziemlich perfekter Vater. Da Beffaná keinerlei Gepäck mitgebracht hat für ihren nur so halbfreiwilligen Aufenthalt beim Krampus, gibt es auch keinen Grund, länger zu warten. Naja. Vielleicht doch. Sie dreht sich noch einmal um: „Danke für alles“, sagt sie, „ich habe viel gelernt“. Die anderen beiden Gründe, warum ihr Herz trotz allem schwer wie ein Wackerstein ist, stehen draußen vor der Haustür und starren auf ihre Füße beziehungsweise Pfoten. Sami schafft es nicht einmal, den Kopf zu heben, als Beffaná „Bis demnächst mal, Sami“ sagt. Und Mino hat die Arme vor der Brust verschränkt und sein allerarrogantestes Gesicht aufgesetzt. „Du haust jetzt einfach ab, Hexenschülerin?“, fragt er und sie schüttelt den Kopf. „Wenn es einfach wäre, würd’ ich hier nich rumstehen, wie ein Vollidiot, Mino. Aber mir ist klargeworden, dass ich auch ohne Krampus lernen kann, eine gute Hexe zu werden. Eine bessere sogar, weil sie die richtigen Dinge tut. Und das Richtige ist es, jetzt nach Hause zu gehen und mich um meine Familie und vor allem um Esmeralda zu kümmern, die Arme.“ „Ich könnte dir beim Lernen helfen“, sagt Mino. „So wie ich’s vorher schon getan habe. Aber dafür musst du hierbleiben.“ „Stell mich nicht vor eine kindische Wahl, die gar keine ist“, sagt Beffaná. „Es sind ein paar Stationen mit dem Bus. Der fährt jeden Tag. In beide Richtungen.“ „Nur für dich, Beffaná Leah Grimm“, sagt Mino. „Für Euch Grimms war es immer einfach, sich einen Dreck um die Regeln der Hexenwelt zu scheren. Doch ich…“ Mino macht eine ausladende Handbewegung „ich bin an das hier alles und an meinen Vater gebunden. Ich habe nichts anderes und bin nichts anderes und hier zu leben und zu lernen ist das einzige, was ich kann.“ „Aber du kannst doch raus und mich besuchen“, sagt Beffaná, „vielleicht, wenn du mal wieder zufällig in der Gegend zu tun hast…?“ Mino schnaubt. „Weißt du was, Sami und ich, wir können dich ja wenigstens noch bis zum Bus bringen.“

Die zweite Beffaná hat Rückenschmerzen von hier bis Feuerland und spürt ein unstillbares Verlangen nach einer Nacht in ihrem geliebten Wasserbett. Das Problem ist Jacob, der in den letzten Nächten immer wieder in der Dunkelheit im Flur herumtappt. Doppelgänger-Beffaná, die beim ersten Versuch, nachts im eigenen Bett zu schlafen, mit ihm kollidiert ist, hat dieses Verhalten sofort wiedererkannt, von früher, weil sie es exakt so auch bei ihrer jungen Freundin Leah beobachtet hat. Esmeralda ist sich ziemlich sicher, dass der Junge schlafwandelt. Jetzt allerdings sieht sie die Sache vor allem deshalb als Problem, weil ein nächtlicher Ausflug in ihr Wasserbett zu einem ungewollten Crash mit dem Schlafwandler führen könnte. Doch schließlich ist sie eine Hexe und benötigt keinen von Schlafwandlern bevölkerten Flur und keine Treppe, um zu ihrem Wasserbett zu kommen. Esmeralda hält es stattdessen für die beste Idee von allen, einen Zauber anzuwenden, mit dessen Hilfe sie spielend leicht an Hausfassaden herumklettern kann. Das hat heute Nacht auf dem Hinweg zu ihrer Wohnung wunderbar funktioniert und hat ihr einige Stunden herrlich kuscheligen Schlaf im eigenen Bett gebracht. Auch der Rückweg um fünf Uhr morgens hat vielversprechend begonnen, bis sie plötzlich im Dunkeln mit der Nase an etwas Weiches gestoßen ist und das ist deshalb ungewöhnlich, weil dieses Weiche über ihr neben der Hauswand in der Luft hängt, laut schnarcht, und verdammt noch eins wie Jacob Grimm aussieht. Esmeralda hat in ihrem gesamten Hexenleben nur wenige Panikanfälle bekommen, was jetzt folgt, ist einer davon. Es ist ein großes Glück, dass der schwebende Jacob keinerlei Notiz von Esmeraldas Erstickungsanfall nimmt und dass sie zehn Minuten später irgendwie in der Lage ist, den Jungen durch leichtes Schieben und streicheln, zurück zum achten Stock zu bugsieren, wo Jacobs Zimmerfenster offen steht. Blöd nur, dass er in eben der Sekunde erwacht, als Esmeralda ihn gerade zurück durchs Fenster schubsten will. „Beffaná, was machst du hier?“ fragt er. Und dann: „Woher kannst du Wände hochklettern?“ „Woher zum Teufel kannst du schweben?!“, zischt Doppelgänger-Beffaná, während Jacob sich seelenruhig auf seine Fensterbank setzt. „Immer schon“, sagt er. „Aber nicht Papa sagen. Sonst regt der sich wieder auf. Warum schimpfst du eigentlich nicht mit mir?“ „Bitte?“ „Sonst schimpfst du immer total rum, wenn dir was nicht gefällt!“ Die ganze Szene ist so absurd, dass Doppelgänger-Beffaná nicht richtig aufpasst und von ihrem provisorischen Platz neben Jacob auf dem Fensterbrett ins Zimmer hinein purzelt und dabei mächtig Lärm macht. Lärm genug, um Anil Grimm aufzuwecken. Anil steht genau 15 Sekunden später in Jacobs Zimmer und sieht ein fluchendes Mischwesen aus seiner Tochter und seiner Nachbarin sich auf dem Zimmerboden wälzen, während sein Sohn vom offenen Fenster aus interessiert zuschaut. „Jacob!“, ruft Anil und Jacob antwortet: „Papa, ich kann wirklich nichts dafür! Ich bin einfach nur ein bisschen geflogen und das da ist ganz von alleine passiert!“ Es dauert eine Weile, viele Tassen Tee, Kaffee und Kakao, bis Anil langsam versteht, was gespielt wird. Esmeralda hat sich letztlich mit einigen Anlaufschwierigkeiten in sich selbst zurückverwandelt, sitzt mit Jacob auf dem Schoß auf Beffanás Stuhl und erzählt. Erzählt vom Krampus und von Sami, vom Spielplatz, dem Millennium-Falken, und von der zweiten Mathe-Vertretungslehrerin, die inzwischen auf die erste gefolgt ist, weil die erste urplötzlich ein bisschen wahnsinnig geworden ist. „Die neue Mathevertretungslehrerin ist aber auch nicht sooooo dolle“, sagt Esmeralda. „Sie heißt Fenchelkeks und wenn wir Pech haben, bleibt die für länger.“ In diesem Augenblick kommt Anil Grimm endlich zur Besinnung. „Was heißt denn überhaupt ‚wir‘“, brüllt er. „Wo ist meine Tochter?!“ „Hab ich doch gesagt. Im Wald. Beim Krampus.“ „Gut“, sagt Anil. „Alle Mann Schuhe anziehen. Du auch Jacob. Das mit der Fliegerei klären wir später. Erst mal fahren wir zu Beffana. Jetzt.“

Das mit der Busstation ist ein Problem. Beffaná ist den Weg vom Grauen Haus zur Busstation inzwischen schon einige Male gegangen, manchmal todmüde von den langen Unterrichtsnächten beim Krampus, machmal auch in Begleitung von Sami, der jetzt ebenfalls neben ihr her trottet. Aber niemals haben sie sich verlaufen. Wie ist es überhaupt möglich, sich in Begleitung eines Hundes zu verlaufen? In Begleitung eines Jungen, der ,wie lange schon hier lebt? 50, 100 Jahre?“ „Wie alt bist du, Mino?“, fragt Beffaná. „Sei nicht so unhöflich“, murmelt Mino. „Ich frag mich nur, wie es sein kann, dass wir uns verlaufen haben!“ „Wir haben uns nicht verlaufen. Mein Vater ist wütend auf dich.“ „Und das heißt?“ „Dass wir uns verlaufen“, stöhnt Mino. „Ich wette, wenn wir uns auf den Rückweg machen, sind wir in fünf Minuten am Haus. Irrgärten und Labyrinthe sind eine Art Familienspezialität“. „Kannst du nichts dagegen tun?“ fragt Beffaná. „Wir könnten zum Haus zurück und einen Besen suchen.“ „Du meinst, fliegen?“ fragt Beffaná. „Bin ich sofort dabei!“ „Das Problem ist“, sagt Mino, „dass nach deiner Mutter niemand mehr fliegt, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.“ „Der Unfall…“, sagt Beffaná. Mino bleibt stehen. „Es ist“, sagt er, „als haben sich die Lüfte gegen uns verschworen. Fliegen ist gefährlich geworden.“ „Aber ihr habt einen funktionierenden Besen zuhause“, fragt Beffaná. „Dann lass es uns versuchen. Esmeralda sagt, dass meine Mutter eine besten im Fliegen war.“ „Wie du meinst.“ Doch als sie sich umdrehen, ist der Pfad verschwunden. „Denkste, in fünf Minuten zuhause“, sagt Beffaná. „Was wird hier eigentlich gespielt?“ „Das da“, sagt Mino und deutet auf einen Hohlweg der plötzlich links von ihnen erscheint und direkt in den dunkelsten Wald führt. Sami schüttelt sich. „Das gefällt mir nicht.“ Aus dem Wald ertönt ein fernes Heulen. Oder ist es ein Lachen? „Was denkst du, Hexenschülerin?“ fragt Mino. „Kopf hoch und der Gefahr ins Auge sehen!“, sagt Beffaná. „Potzblitz.“

Kapitel 17: Die Überraschung

Es klopft. „Beffaná?“ „…“ „Bist du wach? Ich muss mit dir sprechen.“ „…“ „Beffaná? Hm…, das hier müsste helfen…“ „Hatschi! What-the…?! „Beffaná! Mach auf!“ „Ist es schon morgens, müssen wir deinen Vater ablösen?“ Beffaná steigt ziemlich zerstört aus ihrem Bett. Ihre Brille liegt werweißwo, aber es ist so dunkel, dass sie eh nichts bringen würde. Schließlich findet sie die Tür und öffnet. „Wieso schließt du überhaupt ab?“ „Ja, wieso eigentlich , Mino? Bringt ja sowieso nichts, wenn der Bösewicht einfach draußen stehen bleibt und mir Feinstaub in die Nase zaubert.“ „Stinkwurzpollen.“ Mino hat eine Kerze in der Hand, wie in so einem alten Film, der in einem Schloss oder einer Burg spielt. Beffaná würde lachen, wenn sie nicht so müde wäre. „Komm rein.“ Sie knipst die Deckenlampe an und beide, Mino und sie selbst, müssen kurz die Augen zukneifen wegen des grellen Neonlichts. „Was für eine Butze“, sagt Mino. „Mein Vater ist echt unmöglich.“ „Es reicht zum Schlafen und Nachdenken, sagt der liebe Herr Vater.“ Beffaná dreht sich mit breit geöffneten Armen einmal um sich selbst. „Schau dich ruhig um. Aber ich muss dich enttäuschen. Das Pay-TV ist kaputt und in der Mini-Bar gibts nur Spinnen.“ „Hölle, ich finds zu deprimierend hier. Lass uns zu mir ins Zimmer gehen“, sagt Mino. „Aber ich hab extra aufgeräumt“, ruft Beffaná ihm hinterher, als er schon auf dem Weg nach oben ist. Minos Zimmer ist eins der wenigen über der Erde. Es ist ebenfalls nicht besonders groß, aber es hat ein Giebelfenster, durch das man die Sterne sehen kann, einen Schreibtisch, eine Menge Regale und jede Menge Bücher. Tausende von Bücher. „Nein, ich hab die nicht alle gelesen“, sagt er, bevor er Beffaná einen Platz auf einem kleinen Sessel neben dem Bett anbieten kann. „Hab ich auch nicht gedacht“, sagt sie. „Wer weiß“, sagt Mino. „Ist schwer geworden, in deinen Dickschädel reinzugucken.“ „Ich hab trainiert. Was willst du?“ „Über heute Abend reden. Du warst still und schlecht gelaunt beim Essen.“ „Stimmt“, sagt Beffaná. „Willst du darüber reden?“ „Nein“, sagt Beffaná. „Dann eben nicht…“ „Es ist falsch, was wir da tun. Wir zähmen den Nachtschrat nicht, wir brechen ihn. Wir foltern ihn, bis er zusammenbricht. Ich kann das nicht mehr tun.“ „Es ist eine sie“, sagt Mino. „Der Nachtschrat ist ein Weibchen. Denkt man gar nicht, oder? Ist aber so. Hat mein Vater mir gesagt. Macht den Schrat weniger nützlich. Weibliche Nachtschrate sind langsamer.“ „Hast du keine Gewissensbisse? Fühlt es sich für dich nicht falsch an, ein Wesen so zu behandeln, nur um… Hölle, ich weiß gar nicht wofür genau! Um einen Boten zu haben oder sowas? Wir sind Hexen, wir brachen doch keinen Maulwurf, um Zettel von A nach B zu bringen. Ich meine, dein Vater ist der Krampus! Der wird doch besseres zu tun haben, als Maulwürfen Kunststücke beizubringen.“ „Es ist nicht einfach ein Maulwurf. Sie ist ein Nachtschrat,“ sagt Mino. „Ein Nachtschrat-Weibchen. Und sie heißt Phlox.“ „Ach, das hat sie Dir erzählt?“ „Als ich in der Zelle eingeschlafen bin. Als du mich vor dem Biest gerettet hast. Beffaná, was immer du auch über diesen Nachtschrat denkst, harmlos ist er nicht.“ „Sie wird gefangengehalten, obwohl sie eigentlich längst wieder unter der Erde sein sollte. Und wofür? Für irgendeine dämliche Zauberertradition, die keinen Sinn ergibt.“ Mino setzt sich auf sein Bett und sieht lange zu Beffaná herüber. „Okay, weißt du was, Hexenschülerin? Du hast Recht. Wir lassen sie frei.“ „Wie jetzt, echt?“ Beffaná springt auf. „Ist das ernst gemeint? Ich bin zu müde für irgendwelchen Spielchen.“ Mino legt Beffaná eine Hand auf die Schulter und bedeutet ihr sich wieder hinzusetzen. „Ganz ehrlich? Ich hab kein besonders großes Mitleid mit der Schratin. Die Biester können sehr gefährlich werden und werden seit Jahrhunderten von Hexen und Zauberern gejagt. Die Normalos machen ganz andere Sachen mit Schweinen und Hühnern und Rindern. Das was wir veranstalten ist dagegen eine faire, wenn auch etwas altmodische Jagd. Trotzdem: Nicht dein Ding? Verstanden. Du hast den Schrat erledigt, dann kannst du auch bestimmen, was mit ihm geschieht. Kein Problem damit.“ „Aber dein Vater…“ „Ach, Quatsch. Mein Vater ist einfach ein Idiot. Mein Vater ist schon ein bisschen zu lange Lehrer und bildet sich immer noch ein, das er der einzige ist, der weiß, wie junge Hexen ticken. Weißt du, er bringt schon seit Jahrhunderten Hexen und Zauberern ihr Handwerk bei, Beffaná. Und davor sein Vater. Mein Vater kapiert nicht, dass Hexen inzwischen andere Dinge im Kopf haben als er.“ „Aber wenn dein Vater schon so alt ist“, sagt Beffaná, „Wie alt bist du denn dann?“ „Bisschen älter als du, Hexenschülerin.“ „Aber wieso behandelt er dich dann immer noch wie einen Halbwüchsigen?“ „Weil unsere Art nun mal sehr langlebig ist und darum für alles sehr viel Zeit braucht. Auch für’s Erwachsen werden. Denkt mein Vater wenigstens.“ „Und deine Mutter?“ „Meine Mutter war ein ganz normaler Mensch. Sie ist sehr alt geworden, ist aber trotzdem schon sehr lange gestorben.“ Beffaná wird jetzt erst klar, dass sie und Mino etwas gemeinsam haben. „Meine Mutter ist auch gestorben“, sagt sie. „Ich weiß. Die berühmte Leah Grimm. Das war ein Schlag für die Hexenwelt. Sie war eine der besten.“ „Hast du sie gekannt?“ „Nein, Beffaná. Sie ist nicht zu meinem Vater gegangen. Sie war einfach von Beginn an eine Hexe, sagen die Leute. Ungeschliffen. Grandios. Durchgeknallt, ja, auch das. Und unabhängig. Hat nur gemacht, was sie für richtig hielt. Und ich war nicht dabei und kenne nur die Geschichten, aber so ganz richtig hört sich das nicht alles an. Wenn’s irgendwo ´ne Schlägerei gab, war sie mittendrin. Wie gesagt: Ich war nicht dabei. Mein Vater hätte sie gerne unterrichtet.“ „Wieso“, fragt Beffaná nach einer Weile des Schweigens, „besitzt du eigentlich so viele Bücher, wenn er doch Bücher so schlimm findet? Er ist doch auch dein Lehrer!“ „Na klar, und stell dir mal vor, die Hälfte der Bücher hab ich von ihm bekommen. Ich hab mir das, was du dir hier in ein paar Tagen beibringst ,mühsamst erkämpfen müssen. Und mein Vater bestimmt auch. Lehrer werden meistens nicht die Besten, sondern die, die’s am besten erklären können. Mein Vater und ich, wir haben alles gelesen, was es über Hexerei zu wissen gibt. Und Leute wie Deine Mutter und du, ihr wacht einfach eines Tages auf und seid verdammt gute Hexen. Darum will er dich auch nicht mit Büchern verwirren. Er weiß, dass du die Sache anders lernst. Und dass du bald viel besser bist als er. Und als ich. Er denkt bestimmt, das er dich noch besser machen kann. Aber nicht mit Büchern.“ Mino geht zu einem Regal und zieht ein sehr großes und sehr altes Buch heraus. „Willst du sie sehen?“, fragt er. „Deine Mutter, willst du sie mal sehen?“ „Wie? Hast du ein Foto von ihr?“ fragt Beffaná. Sie kennt nur eine Handvoll Aufnahmen und die beste ist noch die, die Esmeralda Schniggenfittich unten bei sich im Flur hängen hat. Das Fotos von Beffanás Mutter zusammen mit Esmeralda und Anil. „Ich hab was Besseres“, sagt Mino. „Ich weiß nicht, ob du’s wusstest, aber ich kann ein bisschen zaubern.“ „Whaaat?“ Sie spielt die Erstaunte. „Oh mein Gott, das musst Du mir dringend zeigen! Kannst du meine Mutter aus einem Hut herausziehen?“ „Besser. Ich… hab da mal was vorbereitet.“ Mino grinst jetzt breit. Wie ein kleiner Junge, der jemandem seinen neusten Kartentrick zeigen will, an dem er tagelang geübt hat. „Setz dich bitte hier hin.“ Mino rückt Beffaná einen Stuhl an seinem Schreibtisch zurecht und wartet, bis sie sich hingesetzt hat. Dann legt er das große Buch vor sie hin. „Auch wenn mein Vater dir erzählt, das Bücher Unsinn sind“, sagt er, „es gibt da schon ein paar richtig coole Bücher.“ Er schlägt das Buch vor ihr auf und Beffaná ist verwirrt. Auf dem Blatt ist ein fast seitenfüllender Bilderrahmen gezeichnet, umrankt von seltsamen Runen und verschlungen gezeichneten Mustern. Doch er Rahmen ist leer. „Das ist der Rahmen von Utunga!“ raunt Mino ihr ins Ohr, es gibt davon nur noch zwei Exemplare auf der Welt.“ Beffaná hört gespannt zu. „Ich hatte dich, oder?!“, lacht Mino. „Utunga? Come on, Beffaná, was soll das sein? Aber das Buch ist wirklich krass. Wenn du in den Rahmen schaust und an sie denkst, dann wirst du sie sehen.“ „Wie jetzt?“ „Einfach gucken, Beffaná. Einfach an sie denken. Probier’s ruhig.“ Und Beffaná schaut in den Rahmen hinein, der auf der aufgeschlagenen Buchseite gezeichnet ist. Sie weiß natürlich, dass es solche Zauber gibt, der Krampus hat davon erzählt, meinte aber abschätzig, so etwas führe zu nichts und sei vor allem dazu da, um einsame Menschen in Wahrsager-Zelte auf Jahrmärkten zu locken. Aber jetzt liegt eins dieser Bücher direkt vor ihrer Nase und statt eines leeren Rahmens sieht sie nun das Gesicht einer jungen Hexe. Einer Hexe, die kaum älter ist, als sie. Sie scheint Beffaná direkt anzusehen, sie zu mustern. Beffaná erkennt einige Züge von sich selbst in diesem Gesicht, aber ihre Mutter, das würde wahrscheinlich jede Betrachterin dieses Bildes sagen, ist wirklich wunderschön. Oder, wie Jess es formulieren würde: „Der absolute Knaller!“
„Mama“, flüstert Beffaná. „Kannst du mich hören?“ Das Gesicht verändert sich nicht. Nur die großen Augen sehen Beffaná direkt an. „Mama“, flüstert Beffaná noch einmal. Das Gesicht von Leah Grimm scheint ganz leicht zu verblassen. Dann hellt es sich zu einem Lächeln auf, zwinkert ihrer Tochter zu und verschwindet. Wie vom Donner gerührt sitzt Beffaná an Minos Schreibtisch vor dem Buch. „Alles in Ordnung, Hexenschülerin?“ fragt Mino schließlich. „Ja“, sagt sie. Und: „Danke.“ Dann steht sie langsam auf und reckt sich. „Na dann. Lass uns runtergehen und einen Schrat befreien.“

In der Küche liegt Sami und schläft noch tief und fest, obwohl man im Fenster hinter den kahlen Baumwipfeln bereits das Morgengrauen am Himmel erkennen kann. Doch als Beffaná an Sami zerrt und schüttelt, kommt er langsam zur Besinnung. „Als Wachhund wärst du aber auch nicht zu gebrauchen“, sagt sie und winkt ihn zu sich, als sie bereits zusammen mit Mino auf dem Weg in den Keller ist. „Na komm schon! ich kann da unten ganz gut Hilfe gebrauchen. Wie auch die Nächte zuvor stehen Matilde und Ernest, die Vogelscheuche und der Zombie, Wache vor der Kerkertür. Beffaná nickt den beiden verschwörerisch zu, zeigt auf sich selbst und schüttelt mit dem Kopf. „Ich bin nicht da!“ „Ist mein Vater drin?“ fragt Mino und Matilde nickt. „Die ganze Nacht“, sagt sie. „Ohne Essen, ohne Schlafen, ohne Ablösung.“ Sie machen es, wie besprochen. Beffaná versteckt sich mit Sami in einem Seitenflur und Mino öffnet die Zellentür. „Ich löse dich ab“ hört Beffaná ihn sagen. „Kann eh nicht mehr schlafen“. „Ist gut“, entgegnet der Krampus. „Es kann jetzt jeden Augenblick soweit sein. Ihr habt ihn ordentlich weichgeklopft gestern. Das war gute Arbeit. Hätte ich der Hexe gar nicht zugetraut.“ Beffaná hört ihn die Zelle verlassen. Dann jedoch stoppen die Schritte. Er bleibt stehen. „Sag mal“, ruft er in die Zelle hinein, „läuft Sami hier irgendwo herum? Oder warst du eben bei ihm? Es riecht hier überall nach nassem Hund!“ „Nein, ich hab ihn nicht gesehen“ sagt Mino aus der Zelle. Der Krampus stöhnt. „Ist der Köter schon wieder abgehauen? Ich schau mal, ob er sich hier irgendwo rumtreibt. Wahrscheinlich macht ihn der Geruch des Schrats ganz wahnsinnig…“ „Da ist bestimmt nichts…“ beginnt Mino doch sein Vater würgt ihn ab. „Kümmer du dich um den Schrat, ich kümmere mich um alles andere!“ „Ja Vater.“ Die Schritte des Krampus nähern sich, bleiben vor den Türen einzelner Räume stehen, gehen weiter . Kommen näher. Plötzlich hört Beffaná ein dumpfes Stöhnen aus Richtung der Kerkertür. „Ach Ernest!“ hört Beffaná Matilde rufen. „Meister, Ernest hat einen Arm verloren!“ „Nicht das auch noch!“ Die Stimme vom Krampus ist sehr nah, kommt direkt aus der nächsten Abzweigung zum Flur. Dann: Schnaufen. Fluchen. Und der Krampus entfernt sich. „So ein Mist, Ernest! Wie konnte das denn wieder passieren! Hilft ja nichts! Ab in die Küche, da hab ich mein Nähzeug!“ Und langsam, hört Beffaná, entfernen sich die Schritte und es wird still im Flur.

Sie halten den Nachtschrat zu dritt, Mino, Beffaná und Matilde, mithilfe mehrerer Lederbänder fest. Sami läuft mit gerecktem Schwanz hinter ihnen her. Beffaná weiß, dass sie sich beeilen müssen, denn niemand kann sagen, ob der Krampus noch einmal wiederkommt, um Ernest zurück an seinen Posten zu bringen. „Was nützt so ein Zombie überhaupt“, denkt Beffaná, „wenn er so aufwändig in der Wartung ist.“ Doch jetzt ist nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie stehen bereits auf dem Hügel hinter dem Haus. Phlox, das Nachtschratweibchen ist sehr ruhig. Auch in ihren Gedanken spürt Beffaná ihre Anwesenheit überhaupt nicht. Sie scheint wirklich kurz vor der Kapitulation zu stehen. „Jetzt vorsichtig, wenn wir sie losbinden!“ warnt Mino, aber Beffaná winkt ab. „Sie tut uns nichts. Sie ist zu schwach.“ Beffaná zückt ein Küchenmesser, das sie vorhin hat mitgehen zu lassen. Doch statt Phlox loszuschneiden, zieht sie einen Ärmel hoch und versetzt sich einen zu allzu tiefen, langen Schnitt in den Unterarm. „Beffaná!“ ruft Mino, doch sie bedeutet ihm zurückzubleiben. „Hab ich in einem deiner Bücher gelesen“, sagt sie „bevor wir runtergegangen sind. Eigentlich benötigen Nachtschrate vor allem das Blut der Tiere. Fleisch ist okay, aber das hier ist besser.“ Sie zeigt auf ihren Arm, von dem ein kleines Gerinsel Blut zu Boden tropft. Sie lässt es tropfen. „Bedien Dich, Phlox! Und dann verschwinde, so schnell du kannst. Es tut mir so unendlich leid, was wir dir angetan haben. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.“ Dann winkt sie die anderen zu sich und sie gehen so schnell sie können ins Haus zurück. An der Schwelle hält Beffaná Mino kurz zurück. „Danke“, sagt sie, und gibt ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Du bist schon ganz in Ordnung. Potz. Und Blitz. Und so.“

Kapitel 16: Der Widerspenstigen Zähmung

Der Raum ist nicht sehr groß. Es passt ein Bett hinein, ein Stuhl, ein Schrank. Doch was (soll man) hinein hängen in einen Schrank, ohne Gepäck? Und was (soll man) machen mit einem Fenster, das direkt auf eine Mauer zeigt? “Es ist ein Studierzimmer”, sagt der Krampus. “Wir sind kein Hotel.” “Es gibt nicht mal einen Schreibtisch.”, sagt Beffaná. “Du weißt, was ich von Büchern und dem ganzen Schreibkram halte”, sagt der Krampus. “Du lernst alleine durch Beobachten, Ausprobieren, Fehler machen. In Büchern steht nur Unsinn, um die Menschen zu verwirren. In diesem Zimmer kannst du schlafen und nachdenken. Für den Rest gibt's bessere Orte.”

Nachdem er Beffaná ihr Zimmer gezeigt hat, führt der Krampus sie durch das ganze Haus. Es ist riesig und Beffaná vermutet, dass das vor allem daran liegt, dass es unendlich viele Kellerräume gibt. Offenbar ist ein großer Teil des Waldes in der Gegend unterhöhlt mit Räumlichkeiten, die zum Anwesen des Krampus gehören. Beffaná ist still und hält die ganze Zeit Sami auf ihrem Arm. Doch auch der Hund hat nichts zu sagen und klappt während der gesamten Führung die Ohren herunter. “Ja Himmelnocheins!”, ruft der Krampus schließlich. “Was ist das denn für einen Stimmung hier? Geht's darum, dass Esmeralda und ich uns gestritten haben? Du hättest Essi mal als Schülerin erleben sollen, Beffaná! So ein renitenter Besen! Sie hat halt Temperament! Genau wie ich! So ist dass, wenn zwei Sturrköpfe aufeinanderprallen! In zwei, drei Tagen ist das alles vergessen, das versprech ich dir, Beffaná. Und jetzt lass uns mal gucken, was der Junge da unten im Kerker treibt!”

Beffaná wechselt sich mit Mino ab. Er wollte von Hilfe natürlich nichts wissen, ist aber gestern noch während er beim Nachtschrat in der Zelle war, tief und fest eingeschlafen. Das kann durchaus gefährlich sein und hätte Beffaná ihn nicht nach einigen Minuten gefunden und geweckt, hätte die Sache für Mino böse enden können. Zwar ist der Nachschrat an einen Pfahl gefesselt, aber das hindert ihn nicht daran, in den Kopf eines unvorsichtigen Zauberers eindringen zu können. Nachtschrate sind außerordentlich intelligent. Zwar sprechen sie nicht im menschlichen Sinne, doch ihre telepathischen Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Andererseits sind sie für körperliche Entbehrungen und Schmerz fast gänzlich unempfindlich. “Die Zähmung eines Nachtschrats ist reine Kopfsache”, hat Mino Beffaná erklärt. Körperliche Züchtigung, Wasser-, oder Nahrungsentzug haben keinen Effekt. Beffaná hofft stark, dass solche Versuche in der heutigen Zeit lange beendet wurden, aber wer weiß das schon. Sie ist sich nicht so sicher, welche Mittel der Krampus notfalls einsetzen würde, um sein Ziel zu erreichen.

Als sie gestern abends spät in die Zelle kaum, um Mino abzulösen, und ihn dann schlafend vorfand, handelte sie schnell und ohne groß darüber nachzudenken. Sie warf sich zwischen Mino und den Nachtschrat, zwang den Schrat, ihren Augen zu folgen und war sofort in seinem Kopf. “Lass Mino los!” “Ich hab dem jungen Zauberer kein Haar gekrümmt”, hörte sie es irgendwo in ihrem Hinterkopf flüstern. “Du warst zu früh, du Spielverderberin!.” Beffaná zog den halb schlafenden Mino aus der Zelle, bat die Wachen, ihn in sein Zimmer zu bringen und begab sich zurück zum Nachtschrat.

Das Geheimnis der Nachtschrat-Zähmung ist Geduld und pausenloser Gedankenaustausch. Beffaná hat es bereits bei der nächtlichen Jagd einmal hinbekommen und auch bei Minos Befreiung aus der Zelle warmes ihr spielend leicht gelungen, ihre Gedanken zu fokussieren und im Kopf des anderen zu sprechen. “Lass ihn nie zur Ruhe kommen!” hat Mino ihr geraten. “Halte ihn wach und beschäftige ihn. Erzähl ihm von deinem letzten Sommerurlaub. Frag ihn nach seinen Hobbys oder seiner Lieblingsstaffel von Doktor Who! Und wenn er redet, dann lass ihn reden, frag nach, zeige dich interessiert. Und sei es auch! Denk daran, in gewissen Grenzen kann er Gedanken lesen. Selbst, wenn er stumm bleibt, denk daran: er wird vielleicht nicht antworten, aber er kann auch nicht abschalten.Für einen einsamen Erdlochbewohner ist das nach ein, zwei Tagen zu viel und er bricht zusammen.”

Nach dem Vorfall mit dem eingeschlafenen Mino wechseln Beffaná und Mino sich jetzt ab. Im Stundentakt tauschen sie untereinander den Platz in der Zelle beim Nachtschrat und alle zehn Minuten zwischendurch ruft der, der draußen sitzt laut “Marco!”, wonach die andere mit “Polo!” antwortet. Keine Antwort bedeutet Gefahr, aber bisher kam immer ein “Polo” aus der Zelle zurück. Wenn Beffaná nach einer Stunde erschöpft vor der Tür sitzt, unterhält sie sich nach einiger Zeit der Ruhe meist eine Weile mit den Wachen. Es handelt sich um einen Zombie namens Ernest und die Vogelscheuche Matilde. Ernest hat ein veritables Ungezieferproblem, ständig ist er von Fliegen umschwärmt, die ihm zudem in Mund, Nase und Ohrlöchern herumkriechen. Das sieht nicht besonders appetitlich aus und riecht auch dementsprechend. Aber Matilde klärt die junge Hexe auf: “Die Fliegen halten ihn am Leben”, sagt sie. “Sie ernähren sich von kleinen Parasiten in seinem Körper und reparieren als Entschädigung das eine oder andere Organ.” Ernest bleibt dagegen stumm. Als Beffaná nach einer weniger anstrengenden Stunde aus der Zelle kommt – sie hat fast ausschließlich über ihre Mathe-Vertretungslehrerin gelästert – beschließt sie zu versuchen, mit Ernst telepathisch zu kommunizieren. Das Schwierigste ist immer der Anfang, sich auf einen Punkt zu fokussieren, der sie in den Geist des Gegenüber führt. Also folgt sie mit den Augen auf gut Glück einer der Fliegen, die in seinem großen Bogen um Ernests Kopf herum fliegt, schließlich auf seinem rechten Auge landet und sich dann zwischen Augapfel und Augenhöhle ins Innere von Ernests Kopf hineinquetscht. “Hallo Beffaná”, dröhnt es träge in ihren Gedanken, “schön, dass ich mal Besuch kriege! Und dann auch noch von so einer jungen und vollständigen Hexe. Wie läuft der Unterricht?” “Ich glaube, ganz gut”, antwortet Beffaná leicht verwirrt. “Kennen wir uns?” “Wir haben uns im Studierzimmer getroffen. Aber wahrscheinlich erinnerst du dich nicht...?” “Nein, warte, doch!”, ruft Beffaná. “Hast du zufällig einen Finger verloren? Der liegt noch irgendwo bei mir im Zimmer herum!” Der Zombie hebt seine rechte Hand, an der nur noch der Daumen und zwei Finger hängen. “Möglich”, sagt er (traurig). “Kannste behalten. Der war bestimmt eh vertrocknet.” “Du klingst nicht gut, selbst für einen Zombie”, sagt Beffaná. “Ich bin jetzt nicht so die große Expertin für untote Befindlichkeiten. Aber kann ich dir irgendwie helfen?” “Ja”, sagt Ernest. “Kümmer Dich um meine lieben kleinen Fliegen und lass mich sterben.” Puh. Das hat gesessen. Beffaná muss isch erst einmal wieder sammeln. “Wie bitte?” “Hexe, ich bin einfach todmüde! Ich bin als Mensch ordentlich alt geworden, 45 Jahre! Stell dir das mal vor! Und nachdem ich dann an der Pest gestorben bin und von einem Hexenmeister wieder aufgeweckt wurde, waren's noch mal... viele Jahre.” “An der Pest gestorben?!” “Ja. Kam häufig vor, in der Römischen Legion.” “Du bist ein Römer?!” “Nein, ich WAR ein Römer. Die Römer hatten keine Zombie-Armeen. In Geschichte bist du nicht so richtig gut, oder?” “Nee. Du willst wirklich sterben?” “Ja”, flüstert Ernest in ihrem Kopf. “Aber dieses Mal bitte richtig.” “Und warum, also, tust du's nicht einfach?” Der Zombie lacht in ihrem Kopf. “Weil der Hexenmeister es nicht erlaubt. Und weil ich ihm gehöre, kann er ganz allein entscheiden, ob und wann ich sterben darf.” “Ich rede mal mit Mino, wenn du willst”, sagt Beffaná, doch der Zombie lacht verächtlich: “Mino? Was glaubst du wird er sagen? Der junge Herr ist doch nichts besser als der Krampus! Die halten sich doch einen ganzen Zoo von uns Freaks hier im Haus und finden das ungemein praktisch.” “Aber Mino wird doch auch merken, dass es Dir nicht gut geht...” “Ha!” Der Zombie in ihrem Kopf schnaubt laut auf. “Sagt die Hexe, die zusammen mit dem jungen Meister einen wehrlosen Nachtschrat foltert!” “Wir zähmen ihn!”, ruft Beffaná. “Ich geb dir zwei weitere Finger, wenn du mir den Unterschied erklären kannst!” “Folter ist, wenn man jemandem sehr weh tut, weil man etwas von ihm will. Und zähmen... ist... wenn man einem Tier ...beibringt, wie es ...freiwillig das tut was man will...” “Aha”, sagt Ernest. “Du hast Recht”, sagt Beffaná. “Womit hat er Recht?” Hinter Beffaná ist Mino aufgetaucht. Er klopft Matilde auf die Schulter, macht allerdings einen großen Bogen um den stark zerfledderten Ernest. “Wir müssen dich mal wieder ordentlich flicken, Ernest!” ruft er, “sollst ja noch ein par hundert Jahre durchhalten, alter Ganove, was?” “Mino, was machst du hier?” fragt Beffaná, “wir müssen und doch abwechseln?” “Keine Sorge!”, sagt Mino. “Der Schrat heult. Ich hab ihm von seinen Kumpels erzählt, die mein Vater früher schon gejagt hat. Aber du hast Recht! Geh mal besser rein, damit er uns nicht noch einschläft. Oder, Ernest? Das wollen wir doch nicht?” Ernest schüttelt den Kopf. “Eine Schicht noch Beffaná, und dann sehe ich zu, dass jemand anderes dich ablöst. Und wir gehen mal was ordentliches Essen. Gute Idee, oder?” “Ja, sagt Beffaná. “Potzblitz.”