Beffaná 2021 Folge 2: Weihnachtsbesuch

Weihnachtsbesuch. Eigentlich ist Weihnachtsbesuch okay. Familien besuchen und beschenken sich, man fährt zu Oma und Opa oder lädt die weiter entfernt wohnenden Cousinen am ersten Feiertag zu sich nach Hause ein. Alles super. Eigentlich. Aber manchmal kann Weihnachtsbesuch auch doof sein. Wenn sich beispielsweise die Großtante selbst zum Essen einlädt, selbst nur eine alte Schachtel Plätzchen von vor zwei Jahren mitbringt und dann beim Nachtisch den ganzen Pudding auffuttert. (Zum Glück trinkt sie meistens auch zu viel Eierlikör und muss bald nach dem Essen ziemlich angetüdelt nach Hause gefahren werden. Immer noch genügend Zeit, den Abend gemütlich ausklingen zu lassen…)

Beffanás Weihnachtsbesuch dagegen ist mal so richtig anstrengend. Richtig, richtig (!) anstrengend. Da ist der Pastor im Badezimmer, der wegen eines kleinen Versehens in ein Schaf verwandelt wurde und auf einem Blumenstrauß herumkaut. Und da ist dieses… Ding vor der Tür, angeblich ein Riesen-Fan von Beffaná, das aber durch die seltsame Ankündigung, Beffaná womöglich auffressen zu wollen, auch nicht wirklich super-sympathisch rüberkommt. Beffaná beschließt gerade, dass Weihnachtsbesuch nicht okay ist. Eigentlich ist Weihnachtsbesuch eher kacke. Vor allem, wenn man dringend auf’s Klo muss.

Das hungrige Ding draußen vor der Tür klingelt inzwischen Sturm. Der Pastor wiederum scheint überhaupt kein Problem damit zu haben, sich mit einer Hexe in ein viel zu kleines Bad zu drängeln und macht kleine, schwarz-grüne Kügelchen auf die Badezimmermatte. Und noch eins. Und noch eins! Es sind so viele Kügelchen, dass man meinen könnte, das ganze Pastorenschäfchen bestehe im Inneren ausschließlich aus diesen Dingern… Dies ist der Moment, in dem Beffaná ihre Entscheidung trifft. Sie zieht sich die Hose herunter, setzt sich auf’s Klo, hält sich die Ohren zu, um das Klingeln nicht zu hören und schließt gleichzeitig die Augen, um dem Pastor nicht in die Augen schauen zu müssen, und… pinkelt. Lange. Sehr lange. Sie pinkelt so lange, dass sie nachher richtig durstig ist, und als sie die Augen aufmacht und die Hände von den Ohren nimmt, ist es still und das Schaf ist verschwunden. „Hey!“, ruft Beffaná. „Schaf! Wo bist Du?“ „Mäh!“, blökt es aus dem Flur und irgendetwas fällt auf den Boden.. „Schaf!“, ruft Beffaná, während sie sich die Hose hochzieht, „was machst du da?“ „Mäh!“, blökt es zurück. „Ich komm nicht an das Türkuck-Dings ran!“ Es kann außer Mähen also auch sprechen, denkt Beffaná. Oder anders: Sie denkt, dass sie es denkt, aber ganz offenbar hat sie es laut gesagt, denn das Schaf ruft: „Ich bin auch ganz überrascht!“ Dann rumpst es erneut im Flur und als Beffaná aus dem Bad um die Ecke schaut, sieht sie auch, warum. Das Schaf hüpft an der Tür hoch und runter und versucht, oben durch den Türspoin zu linsen. „Macht endlich mal jemand die Tür auf?“, brummt es bedrohlich von draußen, „sonst schlag ich hier alles kaputt! Ich…“ kurz ist es still, dann ändert sich die Stimme. „Zuhören statt zuschlagen“, murmelt die Stimme, „Versöhnen statt vernichten…“ „Hey!“, ruft Beffaná. „Das ist aus meinem Buch! Aus dem Kapitel ‚Neurolinguistische Therapievorschläge für japanische Urzeitmonster‘!“ „Eben“, sagt der unbekannte Besucher draußen. „Ich bin ein Riesenfan, sag ich ja.“ Beffaná geht zur Tür und drängelt sich an dem hüpfenden Schaf vorbei. „Psssst!“ zischt das Schaf. „Määääh. Hast du zugehört, als es das mit dem ‘Auffressen’ gesagt hat? Lass die Tür zu!“ Aber auch wenn das Schaf irgendwann mal Theologie studiert hat und wahrscheinlich so Einiges über das Leben und seine Gefahren weiß: In Sachen bedrohliche Monster und der Umgang mit ihnen macht der jungen Hexe Beffaná so schnell niemand etwas vor. „Ich beschütz dich Pastor, versprochen“, sagt sie und öffnet die Wohnungstür.

Zu ihren Füßen vor der Türschwelle ruckelt und zuckt ein undefinierbares Knäuel aus Fell, Zähnen und nackten Rattenschwänzen, und das alles würde sehr bedrohlich wirken, würde ihr dieses… Ding nicht maximal bis zu den Knien reichen. „Wertschätzung statt Attacke!“ zischt das Felldings, entscheidet sich aber offensichtlich doch für die Attacke und springt mit einem gewaltigen Satz auf die Hexe los. Beffaná zieht den Kopf ein und bückt sich schützend über das panische Schaf neben ihr, so dass das Felldings über sie hinweg saust und im Eingangsflur gegen den Garderobenspiegel knallt. „Autsch!“, schreit es und schüttelt sich ausgiebig. Beffaná schnappt sich den großen Papierkorb, den sie als Schirmständer neben der Garderobe stehen hat und stülpt ihn blitzschnell über das wütende Knäuel. Das Schaf juchzt mähend auf und die Hexe setzt sich breitbeinig auf den umgedrehten Papierkorb. „Geht’s denn?“, fragt sie nach einer Zeit in Richtung des Papierkorbs unter ihrem Hintern. „Achtsamkeit statt Einsamkeit“, murmelt es von unten. „Glaub ihm kein Wort!“, blökt das Schaf. „Er wird uns auffressen, wenn Du ihn frei lässt!“ „Dieser Dreikäsehoch wird Dich höchstens anknabbern“, sagt Beffaná. „Und ich weiß gerade gar nicht, ob ich das so furchtbar schlimm finden soll.“ „Ich mach ihn platt, wenn Du das willst!“, brüllt es von unten. Und dann: „Nein, nein! Ruhig Blut… Friede und Flausch statt Blut und Rausch…“ „Das ist nicht aus meinem Buch“, sagt Beffaná. „Näh. Hab ich mir selbst ausgedacht“, murmelt es von unten. „Ist nicht so gut, oder?“ „Es ist… ein Anfang“, sagt Beffaná. Zwei, dreimal atmet sie tief ein und aus und schaut abwechselnd zwischen dem aufgekratzten Schaf vor sich und dem Papierkorb unter sich hin und her. „Ihr Lieben“, sagt sie schließlich. „Ich hatte eine anstrengende Prüfungswoche. Heute ist Weihnachten und ich wollte eigentlich noch meinen Besen putzen und meinen Bruder besuchen gehen. Das hier gerade ist dagegen… sehr… wenig… entspannend. Versteht ihr das?“ Das Schaf vor ihr nickt.Unten im Papierkorb raschelt es kurz zustimmend. „Könnten wir also noch mal von vorne anfangen? Uns einfach noch mal kurz… vorstellen? Wer wir sind, was wir sonst so tun und warum wir uns gerade hier in meinem Flur treffen?“ Wieder erntet Ihr Vorschlag ein Nicken und ein Rascheln. „Sehr schön. Ich fang einfach mal an. Mein Name ist Beffaná. Ich wohne hier. Und im normalen Leben studiere ich Vergleichende Kulturwissenschaften auf Master hier an der Hochschule für Angewandte interkulturelle Regionalgeschichte. Ich koche gerne abends mit meinen Freunden und bin im zweiten Leben eine ganz anständige Hexe. Aber mehr so als Hobby. So. Wer möchte als nächster?“ Das Schaf blökt. „Mäh. Mein Name ist Thomas, ich bin eigentlich Pastor hier in der Studierendengemeinde und ich… ich… ich hab mich auf der Party gestern total unsterblich in Dich verliebt, Beffaná. Ich hab heute morgen so lange rumgefragt, bis mir jemand gesagt hat, wo ich dich finden kann und dann hab ich den größten Strauß Blumen gekauft, den ich finden konnte und hab geklingelt und dann, mäh, dann hast du mich in ein Schaf verwandelt.“ „Ja, tschuldigung“ murmelt´ Beffaná. „Ich mach’´s auch wieder gut. (Sobaldichweißwie…)“ „Was hast Du gesagt?“ „Besprechen wir gleich ausführlich“, sagt Beffaná schnell und steht langsam vom Papierkorb auf. „Jetzt du da unten. Kann ich dich freilassen, oder drehst du wieder durch?“ „Ich… Ruhe statt Rage…, ich glaub, ich dreht wieder durch. Bleib sitzen, BLEIB SITZEN!“ „Okay“, seufzt Beffaná und setzt sich schnell zurück auf den Papierkorb. „Dann eben so. Wer bist Du und was machst Du hier?“ „Ich bin der KÖNIG ALLER RATTEN, DER SCHRECKEN DER UNTERWELT, DAS BÖSE IN NAGER-GESTALT, und ich heiße Fleur.“ „Fleur?“ „Das ist Französisch und bedeutet ‚Blume‘“. „Aber…, ist das nicht ein Frauenname?“ „ICH BIN DIE AUSGEBURT DER HÖLLE, DAS PRODUKT DER VERSCHMELZUNG DER GRÖSSTEN RATTEN DER GESCHICHTE UND ICH HASSE ES, BINÄR-GEESCHLECHTLICHE IDENTITÄTEN WIE ‚FRAU‘ UND ‚MANN‘ ÜBERGESTÜLPT ZU BEKOMMEN! ICH HEISSE FLEUR, DAS IST DER NAME, DEN ICH MIR GEGEBEN HABE!!!“ „Okay Fleur, verstanden, ganz klar mein Fehler“, sagt Beffaná. „Und bist du auch in mich verliebt?“ „Naja.“ „Naja? Also nicht verliebt?“ „Doch. In dein Buch! Das über die Monster!“ „Meine Bachelor-Arbeit…“ „Ja. Ich liebe Dein Buch! Aber du selbst… Dich hab ich mir irgendwie anders vorgestellt. Größer. Schrecklicher…!“ „Beffaná ist nicht schrecklich“, seufzt Thomas, das Schaf. „Sie ist…“, er blinzelt die Hexe an, „sie ist sooo süß!“ „Ja. Eben“, raschelte es von unten. „Furchtbar! Ich werde sie AUFFRESSEN UND DICH GLEICH MIT, DU SCHLEIMIGE FELLMADE...!“ Weiter kommt Fleur nicht mit seinem oder ihrem Wutausbruch, den just, als Fleur weitere dunkle Gewaltphantasien herausschreien will, explodiert etwas weiter hinten in der Wohnung Beffanás Küchentisch.

„Miau“ jault jemand über den ratternden Lärm einer Dampfmaschine hinweg. „Diese Zeitmaschinen sind einfach überhaupt keine elegante Art zu reisen!“ Beffaná rollt mit den Augen. Wie viel bescheidener kann Weihnachten eigentlich noch werden in diesem Jahr? „Potzblitz! Und wer bist Du?“, ruft sie in Richtung Küche. „Rate!“, miaut es zurück. „Rate!“