Beffaná 2021

Folge 6: Der Knopf

Eigentlich ist über Knurps, den Pläneschmied, nur recht wenig bekannt. Er stammt, so viel ist sicher, aus einem geheimen, von Pilzen regierten Land, das in einer Realitätsspalte zwischen dem Zauberwald und einer städtischen Kläranlage eingeklemmt ist. Knurps bastelt am Liebsten bis spät in der Nacht an seinen lauten, knatternden Erfindungen herum und genehmigt sich hin und wieder ein Schlückchen Eierlikör: Machmal gemeinsam mit seiner Frau Helga, manchmal auch zusammen mit seiner Tochter Geraldine und seinem Schwiegersohn, einem blitzgescheiten Yeti namens Reinhold. Die Zeitmaschine hatte Knurps damals für seinen alten Kumpel Richy gebaut. Genauer gesagt: Er wird sie für Richy gebaut haben werden, verbessert sich Schrödinger, denn diese Zeitmaschinengrammatik ist selbst für eine zeitreisende Miezekatze hin und wieder lästig und ungewohnt. Als Richy die Zeitmaschine nicht mehr brauchte, stellte Knurps sie in einer Scheune bei einem Bauern in Barsinghausen unter, aber dieser Knallkopf benutzte sie heimlich, um ins Mittelalter zurückzureisen und König von Bratislava zu werden. Da wurde es Knurps zu bunt. Er zerstörte die Maschine. Zwei Jahre früher besuchte eine Zeitreisekatze namens Schrödinger seinen Damals-noch-nicht-Kumpel Knurps, weil Schrödinger› von der Zerstörung der Maschine in der Zukunft gehört hatte. Schrödinger „überredete“ Knurps mithilfe einer Keule und viel Schlafmittel, ihm das knatternde Ding für zwei-, dreihundert Jahre auszuleihen und versprach, es rechtzeitig vor der Krönung des Königs von Bratislava zurückzubringen, um die Zeitlinien nicht unnötig zu verknoten. Leider war genau das zu diesem Punkt bereits geschehen, und es ist überhaupt nicht klar, ob und wann und in welcher Zeitlinie von uns aus gesehen ein Barsingerhausener Bauer jemals König von Bratislava geworden ist oder geworden sein wird oder gewesen hätte werden können. Zeitmaschinen, das muss ich als Erzähler an dieser Stelle einfach mal loswerden, können zwar sehr praktisch sein, machen aber Geschichten oft unnötig kompliziert. Wenn man zum Beispiel mit einer Zeitmaschine in der Zeit zurückreist, um die Erfindung genau dieser Zeitmaschine zu verhindern, kommt es zu einem so genannten Paradoxon. Das ist griechisch und bedeutet soviel wie: Ich hab gerade ein neues Fremdwort gelernt und benutzte es jetzt so oft, bis ich keinen einzigen Freund mehr habe. Warum aber, und damit kommen wir zur Geschichte zurück, benötigt eine zeitreisende Katze überhaupt eine Zeitmaschine? Sie hat das bisher doch auch ohne Maschine ganz gut hinbekommen. Die Antwort lautet: Gruppenreise. Alleine durch den Strom der Zeit zu eumeln wäre für Schrödinger natürlich nie ein Problem geworden sein. Aber gemeinsam mit einer bunten Truppe Mitreisender Zeit und Raum zu durchqueren… Das wird schon immer eine immense Herausforderung bleiben werden. Nun ist die Bedienung eines lauten Knatterdingsis eine völlig andere Geschichte als katzenhaft elegant durch ein paar Zeitlöcher zu schlüpfen. Man könnte auch sagen: Schrödinger ist hoffnungslos mit der Bedienung der Maschine überfordert und genau dies ist auch der Grund, warum das, was im Folgenden geschehen wird, überhaupt passieren konnte.

Fangen wir also noch einmal von vorne an, mit der von Knurps gebauten Zeitmaschine, die in just in diesem Augenblick ihrer endgültigen Zerstörung entgegensieht. Denn vor ihr öffnet sich das Maul eines riesigen Tatzelwurms namens Denise. Zum Glück für die Zeitmaschine ist sie nicht allein mit dem Drachenwurm, sondern trägt eine illustre Gesellschaft mit sich herum, unter anderem eine Weihnachtshexe, die eigentlich immer eine gute Idee hat, wie man aus brenzligen Situationen wieder herauskommt. Aber Beffaná hat keine Idee. Wir erinnern uns: Wenn es nach Beffaná gegangen wäre, hätte diese ganze Reise nicht stattgefunden. Streng genommen hat Beffaná immer noch keine blasse Ahnung, warum Schrödinger sie überhaupt mitgenommen hat. Da aber Beffaná keine Idee hat und Schrödinger die Zeitmaschine nur sehr dürftig bedienen kann, passiert das, was in solchen Fällen nun einmal passiert: Die Zeitmaschine und alle ihre Insassen werden vom Tatzelwurm aufgefressen. Beffaná-Adventskalender: Ende. Aber das ist ja das Vertrackte an Geschichten mit Zeitmaschinen. Die sind erst so richtig zu Ende, wenn die Zeitmaschine das auch so sieht.

Und das kann man jetzt glauben oder auch nicht, aber Zeitmaschinen, zumindest die, die Knurps gebaut hat, gehen genauso ungern kaputt wie andere Leute auch. Darum öffnet sich in dem Augenblick, als sich das Maul des Tatzelwurms wieder hinter der Zeitmaschine schließt und Beffaná und alle anderen in den dunklen Schlund hinabgezogen werden, eine bisher verborgene Steuerkonsole mit einem beeindruckend rot blinkenden Knopf. Blöd nur, dass Thomas drauf sitzt, denn es ist viel zu eng in dem Ding. „Mich hat etwas gestochen!“ mäht das Schaf, doch niemand hört ihm zu. Immerhin funktioniert das Licht in der Kabine noch, sonst säßen sie im Stockdunkeln. Beffaná kramt hektisch in ihrem Kopf nach Last-Minute-Rettungs-Zaubern, doch ihr fällt nur der Zauber ein, wie man in letzter Minute ein verpfuschtes Weihnachtsessen rettet. Besser als gar nichts, denkt sie und sofort sitzt die ganze Gesellschaft zwischen Dutzenden Bechern mit Ben&Jerrys-Eis. „Ist das alles was dir einfällt? Eiscreme?“ brüllt Harold „Du bist sooo kreativ, Beffaná!“ mäht Thomas, aber er klingt nicht besonders überzeugt. Wie die meisten Schafe findet er Milchprodukte ziemlich ekelig, auch wenn diese Milch nur den Kälbchen geklaut wurde und nicht süßen kleinen Lämmlein. „Ich würde hier alles kaputt schlagen, aber das passiert gleich eh ganz von alleine“, brummt Fleur. Und tatsächlich: Die Zeitmaschine ist offenbar unter die Zunge des Tatzelwurms geraten und wird von oben langsam zusammengedrückt. „Es muss hier einen Notknopf geben!“ quietscht Schrödinger. Er fingert hektisch mit der Bedienungsanleitung herum. Aber die hat nur eine Seite und dort steht: „Bitte nichts kaputt machen und bitte nicht zu den Steinzeitmenschen reisen, das sind Vollidioten.“ „Das pikst!“ keucht Thomas, doch immer noch hört niemand zu. Gibt es denn keinen Zauber, der helfen kann? Beffana erinnert sich an Phlox, das Nachtschratweibchen. Damals hatte Beffaná sich Zugang zu ihrem Kopf verschafft, das war grausam und falsch gewesen, aber jetzt geht es um Leben und Tod. Sie muss doch nur irgendwie mit Denise kommunizieren. Ihr begreiflich machen, dass sie einen riesengroßen Fehler macht! Beffaná schließt die Augen, versucht sich auf den Tatzelwurm, vor allem die Tatzelwurmaugen zu konzentrieren, doch da ist nichts. Sie kennt Denise überhaupt nicht, wie soll sie sich Zugang zu ihrem Geist verschaffen? Das Dach der Zeitmaschine ächzt bedrohlich und senkt sich Zentimeter um Zentimeter auf sie herab. „Heb die Zunge an!“ bettelt Beffaná im Stillen. „Wir haben dir doch nichts getan!“ Doch sie erreicht Denise nicht. Da ist nur lärmende Stille, das Geschrei der anderen und das Ächzen des nachgebenden Metalls. „Mein Hintern blinkt!“ kräht Thomas. „Und er macht Geräusche!“ „Wahrscheinlich zu viel Dosenfleisch, das kenn ich“. Harold ist der Einzige, der sich beruhigt zu haben scheint. Er hat eine Packung Ben&Jerrys geöffnet und leckt daran. „Caramel Sutra“, sagt er. „Komischer Sortenname. Ca-ra-mel-Su-tra, was bedeutet das wohl? Hat das was mit Kamel zu tun? Gibt‘s auf der Erde überhaupt noch Kamele? Ich war lange nicht mehr da.“ Beffaná muss sich auf die Sitzbank ducken, so tief hat sich das Dach inzwischen gesenkt. Der Hintern des Pastorenschafs blinkt tatsächlich. Und ja, da ist auch ein Geräusch, ein gedämpfter Piepston, lauter und leiser werdend… „Soll ich Euch eine Geschichte erzählen?“ fragt Thomas. „Ich kenne ein paar erbauliche Geschichten, über Menschen, die in Not waren und Trost und Hilfe gefunden haben… Mich zwickts nur total am Po.“ „Ah, da!“ ruft Schrödinger. „Auf der Rückseite der Anleitung! BEI GEFAHR BITTE NOTKNOPF DRÜCKEN. Aber wo ist das verdammte Ding?“ Beffaná starrt in Thomas Richtung. Klar, das muss es sein. Aber es ist zu spät. Sie kommt nicht mehr zu ihm hin und Thomas ist inzwischen auch zu stark eingequetscht, um aufzustehen. Aber was…, wenn man…? „Drücken!“ ruft sie. „Alle mit anfassen! Wir müssen Thomas so stark auf den Knopf pressen, wie es nur geht!“

Notknöpfe in Zeitmaschinen funktionieren alle nach einem ähnlichen Prinzip. Einmal gedrückt, aktivieren sie ein Notprogramm, durch das verschiedene Befehle ausgeführt werden. In Knurps‘ Zeitmaschine sind das im Wesentlichen zwei Befehle: 1. Mache die unmittelbare Bedrohung unschädlich. Sofort. Und 2. Hau ab! So schnell und so weit weg›, wie du nur kannst. Der erste Punkt ist leicht zu bewerkstelligen. Der Tatzelwurm, dessen Zunge gerade die Zeitmaschine zerquetscht und dessen Zähne sich bereits auf ein flauschig weiches Pastorenschaf und ein paar weitere vorgequetschte Leckerbissen freuen, dieser Tatzelwurm verschwindet urplötzlich in einem Antiquantenwirbel, der sich sich ziemlich genau auf der Hälfte der Strecke zwischen Mond und Erde auftut. Zum Glück für die Besatzung der Zeitmaschine reißt Denise dabei das Maul noch einmal so weit auf, dass die Zeitmaschine unter der Zunge herausflitzen kann, bevor Denise ein paar tausend Jahre in die Vergangenheit der Erde geschleudert wird. Der zweite Punkt, die Sache mit dem So-Schnell-Wie-Möglich-Abhauen, ist natürlich ebenfalls kein großes Problem für eine Zeitmaschine, denn egal wie langsam sie von einem Ort zum anderen fliegt, sie kann dabei ja auch die Zeit anhalten, so dass sie eigentlich unendlich schnell am Ziel ankommt. Und genau das tut sie auch. Harold, der Mann im Mond, ist außer sich: „Wo sind wir?! Und wohin ist Denise verschwunden?“ „Reg Dich ab, Soldat“, mault Schrödinger. „Du hast es vielleicht nicht vollständig geschnallt, aber wir wurden gerade von deiner tatzelwurmigen Lebensabschnittgefährtin gefressen. Sie ist jetzt, keine Ahnung, wo der Pfeffer wächst oder so.“ Beffaná räuspert sich: „Auf der Anzeige hier steht, dass der Wirbel sie ins Jahr 50.000 v. Chr. geschickt hat.“ „Zu den Steinzeitmenschen, wie gemein…“ Schrödinger kichert. „Fragt sich nur für wen“, murmelt Beffaná. „Hoffentlich finden sie einen Weg, Denise irgendwie zu beruhigen.“ „Singen hilft“, sagt Harold. „Davon schläft sie ein.“ „Und das sagst du jetzt?!!!“ „Ich kann eh nicht singen. Ich bin Soldat und keine Nachtigall. Sie hat‘s mir nur mal erzählt.“ „50.000 Jahre v. Chr… Also 50.000 Jahre Warten, bis sie das erste Mal Weihnachten feiern kann“, sinniert Thomas, das Pastorenschaf. „Hört sich ziemlich traurig an.“ „Traurig? Ich zeig dir mal, was traurig ist“, murmelt Schrödinger. „DAS ist traurig!“ Es ist an diesem Punkt vielleicht hilfreich zu verstehen, wie die Zeitmaschine, die Knurps gebaut hat, eigentlich aussieht. Im Prinzip handelt es sich um eine Dampfmaschine mit einer Eisenhülle. Innen drin gibt es ein Steuerpult mit einigen metallernen Hebeln und Köpfen und einem gar nicht mal so breiten Sitz vor dem Pult, auf dem sich die Reisegruppe irgendwie zusammenquetschen muss. Durch die runden, bullaugenartigen Fenster der Zeitmaschine kann die Besatzung nach draußen schauen. Und was Thomas, Fleur, Beffaná, Schrödinger und Harold jetzt sehen können, ist… Nichts. Rein gar nichts. Und das ist durchaus ungewöhnlich. Denn im Weltall gibt es eigentlich von jeder Stelle aus irgendetwas zu sehen. Die Sterne im Weltall sind, zumindest so ganz ungefähr, einigermaßen gleich verteilt. Klar, genau in der Mitte einer Galaxie, da ballen sich die Sterne in der Regel deutlich stärker und heller als in ihren Außenbereichen. Aber von überall sieht man irgendwo in der Nähe oder Ferne andere Sterne. Jetzt ist es jedoch anders. Es ist nichts zu sehen. In keinem Fenster der Zeitmaschine. Null. Niente. Schrödinger starrt auf die Navigationsanzeige. „Hau ab, so schnell und so weit weg, wie du nur kannst“, murmelt er. Und dann: „Knurps, Du Idiot. SO WEIT WEG, WIE DU NUR KANNST! Versteht ihr, was das bedeutet?“ „Weit?“ fragt Fleur. Dem Rattenkönig sind in der Dunkelheit die Sprüche ausgegangen. „Das bedeutet, dass die Zeitmaschine auf den Sternenkarten diejenige unwahrscheinliche Stelle gefunden hat, an der zwischen den Galaxien so viel Leerraum ist, dass es selbst das Licht der anderen Sterne es bisher nicht geschafft hat, dort hinzukommen.“ „Und das geht?“ Fragt Fleur. „Schau dich um und sag’s mir“, antwortet Schrödinger. „Lass uns wieder zurückfliegen“, flüstert Thomas. „Das ist mir zu unheimlich. Das ist noch unheimlicher als im Maul dieses Tatzelwurms zu sein.“ „Festhalten“, sagt Schrödinger. „Es geht zurück ins gute alte Sonnensystem. Zurück zur Erde.“ Beffaná nickt, soweit das in ihrer gequetschten Haltung überhaupt möglich ist. „Und dann will ich endlich wissen, was das eigentliche Ziel unserer Reise ist.“ „Sollst Du erfahren“, sagt Schrödinger. „Los.“ … Es ist sehr lange still. Irgendwann zerreißt das Geräusch einer mit einem Taschenmesser aufgestemmten Dose Corned Beef das Schweigen. Harold schmatzt. Dann ist es wieder still. Schließlich furzt Harold. „Noch viel besser als Eis“, murmelt er. „Aber auf dem Mond hat‘s mehr Spaß gemacht. Da hat niemand das Pupsen gehört.“ „Ich kapier nicht, wie Denise das ausgehalten sagt“, sagt Beffaná und rutscht ein Stück von ihm weg.“ „Erquicken statt Ersticken“, röchelt Fleur heiser und drei ihrer Köpfe versuchen sich vergeblich an von der Decke hängenden Kabeln selbst zu erdrosseln. Wieder Stille., „Wann sind wir da?“ flüstert Thomas. „Ist es noch weit?“ „Wir haben uns noch keinen Millimeter bewegt“, antwortet Schrödinger. „Ich glaube, die Zeitmaschine ist kaputt.“ „Schlechtes Timing“, sagt Harold. „Potzblitz“, sagt Beffaná. „Hm.“ Wieder ist es lange still. Potzblitz. … … Potzblitz. … … Potzblitz…