Beffaná 2021

Folge 1: Der Rattenkönig

Ein ganzes Jahr lang hatte der Rattenkönig im Keller der Bibliothek gelegen und an die Decke gestarrt. An dem Tag, als er sich endlich ein Herz fasst, ist es draußen klamm und duster. Und – es ist Weinachten.

Kalter Staub wirbelt auf, als drei Dutzend Rattenschwänze sich langsam über den Boden schlängeln. Unzählige Pfoten tasten vorsichtig den Boden unter der dämmrigen Kellerwölbung ab, und nach und nach ordnen sich die Gedanken in den Köpfen des Rattenkönigs zu einem einzigen Bewusstsein: „Zuhören statt Zuschlagen…“, murmelt der Rattenkönig. „Aufmuntern statt Auffressen. Achtsamkeit statt Einsamkeit. Liebe statt HieIIIIIRGSCH! VERDAMMTE SCHEISSE!“ Einer der Köpfe des Rattenkönigs ist mit dem linken Augenlid an einem rostigen Nagel in der Kellerwand hängen geblieben. Noch während er wie angestochen quiekt, schnellen fünf seiner Rattenköpfe von allen Seiten heran und beissen den lädierten Schädel vom Rumpf ab. Lange Zeit ist nur das Zucken von Rattenschwänzen und mies gelauntes Schmatzen zu hören. Dann kommt erneut Gemurmel auf: „Nächstenliebe statt Kannibalismus. Fragen statt Schlagen. Rouge statt Rage. Wimperntusche statt Kriegsbemalung.“

Ein ganzes Jahr lang hatte der Rattenkönig in dem schmalen Buch gelesen und es Satz für Satz auswendig gelernt. Und ein weiteres Jahr lang hatte er, nachdem er das Buch und zwei Bibliothekarinnen aus der Geologischen Abteilung aufgefressen hatte, über jeden einzelnen Satz in dem Buch nachgedacht. Über seinen einprägsamen Titel – „Sinnsuche für Superschurken!“ – und ganz besonders über die Schöpferin des Buches. Dabei war es nicht einmal ein richtiges Buch, eher eine notdürftig zusammengetackerte Kladde, und ihr vollständiger Titel lautete „Sinnsuche für Superschurken! Eine kulturwissenschaftliche Fallstudie zum Godzilla-Mythos. Bachelor-Arbeit vorgelegt von Beffaná Leah Grimm, Hochschule für Angewandte interkulturelle Regionalgeschichte, Stemwede – Oppenwehe – Rahden“.

Das ganze letzte Jahr hatte der Rattenkönig im Keller der Bibliothek gelegen, an die Decke gestarrt und nur hin- und wieder die mageren Gerippe verirrter Erstsemester-Studierender abgeknabbert. Doch jetzt ist der Entschluss gefasst. Er wird sie suchen, wird ihr sagen, wie fundamental ihr Buch sein Leben verändert hat. Wird ihr gestehen, was er für sie, wie noch für niemand anderen auf dieser Welt, empfindet. Dennoch, Nächstenliebe und Achtsamkeit in allen Ehren, am Ende des Tages wird er sie wohl auffressen müssen, da macht sich der Rattenkönig wenige Illusionen.

Rattenkönige hat es schon immer gegeben, seit Jahrhunderten berichten Menschen von unseligen Begegnungen mit ineinander und miteinander verknoteten und verwachsenen Ratten, deren Körper sich nicht mehr voneinander trennen lassen, so dass sie schließlich wie ein einziger teuflischer Organismus wirken. Rattenkönige entstehen, so sagt es die Legende, wenn sich Ratten im Schatten großer Menschenansiedlungen durch das immense Nahrungsangebot immer stärker vermehren, so dass in den Höhlen und Kanälen unter den Behausungen der Menschen die Nager so eng aneinander gepresst und ineinander verhakt werden, dass aus ihnen schließlich ein einziges furchtbares Geschöpf entsteht. Der Rattenkönig selbst erinnert sich nur schemenhaft an jene Zeit, als er nicht einer, sondern viele war, bis sich aus dem Gewirr der Vielen schließlich ein einziges dunkles Denken erhob. Am Anfang gab es Widerstand, hier und da stellten sich ihm kampferprobte Katzen von der Straße in den Weg. Auch der eine oder andere Werwolf beging den Fehler, die Kraft des Vollmondes und den natürlichen rättischen Fluchtinstinkt zu überschätzen. Der Rattenkönig besiegte sie alle. Nur die Macht der Menschen respektierte er – meistens – und verbarg sich für gewöhnlich in dunklen Gassen und den Gewölben ihrer Bauten.

Als er endlich aus dem Keller der Hochschulbibliothek ins Freie tritt, ist es bereits tiefste Dämmerung. Weit ist es nicht bis zu Beffaná Grimms Adresse im Wohnheim, die in dem Buch vermerkt war. Der Rattenkönig hat sie genauso auswendig gelernt wie die auf der nächsten Seite folgende Widmung in der Einleitung der Arbeit. „Für meinen überraschend dämlichen Bruder.“ „Dämlich? Tse, tse, tse… Kuchen statt Fluchen!“, murmelt der Rattenkönig. „Meditation statt Massacker!“

„Halt doch mal für eine Minute das Maul! Bitte! Bitte! BITTE!“ Beffaná ist ehrlich verzweifelt und absolut mit den Nerven am Ende. „Mäh!“, blökt es wie zur Antwort aus ihrem Badezimmer. „Määäääh!“ Beffaná ist nicht nur genervt, sie muss inzwischen auch relativ dringend auf die Toilette. Aber keinesfalls kann sie ins Bad und vor den Augen des Pastors pinkeln gehen. Er ist ein süßer Pastor. Eigentlich. Allein das schon ist Grund genug, nicht so mir nichts, dir nichts direkt vor seinen Augen in die Schüssel zu schiffen. Nicht, dass sie irgendetwas von ihm wollte, oder so! Beffaná schnaubt wütend eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Aber ganz offensichtlich will er etwas von ihr! Der Pastor! Der riesengroße Blumenstrauss in seiner Hand hatte eine deutliche Sprache gesprochen. Was für eine Schnapsidee, ausgerechnet Heiligabend bei ihr im Wohnheim aufzukreuzen und den Rosenkavalier zu spielen! Der Pastor! Heiligabend! Beffaná hat keine Zeit für überraschende Verehrer zu Weihnachten. Und muss ein Pfarrer Heiligabend nicht vorne in der Kirche stehen? Er hat sie jedenfalls völlig kalt erwischt, als er da mit seinem schiefen und eigentlich ganz süßen Lächeln vor der Tür stand und ein schüchternes „Hi, na?“ herausquetschte. Müssen Pastoren nicht total gut reden können? Ist das nicht quasi Teil der Jobbeschreibung? In der Kirche sind sie doch kaum zu stoppen mit ihrem Halleluja-Amen-Friedeseimitdir… Dieser hier aber, der hatte einfach nur „Hi, na?“ gestottert und ihr den unmissverständlich viel zu großen Blumenstrauß unter die Nase gehalten. Dass einer jungen Hexe in einer solchen Situation schon einmal die Sicherungen durchbrennen können, das ist doch wohl verständlich. Oder nicht? Jedenfalls stand da, wo vorher noch ein schief grinsender Geistlicher im Flur gestanden hatte, plötzlich ein mittelgroßes Schaf und starrte Beffaná an. Und Beffaná hatte keine Ahnung, was sie gesagt oder getan hatte, damit so etwas hatte geschehen können. Immerhin war sie gerade noch so geistesgegenwärtig gewesen, das Schaf samt Blumenstrauß in ihr kleines Badezimmer zu bugsieren, bevor es auch schon anfing, herzerweichend zu blöken. „Mäh!“ Beffaná beschließt drüben bei Mischa auf’s Klo zu gehen, schielt aber kurz noch einmal durch den Türspalt in ihr Badezimmer hinein. Der Pastor blökt immer noch in unregelmäßigen Abständen, macht sich aber zwischenzeitlich über den Blumenstrauß her. Beffaná ist sich absolut sicher, dass sie noch niemals in ihrem Leben etwas über einen Schaf-Verwandlungszauber gehört oder gelesen hat, geschweige denn darüber, wie man ihn wieder rückgängig macht. Wie kommt der Kerl eigentlich auf die Idee, ausgerechnet heute bei ihr aufzutauchen? Oder… War er gestern Abend vielleicht auch auf dieser Party gewesen? Dürfen Pastoren so kurz vor Weihnachten auf Wohnheimpartys gehen? Das Problem ist, dass Beffaná sich überhaupt nur noch sehr verschwommen an diese Wohnheimparty erinnern kann. Sie hat zwar nichts getrunken, aber einige Stunden vorher musste sie sich mit einem kleinen Zaubertrank auf die Sprünge helfen, weil eine Hausarbeit noch fertig geschrieben werden musste. Sowas kann gefährlich werden. Denn diese konzentrationsfördernden Zaubermittelchen haben die vertrackte Eigenschaft, nach ein paar Stunden in ihr Gegenteil umzuschlagen. Vor einem halben Jahr, kurz vor den Sommersemesterferien, war Beffaná fünf Stunden nach der letzten Prüfung auf einem wirklich hohen Baum im Park aufgewacht und hatte keinen blassen Dunst, wie sie dahin gekommen war. „Mäh!“ Beffanás Nachbar Mischa ist nicht da, er besucht seine Eltern, fällt der jungen Hexe gerade ein. Und den Zweitschlüssel für sein Zimmer hat Florence und die ist auch zuhause bei ihren Eltern! In Frankreich! Eltern, ey… Wenigstens ein Problem, um das sich Beffaná nicht auch noch kümmern muss. Pfaffe hin oder her, denkt Beffaná. Ich muss pinkeln! Da müssen wir jetzt beide durch. Wahrscheinlich erinnert er sich später eh nicht mehr daran, wenn er wieder normal ist. FALLS er jemals wieder normal ist! Denn sie hat keine Ahnung, wie sie auf die Schnelle den richtigen Rückverwandlungszauber finden soll. Dabei müsste der Typ bestimmt längst in der Kirche stehen und die Weihnachtsgeschichte vorlesen. „Mäh!“ Ja, von wegen ‚Mäh!‘. Von ‚Mäh!‘ steht nix in der Weihnachtsgeschichte. Da gibt’s zwar Schafe, aber die halten, soweit sich die junge Hexe erinnern kann, die Klappe. Beffaná holt tief Luft und drückt die Klinke der Toilettentür herunter. „Ich komm jetzt rein.“ „Mäh!“ DING DONG. „Potzblitz!“ Die Türklingel. Warum muss es ausgerechnet jetzt klingeln?! Und als Beffaná gerade beschließt, es zu ignorieren, hört sie von draußen eine bedrohlich vibrierende Stimme: „Mach auf, Beffaná! Ich bin ein Riesenfan! Und wahrscheinlich muss ich Dich auch fressen.“