Beffaná 2021

Folge 16: Geister

Am Tag, als Beffaná 18 Jahre alt wurde, zog sie aus der Wohnung im achten Stock des Hochhauses mitten in der Stadt aus. Es gab keinen Streit, es gab keine Tränen, aber es gab auch keinen Abschiedskuss von ihrem Vater. Beffaná war nicht traurig, sie hatte ein ganzes Leben voller Abenteuer vor sich.

Bis Beffaná mit der Schule fertig war, lebte sie mit ihrer besten Freundin Jess in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Dann starb Sami, Beffanás geliebter Hund, an Altersschwäche. Kurz darauf besuchte ihr Vater sie zum ersten Mal für ein paar Stunden in der neuen Wohnung. Sie reden lange über die letzten Jahre, in denen Anil Grimm alle Hände voll damit zu tun gehabt hatte, sich um Jacob, ihren jüngeren Bruder zu kümmern. Zu dem Zeitpunkt, als Beffaná gerade mit ihrem Trekkingrucksack, dem alten Besen und Sami die Familienwohnung im achten Stock verließ, stand Anil Grimm im Büro eines Kaufhausdetektivs und musste sich eine Standpauke über die Klauerei seines Sohnes Jacob anhören. Jacob ließ derweil im Nebenzimmer einen Garderobenständer durch die Luft wirbeln. Anil hatte es wirklich nicht leicht. Beffaná war nicht böse. Jacob war schwierig und sie hatte schließlich Sami und Jess. Jetzt, wo Sami tot war, brauchte Beffaná ihren Vater. Und Anil kam, brachte seiner Tochter an dem Tag einen Kuchen und ein Fernglas mit. „Damit kannst du bis nach Hause gucken“, sagte er. „Falls du Sehnsucht bekommst.“

Beffaná benutzte das Fernglas kaum. Es gab zu viele andere Dinge zu tun und zu entdecken. Aber als sie zum Studium in eine neue Stadt zog, nahm sie es ganz selbstverständlich mit, auch, wenn sie das alte Hochhaus selbst vom größten Hügel ihrer neuen Heimat aus nicht sehen konnte. Jetzt, in der Zeitmaschine dicht mit den anderen zusammengedrängt, denkt sie zum ersten Mal seit langem an das Fernglas. Thomas kuschelt sich an Beffaná, unten zwischen ihren Füßen murmelt der Rattenkönig vor sich hin und Schrödinger steuert sie durch die Schwärze des freien Weltraums jenseits des Beteigeuze-Systems. Die Stimmung ist gedrückt. Thomas hat viele Tage auf dem Berg auf Soros verbracht, um, so dämlich es auch klingen mag, mit Beteigeuze zu reden. Beffaná und Schrödinger haben derweil wenig gesprochen. Die Katze ist beleidigt, dass Beffaná wegen der letzten Zeitreisegeschichte böse ist. Man kann die Dinge auch toddiskutieren, denkt Schrödinger. Man kann aber auch einfach mal machen. Und wenn’s dann schlechter wird, dann reist man eben zurück und versucht was Neues. Versuch und Irrtum. So funktioniert die Welt.

Das Fernglas, erinnert sich Beffaná, hängt an der Garderobe ihres Wohnheimzimmers, an dem Haken neben dem alten Besen ihrer Mutter. Beffaná erinnert sich an den Brief der alten Weihnachtshexe. Wie sie schrieb, dass sie nie länger über die Sterne und die Welten oben im All nachgedacht hatte. ‚Stimmt‘, denkt Beffaná. ‚Ich habe kein einziges Mal mit dem Fernglas hoch ins Weltall geschaut. Ich weiß ein bisschen aus meinen Büchern und von ein paar halb-garen Versuchen, ein paar Sterne zu erkennen. Ich weiß, dass es den Großen Wagen gibt und den Gürtel des Orion, dass hoch oben im Himmel der Polarstern steht und dass irgendwo am Himmels das große W der Cassopeia leuchtet. Aber das sind alles Geschichten, die Menschen sich ausgedacht haben. In Wahrheit sind die Sterne des Großen Wagens Millionen von Lichtjahren voneinander entfernt und haben nichts miteinander zu tun. Dasselbe gilt für alle anderen Sternbilder. Es sind einfach Bilder, die Menschen am Himmel erkennen und so zusammensetzen, dass es passt. Aber es passt nicht. Es ist alles reine Phantasie. So wie ein Fernglas, mit dem man zurück nach Hause schauen kann. Ein Zuhause, dass es gar nicht mehr gibt. Es ist alles nur in unseren Köpfen. Menschen klammern sich an diese Bilder, weil dann alles irgendwie mehr Sinn ergibt. Was bleibt denn sonst? Eine schwarze Ewigkeit und zwischendrin Millionen Feuerbälle.‘

„Es sind Billionen“, murmelt Schrödinger. „Billionen Galaxien, wohlgemerkt.“ Ganz offensichtlich hat die Hexe laut gedacht. „Das macht alles überhaupt keinen Sinn“, ruft Beffaná „Was hat sie sich dabei gedacht? Schicke ich die junge Beffaná mal los um ein paar Aliens zu helfen… So what, Schrödinger? Es macht keinen Unterschied. Wer bin ich schon? Selbst eine skrupellose Zeitreisekatze kann doch nichts erreichen außer ein paar krasse Geschichten zu erleben. Billionen! Billionen Galaxien, Schrödinger!“ „Kein Widerspruch von mir“, schnurrt Schrödinger. „Mäh, von mir auch nicht“, meckert Thomas leise. „Depression statt Aggression“, tönt es von unten aus dem Fußraum. „Also war’s das jetzt?“, fragt Beffaná. „Fliegen wir nach Hause?“ „Und wo soll das sein?“ fragt Schrödinger. „Und wann soll das sein? Soll ich Euch in Deinem Wohnheim absetzen? Ist das Dein Zuhause?“ „Nein, ich glaube nicht“ sagt Beffaná. „Aber da ist alles wenigstens wie immer. Und ich frag mich nicht, was ich als nächstes tun muss. Ich weiß, wo der Tee steht und wo das Bett ist und kann mir die Decke über den Kopf ziehen. Hier draußen ist alles so groß und… tja. So groß halt. Viel zu groß. Und sinnlos.“ „Kein Widerspruch von mir“, wiederholt sich Schrödinger. „Allerdings…“ „Ja?“ „Es ist ja interessant, dass alles so gut zusammenpasst.“ „Dass was zusammenpasst?“, fragt Beffaná. „Na, alles! Überleg doch mal: wäre die Schwerkraft nur ein bisschen anders, würde das ganze Universum in sich zusammenfallen oder viel zu schnell auseinander fliegen. Oder die Wärme der Sonnen. Oder die Lichtgeschwindigkeit. Oder die Art, wie die Atome zusammenhalten! Wir sind in dem Universum gelandet, in dem alles so zusammenpasst, dass alles irgendwie funktioniert.
Eigentlich ist es ja verrückt!“ ruft Schrödinger. „Selbst für die Monster gibt’s zu Weinachten eine Weihnachtshexe. Was für ein irrer Zufall.“ „Und dann explodiert irgendwo ein Stern und wird zu einem Schwarzen Loch“, mäht Thomas. „Und dann Funkstille. Für immer.“ „Sinnlos“, sagt Beffaná. „Irgendwie bin ich geradte in falschen Film“, murrt Schrödinger. „Muss ICH jetzt die Weihnachtshexe und den Pastor aufbauen? Vergesst es Leute! Ich hab eine Milliarden Jahre lang keine Predigt und keine Motivationsrede gehalten. Ich fange jetzt nicht damit an.“ Wieder kehrt Schweigen ein. Langes Schweigen. Schließlich fällt Schrödinger etwas ein. „Neutrinos“, sagt er. „Neutrinos machen keinen Sinn. Aber ohne sie wäre alles sinnlos.“ „Du redest wirr, Katze.“ „Miau, irgendwann, da hatten Wissenschaftlerinnen auf der Erde schon ganz schön viel davon verstanden, wie das mit dem Universum und seinen vielen kleinen Teilchen funktioniert. Das Problem war nur: Es passte nicht alles zusammen. Ihre Formeln waren logisch, aber die Ergebnisse ihrer verschiedenen Formeln ergaben zusammen keinen Sinn. Das ganze verdammte Universum machte keinen Sinn! Und dann kam einer von ihnen auf die Idee, einfach ein neues minikleines Teilchen zu erfinden, wirklich, er hat es einfach erfunden! Die Formeln über das Universum, die die Wissenschaftlerinnen in Jahrhunderten zusammengepuzzelt hatten, waren eine Art Geschichte mit einem klaffend großen, riesigen Plot-Hole, einer Lücke in der Story, und das ganze Kartenhaus, die ganze Lügengeschichte drohte zusammenzubrechen. Jahrhunderte Wissenschaft umsonst. Für nichts! Und dann kam einer, rechnete nach und erfand ein wirklich winzig kleines Teilchen, das einfach nur da war. Es machte nix mit den anderen Teilchen, es musste nirgends eingebaut werden es wurde einfach nur gebraucht, damit die Formeln stimmten.“ „Ja und?“ sagt Beffaná. „Schön. Sie haben sich was zusammengelogen, damit alles, was sie vorher überlegt hatten, am Ende irgendwie zusammenpasst. Was willst Du damit sagen? Dass wir uns irgendeine Geschichte ausdenken, damit alle wieder Lust haben, sich neue Geschenke für neue Weltraummonster auszudenken?“ „Fast“, sagt Schrödinger. „Diese Teilchen, die die Wissenschaftlerinnen erfinden mussten, damit alles zusammenpasst, bekamen den Spitznamen „Geisterteilchen“, weil sie natürlich niemand sehen konnte. Offiziell hießen sie Neutrinos. Ein paar Jahre später aber wurde mit Experimenten bewiesen, dass es Neutrinos wirklich gibt. Tatsächlich ist es so, dass Neutrinos außer dem Licht der Sterne die häufigsten Teilchen im Universum sind. In jedem Stern entstehen in jeder Sekunde fast unendliche viele von ihnen. Jetzt gerade, während wir hier durchs leere Weltall fliegen, werden wir von ihnen durchdrungen. Dabei machen sie fast gar nichts, sie sind einfach nur da und fliegen mit Lichtgeschwindigkeit durch alles durch. Aber: Ohne sie würde das ganze Universum nicht funktionieren. Es gibt sie quasi nur, damit alles einen Sinn ergibt.“ „Aus der Geschichte ist Wahrheit geworden“, sagt Beffaná. „Ich kann es schwer beschreiben, aber wenn ich hexe, funktioniert das ganz ähnlich: Ich denke, dass etwas auf bestimmte Art passieren muss, und irgendwie passiert das dann auch. Obwohl es vorher nur Gedanken waren.“ „Naja“, entgegnet Schrödinger. „Wissenschaftlerinnen würden sagen, dass die Dinge schon immer so waren, wie sie waren, und dass im Laufe der Zeit die Geschichten der Wissenschaftler*innen immer besser dazu passen.“ „Und was bedeutet das jetzt?“ „Das bedeutet, dass du dir aussuchen kannst, wie du auf die Welt schaust“, sagt Schrödinger. „Gibst Du auf, nur weil Du nicht alles verstehst? Dann okay, alles scheiße, deine Elli. Oder erfindest du lieber ein paar Geisterteilchen und überlegst, wie Du irgendwann Beweise findest, dass es sie wirklich gibt?“ Wieder ist es lange still in der Zeitmaschine. Beffaná erinnert sich an den Tag, bevor sie aus der gemeinsamen Wohnung mit Jess auszog, um ihr Studium zu beginnen. Bevor sie das Fernglas in den Umzugskarton legte, schaute sie damit durch’s Fenster, um zu prüfen, ob es überhaupt noch funktioniert. Sie sah ihren Vater unten an der Straße stehen, wie er zusammen mit Jacob, ihrem Bruder, Beffanás Schreibtisch in den Umzugswagen hob. Als er Beffaná oben am Fenster erblickte rief er ihr etwas zu, was sie sie nicht verstehen konnte. Vielleicht, denkt Beffaná, war es ja das, was er so häufig zu ihr gesagt hatte. „Alles wird gut, Große.“