Kapitel 16: Der Widerspenstigen Zähmung

Der Raum ist nicht sehr groß. Es passt ein Bett hinein, ein Stuhl, ein Schrank. Doch was (soll man) hinein hängen in einen Schrank, ohne Gepäck? Und was (soll man) machen mit einem Fenster, das direkt auf eine Mauer zeigt? “Es ist ein Studierzimmer”, sagt der Krampus. “Wir sind kein Hotel.” “Es gibt nicht mal einen Schreibtisch.”, sagt Beffaná. “Du weißt, was ich von Büchern und dem ganzen Schreibkram halte”, sagt der Krampus. “Du lernst alleine durch Beobachten, Ausprobieren, Fehler machen. In Büchern steht nur Unsinn, um die Menschen zu verwirren. In diesem Zimmer kannst du schlafen und nachdenken. Für den Rest gibt's bessere Orte.”

Nachdem er Beffaná ihr Zimmer gezeigt hat, führt der Krampus sie durch das ganze Haus. Es ist riesig und Beffaná vermutet, dass das vor allem daran liegt, dass es unendlich viele Kellerräume gibt. Offenbar ist ein großer Teil des Waldes in der Gegend unterhöhlt mit Räumlichkeiten, die zum Anwesen des Krampus gehören. Beffaná ist still und hält die ganze Zeit Sami auf ihrem Arm. Doch auch der Hund hat nichts zu sagen und klappt während der gesamten Führung die Ohren herunter. “Ja Himmelnocheins!”, ruft der Krampus schließlich. “Was ist das denn für einen Stimmung hier? Geht's darum, dass Esmeralda und ich uns gestritten haben? Du hättest Essi mal als Schülerin erleben sollen, Beffaná! So ein renitenter Besen! Sie hat halt Temperament! Genau wie ich! So ist dass, wenn zwei Sturrköpfe aufeinanderprallen! In zwei, drei Tagen ist das alles vergessen, das versprech ich dir, Beffaná. Und jetzt lass uns mal gucken, was der Junge da unten im Kerker treibt!”

Beffaná wechselt sich mit Mino ab. Er wollte von Hilfe natürlich nichts wissen, ist aber gestern noch während er beim Nachtschrat in der Zelle war, tief und fest eingeschlafen. Das kann durchaus gefährlich sein und hätte Beffaná ihn nicht nach einigen Minuten gefunden und geweckt, hätte die Sache für Mino böse enden können. Zwar ist der Nachschrat an einen Pfahl gefesselt, aber das hindert ihn nicht daran, in den Kopf eines unvorsichtigen Zauberers eindringen zu können. Nachtschrate sind außerordentlich intelligent. Zwar sprechen sie nicht im menschlichen Sinne, doch ihre telepathischen Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Andererseits sind sie für körperliche Entbehrungen und Schmerz fast gänzlich unempfindlich. “Die Zähmung eines Nachtschrats ist reine Kopfsache”, hat Mino Beffaná erklärt. Körperliche Züchtigung, Wasser-, oder Nahrungsentzug haben keinen Effekt. Beffaná hofft stark, dass solche Versuche in der heutigen Zeit lange beendet wurden, aber wer weiß das schon. Sie ist sich nicht so sicher, welche Mittel der Krampus notfalls einsetzen würde, um sein Ziel zu erreichen.

Als sie gestern abends spät in die Zelle kaum, um Mino abzulösen, und ihn dann schlafend vorfand, handelte sie schnell und ohne groß darüber nachzudenken. Sie warf sich zwischen Mino und den Nachtschrat, zwang den Schrat, ihren Augen zu folgen und war sofort in seinem Kopf. “Lass Mino los!” “Ich hab dem jungen Zauberer kein Haar gekrümmt”, hörte sie es irgendwo in ihrem Hinterkopf flüstern. “Du warst zu früh, du Spielverderberin!.” Beffaná zog den halb schlafenden Mino aus der Zelle, bat die Wachen, ihn in sein Zimmer zu bringen und begab sich zurück zum Nachtschrat.

Das Geheimnis der Nachtschrat-Zähmung ist Geduld und pausenloser Gedankenaustausch. Beffaná hat es bereits bei der nächtlichen Jagd einmal hinbekommen und auch bei Minos Befreiung aus der Zelle warmes ihr spielend leicht gelungen, ihre Gedanken zu fokussieren und im Kopf des anderen zu sprechen. “Lass ihn nie zur Ruhe kommen!” hat Mino ihr geraten. “Halte ihn wach und beschäftige ihn. Erzähl ihm von deinem letzten Sommerurlaub. Frag ihn nach seinen Hobbys oder seiner Lieblingsstaffel von Doktor Who! Und wenn er redet, dann lass ihn reden, frag nach, zeige dich interessiert. Und sei es auch! Denk daran, in gewissen Grenzen kann er Gedanken lesen. Selbst, wenn er stumm bleibt, denk daran: er wird vielleicht nicht antworten, aber er kann auch nicht abschalten.Für einen einsamen Erdlochbewohner ist das nach ein, zwei Tagen zu viel und er bricht zusammen.”

Nach dem Vorfall mit dem eingeschlafenen Mino wechseln Beffaná und Mino sich jetzt ab. Im Stundentakt tauschen sie untereinander den Platz in der Zelle beim Nachtschrat und alle zehn Minuten zwischendurch ruft der, der draußen sitzt laut “Marco!”, wonach die andere mit “Polo!” antwortet. Keine Antwort bedeutet Gefahr, aber bisher kam immer ein “Polo” aus der Zelle zurück. Wenn Beffaná nach einer Stunde erschöpft vor der Tür sitzt, unterhält sie sich nach einiger Zeit der Ruhe meist eine Weile mit den Wachen. Es handelt sich um einen Zombie namens Ernest und die Vogelscheuche Matilde. Ernest hat ein veritables Ungezieferproblem, ständig ist er von Fliegen umschwärmt, die ihm zudem in Mund, Nase und Ohrlöchern herumkriechen. Das sieht nicht besonders appetitlich aus und riecht auch dementsprechend. Aber Matilde klärt die junge Hexe auf: “Die Fliegen halten ihn am Leben”, sagt sie. “Sie ernähren sich von kleinen Parasiten in seinem Körper und reparieren als Entschädigung das eine oder andere Organ.” Ernest bleibt dagegen stumm. Als Beffaná nach einer weniger anstrengenden Stunde aus der Zelle kommt – sie hat fast ausschließlich über ihre Mathe-Vertretungslehrerin gelästert – beschließt sie zu versuchen, mit Ernst telepathisch zu kommunizieren. Das Schwierigste ist immer der Anfang, sich auf einen Punkt zu fokussieren, der sie in den Geist des Gegenüber führt. Also folgt sie mit den Augen auf gut Glück einer der Fliegen, die in seinem großen Bogen um Ernests Kopf herum fliegt, schließlich auf seinem rechten Auge landet und sich dann zwischen Augapfel und Augenhöhle ins Innere von Ernests Kopf hineinquetscht. “Hallo Beffaná”, dröhnt es träge in ihren Gedanken, “schön, dass ich mal Besuch kriege! Und dann auch noch von so einer jungen und vollständigen Hexe. Wie läuft der Unterricht?” “Ich glaube, ganz gut”, antwortet Beffaná leicht verwirrt. “Kennen wir uns?” “Wir haben uns im Studierzimmer getroffen. Aber wahrscheinlich erinnerst du dich nicht...?” “Nein, warte, doch!”, ruft Beffaná. “Hast du zufällig einen Finger verloren? Der liegt noch irgendwo bei mir im Zimmer herum!” Der Zombie hebt seine rechte Hand, an der nur noch der Daumen und zwei Finger hängen. “Möglich”, sagt er (traurig). “Kannste behalten. Der war bestimmt eh vertrocknet.” “Du klingst nicht gut, selbst für einen Zombie”, sagt Beffaná. “Ich bin jetzt nicht so die große Expertin für untote Befindlichkeiten. Aber kann ich dir irgendwie helfen?” “Ja”, sagt Ernest. “Kümmer Dich um meine lieben kleinen Fliegen und lass mich sterben.” Puh. Das hat gesessen. Beffaná muss isch erst einmal wieder sammeln. “Wie bitte?” “Hexe, ich bin einfach todmüde! Ich bin als Mensch ordentlich alt geworden, 45 Jahre! Stell dir das mal vor! Und nachdem ich dann an der Pest gestorben bin und von einem Hexenmeister wieder aufgeweckt wurde, waren's noch mal... viele Jahre.” “An der Pest gestorben?!” “Ja. Kam häufig vor, in der Römischen Legion.” “Du bist ein Römer?!” “Nein, ich WAR ein Römer. Die Römer hatten keine Zombie-Armeen. In Geschichte bist du nicht so richtig gut, oder?” “Nee. Du willst wirklich sterben?” “Ja”, flüstert Ernest in ihrem Kopf. “Aber dieses Mal bitte richtig.” “Und warum, also, tust du's nicht einfach?” Der Zombie lacht in ihrem Kopf. “Weil der Hexenmeister es nicht erlaubt. Und weil ich ihm gehöre, kann er ganz allein entscheiden, ob und wann ich sterben darf.” “Ich rede mal mit Mino, wenn du willst”, sagt Beffaná, doch der Zombie lacht verächtlich: “Mino? Was glaubst du wird er sagen? Der junge Herr ist doch nichts besser als der Krampus! Die halten sich doch einen ganzen Zoo von uns Freaks hier im Haus und finden das ungemein praktisch.” “Aber Mino wird doch auch merken, dass es Dir nicht gut geht...” “Ha!” Der Zombie in ihrem Kopf schnaubt laut auf. “Sagt die Hexe, die zusammen mit dem jungen Meister einen wehrlosen Nachtschrat foltert!” “Wir zähmen ihn!”, ruft Beffaná. “Ich geb dir zwei weitere Finger, wenn du mir den Unterschied erklären kannst!” “Folter ist, wenn man jemandem sehr weh tut, weil man etwas von ihm will. Und zähmen... ist... wenn man einem Tier ...beibringt, wie es ...freiwillig das tut was man will...” “Aha”, sagt Ernest. “Du hast Recht”, sagt Beffaná. “Womit hat er Recht?” Hinter Beffaná ist Mino aufgetaucht. Er klopft Matilde auf die Schulter, macht allerdings einen großen Bogen um den stark zerfledderten Ernest. “Wir müssen dich mal wieder ordentlich flicken, Ernest!” ruft er, “sollst ja noch ein par hundert Jahre durchhalten, alter Ganove, was?” “Mino, was machst du hier?” fragt Beffaná, “wir müssen und doch abwechseln?” “Keine Sorge!”, sagt Mino. “Der Schrat heult. Ich hab ihm von seinen Kumpels erzählt, die mein Vater früher schon gejagt hat. Aber du hast Recht! Geh mal besser rein, damit er uns nicht noch einschläft. Oder, Ernest? Das wollen wir doch nicht?” Ernest schüttelt den Kopf. “Eine Schicht noch Beffaná, und dann sehe ich zu, dass jemand anderes dich ablöst. Und wir gehen mal was ordentliches Essen. Gute Idee, oder?” “Ja, sagt Beffaná. “Potzblitz.”