Kapitel 17: Die Überraschung

Es klopft. „Beffaná?“ „…“ „Bist du wach? Ich muss mit dir sprechen.“ „…“ „Beffaná? Hm…, das hier müsste helfen…“ „Hatschi! What-the…?! „Beffaná! Mach auf!“ „Ist es schon morgens, müssen wir deinen Vater ablösen?“ Beffaná steigt ziemlich zerstört aus ihrem Bett. Ihre Brille liegt werweißwo, aber es ist so dunkel, dass sie eh nichts bringen würde. Schließlich findet sie die Tür und öffnet. „Wieso schließt du überhaupt ab?“ „Ja, wieso eigentlich , Mino? Bringt ja sowieso nichts, wenn der Bösewicht einfach draußen stehen bleibt und mir Feinstaub in die Nase zaubert.“ „Stinkwurzpollen.“ Mino hat eine Kerze in der Hand, wie in so einem alten Film, der in einem Schloss oder einer Burg spielt. Beffaná würde lachen, wenn sie nicht so müde wäre. „Komm rein.“ Sie knipst die Deckenlampe an und beide, Mino und sie selbst, müssen kurz die Augen zukneifen wegen des grellen Neonlichts. „Was für eine Butze“, sagt Mino. „Mein Vater ist echt unmöglich.“ „Es reicht zum Schlafen und Nachdenken, sagt der liebe Herr Vater.“ Beffaná dreht sich mit breit geöffneten Armen einmal um sich selbst. „Schau dich ruhig um. Aber ich muss dich enttäuschen. Das Pay-TV ist kaputt und in der Mini-Bar gibts nur Spinnen.“ „Hölle, ich finds zu deprimierend hier. Lass uns zu mir ins Zimmer gehen“, sagt Mino. „Aber ich hab extra aufgeräumt“, ruft Beffaná ihm hinterher, als er schon auf dem Weg nach oben ist. Minos Zimmer ist eins der wenigen über der Erde. Es ist ebenfalls nicht besonders groß, aber es hat ein Giebelfenster, durch das man die Sterne sehen kann, einen Schreibtisch, eine Menge Regale und jede Menge Bücher. Tausende von Bücher. „Nein, ich hab die nicht alle gelesen“, sagt er, bevor er Beffaná einen Platz auf einem kleinen Sessel neben dem Bett anbieten kann. „Hab ich auch nicht gedacht“, sagt sie. „Wer weiß“, sagt Mino. „Ist schwer geworden, in deinen Dickschädel reinzugucken.“ „Ich hab trainiert. Was willst du?“ „Über heute Abend reden. Du warst still und schlecht gelaunt beim Essen.“ „Stimmt“, sagt Beffaná. „Willst du darüber reden?“ „Nein“, sagt Beffaná. „Dann eben nicht…“ „Es ist falsch, was wir da tun. Wir zähmen den Nachtschrat nicht, wir brechen ihn. Wir foltern ihn, bis er zusammenbricht. Ich kann das nicht mehr tun.“ „Es ist eine sie“, sagt Mino. „Der Nachtschrat ist ein Weibchen. Denkt man gar nicht, oder? Ist aber so. Hat mein Vater mir gesagt. Macht den Schrat weniger nützlich. Weibliche Nachtschrate sind langsamer.“ „Hast du keine Gewissensbisse? Fühlt es sich für dich nicht falsch an, ein Wesen so zu behandeln, nur um… Hölle, ich weiß gar nicht wofür genau! Um einen Boten zu haben oder sowas? Wir sind Hexen, wir brachen doch keinen Maulwurf, um Zettel von A nach B zu bringen. Ich meine, dein Vater ist der Krampus! Der wird doch besseres zu tun haben, als Maulwürfen Kunststücke beizubringen.“ „Es ist nicht einfach ein Maulwurf. Sie ist ein Nachtschrat,“ sagt Mino. „Ein Nachtschrat-Weibchen. Und sie heißt Phlox.“ „Ach, das hat sie Dir erzählt?“ „Als ich in der Zelle eingeschlafen bin. Als du mich vor dem Biest gerettet hast. Beffaná, was immer du auch über diesen Nachtschrat denkst, harmlos ist er nicht.“ „Sie wird gefangengehalten, obwohl sie eigentlich längst wieder unter der Erde sein sollte. Und wofür? Für irgendeine dämliche Zauberertradition, die keinen Sinn ergibt.“ Mino setzt sich auf sein Bett und sieht lange zu Beffaná herüber. „Okay, weißt du was, Hexenschülerin? Du hast Recht. Wir lassen sie frei.“ „Wie jetzt, echt?“ Beffaná springt auf. „Ist das ernst gemeint? Ich bin zu müde für irgendwelchen Spielchen.“ Mino legt Beffaná eine Hand auf die Schulter und bedeutet ihr sich wieder hinzusetzen. „Ganz ehrlich? Ich hab kein besonders großes Mitleid mit der Schratin. Die Biester können sehr gefährlich werden und werden seit Jahrhunderten von Hexen und Zauberern gejagt. Die Normalos machen ganz andere Sachen mit Schweinen und Hühnern und Rindern. Das was wir veranstalten ist dagegen eine faire, wenn auch etwas altmodische Jagd. Trotzdem: Nicht dein Ding? Verstanden. Du hast den Schrat erledigt, dann kannst du auch bestimmen, was mit ihm geschieht. Kein Problem damit.“ „Aber dein Vater…“ „Ach, Quatsch. Mein Vater ist einfach ein Idiot. Mein Vater ist schon ein bisschen zu lange Lehrer und bildet sich immer noch ein, das er der einzige ist, der weiß, wie junge Hexen ticken. Weißt du, er bringt schon seit Jahrhunderten Hexen und Zauberern ihr Handwerk bei, Beffaná. Und davor sein Vater. Mein Vater kapiert nicht, dass Hexen inzwischen andere Dinge im Kopf haben als er.“ „Aber wenn dein Vater schon so alt ist“, sagt Beffaná, „Wie alt bist du denn dann?“ „Bisschen älter als du, Hexenschülerin.“ „Aber wieso behandelt er dich dann immer noch wie einen Halbwüchsigen?“ „Weil unsere Art nun mal sehr langlebig ist und darum für alles sehr viel Zeit braucht. Auch für’s Erwachsen werden. Denkt mein Vater wenigstens.“ „Und deine Mutter?“ „Meine Mutter war ein ganz normaler Mensch. Sie ist sehr alt geworden, ist aber trotzdem schon sehr lange gestorben.“ Beffaná wird jetzt erst klar, dass sie und Mino etwas gemeinsam haben. „Meine Mutter ist auch gestorben“, sagt sie. „Ich weiß. Die berühmte Leah Grimm. Das war ein Schlag für die Hexenwelt. Sie war eine der besten.“ „Hast du sie gekannt?“ „Nein, Beffaná. Sie ist nicht zu meinem Vater gegangen. Sie war einfach von Beginn an eine Hexe, sagen die Leute. Ungeschliffen. Grandios. Durchgeknallt, ja, auch das. Und unabhängig. Hat nur gemacht, was sie für richtig hielt. Und ich war nicht dabei und kenne nur die Geschichten, aber so ganz richtig hört sich das nicht alles an. Wenn’s irgendwo ´ne Schlägerei gab, war sie mittendrin. Wie gesagt: Ich war nicht dabei. Mein Vater hätte sie gerne unterrichtet.“ „Wieso“, fragt Beffaná nach einer Weile des Schweigens, „besitzt du eigentlich so viele Bücher, wenn er doch Bücher so schlimm findet? Er ist doch auch dein Lehrer!“ „Na klar, und stell dir mal vor, die Hälfte der Bücher hab ich von ihm bekommen. Ich hab mir das, was du dir hier in ein paar Tagen beibringst ,mühsamst erkämpfen müssen. Und mein Vater bestimmt auch. Lehrer werden meistens nicht die Besten, sondern die, die’s am besten erklären können. Mein Vater und ich, wir haben alles gelesen, was es über Hexerei zu wissen gibt. Und Leute wie Deine Mutter und du, ihr wacht einfach eines Tages auf und seid verdammt gute Hexen. Darum will er dich auch nicht mit Büchern verwirren. Er weiß, dass du die Sache anders lernst. Und dass du bald viel besser bist als er. Und als ich. Er denkt bestimmt, das er dich noch besser machen kann. Aber nicht mit Büchern.“ Mino geht zu einem Regal und zieht ein sehr großes und sehr altes Buch heraus. „Willst du sie sehen?“, fragt er. „Deine Mutter, willst du sie mal sehen?“ „Wie? Hast du ein Foto von ihr?“ fragt Beffaná. Sie kennt nur eine Handvoll Aufnahmen und die beste ist noch die, die Esmeralda Schniggenfittich unten bei sich im Flur hängen hat. Das Fotos von Beffanás Mutter zusammen mit Esmeralda und Anil. „Ich hab was Besseres“, sagt Mino. „Ich weiß nicht, ob du’s wusstest, aber ich kann ein bisschen zaubern.“ „Whaaat?“ Sie spielt die Erstaunte. „Oh mein Gott, das musst Du mir dringend zeigen! Kannst du meine Mutter aus einem Hut herausziehen?“ „Besser. Ich… hab da mal was vorbereitet.“ Mino grinst jetzt breit. Wie ein kleiner Junge, der jemandem seinen neusten Kartentrick zeigen will, an dem er tagelang geübt hat. „Setz dich bitte hier hin.“ Mino rückt Beffaná einen Stuhl an seinem Schreibtisch zurecht und wartet, bis sie sich hingesetzt hat. Dann legt er das große Buch vor sie hin. „Auch wenn mein Vater dir erzählt, das Bücher Unsinn sind“, sagt er, „es gibt da schon ein paar richtig coole Bücher.“ Er schlägt das Buch vor ihr auf und Beffaná ist verwirrt. Auf dem Blatt ist ein fast seitenfüllender Bilderrahmen gezeichnet, umrankt von seltsamen Runen und verschlungen gezeichneten Mustern. Doch er Rahmen ist leer. „Das ist der Rahmen von Utunga!“ raunt Mino ihr ins Ohr, es gibt davon nur noch zwei Exemplare auf der Welt.“ Beffaná hört gespannt zu. „Ich hatte dich, oder?!“, lacht Mino. „Utunga? Come on, Beffaná, was soll das sein? Aber das Buch ist wirklich krass. Wenn du in den Rahmen schaust und an sie denkst, dann wirst du sie sehen.“ „Wie jetzt?“ „Einfach gucken, Beffaná. Einfach an sie denken. Probier’s ruhig.“ Und Beffaná schaut in den Rahmen hinein, der auf der aufgeschlagenen Buchseite gezeichnet ist. Sie weiß natürlich, dass es solche Zauber gibt, der Krampus hat davon erzählt, meinte aber abschätzig, so etwas führe zu nichts und sei vor allem dazu da, um einsame Menschen in Wahrsager-Zelte auf Jahrmärkten zu locken. Aber jetzt liegt eins dieser Bücher direkt vor ihrer Nase und statt eines leeren Rahmens sieht sie nun das Gesicht einer jungen Hexe. Einer Hexe, die kaum älter ist, als sie. Sie scheint Beffaná direkt anzusehen, sie zu mustern. Beffaná erkennt einige Züge von sich selbst in diesem Gesicht, aber ihre Mutter, das würde wahrscheinlich jede Betrachterin dieses Bildes sagen, ist wirklich wunderschön. Oder, wie Jess es formulieren würde: „Der absolute Knaller!“
„Mama“, flüstert Beffaná. „Kannst du mich hören?“ Das Gesicht verändert sich nicht. Nur die großen Augen sehen Beffaná direkt an. „Mama“, flüstert Beffaná noch einmal. Das Gesicht von Leah Grimm scheint ganz leicht zu verblassen. Dann hellt es sich zu einem Lächeln auf, zwinkert ihrer Tochter zu und verschwindet. Wie vom Donner gerührt sitzt Beffaná an Minos Schreibtisch vor dem Buch. „Alles in Ordnung, Hexenschülerin?“ fragt Mino schließlich. „Ja“, sagt sie. Und: „Danke.“ Dann steht sie langsam auf und reckt sich. „Na dann. Lass uns runtergehen und einen Schrat befreien.“

In der Küche liegt Sami und schläft noch tief und fest, obwohl man im Fenster hinter den kahlen Baumwipfeln bereits das Morgengrauen am Himmel erkennen kann. Doch als Beffaná an Sami zerrt und schüttelt, kommt er langsam zur Besinnung. „Als Wachhund wärst du aber auch nicht zu gebrauchen“, sagt sie und winkt ihn zu sich, als sie bereits zusammen mit Mino auf dem Weg in den Keller ist. „Na komm schon! ich kann da unten ganz gut Hilfe gebrauchen. Wie auch die Nächte zuvor stehen Matilde und Ernest, die Vogelscheuche und der Zombie, Wache vor der Kerkertür. Beffaná nickt den beiden verschwörerisch zu, zeigt auf sich selbst und schüttelt mit dem Kopf. „Ich bin nicht da!“ „Ist mein Vater drin?“ fragt Mino und Matilde nickt. „Die ganze Nacht“, sagt sie. „Ohne Essen, ohne Schlafen, ohne Ablösung.“ Sie machen es, wie besprochen. Beffaná versteckt sich mit Sami in einem Seitenflur und Mino öffnet die Zellentür. „Ich löse dich ab“ hört Beffaná ihn sagen. „Kann eh nicht mehr schlafen“. „Ist gut“, entgegnet der Krampus. „Es kann jetzt jeden Augenblick soweit sein. Ihr habt ihn ordentlich weichgeklopft gestern. Das war gute Arbeit. Hätte ich der Hexe gar nicht zugetraut.“ Beffaná hört ihn die Zelle verlassen. Dann jedoch stoppen die Schritte. Er bleibt stehen. „Sag mal“, ruft er in die Zelle hinein, „läuft Sami hier irgendwo herum? Oder warst du eben bei ihm? Es riecht hier überall nach nassem Hund!“ „Nein, ich hab ihn nicht gesehen“ sagt Mino aus der Zelle. Der Krampus stöhnt. „Ist der Köter schon wieder abgehauen? Ich schau mal, ob er sich hier irgendwo rumtreibt. Wahrscheinlich macht ihn der Geruch des Schrats ganz wahnsinnig…“ „Da ist bestimmt nichts…“ beginnt Mino doch sein Vater würgt ihn ab. „Kümmer du dich um den Schrat, ich kümmere mich um alles andere!“ „Ja Vater.“ Die Schritte des Krampus nähern sich, bleiben vor den Türen einzelner Räume stehen, gehen weiter . Kommen näher. Plötzlich hört Beffaná ein dumpfes Stöhnen aus Richtung der Kerkertür. „Ach Ernest!“ hört Beffaná Matilde rufen. „Meister, Ernest hat einen Arm verloren!“ „Nicht das auch noch!“ Die Stimme vom Krampus ist sehr nah, kommt direkt aus der nächsten Abzweigung zum Flur. Dann: Schnaufen. Fluchen. Und der Krampus entfernt sich. „So ein Mist, Ernest! Wie konnte das denn wieder passieren! Hilft ja nichts! Ab in die Küche, da hab ich mein Nähzeug!“ Und langsam, hört Beffaná, entfernen sich die Schritte und es wird still im Flur.

Sie halten den Nachtschrat zu dritt, Mino, Beffaná und Matilde, mithilfe mehrerer Lederbänder fest. Sami läuft mit gerecktem Schwanz hinter ihnen her. Beffaná weiß, dass sie sich beeilen müssen, denn niemand kann sagen, ob der Krampus noch einmal wiederkommt, um Ernest zurück an seinen Posten zu bringen. „Was nützt so ein Zombie überhaupt“, denkt Beffaná, „wenn er so aufwändig in der Wartung ist.“ Doch jetzt ist nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie stehen bereits auf dem Hügel hinter dem Haus. Phlox, das Nachtschratweibchen ist sehr ruhig. Auch in ihren Gedanken spürt Beffaná ihre Anwesenheit überhaupt nicht. Sie scheint wirklich kurz vor der Kapitulation zu stehen. „Jetzt vorsichtig, wenn wir sie losbinden!“ warnt Mino, aber Beffaná winkt ab. „Sie tut uns nichts. Sie ist zu schwach.“ Beffaná zückt ein Küchenmesser, das sie vorhin hat mitgehen zu lassen. Doch statt Phlox loszuschneiden, zieht sie einen Ärmel hoch und versetzt sich einen zu allzu tiefen, langen Schnitt in den Unterarm. „Beffaná!“ ruft Mino, doch sie bedeutet ihm zurückzubleiben. „Hab ich in einem deiner Bücher gelesen“, sagt sie „bevor wir runtergegangen sind. Eigentlich benötigen Nachtschrate vor allem das Blut der Tiere. Fleisch ist okay, aber das hier ist besser.“ Sie zeigt auf ihren Arm, von dem ein kleines Gerinsel Blut zu Boden tropft. Sie lässt es tropfen. „Bedien Dich, Phlox! Und dann verschwinde, so schnell du kannst. Es tut mir so unendlich leid, was wir dir angetan haben. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.“ Dann winkt sie die anderen zu sich und sie gehen so schnell sie können ins Haus zurück. An der Schwelle hält Beffaná Mino kurz zurück. „Danke“, sagt sie, und gibt ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Du bist schon ganz in Ordnung. Potz. Und Blitz. Und so.“