Kapitel 18: Zwei Hexen

Dies ist die Geschichte von zwei Hexen mit dem Namen Beffaná. Beide tragen sie eine Brille, unter einem roten Haarschopf. Beide sehen sich einem Jungen gegenüber, den sie sehr mögen. Während jedoch die eine Beffaná erleichtert und schwer atmend auf einem Fensterbrett im achten Stockwerk sitzt, muss die andere sich verabschieden.

Die Geschichte beginnt im Haus des Krampus, eines sonderlichen Zwergs, dem die Menschen bei seinen spärlichen Besuchen im örtlichen Supermarkt befremdet hinterherschauen. Natürlich hätte er es streng genommen gar nicht nötig, selbst im Supermarkt nach spanischen Oliven, Feuerzeugbenzin und heruntergesetzten Weihnachts-DVDs auf dem Wühltisch vor der Kasse zu suchen. Doch wenn er seine Diener schicken würde, vornehmlich Vogelscheuchen, Spinnen oder Zombies, würde die Situation im Supermarkt vermutlich etwas außer Kontrolle geraten. Und dabei wäre eine Vogelscheuche, die einen heruntergesetzten Ornithologie-Führer kaufen wollte, noch das kleinste Problem. Es lässt sich sogar annehmen, dass der frisch angelernte Kassierer an Kasse 2 auch nicht übermäßig überrascht wäre, würde er im Anschluss bei einem streng riechenden Untoten abkassieren, der einen turmhohen Stapel Horrorfilm-DVDs auf das Band legt. Die 100 Spinnen allerdings, die sich in der Obstabteilung um die letzten Bio-Bananen balgen, die wären dann wahrscheinlich doch ein bisschen viel und darum können die Leute hier in der Vorstadt eigentlich ganz froh sein, dass immer nur dieser gruselige Zwerg vorbeikommt, ewig an der Kasse braucht, weil er natürlich passend zahlen will, und dabei stets zwei Flaschen Schnaps unter seinem Mantel mitgehen lässt. Als besagter Zwerg heute allerdings von seinem morgendlichen Einkauf in sein graues Haus im Wald zurückkehrt, erlebt er eine böse Überraschung. Denn noch bevor er seinen Mantel ablegen kann, geschweige denn die Zeit hat, Wasser für einen starken Kaffee aufzusetzen, steht Beffaná in der Küchentür und erklärt ihm, dass sie den ganzen Kram hinschmeißt und nach Hause will. Als er sie noch fragend anstarrt, dreht sie sich bereits zum Flur und sagt im Weggehen: „Ach so, und den Nachtschrat hab ich auch freigelassen.“ Beffaná ist erleichtert. Ihr Vater ist kein Genie in Sachen gute Ratschläge und Kindererziehung, aber in dieser Sache hat er eigentlich immer Recht behalten: „Kopf hoch und der Gefahr ins Auge sehen!“, sagt er immer und würde er sich selbst ebenfalls an diese Regel halten, wäre er vielleicht sogar ein ziemlich perfekter Vater. Da Beffaná keinerlei Gepäck mitgebracht hat für ihren nur so halbfreiwilligen Aufenthalt beim Krampus, gibt es auch keinen Grund, länger zu warten. Naja. Vielleicht doch. Sie dreht sich noch einmal um: „Danke für alles“, sagt sie, „ich habe viel gelernt“. Die anderen beiden Gründe, warum ihr Herz trotz allem schwer wie ein Wackerstein ist, stehen draußen vor der Haustür und starren auf ihre Füße beziehungsweise Pfoten. Sami schafft es nicht einmal, den Kopf zu heben, als Beffaná „Bis demnächst mal, Sami“ sagt. Und Mino hat die Arme vor der Brust verschränkt und sein allerarrogantestes Gesicht aufgesetzt. „Du haust jetzt einfach ab, Hexenschülerin?“, fragt er und sie schüttelt den Kopf. „Wenn es einfach wäre, würd’ ich hier nich rumstehen, wie ein Vollidiot, Mino. Aber mir ist klargeworden, dass ich auch ohne Krampus lernen kann, eine gute Hexe zu werden. Eine bessere sogar, weil sie die richtigen Dinge tut. Und das Richtige ist es, jetzt nach Hause zu gehen und mich um meine Familie und vor allem um Esmeralda zu kümmern, die Arme.“ „Ich könnte dir beim Lernen helfen“, sagt Mino. „So wie ich’s vorher schon getan habe. Aber dafür musst du hierbleiben.“ „Stell mich nicht vor eine kindische Wahl, die gar keine ist“, sagt Beffaná. „Es sind ein paar Stationen mit dem Bus. Der fährt jeden Tag. In beide Richtungen.“ „Nur für dich, Beffaná Leah Grimm“, sagt Mino. „Für Euch Grimms war es immer einfach, sich einen Dreck um die Regeln der Hexenwelt zu scheren. Doch ich…“ Mino macht eine ausladende Handbewegung „ich bin an das hier alles und an meinen Vater gebunden. Ich habe nichts anderes und bin nichts anderes und hier zu leben und zu lernen ist das einzige, was ich kann.“ „Aber du kannst doch raus und mich besuchen“, sagt Beffaná, „vielleicht, wenn du mal wieder zufällig in der Gegend zu tun hast…?“ Mino schnaubt. „Weißt du was, Sami und ich, wir können dich ja wenigstens noch bis zum Bus bringen.“

Die zweite Beffaná hat Rückenschmerzen von hier bis Feuerland und spürt ein unstillbares Verlangen nach einer Nacht in ihrem geliebten Wasserbett. Das Problem ist Jacob, der in den letzten Nächten immer wieder in der Dunkelheit im Flur herumtappt. Doppelgänger-Beffaná, die beim ersten Versuch, nachts im eigenen Bett zu schlafen, mit ihm kollidiert ist, hat dieses Verhalten sofort wiedererkannt, von früher, weil sie es exakt so auch bei ihrer jungen Freundin Leah beobachtet hat. Esmeralda ist sich ziemlich sicher, dass der Junge schlafwandelt. Jetzt allerdings sieht sie die Sache vor allem deshalb als Problem, weil ein nächtlicher Ausflug in ihr Wasserbett zu einem ungewollten Crash mit dem Schlafwandler führen könnte. Doch schließlich ist sie eine Hexe und benötigt keinen von Schlafwandlern bevölkerten Flur und keine Treppe, um zu ihrem Wasserbett zu kommen. Esmeralda hält es stattdessen für die beste Idee von allen, einen Zauber anzuwenden, mit dessen Hilfe sie spielend leicht an Hausfassaden herumklettern kann. Das hat heute Nacht auf dem Hinweg zu ihrer Wohnung wunderbar funktioniert und hat ihr einige Stunden herrlich kuscheligen Schlaf im eigenen Bett gebracht. Auch der Rückweg um fünf Uhr morgens hat vielversprechend begonnen, bis sie plötzlich im Dunkeln mit der Nase an etwas Weiches gestoßen ist und das ist deshalb ungewöhnlich, weil dieses Weiche über ihr neben der Hauswand in der Luft hängt, laut schnarcht, und verdammt noch eins wie Jacob Grimm aussieht. Esmeralda hat in ihrem gesamten Hexenleben nur wenige Panikanfälle bekommen, was jetzt folgt, ist einer davon. Es ist ein großes Glück, dass der schwebende Jacob keinerlei Notiz von Esmeraldas Erstickungsanfall nimmt und dass sie zehn Minuten später irgendwie in der Lage ist, den Jungen durch leichtes Schieben und streicheln, zurück zum achten Stock zu bugsieren, wo Jacobs Zimmerfenster offen steht. Blöd nur, dass er in eben der Sekunde erwacht, als Esmeralda ihn gerade zurück durchs Fenster schubsten will. „Beffaná, was machst du hier?“ fragt er. Und dann: „Woher kannst du Wände hochklettern?“ „Woher zum Teufel kannst du schweben?!“, zischt Doppelgänger-Beffaná, während Jacob sich seelenruhig auf seine Fensterbank setzt. „Immer schon“, sagt er. „Aber nicht Papa sagen. Sonst regt der sich wieder auf. Warum schimpfst du eigentlich nicht mit mir?“ „Bitte?“ „Sonst schimpfst du immer total rum, wenn dir was nicht gefällt!“ Die ganze Szene ist so absurd, dass Doppelgänger-Beffaná nicht richtig aufpasst und von ihrem provisorischen Platz neben Jacob auf dem Fensterbrett ins Zimmer hinein purzelt und dabei mächtig Lärm macht. Lärm genug, um Anil Grimm aufzuwecken. Anil steht genau 15 Sekunden später in Jacobs Zimmer und sieht ein fluchendes Mischwesen aus seiner Tochter und seiner Nachbarin sich auf dem Zimmerboden wälzen, während sein Sohn vom offenen Fenster aus interessiert zuschaut. „Jacob!“, ruft Anil und Jacob antwortet: „Papa, ich kann wirklich nichts dafür! Ich bin einfach nur ein bisschen geflogen und das da ist ganz von alleine passiert!“ Es dauert eine Weile, viele Tassen Tee, Kaffee und Kakao, bis Anil langsam versteht, was gespielt wird. Esmeralda hat sich letztlich mit einigen Anlaufschwierigkeiten in sich selbst zurückverwandelt, sitzt mit Jacob auf dem Schoß auf Beffanás Stuhl und erzählt. Erzählt vom Krampus und von Sami, vom Spielplatz, dem Millennium-Falken, und von der zweiten Mathe-Vertretungslehrerin, die inzwischen auf die erste gefolgt ist, weil die erste urplötzlich ein bisschen wahnsinnig geworden ist. „Die neue Mathevertretungslehrerin ist aber auch nicht sooooo dolle“, sagt Esmeralda. „Sie heißt Fenchelkeks und wenn wir Pech haben, bleibt die für länger.“ In diesem Augenblick kommt Anil Grimm endlich zur Besinnung. „Was heißt denn überhaupt ‚wir‘“, brüllt er. „Wo ist meine Tochter?!“ „Hab ich doch gesagt. Im Wald. Beim Krampus.“ „Gut“, sagt Anil. „Alle Mann Schuhe anziehen. Du auch Jacob. Das mit der Fliegerei klären wir später. Erst mal fahren wir zu Beffana. Jetzt.“

Das mit der Busstation ist ein Problem. Beffaná ist den Weg vom Grauen Haus zur Busstation inzwischen schon einige Male gegangen, manchmal todmüde von den langen Unterrichtsnächten beim Krampus, machmal auch in Begleitung von Sami, der jetzt ebenfalls neben ihr her trottet. Aber niemals haben sie sich verlaufen. Wie ist es überhaupt möglich, sich in Begleitung eines Hundes zu verlaufen? In Begleitung eines Jungen, der ,wie lange schon hier lebt? 50, 100 Jahre?“ „Wie alt bist du, Mino?“, fragt Beffaná. „Sei nicht so unhöflich“, murmelt Mino. „Ich frag mich nur, wie es sein kann, dass wir uns verlaufen haben!“ „Wir haben uns nicht verlaufen. Mein Vater ist wütend auf dich.“ „Und das heißt?“ „Dass wir uns verlaufen“, stöhnt Mino. „Ich wette, wenn wir uns auf den Rückweg machen, sind wir in fünf Minuten am Haus. Irrgärten und Labyrinthe sind eine Art Familienspezialität“. „Kannst du nichts dagegen tun?“ fragt Beffaná. „Wir könnten zum Haus zurück und einen Besen suchen.“ „Du meinst, fliegen?“ fragt Beffaná. „Bin ich sofort dabei!“ „Das Problem ist“, sagt Mino, „dass nach deiner Mutter niemand mehr fliegt, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.“ „Der Unfall…“, sagt Beffaná. Mino bleibt stehen. „Es ist“, sagt er, „als haben sich die Lüfte gegen uns verschworen. Fliegen ist gefährlich geworden.“ „Aber ihr habt einen funktionierenden Besen zuhause“, fragt Beffaná. „Dann lass es uns versuchen. Esmeralda sagt, dass meine Mutter eine besten im Fliegen war.“ „Wie du meinst.“ Doch als sie sich umdrehen, ist der Pfad verschwunden. „Denkste, in fünf Minuten zuhause“, sagt Beffaná. „Was wird hier eigentlich gespielt?“ „Das da“, sagt Mino und deutet auf einen Hohlweg der plötzlich links von ihnen erscheint und direkt in den dunkelsten Wald führt. Sami schüttelt sich. „Das gefällt mir nicht.“ Aus dem Wald ertönt ein fernes Heulen. Oder ist es ein Lachen? „Was denkst du, Hexenschülerin?“ fragt Mino. „Kopf hoch und der Gefahr ins Auge sehen!“, sagt Beffaná. „Potzblitz.“