Kapitel 19: Die Prophezeiung

Es war einmal ein junges Mädchen, dem war die Mutter früh gestorben und es hatte Zauberkräfte. Als nun die Zeit gekommen war, in die Welt hinaus zu gehen, da gab das Mädchen seinem Vater einen Kuss, ermahnte das Brüderchen, gut auf den alten Vater acht zu geben und machte sich zusammen mit einem kleinen Hund auf in den blauen Morgen. Bald kam es zu einem großen Wald und als es eine zeitlang hindurch gegangen war, gelangte es an ein wunderliches Haus, in dem ein mächtiger Zauberer wohnte. Der Zauberer erkannte wohl, welch Hexenmacht in dem Mädchen schlummerte, und weil er sehen wollte, ob er die Kräfte des Mädchens nicht zu seinem Vorteile nutzen konnte, lud er es ein, in seinem Haus zu wohnen und ihm und seinem Sohn Gesellschaft zu leisten. Das Mädchen aber war müde und hungrig und es sehnte sich nach neuem Zauberwissen und so blieb es viele Tage im Haus des Zauberers. Der Zauberer staunte, wie das Mädchen unter seiner Führung an Fertigkeit und Weisheit gewann und hegte bald große Zuneigung zu ihm. Schließlich kam der Tag, da bedankte sich das Mädchen für die Gastfreundschaft und wollte seiner Wege gehen. Der Zauberer aber ärgerte sich. Hatte er dem Mädchen nicht vielfach mit Brot und Rat beiseite gestanden? Hatte er nicht des Recht zu hoffen, das Mädchen und sein Sohn könnten eines Tages zusammen den Wald und die ganze Welt beherrschen? Also ersann er eine List, und als das Mädchen seinen Abschied nahm, da begleitete sie der Sohn des Zauberers noch ein Stück Wegs aus dem Wald heraus. Plötzlich aber fanden sie sich auf einem Pfad, den keiner von beiden je gesehen hatte. „Es scheint mir dunkle Zauberkraft am Werk“, sagte der Junge und als er zurück schaute, da war der Weg hinter ihnen versperrt. Das Mädchen aber schritt mutig voran, denn es fürchtete weder Tod noch Teufel und der Hund lief freudig vor ihr her, denn er sah vor sich ein kleines Dorf hinter dichten Bäumen auf einer Lichtung liegen und er dachte, dass er dort wohl schmackhafte Katzen für ein zweites Frühstück finden könnte. „Ich geb dir gleich schmackhafte Katzen, du Eumel!“, ruft Beffaná und bleibt am Rand des Dorfes stehen. „Mino, die Sache ist jetzt ganz offiziell bescheuert. Ich bin nicht die allerbeste in Stadt, Land, Fluss, und in Erdkunde auch nicht, aber hier sollte kein Dort sein, sondern die städtische Kläranlage. Und das gerade“, sagt sie lallend, „war ein vergifteter Pfeil.“ Beffaná schlägt der Länge nach hin und noch während Mino zu ihr läuft, bekommt er von der Seite einen Schlag an den Kopf und die Welt wird dunkel. Sami wundert sich, wie still es hinter ihm geworden ist. Er hat gerade den Garten des ersten Hauses im Dorf erreicht und dreht sich um. Keine Spur von seinem beiden Begleitern, stattdessen sieht er, wie ein breit gebauter Kerl mit einer Armbrust in der einen und einem Knüppel in der anderen Hand unter den Bäumen hervortritt und sich nach unten beugt. „Beffaná! Mino!“ Die beiden liegen regungslos im Gras und der Mann macht sich an ihren Füßen zu schaffen. „Die armen Kinder“ sagt ein Pilzmann im Blumenbeet neben Sami. „Psst!“ zischt Sami, „ich versuche hier gerade nicht vollkommen durchzudrehen. „Huch“, sagt das Pilzmännchen, „ein sprechender Hund! Was machst du hier?“ „Was machst DU hier?“ schnauzt Sami, immer noch unentschlossen, ob er einen aussichtslosen Kampf mit dem Hünen am Waldrand aufnehmen soll oder nicht. „Das führt zu nichts“, sagt der Pilzmann, „ich hab zuerst gefragt.“ „Lass mich in Ruhe.“ Sami hat sich sehr unhündisch entschlossen, erst einmal abzuwarten und auf eine bessere Gelegenheit zu hoffen. „Meine Freunde werden gerade überfallen!“ „Ich sag dir, wer der Typ ist“, sagt der Pilzmann. „Und du verrätst mir, wer ihr seid.“ „Dann spring auf und erklär’s mir auf dem Weg“, zischt Sami, „er schleift die beiden weg.“ Das Gras ist hoch, es duftet nach Frühling. Was immer das hier ist, es hat nichts mehr mit dem Wald des Krampus und der Jahreszeit zu tun, in der sich Sami, Beffaná und Mino eben noch befunden haben. Der Pilzmann springt auf Samis Rücken und lässt sich von dem Spitz durch’s Gras tragen. Inzwischen hat der Hüne seine Waffen verstaut, Beffaná und Mino an den Füßen gepackt und zieht sie ziemlich unsanft über die Wiese bis zu einer einfachen Holzkarre am Wegrand, die ganz offensichtlich ihm gehört. „Also was ist jetzt?“, raunt Sami. „Das ist Sigmund, unser Vogt“, sagt der Pilzmann. „Und ich bin Pilz.“ Das war’s. Während Sami weiterläuft, grüßt Pilz eine Reihe anderer Pilze, die zwischen den Gemüsebeeten des Dorfes wachsen. „Pilz?“, blafft Sami. „Hast du keinen richtigen Namen?“ „Was ist dein Problem, Hund? Wie heißt du denn?“ „Sami.“ „Klingt fremdländisch“, sagt Pilz. „Wenn du Hund hießest, wüssten alle, okay, das ist ein Hund! Aber Sami? Was soll das sein, ein Sami?“ Sami wird langsam klar, dass diese Unterhaltung ziemlich anstrengend werden könnte. Also konzentriert er sich auf die wichtigen Dinge. „Wo bringt er sie hin, dieser Vogt?“, fragt er. „Na wo schon?“, sagt Pilz. „In die Vogtei wahrscheinlich.“ „Und dann?“ „Dann werden sie aufgehängt. Oder gevierteilt. Oder gerädert. Ertränkt. Oder alles hintereinander. Reihenfolge unklar.“, sagt der Pilz. „Das ist völlig bescheuerter Quatsch.“, sagt Sami. Er stoppt gerade, als der Karren ebenfalls anhält und der große Kerl beginnt, Beffaná und Mino auszuladen. „Natürlich ist das Quatsch“, sagt Pilz. „Das hier ist das Mittelalter. Quatsch ist quasi die die Kurzbeschreibung für das Mittelalter.“ „Aber das ist alles nicht echt! Das muss ein Traum sein!“, schreit Sami. „Nun.“ Pilz schaut sich selbstgefällig um. „Solange wir hier sind, ist dieser Traum alles, was du hast.“ Überall im Dorf wachsen Pilze wie das Ding auf Samis Rücken. In den Gärten, an den Wegen, auf den Dächern, selbst in einigen Fenstern. Jetzt, im Licht der späten Morgensonne, sieht Sami, wie die Tausenden, Millionen Pilzsporen, von der leichten Brise durch das ganze Dorf getragen werden. Langsam dämmert Sami, wer hinter diesem Wahnsinn stecken könnte. „Ihr arbeitet für den Krampus!“ „Wir sind Pilze. Wir arbeiten überhaupt nicht, denk doch mal nach Sami-Hund. Wir machen einfach was der König sagt. Einen Krampus kennen wir nicht.“ „Wie auch immer ihr ihn nennt: Er ist ein Zwerg, hässlich, zweifelhafte Körperhygiene, und, ganz offiziell jedenfalls, immer noch mein Herrchen, irgendwie. Hängt häufig mit Vogelscheuchen und Zombies herum.“ „Nein.“ Pilz hopst von Samis Rücken und schüttelt den Kopf. „Es heißt, der König sei ein alter, weiser Mann. Und der einzige Zwerg hier in der Gegend ist Knurps, unser lieber Schmied.“ Sami beobachtet gerade noch, wie der Vogt Beffaná und Mino in die Vogtei-Barracke hineinzerrt und die Tür ins Schlosse krachen lässt. „Zwerg, sagst du? Das ist vielleicht ein Anfang“, sagt Sami, und Pilz zeigt mit seinem Hütchen nach links, die Straße herunter. „Na dann hier entlang.“

Als Beffaná erwacht, liegt sie neben Mino in der Ecke eines dunklen Raums. Über sich sieht sie einen kleinen Kreis schwachen Tageslichts. „Keine Sorge, Beffaná!“, dröhnt ein großer Kerl von einem Tisch auf der anderen Seite des Raums zu ihr herüber. „Der Kamin ist sauber. Hier hat seit langem kein Feuer mehr gebrannt.“ „Wo bin ich?“ fragt Beffaná. Sie versucht, Mino zu erreichen, doch ihre Hände und Füße sind gefesselt. „Bei Sigmund, dem Vogt. Ich hab den Jungen vom Schuster schon geschickt. Die königliche Wache wird in ein paar Stunden hier sein und dann bringen wir euch zum König.“ „Was ist das hier?“ Beffanás Kopf dröhnt. Manchmal verschwimmt alles vor ihren Augen. „Ich weiß genau, wer ihr seid!“ Der Vogt ignoriert ihre Frage. „Die junge Hexe und der Zauberer! Ihr seid die aus der Prophezeiung der Könige: >> Und an ihren roten Haaren und ihren Eisenaugen sollt ihr sie erkennen. Und sie wird begleitet von einem Jungen und einem Fuchs << Ich hab den Fuchs am Rand des Dorfes gesehen, aber er war zu weit weg. Ich hol ihn mir später. Weißt du, dass der König eine Belohnung von 10 Talern zahlt, wenn jemand euch findet?“ Es klopft. „Wer ist da?“ dröhnt der Vogt. „Eine Nachricht vom König!“ „Das ging da fix!“ Der Vogt springt auf und öffnet die Tür. Das Letzte, was er sieht, ist ein breit grinsender Fuchs, und dann die Faust von Knurps, dem Schmied. Sie landet genau auf seinem Gesicht und Sigmund kracht zu Boden. „Mannomann“, brummt Knurps. „Das hat wirklich gutgetan.“ Noch während er Sigmund zurück in die Barracke schleift, springt Sami an ihm vorbei auf Beffaná und Mino zu. Langsam erwacht jetzt auch Mino, nachdem Sami ihm mehr oder weniger vollständig das Gesicht abgeschlabbert hat. Ganz zuletzt schlendert Pilz herein. „So sieht sie also aus der Nähe aus? Hm, hab sie mir irgendwie größer vorgestellt.“ „Wenn der Junge laufen kann“, sagt Knurps, der Schmied, „dann gehen wir zu mir. Hier beim Vogt bekomm ich Magenschmerzen.“

Und da sind sie also. Knurps erzählt Beffaná, wie er Sami kennengelernt hat und auf der Bank in der Ecke erzählt Pilz dem jungen Zauberer Mino, wie verdammt vorsichtig man sein muss, um Knollenblätterpilze richtig zuzubereiten. „Die Kurzfassung lautet“, sagt er gerade , „Tu’s einfach nicht. Eine falsche Bewegung und du bist tot. Ich kannte mal einen der hatte gerade Fronturlaub von den Punischen Kriegen…“ So geht es weiter und Mino wünscht sich, er wäre noch ein wenig länger bewusstlos. „Also.“ Knurps fegt ein paar Sägespäne weg und bietet Beffaná einen Platz neben dem Amboss an. „Ich bau hier gerade einen Webstuhl für meine Nachbarin, da schneit dieser Hund hier herein und hört gar nicht mehr auf zu erzählen. Schau an, denk ich noch bei mir, ein sprechender Hund, aber er hat einen Pilz dabei, denk ich, dann wird das schon so seine Richtigkeit haben. Sagt der Hund also gerade, dass der Vogt eine Hexe gefangen hat. Mit roten Haaren. Und einen Jungen dazu. Holla, denk ich, dieser alte Halunke. Klingt heftig nach der Prophezeiung. Und der Hund sagt: Ja, sagt er, sie ist eine Hexe, aber eine von den guten und dass man Leute doch nicht einfach so gefangen nehmen darf. Tja, denk ich, das hab ich aber ganz anders erlebt, aber er hört gar nicht auf zu quatschen. Und nachdenklich geworden bin ich dann, als der Hund meinte, ihr seid sowieso auf dem Weg zum König und der Pilz hätte ihm verklickert, dass es eine Belohnung gibt, wenn man euch zum König bringt und ich sag ja, sag ich, dass ist wohl so und dann sagt er: Gebongt. Ich soll euch aus der Barracke loseisen, ihr geht mit mir zusammen zum König und ich kann das gesamte Geld behalten. Stimmt das?“ „Ähm“, sagt Beffaná. „Ähm.“ Und schließlich. „Ähm, ja klar!“ „Gut“, sagt Knurps. „Dann ist das ja besprochen. Ich will mir endlich eine eigene Eisenbiegemaschine bauen, aber dafür brauche gebogenes Eisen, hört sich verrückt an, oder? Jedenfalls, die 10 Taler könnt ich da gut gebrauchen.“ „Ähm“, sagt Beffaná. „Was denn?“ „Ähm, du bist doch ein Schmied. Du kannst dir Eisen einfach selbst biegen, wenn ich das richtig im Kopf habe. Ganz ohne Maschine“. Knurps fängt an zu lachen. Er lacht wirklich eine ganze Weile und schaut Beffaná schließlich nachdenklich an. „Du hast wirklich keine Ahnung, oder?“ sagt er. Beffaná lächelt gequält. „Nee“, sagt sie. „Aber ich dachte wirklich, dass ich das mit dem Eisen und der Schmiede und so richtig verstanden habe.“ „Ja“, sagt Knurps, „hast du ja auch. Das Problem ist nur: Wir haben kein Feuer mehr. Schon ewig. Der Drache hat es uns gestohlen. Das ist doch der Grund, warum der König der Belohnung ausgesetzt hat. Es muss erst eine Hexe kommen und den Drachen töten. So lautet die Regel. Erst wenn die Hexe mit dem Kopf des Drachen vor dem König erscheint, wird alles wieder ganz normal, verstehst du?“ „Ja!“, kräht Pilz und springt in der kalten Esse auf und ab. „Verstehst du?! Verstehst du?! Verstehst du?! Du musst das Monster töten, Beffaná! Monster töten! Monster töten! Potzblitz! Potzblitz! Potzblitz!“