Kapitel 20: Der alte König

Weder Sami, noch Beffaná, noch Mino haben so etwas jemals erlebt. Die Wege des Dorfes sind gesäumt von jubelnden Menschen in mittelalterlicher Tracht. Als der Schmied mit ihnen vor die Tür tritt, schweigt die Menge kurz, dann setzt wieder Jubel ein. „Beffaná!“ rufen die Kinder des Dorfes und rennen hinten ihnen her, als das Grüppchen die Dorfstraße hinunter marschiert. „Wieso kennen sie Beffanás Namen und meinen nicht?“, mault Mino. „Oh, sie kennen dich“, entgegnet Knurps, „Beffaná ist aber ganz klar die Heldin in der Prophezeiung. Von Sami und Frido ist nur ganz am Rand die Rede.“ „Frido?!!“ „Beruhig dich“, sagt Beffaná. „Es ist eben eine Prophezeiung. Ist wahrscheinlich wie die Wettervorhersage: Nur so halb genau.“ Die Vogtei sieht verlassen aus, als sie an der Baracke vorbeilaufen. Nur zwei Pilze stehen auf dem Fensterbrett und erzählen sich Witze: „Stehen zwei Pilze im Wald. Fragt der eine: ‚Wie gehts?‘ Sagt der andere: ‚Klappe, Pilze können nicht reden.‘“ Mino rollt genervt mit den Augen, aber Knurps vor ihm lacht sich scheckig. „Diese Pilze, oder? Sooo witzig!“ „Sag mal Knurps“, fragt Mino, „so ein Schmied ohne Feuer, der hat ja wahrscheinlich nicht so richtig viel zu tun, oder?“ „Ach“, sagt Knurps, „ich mach einfach alles was anfällt. Zähne ziehen, Sachen reparieren und Sachen erfinden.“ „Schau an, du bist ein Erfinder?“ „Erfinder, Berater, Innenarchitekt, wenn die Leute ein Problem haben und nicht so richtig wissen, was sie machen sollen, kommen sie zu mir. Ich hab ja Zeit.“ „Und die Pferde?“, fragt Mino. „Wie läuft das mit den Pferden, wenn du ihnen keine Hufe schmieden kannst?“ „Pferde? Nie gehört. Was ist das?“ „So Tiere, die Sachen ziehen, auf denen man reiten kann und so Zeugs.“ „Ach, du meinst ein Auto! Sowas haben wir hier nicht. Der König hat angeblich eins. Aber gesehen hab ich’s nicht.“ Sami rennt eine Weile hinter Knurps und den beiden Nachwuchszauberern her. Dann verschärft er sein Tempo und holt Beffaná ein. „Können wir mal kurz darüber reden, was das hier alles bedeutet?“ „Was schon?“, sagt Beffaná. „Das hier ist eindeutig Krampus' Werk. Ich will nach Hause, er findet das doof. Nur schickt er mir dieses Mal keine Raben hinterher, sondern versperrt uns den Weg und lockt uns in einen verrückten Zauberwald.“ „Klingt nach ihm“, sagt Mino. „Und eigentlich kannst du froh sein, er hätte dich auf einfach einen Stein verwandeln können.“ „Und dass du da jetzt mit drin hängst, das ist kein Problem für ihn?“, fragt Beffaná. „Was weiß ich?“, keift Mino zurück. „Frag ihn selbst, ich bin hier nicht der Böse!“ Beffaná muss sich kurz ducken, weil ein jubelndes Großmütterchen ihr vom Wegrand aus einen Blumenstrauß fast an den Kopf wirft. „Mach ihn platt, Beffaná! Immer feste druff!“ Beffaná zwingt sich zu einer Art Lächeln und winkt kurz zurück . „Der Plan ist ja ganz offensichtlich, dass der König uns zu einer Art Drachen-Endgegner-Boss schicken wird, und wenn der erledigt ist, ist der ganze Spuk vorbei.“ „Und?“, fragt Sami . „Irgendwie hab ich das Gefühl, dass du mal wieder alles unnötig kompliziert machen willst, damit dem Monster kein Haar gekrümmt wird.“ „Soweit hab ich noch nicht gedacht“, sagt Beffaná. „Aber so etwa in die Richtung wird’s wohl gehen.“ „Also wenn du mich fragst“, sagt Mino. „Dann mach das Vieh doch einfach platt. Wenn du überhaupt weißt, wie sowas geht…“ „Weiß ich nicht!“, unterbricht ihn Beffaná, „und will ich nicht wissen! Ist nicht mein Stil!“ „Ja aber überleg doch mal! Wir sind irgendwo im Wald in eine Crazy-Zauberwelt mit sprechenden Pilzen abgebogen. Egal, was hier passiert, ist Crazy-Zauberwelt-Kram und geschieht doch gar nicht in echt. Überleg doch mal lieber, wie wir hier bis Weihnachten heile rauskommen, ohne dass mein Vater sich immer neue Spielchen ausdenkt. Kapier das doch, Beffaná. Du hast den Superspezialzauberkurs beim Krampus gebucht und das hier ist eine Art Abschlussprüfung. Drache futsch, Drops gelutscht!“ „Wenn ich da mal einhaken darf“, meldet sich Knurps. „Wenn man euch so zuhört, glaubt man ja fast, dass das hier alles nicht echt ist!“ „Ja. Nee!“, sagt Mino. „Ein Schmied, der über die Witze von Pilzen lacht, da passt sich was nicht!“ „Kennt ihr den schon?“, meldet sich Pilz, „Sagt die Schnecke: ‚Ich war letztens joggen und neben mir kam ein Pilz aus der Erde geschossen.“ Knurps bleibt kurz stehen und macht sich fast in die Hose vor Lachen. Dann wird er wieder ernst: „Aber ich fühl mich verdammt real! Wisst ihr was, wir ändern den Deal: Behaltet die 10 Taler für Euch, aber ihr nehmt mich mit nach Hexenhausen, oder wie auch immer das heißt. Sind eure Pilze auch so ’ne Knaller, wie unsere hier?“ „Nee“, sagt Beffaná, „Unsere wohnen meist in Dosen und landen dann auf der Pizza“ „Da hab ich noch einen!“, ruft Pilz, „was ist der Unterschied zwischen einer Pizza und einer Schwimmbaddusche? Na?! Die Pizza gibt’s auch ohne Pilze!“ Noch während Knurps sich vor Lachen wegschmeißt, treten sie aus dem Wald heraus und blicken auf ein riesiges Schloss.

Beffaná war noch nie in einem Schloss und hat auch noch nie eins von außen gesehen. Das schlossähnlichste Gebäude, das sie kennt, ist das Rathaus, und das ist mit 150 Jahren wahrscheinlich deutlich jünger als der Krampus. Das Schloss vor ihnen ist nicht einfach irgendein Schloss. Es ist DAS Schloss, ein Walt-Disney-Neuschwanstein-Gedächtnis-Schloss mit Türmen und Mauern, einem breiten Graben drumherum, einer äußerst vorteilhaften Beleuchtung durch einen riesigen Vollmond in der Abenddämmerung und einer Wiese davor, auf der ungefähr eine Millionen Pilze auf die Gruppe wartet. Rechts von Ihnen mündet der Schlossgraben in einen breiten Fluß, der aus einem Gebirge am Horizont zu ihnen herabfließt. Und um den Gipfel des höchsten Berges schlängelt sich, kaum von hier zu sehen, ein feuerspeiender Drache. „Was für eine Szenerie“, denkt Beffaná und noch während die Gruppe anhält, um zu beraten, was jetzt zu tun ist, kommt ihnen ein Bote, ein Herold aus dem Schloss entgegen. Es ist der Vogt, oder sieht zumindest aus wie der Vogt und statt auf einem Pferd sitzt er in einem orangefarbenen Pickpup. „Hört, hört!“, ruft er, als er aus dem Auto springt und Beffaná glaubt zu erkennen, dass er ein blaues Auge hat und böse in Knurps’ Richtung funkelt. „Der König lässt ausrichten, dass, wer die Prophezeiung erfüllt und den Drachen tötet, Einlass in das Schloss bekommt!“ Dann wuchtet er ein großes Schwert von der Ladefläche des Pickups und schleudert es in Richtung von Beffaná, Mino und den anderen. „Der König verlangt seinen Kopf!“ „Hört, hört!“, raunen eine Millionen Pilze. „Hört, hört!“ Nur einer ruft: „Kennt ihr den schon? Kommt ein Pilz zum Arzt und sagt: ‚Herr Doktor, meine Frau sagt, ich hab einen Fuß auf dem Kopf…“ Weiter kommt er nicht, denn der Herold ist zurück in seinen Wagen gesprungen, fährt den Pilz zusammen mit einigen hundert anderen über den Haufen und braust zurück zum Schlosstor. Am Horizont brüllt der Drache und schwingt sich schnaubend in die Luft. Die Pilze auf der Wiese vor dem Schlossgraben rücken näher zusammen und türmen sich zu einer meterhohen Mauer vor dem Schlosstor. „Okay, Beffaná“, sagt Mino. „Ich weiß, dir geht’s hier um’s Prinzip. Aber mein Vater hat schon tausende solcher Spielchen mit mir gespielt. Es ist wahrscheinlich so wie in deiner Schule. Die Aufgaben mögen idiotisch sein, aber man sollte sich wirklich gut aussuchen, welche Kämpfe man auskämpft und wo man einfach das Spiel der Lehrer mitmacht. Die Leute mögen Prinzipienreiter nicht besonders, weißt du? Weil es offensichtlich nicht um Leben und Tod geht, sondern nur um die Frage, ob Beffaná der größere Dickkopf ist oder der Krampus. Der Klügere gibt nach! Verstehst du? Lass uns den Drachen fertig machen, meinen Vater drei Tage nicht mit dem Hintern angucken und mit ein bisschen Glück gibt’s am Ende einen Handshake und Kuchen.“ „Nein“, sagt Beffaná. „Es geht um’s Prinzip. Und zwar nicht darum, ob ein dusseliger Disney-Drache stirbt, sondern darum, ob ein angeblich Erwachsener eigentlich mit mir Herumspringen kann, wie es ihm gefällt.“ Der Drache hat sich inzwischen hoch in die Wolken erhoben und fliegt auf direktem Weg auf sie zu. Immer wieder zwischendurch speit er einen Feuerstrahl auf die Erde unter sich und grillt Bäume, Wiesen und jede Menge Pilze. Die Pilzmauer vor ihnen stöhnt bei jedem Mal auf und erhebt sich höher in die Luft. „Also“, ruft Beffaná. „Hilfst du mir jetzt oder nicht, Mino?“ „Ich helfe dir“, blafft Mino und schnappt sich das Schwert vom Boden. „Du kapierst es nur nicht.“ Dann erklimmt er einen kleinen Grashügel in seiner Nähe und baut sich in Verteidigungsstellung auf. „Hast du mal probiert, in diesem Land zu hexen?“, ruft er. „Wird nicht klappen. Ist Teil des Spiels. Es ist nur ein blödes Spiel, Hexenschülerin! Wach endlich auf und töte den Drachen!“ Beffaná blickt von ihrem Platz aus zu Mino auf dem Hügel, zum Schloss, zu Sami und zu Knurps. „Kennt ihr den schon…?“, fragt ein kleiner Pilz zwischen ihnen, doch weiter kommt er nicht, weil der Stiefel des Schmieds weitere Pilzwitze aus dieser Richtung für immer verhindert. „Wer kommt mit zum Schloss?“, fragt Beffaná. „Bin dabei“, schnaubt Knurps. Sami jault. „Ich auch.“ Doch er traut sich nicht in Minos Richtung zu schauen. „Also, Schmied“ ruft Beffaná. „Dann zeigt mal, was du kannst. Erfinde was, und zwar schnell. Wie kommen wir an den Pilzen vorbei ins Schloss?“ „Das ist leicht“, sagt Knurps. Er klemmt sich Sami unter den Arm, dreht sich zu der Pilzbarriere und schaut zu Beffaná zurück. „Wenn wir sie erreichen, mach einfach die Augen zu.“ Dann rennt er los.

Es war einmal ein alter König, der war ganz allein in seinem Schloss, das am Rande eines großen Waldes stand. Seine einzige Freude war, dass er jeden Tag Besuch von der kleinen Prinzessin bekam. Die ging gar nicht weit von hier in den Kindergarten und sie verbrachten viele Nachmittage zusammen, bis die Tochter des Königs die Prinzessin abends abholte und mit ihr in das Reihenhaus in der Vorstadt fuhr. Der alte König hatte ein großes Reich zu regieren, aber die Computertechnik hatte dazu geführt, dass die große städtische Kläranlage, für die er ganz alleine verantwortlich war, inzwischen gänzlich autark funktionierte, ohne das der alte König einen Handschlag tun musste. Er freute sich daher sehr auf die täglichen Besuche seiner kleinen Prinzessin und malte mit ihr in jeder freien Minute. Der alte König war ein sehr guter Zeichner und was immer ihm seine Prinzessin vorschlug, brachte er zu ihrem großen Vergnügen auf’s Papier und zeichnete alles so lebendig, dass die Figuren sich zu bewegen schienen. Immer wieder begab es sich, dass die Prinzessin furchtbare Träume hatte und dem alten König davon erzählte und dann brachte er die bösen Träume auf’s Papier und dachte sich Geschichten aus, die alles zum Guten wendeten. Eines Tages, kurz vor Weihnachten, erzählte die Prinzessin von einem Traum, in dem ein riesiger Drache in ein friedliches Königreich einfiel, den Menschen das Feuer raubte und immer wieder aus den Bergen herabkam, um das Land zu verwüsten. Da erinnerte sich der König an ein großes, starkes Mädchen, das er einst im Bus gesehen hatte, weil er fand, dass sie Ähnlichkeit mit seiner Prinzessin hatte und er zeichnete sie zusammen mit dem Drachen auf ein Bild und erzählte seiner Prinzessin die Geschichte, dass das große starke Mädchen eine mächtige Zauberin sei und den Drachen besiegte. Da war die Prinzessin sehr froh, dass der Drache nun endlich besiegt war. Am nächsten Tag jedoch kam sie erneut zum König und erzählte ihm von dem gleichen Traum und am nächsten Tag wieder und so ging es fort und fort. Der König konnte sich immer neue Heldengeschichten über die Zauberin und ihre tapferen Gefährten ausdenken, es half alles nichts und er wurde sehr betrübt. Eines Tages jedoch, es war vier Tage vor Weihnachten, da geschah ein Wunder. Der König saß an einem Schaltpult und überprüfte die Funktion der Sicherheitswarnlampen, da erschien ein großes, starkes Mädchen bei ihm in der städtischen Kläranlage und in ihrer Begleitung befanden sich ein roter Hund und ein staunender Schmied. Und weil er in dem Mädchen die Zauberin aus dem Bus erkannte, erzählte er ihr von seinem Kummer mit den Albträumen der Prinzessin. Und das Mädchen überlegte, beriet sich mit ihrem Hund und dem Schmied und erklärte dem alten König, die Sache sei doch sonnenklar: Der Drache habe Angst in der Dunkelheit und habe den Menschen aus diesem Grund das Feuer gestohlen, um sich es selbst in der Nacht hübsch muckelig zu machen. Und statt jeden Nachmittag Stift und Papier vorzunehmen und Drachen zu töten sei es viel klüger, dem Drachen eine Taschenlampe zu schenken, und zwar eine große und stabile Markentaschnenlampe, mit der ein Drache auch etwas anfangen könne und die nicht sofort kaputt geht, wenn er sie mal beim Durch-die-Gegend-Fliegen fallen lässt. Da bedankte sich der König recht herzlich bei der Zauberin aus dem Bus und las ihr und ihren Begleitern zum Abschied noch einen lustigen Witz aus seinem Pilzkalender vor und niemand lachte, außer dem Schmied. Der bog sich vor Lachen.