Kapitel 21: Jacob, der Lügner

Träfe das Sprichwort zu, und würden sich beim Lügen die Balken biegen, dann läge das Hochhaus von Familie Grimm längst in Schutt und Asche. Beffanás Hang, beim Familienabendessen wichtige Teile ihres Lebens für sich zu behalten, würde es schon ordentlich krachen lassen im Gebälk. Und Anils Verschleierung der Tatsache, dass seine Frau Leah eine der größten Hexen der bekannten Welt war, würde dann wahrscheinlich schon reichen, Teile der Decke einstürzen zu lassen, so dass Familie Hempelmann aus dem neunten Stock staubig und ordentlich verkratzt in der Küche der Grimms aufschlagen würde. Da die Hampelmanns die liebsten Menschen der Welt sind, würden sie sich bestimmt sofort sehr umständlich entschuldigen und anbieten, die zerstörte Kücheneinrichtung zu bezahlen, aber das ist ja zum Glück nicht nötig, schließlich handelt es sich nur um ein Gedankenexperiment. Doch wie auch immer: Der gerissenste und routinierteste Lügner von allen ist sowieso der kleine Jacob Grimm. Es fängt damit an, dass Jacob überhaupt nicht klein ist! Zumindest nicht die ganze Zeit. Jacob wird beim Spielen manchmal groß. So wie ein aufgepumpter Hüpfball. Und auch fast genau so rund. Weil Jacob weiß, wie das Leben funktioniert, ist er überzeugt davon, dass die ganze Angelegenheit sowieso wieder ihm in die Schuhe geschoben wird, so wie der verstopfte Abfluss und die Gelbbauchunken im Klo. Und weil er daran nun wirklich nicht so ganz unschuldig war und davon überzeugt ist, dass Hüpfballgroßwerden ähnlich ungnädig aufgenommen würde, hat er die Angelegenheit für sich behalten und die geplatzte Hose Simon aus der B in die Schuhe geschoben. So wie er es überhaupt sehr häufig macht, weil Simon schon lange weggezogen ist und den Anschuldigungen logischerweise nicht widersprechen kann. Das Schweben ist noch so eine Sache. Jacob schwebt schon, seitdem er sich erinnern kann. Normalerweise nur ein oder zwei Zentimeter über der Matratze, so dass es niemandem auffällt und ihm selbst ist wes ja auch lange nicht aufgefallen. Vielmehr dachte er lange, dass Menschen eben so schlafen. Ist ja schließlich viel gemütlicher. Als Papa ihm dann zum sechsten Geburtstag eine neue Matratze gekauft hat und Jacob sofort in die Nachverhandlungen einstieg, weil Matratzen ja nun wirklich das dämlichste Geschenk der ganzen Welt sind, dämmerte ihm, das andere Leute diese Matratzen beim Schlafen ständig berühren und Matratzen nicht einfach nur eine Vorsichtsmaßnahme sind. Seit einiger Zeit ist aber nicht nur das Schweben mehr geworden, sondern auch die Sache mit der Sichtbarkeit beziehungsweise Unsichtbarkeit, denn sichtbar sind ja irgendwie alle. Und im Gegensatz zum Großwerden und Schweben kann Jacob das Unsichtbarwerden ganz hervorragend kontrollieren und benutzt es auch ständig, um zum Beispiel seine große Schwester zu erschrecken. Warum das alles geschieht, weiß Jacob nicht so genau, aber er weiß ja auch nicht genau, ob seine Lehrerin in der Schule irgendwo ein Bett hat oder bis zum nächsten Tag an ihrem Pult erstarrt.

Jetzt allerdings ist die Zeit gekommen, Papa die Sache mit dem Unsichtbarwerden zu erzählen. Denn das Schweben ist eh schon rausgekommen und die Unsichtbarkeit könnte jetzt wirklich praktisch sein, um an den Vogelscheuchen vorbeizukommen, die die Tür des Krampus bewachen. Die Vogelscheuchen lassen Anil, Esmeralda und Jacob einfach nicht zum Krampus vor und die Drohung mit der Polizei hat eine der Vogelscheuchen mit einem einzigen Satz weggewischt: „Überleg dir sehr genau, ob und wie du deine Tochter wiedersehen willst.“ Inzwischen weiß Jacob, dass Beffaná gar nicht beim Krampus ist. Dass der seit zwei Tagen in seiner Küche hockt und eine unfassbar lange Reihe Pilzmännchen an der Katzenklappe in der Küche ansteht, um von Beffaná und einem Schmied zu berichten. Zwischendurch schreit der Krampus: „Das ist alles ganz falsch!“ Denn irgendwas läuft schief da, wo Beffaná gerade ist. Der Krampus murmelt ständig etwas von „Fehlkonjugationen“ und „unvorhergesehenen Interferenzen“ zwischen einem Hexentrainingsgelände und einer „dusseligen Kläranlage“. Und als der Krampus hört, dass ein gewisser Mino einen Drachen „zu Hackfleisch verarbeitet hat“ und Beffaná und dieser Schmied spurlos verschwunden sind, macht der Krampus Geschnetzeltes aus dem Pilz, der die Botschaft überbracht hat, obwohl der Pilz gerade einen Witz erzählt. Jacob spioniert ganz offiziell für seinen Vater beim Krampus. Und zu Jacobs Überraschung und Erleichterung war Anil wegen des Fliegens und des Unsichtbarwerdens überhaupt nicht böse, so dass Jacob wirklich am Überlegen ist, ob er nicht auch das Großwerden demnächst ansprechen soll. Andererseits: Besser noch ein bisschen warten. In ein paar Tagen ist Weihnachten und wer will schon Geschenke riskieren für ein bisschen „Die-Wahrheit-Sagen“. Vorher muss Jacob erst noch seinen großen Plan verwirklichen. Der hat mit dem Kaufhaus im Stadtzentrum zu tun, genauer, mit der Spielzeugabteilung. Denn wer schweben und unsichtbar werden kann, der könnte doch heimlich aus dem Fenster schweben und sich unsichtbar ins Kaufhaus einschleichen, oder nicht? Und so wie Jacob das sieht, gibt es keinen Regel, dass Unsichtbare kein Spielzeug klauen dürfen. Aber das ist noch ein langer Weg, denn die ganze Schweberei, die hat Jacob noch nicht besonders gut unter Kontrolle. Als Jacob nach seinem x-ten Einsatz im Krampus-Haus zum Parkplatz an der Busstation zurückkehrt, will er sich gerade sichtbar machen, als er seinen Vater mit Esmeralda reden hört. Sie sprechen leise und schauen sich immer wieder um, ein sicheres Zeichen dafür, dass Jacob möglichst nah heranschleichen sollte und sich ganz bestimmt nicht sichtbar macht. „Warum denn jetzt?“ fragt Anil gerade. „Ich weiß, du hast gleich gesagt, dass dein Zauber damals nicht gewirkt hat. Aber warum geht es jetzt erst los?“ „Ich glaub, der einzige, der sich mit diesen Sachen auskennt, ist der Krampus“, sagt Esmeralda. „Und den fragen wir ganz bestimmt nicht. Ich weiß nicht, vielleicht würde er Jacob sogar in eine Glasvitrine stellen, in seinem Kuriositätenkabinett.“ „Sag sowas nicht!“, zischt Anil. „Jacob ist ein ganz normaler Junge. Nur diese Kombination, Schweben, Unsichtbarkeit, sowas hab ich noch nie gehört.“ „Du und Leah, sowas hat man auch nich nie gehört.“ „Wir haben uns geliebt! Wir haben uns beide zu diesem Weg entschieden! Wir haben beide Opfer gebracht, vergiss das nicht! Lass und von was anderem reden. Wir sehen jedenfalls an Beffaná, wie kompliziert alles werden kann, wenn die Kinder diesen Weg gehen. Und jetzt! Ausgerechnet jetzt ist keine Leah mehr da, um mir zu helfen!“ „Ich war da, Anil! Die ganze Zeit! Ich habe Dir geholfen und ich hätte dir auch weiter geholfen!“ „Ich wollte einen Schlussstrich, Esmeralda Schniggenfittch! Sie sollten normal aufwachsen wie alle anderen Kinder und du hättest das torpediert. Obwohl Leah und ich das so vereinbart hatten!“ „Aber Leah ist tot, Anil! Sie ist das beste Beispiel dafür, dass normal sein nicht funktioniert für die Grimms!“ „Bei mir funktioniert es!“ „Sagt der Mann, er die Kinder nachts alleine lässt und was genau zu machen? Spazieren gehen? Dass ich nicht lache!“ „Es ist aber die verdammte Wahrheit!“, schreit Anil Grimm und in diesem Augenblick wird Jacob sichtbar. „Jacob!“, stammelt sein Vater. „Alles in Ordnung bei dir?“ „Papa, Beffaná ist verschwunden! Sie ist mit dem Schmied und Sami zum Schloss gelaufen und jetzt ist sie verschwunden!“ „Also hat sie den Drachen nicht getötet?“ „Mino hat den Drachen zerfetzt, Papa! Der Pilz sagt, der Drache hat volle Kanne angegriffen und Mino nur so duckweg und dann krawamms voll von hinten auf den Schwanz und der Drache so 'Aua!‘ Und Mino nur so ‚Ich metzel dich voll ab‘ und…“ „Ich hab’s verstanden, Jacob“, sagt Anil Grimm. „Und jetzt ist Mino sauer auf Beffaná, dass sie ihn allein gelassen hat.“ „Aber der Junge ist wieder beim Krampus?“
„Ja.“ „Und er weiß auch nicht, wo Beffaná jetzt steckt?“ „Nein, im Schloss sagt er.“ „Ja, aber das ist ja nur Attrappe, oder?“ „Ja. Papa, ich hab mir was überlegt. Wenn ich dir ein Geheimnis verraten, krieg ich dann trotzdem alle Geschenke, die du schon gekauft hast?“ „Kann ich dir nicht versprechen, Jacob. Du weißt doch, die Geschenke bringe gar nicht ich.“ „Ach, und wer dann?“ „Eine Hexe namens Beffaná“, ertönt es da hinter ihnen. „Papa, Esmeralda, Jacob, das hier ist Knurps, der Schmied!“

Was Anil Grimm in diesem Moment fühlt, das können nur andere Väter und Mütter wirklich verstehen. Natürlich, es ist Erleichterung. Aber es ist die Art von Erleichterung, die du vielleicht fühlst, wenn du mit einem Helium-Ballon in den Himmel steigst. Und, natürlich, es ist auch Freude. Aber es ist die Art von Freude, die du fühlst, wenn alles, wirklich alles gut ist. Und es ist auch Liebe, doch es ist die Liebe, die du fühlst, wenn du einen kleinen Menschen zum ersten Mal auf der Welt sieht und weißt, dass alles einen Sinn ergibt und du dich nie mehr fragen musst, warum du eigentlich auf dieser Welt bist.

Und Beffaná? Das starke Mädchen aus dem Bus hat angefangen zu weinen, denn sie weiß nicht, ob sie Mino jemals wiedersehen wird und ob sie jemals wieder Freunde sein können. Und darum umarmt sie erst ihren Vater und dann Esmeralda und dann auch noch Knurps, der gar nicht so genau weiß, wie ihm geschieht. Und zuletzt hebt sie Sami auf den Arm und sagt: „Papa, Sami wohnt jetzt bei uns. Damit das klar ist.“

Und Jacob? Jacob ist schon wieder verschwunden. Zum grauen Haus vom Krampus. Der kann sich jetzt auf was gefasst machen. Zeit, die Sache mildem Groß werden mal so richtig auszutesten, Potzblitz.