Kapitel 22: Requiem für einen Zombie

Niemand ist besonders überrascht, dass Jacob Grimm verschwunden ist. Und niemand überlegt lange, wo man ihn wohl suchen sollte. Der Junge hat einen ausgeprägten Sinn für Ungerechtigkeiten und wie man sich besonders hinterhältig dafür rächen kann. Jetzt, wo Beffaná in Sicherheit ist, gibt es keinen Grund mehr, diesen Krampus und seine Leute länger zu schonen. Nicht um des Jungen willen, sondern auch zum Schutz der Bewohner des grauen Hauses ist es ratsam, schnell zu handeln. Auf dem Parkplatz an der Busstation stehen Beffaná und Anil, Sami und Esmeralda und nicht zu vergessen Knurps, der Schmied und planen, was genau zu tun ist. Es ist der Abend des 21. Dezembers, dem kürzesten Tag das Jahres. Für Knurps bricht hier und heute nicht nur ein neues Sonnenjahr, sondern ein völlig neues Leben an. Bisher hat er nur seine Schmiede, sein Dorf und ein paar Pilze gekannt, jetzt aber steht ihm eine völlig neue Welt offen. Er will mit dem Bus fahren. Und obwohl Esmeralda ihn warnt, dass eine große Stadt für einen Schmied aus einer kleinen Phantasiewelt leicht überfordernd wirkend könnte, klopft sich Knurps nur an seinen Gürtel, an dem ein kleiner Hammer hängt und grunzt: „Ich kommt schon klar.“ Er lässt sich von Anil ein paar Münzen für eine Fahrkarte aufdrängen, obwohl er es lächerlich findet, für eine Fahrkarte zu bezahlen, wenn einem für’s Schwarzfahren nicht mal der Kopf abgeschlagen wird. Schließlich verspricht er, spätestens morgen bei den Grimms aufzutauchen und verschwindet zum Haltstellenhäuschen. Der Rest der Gruppe marschiert los, zum Haus des Krampus. Die Vogelscheuche an der Tür ahnt bereits, dass es nicht besonders gut für sie aussieht, als sie Esmeralda , Beffaná und Sami zusammen mit dem bärtigen Mann auf sich zukommen sieht. „Ihr kommt hier nicht vorbei…?“ krächzt sie zaghaft, doch als Beffaná sie stirnrunzelnd anschaut, die Finger wie bei einer Aufwärmübung spreizt und knacken lässt und nur „Ach, wirklich, Matilde“, flüstert, tritt sie einen Schritt zur Seite. „Aber passt auf herabfallende Trümmer auf!“ ruft sie den ungebetenen Gästen hinterher und das ist auch bitter nötig. Das Obergeschoss ist abgesprengt und im Erdgeschoss steht quasi kein Stein mehr auf dem anderen. Aus den Ruinen seiner Küche stapft ihnen der Krampus entgegen. „Ist das dein Werk, Beffaná?“ Hinter ihm tritt Mino aus dem Schatten. „Ich hab gehört, du hast den Drachen getötet?“ sagt Beffaná. „Und hier wird erzählt, du habest ihn gerettet“, sagt Mino. Beffaná nickt: „Ich habe einer Prinzessin gezeigt, wie sie ihre Angst besiegen kann.“ „Und ich habe einem verdammten Drachen gegeben, was er verdient“, sagt Mino. „Außerdem war es der einzige Ausweg, nachdem du mich zurückgelassen hast.“ „Du hattest die Wahl, Mino. Du hättest mitkommen können.“ „Könnten wir vielleicht einmal kurz über mein zerstörtes Haus sprechen?!“, ruft der Krampus. „Also, wer war das?“ „Ich fürchte, das war Jacob“ mischt sich jetzt Anil ein. „Und du bist?“ „Es ist lange her.“ „Du bist… du bist Anil. Der Vater, richtig. Und Jacob ist…?“ „Mein Sohn, Krampus. Leahs Sohn.“ Der Krampus zieht die Stirn kraus. Er schüttelt den Kopf und schaut fragend zu Sami. „Es gibt einen Sohn? Warum gibt es einen Sohn, Sami? Warum weiß ich nichts davon, dass es einen verdammten Sohn gibt?!“ „Der Auftrag war, das Mädchen zu beobachten“, sagt Sami. „Beffaná. Außerdem war da nie jemand anderes, wenn ich das Haus beobachtet habe. Und später dann…“ „Hast du die Seiten gewechselt“, knurrt der Krampus. „Seit wann gibt es denn ‚Seiten‘?“, fragt Beffaná. „Wir sind doch keine Gegner. Wir wollen nur andere Dinge.“ „Es gibt einen Sohn…“, ,murmelt der Krampus. „Und wo ist er?“

Vorne am Eingang gibt es Unruhe. Matilde, die Vogelscheuche stürmt herein. „Ernest, Herr! Er ist verschwunden!“ „Nicht jetzt, Matilde. Er taucht schon wieder auf. Liegt wahrscheinlich unter irgendeiner umgestürzten Säule und braucht ein paar Ersatzteile.“ „Nein Herr, schau!“ Matilde fuchtelt mit den Armen. Überall um sie herum schwirren Fliegen. „Seine Fliegen, Herr! Ernests Fliegen. Ich hab ihm versprochen auf sie aufzupassen, wenn ihm etwas geschehen sollte. Jetzt sind sie hier!“ „Mino, könntest du…“ stöhnt der Krampus und Mino konzentriert sich. Er starrt lange in die Luft und beginnt dann in verschiedene Richtungen zu schauen. „Nichts, Vater.“ „Das kann nicht sein! Er ist unser Eigentum. Er ist an uns und unser Haus gebunden! Das ist doch… Was macht ihr überhaupt noch hier, Beffaná und Beffaná-Vater und Beffaná-Nachbarin? Ihr seht doch, wir haben zu tun.“ „Ich sagte doch“, brummt Anil. „Wir suchen Jacob, meinen Sohn. Und solange wir ihn nicht gefunden haben, bleiben wir.“ „Ich weiß, wer uns helfen kann“, sagt Beffaná. „Wir brauchen nur ein Küchenmesser und ein wenig Geduld. Und Krampus, du bleibst besser hier, denn diejenige, um die es geht, die mag dich nicht besonders.“

Wie lange ist es her, dass sie zum letzten Mal auf dem Hügel hinter dem Haus gestanden und sich von Phlox verabschieden haben? Noch nicht mal eine Woche. Beffaná kommt es wie viele Jahre vor und verstohlen linst sie zu Mino, der neben Matilde, ihrem Vater, Esmeralda und Sami am Fuß des Hügels wartet. Erneut schneidet sie sich in den Unterarm und lässt ein wenig Blut auf die Erde tropfen. Anil reibt sich den Kopf. „Richtig, ich hatte vergessen, dass Hexen dauernd irgendwo Blut verschmieren und ekelige Suppe kochen müssen“, murmelt er. „Geht das nicht auch irgendwie… sauberer?“ „Psst!“, zischt Beffaná. Unter ihr regt sich etwas in der Erde und schließlich bricht der Boden unter einer Wurzel auf und das Nachtaschratweibchen Phlox schaut grimmig in Beffanás Richtung. „Hexe“, hört sie es in ihrem Kopf. „Phlox! Danke, dass du gekommen bist. Ich kann dir ein paar Tropfen meines Bluts anbieten und bitte dich, in den Höhlen bekanntzumachen, dass ich Jacob, meinen Bruder suche. Und auch Ernest, du erinnerst dich wahrscheinlich. Eine der Wachen. „Ja“, raunt Phlox. „Der mit dem Arm. Den haben wir gewittert. Erst vor kurzem. Aber nur sehr schwach. Als würde er von einem mächtigen Zauber beschützt.“ „Weißt du wo? Kannst du mich da hinbringen?“ „Das kann ich, Beffaná. Aber warum sollte ich denen da trauen? Es sind Jäger, Feinde meines Volkes. Für dich würde ich es tun, aber nicht für sie.“ „Mino“, ruft Beffaná. „Hast du gehört?“ „Vergiss nicht, dass ich geholfen habe, Phlox zu befreien. Du hast mich dafür belohnt.“ Mino fasst an seine Wange. „Aber würdest du auch der Nachtschratjagd als Ganzes abschwören?“ ruft Beffaná. „Und dein Vater auch?“ „Nur um einen Zombie zu finden? Vergiss es, Hexenschülerin. Das würde er nie tun…“ Beffanás Augen funkeln zornig „Dann schert Euch…“ „…aber ich würde es, Beffaná. Ich verspreche es. Keine Nachtschratjagd. Nie mehr! Es steht… zu viel auf dem Spiel.“ „Dann folgt mir“ flüstert es in ihren Köpfen. „Entschuldigt, dass ich über der Erde nicht sehr schnell bin.“

Der Platz ist gar nicht allzu weit entfernt, doch ist er gut versteckt in einer dornigen Senke. Der Zombie ist trotzdem leicht zu erkennen. Er hat ein weißes, langes Tuch um den Körper geschlungen und sitzt auf einer aus dem Boden gerissenen Baumwurzel. Um ihn herum wirbeln Reisigzweige. Nach und nach schichten sie sich zu einem Haufen neben Ernest auf. Es ist inzwischen tiefe Nacht und stockdunkel, doch geht von Ernest und dem Platz um ihn herum ein geisterhaftes Leuchten aus. „Das ist es“, flüstert Phlox. „Und es liegt etwas in der Luft, von dem ich denke, dass es Jacob sein könnte. Der Geruch des Blutes kommt mir bekannt vor.“ „Danke Phlox“ „Du stehst in meiner Schuld, Hexe.“ „Ich weiß, Phlox. Ich werde es nicht vergessen.“ „Ich auch nicht, Beffaná, ich auch nicht!“ „Ernest!“, ruft die Hexe. „Jacob!“ Ernest schaut ängstlich zu Beffaná und dann an ihr vorbei zu Mino. „Ich komme nicht zurück!“ hört Beffaná schließlich die Stimme des Zombies in ihrem Kopf. „Ich habe einen Schutzgeist! Ihr könnt mir nichts tun!“ „Niemand will dir etwas tun“, sagt Beffaná. Dann steht plötzlich Jacob neben ihr. „Aber der da!“ Er zeigt auf Mino. „Und sein Vater. Ich habe gesehen, wie sie den Armen behandeln. Schau ihn dir doch an, Beffaná. Er ist so müde. Er steht unter meinem Schutz.“ „Und was willst du jetzt tun, Jacob?“ „Er hilft mir zu schlafen“, sagt Ernest. „Er kann machen, dass der Krampus und der da“ – er zeigt auf Mino – „mich nicht erreichen können. Er ist ein mächtiger Zauberer!“ „Ich hab’s gesehen“ sagt Beffaná. „Das Haus des Krampus ist ein einziger Schrotthaufen.“ „Ich hab im Keller nichts angefasst“, ruft Jacob. „Es ist alles fertig, Ernest. Du kannst dich hinlegen.“ „Aber Ernest!“ Von ganz hinten meldet sich Matilde. „Lässt du mich jetzt alleine?“ „Ich habe dir meine liebsten Freunde geschickt“, sagt Ernest. „Die Fliegen finden, dass ich das Richtige tue. 1500 Jahre, Matilde! Das sind über 30.000 Fliegengenerationen, 1500 Jahre Dienst für einen Hexenmeister sind genug. Und jetzt habe ich einen Schutzgeist, der mich befreit.“ „Dürfen wir uns von dir verabschieden?“ „Der Sohn vom Krampus muss zurückbleiben“, sagt Jacob sehr bestimmt, „aber ihr anderen könnt ruhig näher kommen.“ Und sie kommen alle, Beffaná und Esmeralda, Anil, Sami und Phlox und ganz zuletzt Matilde. Und noch während sie sich verabschieden, legt sich Ernest auf den Reisighaufen und schließt langsam die Augen. „Ich werde dich nie vergessen“, schluchzt Matilde. „Und ich schwöre dir, dass ich ab heute etwas aus meinem Leben mache werde! Etwas besseres, als Türen und Kerker zu bewachen. Die Fliegen und ich, wir werden einen Weg finden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Dann tritt sie zurück und nickt Jacob zu. Der hebt die Arme, zuckt noch leicht unsicher mit den Händen und der Reisighaufen unter Ernest entzündet sich. „Entschuldige Ernest“, sagt er schluchzend, senkt den Kopf und umarmt seine große Schwester Beffaná. „Das ist nicht nötig“, sagt sie. „Für vollbrachte schöne Taten soll man sich nicht entschuldigen. Potzblitz.“