Kapitel 23: Die Geschichte der Leah Grimm

Einmal, da hatte Leah Grimm wirklich unverschämtes Glück. Sie war mit ihrem Besen weit raus geflogen, an die Küste und hatte sich in den Kopf gesetzt, das Loch in den Klippen zu durchfliegen, an das sie sich noch aus den lange vergangenen Sommerurlauben mit ihren Eltern erinnerte. Die Möwen spotteten, jeder Vollidiot mit Flügeln könne das Loch durchfliegen, schließlich sei es einen Meter groß. Doch Leah entgegnete ihnen, sie wolle es nicht irgendwie durchfliegn, sondern so schnell wie niemand sonst und bei Sturmflut, wenn die höchsten Wellen das Loch erreichten und an den Klippen gebrochen wurden.
Also trafen sie sich in einer sturmgepeitschten Vollmondnacht, die schnellsten und wendigsten Sturmmöwen des Nordatlantiks und Leah Grimm, die Wahnsinnige, und flogen um die Wette. Ein Basstölpel saß oben auf der Klippe und markierte den Schiedsrichter dieses einmaligen Wettkampfes, und als er krächzend seinen Schnabel senkte, stürzten Leah und die Möwen hinab zum Loch in den Klippen, das jetzt, von Dunkelheit und Wasser umgegeben, zur Größe eines Nadelöhrs geschrumpft zu sein schien. Noch während sie aus der Höhe auf das Loch zustürzten, spürte Leah, dass der Wind sich drehte zu einem gefährlichen Fallwind und sie und ihre Konkurrenten mit großer Kraft nach unten zum aufgewühlten Wasser hin gedrückt wurden. Da umarmte sie den Wind, denn sie kannte seine Launen, und während alle Möwen neben ihr schreiend den Anflug auf das Loch abbrachen, vollführte Leah im Rücken des Windes einen steilen Looping, an dessen Ende sie irgendwie, sie würde niemals sagen können, ob geleitet durch ihren Instinkt oder einfach durch pures Glück, zwischen zwei riesigen Wellen durch das Loch sauste und jubelnd in die Höhe stieß. Es war in dieser Nacht, als der Sturmwind des Nordens sich in die wagemutige, die wahnwitzige Leah Grimm verliebte und von diesem Tag an blieb er an ihrer Seite. Sie konnte fliegen, wie sie wollte, sie konnte die unmöglichsten Kunststücke in den Himmel zaubern: der Wind war da und trug sie auf unsichtbaren Händen. Und an einem besonders schönen Abend, als der Wind Leah bis zu ihrer Hochhauswohnung in einer ärmlichen Siedlung getragen hatte, sagte sie: „Wind, Du bist alles, was ich mir im Leben je erträumt habe!“ Da erstarkte der Wind zu einer Böe, umkreiste dreimal das Haus und erstarb. Und als Leah später zu ihrer Nachbarin Esmeralda ging, die ein paar Jahre älter war als Leah, und Esmeralda von ihrem Tag erzählte,, da lachte die und sagte: „Fast klingt es, als seist du verliebt.“ Am nächsten Morgen lagen mehrere prächtig-gelbe Blätter auf dem Fensterbrett von Leahs Schlafzimmer und das wunderte sie, denn es war gerade erst Frühling geworden, und doch sahen die Blätter aus, als wären sie gerade erst gestern abgeworfen worden. Ihre liebe Nachbarin Esmeralda, die sich wie kaum jemand anderes mit der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten auskannte, zog die Stirn kraus und sagte: „Das ist entweder ein ein unglaublicher Zufall oder du hast einen weitgereisten Verehrer. Denn dieses Blatt stammt von einem Baum in Südamerika.“ Schnell wurde Leah klar, dass nur der Wind es sein konnte, der ihre diese Gaben brachte und jeden Morgen überraschte er sie mit neuen Geschenken. Und Leah waren diese seltsamen Geschenke keineswegs unangenehmen, im Gegenteil, sie freue sich jeden Morgen, aus dem Fenster zu schauen und zu sehen, was für ein Geschenk der Wind heute gebracht hatte. Und wenn sie mit ihm flog, dann legte sie sich in seine Böen wie in ein Daunenkissen. Ihre Flugkünste machten sie derweil zu einer Berühmtheit in der Hexenwelt und alles schien gut. Doch ihre Nachbarin und Freundin Esmeralda kannte Leah besser als die meisten anderen. Sie hatte Leah damals die Wohnung besorgt, als sie von zuhause weggelaufen war, denn ihre Eltern verstanden die wilde und ungehorsame Tochter nicht, die da in ihrem Haus wohnte. Und Esmeralda sah, dass Leah bei all ihrem Ruhm immer unruhiger und unglücklicher wurde. Eines Tages sagte Leah zu ihr: „Es wird sich alles ändern, wir haben eine Entscheidung getroffen“. Und bereits am nächsten Tag stellte sie Esmeralda Anil vor, der von nun an mit ihr leben würde. Anil war ein guter, freundlicher Mann, der Leah jeden Wunsch von den Augen ablas und häufig gingen die beiden für viele Tage fort und kamen aufgekratzt und mit lauter seltsamen Geschichten zurück. Weil Anil nie über seine Herkunft sprach und auch Leah nur lächelnd mit den Schultern zuckte, fing Esmeralda an, ein wenig selbst nachzuforschen. Doch das einzige, was sie herausbekam, war, dass Anil im alt-indischen Sanskrit „Wind“ bedeutet. Mehr musste sie nicht wissen und als Leah zum ersten Mal schwanger wurde und ein Mädchen namens Beffaná bekam, da wuchs in Esmeralda die Sorge, wie lange Anil, der Wind, für die Familie da sein konnte, bis er sich eines Tages in Luft auflösen würde. Doch sie lag falsch. Anil blieb und tatsächlich war es Leah, die Wagemutige, die sich bald wieder nach dem Fliegen und dem Abenteuer sehnte, während Anil sich um seine Beffaná und später um den kleinen Jacob kümmerte. Kurz nach Jacobs Geburt hielt es Leah nicht mehr in der engen Wohnung und immer wieder ging sie hinaus und stürzte sich mit ihrem Besen in die Lüfte. „Sei vorsichtig!“ sagte Anil immer wieder. „Es gibt viele Winde in der Welt, die das, was wir gewagt haben, als großen Frevel betrachten. Und wir können nicht jedes Mal Esmeralda bitten, die Kinder zu hüten, damit ich bei dir sein kann.“ „Du bist lieb“, sagte Leah, „doch denk daran, ich bin schon geflogen, als du mich nicht kanntest, und schon damals war ich eine Meisterin! Ich bin noch mit allen Winden fertig geworden!“ „Ich kannte dich“, murmelte Anil, „Du wusstest nur nichts davon. Und du solltest immer einen der Winde auf deiner Seite haben.“ Doch Leah ging und flog und kam zurück und warf Anil ein triumphierendes Lächeln zu. „Es war ganz leicht, Anil! Vielleicht mögen sie mich nicht, aber ich habe Ihren Respekt!“ Manchmal nahm Leah Esmeralda mit, doch die blieb immer nah am Boden, bewunderte und beneidete ihre Freundin, der sie anfangs selbst noch einige Tricks beim Fliegen beigebracht hatte. Jetzt aber war Leah die unumstrittene Meisterin. Eines Tages zog ein Taifun über das Land, der hatte bereits Leid und Verwüstung über große Teile der Erde gebracht und es war an einem der Tage, an denen Leah nichts mehr in der Wohnung hielt und sie an die Luft musste, um zu atmen und zu fliegen. Esmeralda flehte ihre Freundin an, im Haus zu bleiben, doch Leah lachte nur und höhnte: „Wir sind Hexen, Esmeralda! Was ist denn schon ein Sturm? Die Winde dienen uns, wir haben die Macht, ihnen jederzeit zu widerstehen! Bleib ruhig zuhause, dann fliege ich alleine. Hab ich immerhin die Chance auf gutes Wetter!“ Doch das Wetter war nicht gut, es wurde immer schlechter, und Leah flog hoch in die Lüfte und kam nicht mehr zurück. Erst nach einem Tag brachten zwei fremde Hexen Leah zurück zu Anil. Sie war schwer verletzt und weder Hexenkraft noch Medizin konnten sie retten. Zwei Monate später starb sie. Zwei Monate, in denen Anil mit der kleinen Beffaná und Jacob im Arm jeden Tag an ihrem Bett gesessen hatte und er den Kleinen immer wieder einschärfte, wie stark und mutig ihre Mutter war. Leah aber sprach nur wenig, und wenn, dann verlangte sie immer wieder, dass Beffaná und Jacob ein Schicksal wie das ihre erspart bleiben möge. Wenn sie mit Anil alleine war, weil Esmeralda die Kinder zum Spielen nach draußen mitgenommen hatte, schauten sie sich meist nur an und versuchten, die Gedanken des jeweils anderen zu raten. Denn Leah war eine Fliegerin, die anderen Künste des Hexentums hatten sie nie besonders interessiert. Und schließlich, als Leah gestorben war, überredete Anil Esmeralda nach einem langen Streit dazu, die kleine Beffaná und Jacob mithilfe eines Vergessenszaubers die Erinnerung an alles Hexentum und ganz besonders die furchtbaren letzten zwei Monate der wagemutigen Leah Grimm auszulöschen. Die Winde jedoch hatten Leahs Hochmut nicht vergessen und Leahs Behauptung, die Hexen hätten Macht über die Naturgewalten, wurden mit großem Zorn aufgenommen. Und weil Anil nicht mehr unter ihnen weilte, um die Hexen zu verteidigen und zu schützen, wurde von da an jeder Flug auf einem Besen zu einem Wagnis. Nur noch wenige trauten sich, in die Lüfte zu steigen, und ihre einst so wohlgehüteten Besen verstaubten in Besenkammern oder wurden sogar weggeworfen. Anil, der Wind, hielt sein Wort und war all die Jahre der beste Vater, der er sein konnte. Manchmal, wenn er fast verrückt vor Sehnsucht nach Leah und dem Leben in den Lüften wurde, zog er stundenlang durch die Straßen, durch die Wiesen und Wälder und brüllte jede Böe, jeden Lufthauch, jeden Windstoß an. Doch nicht ein einziges Mal dachte Anil, der Sturmwind des Nordens, daran, nicht zu seinen Kindern in den achten Stock eines Hochhauses mitten in der Stadt zurückzukehren. Denn, Potzblitz!, sie waren alles, was er hatte.