Kapitel 24: Die Tochter des Windes

“Zum zweiundzwanzigsten, dreiundzwanzigsten, vierundzwanzigsten Mal: Öffne dich!” flüstert Beffaná und in der Vase raschelt es, es ist fast, als ginge ein Windhauch durchs Zimmer, die Zweige richten sich ein Stück weit auf und aus vierundzwanzig Knospen entfalten sich große Weidenkätzchen. „Ist doch irgendwie gemein von ihm“, sagt Beffaná zu Jacob. „Hat immer so geheimnisvoll getan mit den Kalendern. Dabei war Papa er einzige, der sie überhaupt nicht öffnen konnte.“ „Ja“, sagt Jacob. „Riesensauerei. Was hätte ich schon alles zaubern können, hätte Papa bloß mal was gesagt.“

Ein Baum bedeutet Arbeit bei Familie Grimm. Denn ein gefällter Baum kommt Anil nicht in die Wohnung. Weihnachtsbäume, sagt er, sind doch nicht anders als aufgeschickste Tannen-Zombies. Weil aber Weihnachten ohne einen Weihnachtsbaum in Jacobs Worten einfach nur „gequirlte Elefantenkacke“ ist, heißt es an Heiligabend: Stiefel und Jacken anziehen und raus in die Dunkelheit. Anil zieht einen Bollerwagen mit dem Picknickkorb und den Geschenken und, je nach Wetterlage, auch einem Zelt-Pavillon, um beim Rumstehen später nicht allzu nass zu werden. „Es gibt 1,8 Milliarden Tannen in diesem Land“, sagt Anil Grimm. „Da werden wir wohl eine finden, um die wir uns am 24. Dezember drumherumstellen können.“ Nur machen sie sich ziemlich rar, diese 1,8 Milliarden Tannen. Zumindest bei ihnen in der Stadt. Am Spielplatz gibt es zwei. Aber die stehen hinter dem Maschendrahtzaun und selbst wenn man sich durch das kleine Loch im Zaun zwängt, um den Bäumen etwas näher zu sein, steht man mit ziemlicher Sicherheit in Kaninchen- oder Hundedreck. Außerdem riecht es nach Abfluss. Ein Stück weiter, im Park, gibt es ein paar schöne Douglasien, da haben sie schon häufig Weihnachten gefeiert. Aber dieses Mal, sagt Beffaná, wäre es doch schön, nach einer echten Tanne zu suchen, obwohl sie gar nicht sicher ist, ob sie den Unterschied zwischen Fichten, Tannen, und Douglasien überhaupt erkennen kann. Beffaná mag zwar die Tochter des Windes und einer legendären Hexe sein, aber als Stadtkind hat sie trotzdem mehr Ahnung von den Tarifzonen des Nahverkersverbundes als von Nadelholzgedöns. „Dann sag’s doch gleich“, entgegnet ihr Anil. „Du willst in den Wald.“ „Das wäre doch rein baumtechnisch sehr vernünftig“, meint Beffaná. „Außerdem kann Jacob dann gleich mit seiner Arbeit anfangen.“ Anil ist sich letztlich mit dem Krampus einig geworden, dass Beffanás unfreiwilliges Pilzlandabenteuer zwar schon irgendwie auch eine superhinterhältige Kindesentführung war, aber die Zerstörung des grauen Hauses durch Jacob war auch nicht so richtig in Ordnung. Also muss Jacob jetzt Aufräumen helfen und der Krampus hat sich, naja, irgendwie entschuldigt. Beffaná weiß nicht mehr, ob die Entschuldigung mit einem „Meine Güte, stell dich mal nicht so an…“ anfing, oder mit einem „Is’ doch groß nix passiert…“, aber irgendwann am Ende war da in einem Nebensatz ein „Sorry“ versteckt. Den ganzen gestrigen Tag haben sie zusammen mit Esmeralda in der Wohnung gesessen und zum ersten Mal hat Anil einigermaßen zusammenhängend die Geschichte von ihm und Leah erzählt. Und als Knurps nachmittags klingelte, waren alle eigentlich ganz froh, über etwas weniger ernstes nachdenken zu können. Knurps hatte sich gehörig den Magen verdorben und außerdem Hausverbot in mehreren Konditoreien der Stadt, weil er mit bunten Steinen bezahlen wollte. Auch seine Pilzwitze hatten zur Beruhigung der Situation nicht besonders beitragen können. Knurps hatte sich nach seiner Ankunft im Hochhaus dann auch ziemlich fix mit einer Wärmflasche und einer Tasse Kamillentee auf das Gäste-Sofa in Esmeraldas Wohnzimmer zurückgezogen und Esmeralda und die Grimms hatten noch bis in den späten Abend Speed-Stadt-Land-Fluss gespielt, bei dem Anil immer haushoch verlor. Jetzt also Heiligabend. Die Erwachsenen haben beschlossen, mit dem Bus zu fahren, denn Knurps hat Esmeraldas stattliche Eierlikör-Sammlung entdeckt und drängt Anil und Esmeralda andauernd einen Schluck aus einer anderen Flasche auf. „Schmeckt das nicht alles gleich?“ fragt Anil und rülpst leise, denn er trinkt sonst nie Alkohol und süßen Eierlikör schon mal gar nicht. „Aber das ist doch der Witz!“, ruft Knurps. „Schau mal, so unterschiedliche Flaschen und es schmeckt alles gleich! Da, wo ich herkomme, schmeckt jedes Glas Wasser völlig anders, je nachdem, ob gerade eine Kuh in den Bach gepinkelt hat oder nicht.“ „Ihr habt also keine Pferde, aber Kühe gibt’s bei euch?“ fragt Beffaná. „Natürlich!“, ruft Knurps. „Stell dir das mal vor, eine Welt ohne Kühe! Wir könnten unsere wichtigsten Sportarten nicht mehr ausüben. Dressurreiten, Ritterturniere, Wagenrennen…“ Der Bus hält am Zentralen Busbahnhof und die Fahrer wechseln. Beffaná, die traditionell die Aluleiter zum Schmücken des Baumes transportiert, erkennt sofort die Busfahrerin wieder. Schnell zieht sie sich den unförmigen Hexenhut ihrer Mutter ins Gesicht, den sie zum Spaß oder vielleicht auch zur Feier des Tages aufgesetzt hat, doch es ist bereits zu spät. „Hey!“, kräht die Busfahrerin durch den ganzen Bus. „Du schuldest mir eine Thermoskanne, Herzchen!“ Die wenigen anderen Fahrgäste schauen irritiert zwischen der Busfahrerin und dem Mädchen aus der angeheiterten Truppe hinten im Bus hin und her. „Ja!“, ruft die Busfahrerin. „Die Göre hat mir meinen Kaffee geklaut, als ich gerade auf’m Kump saß. So sieht’s nämlich aus!“ „Na ja“, sagt Beffaná sehr ruhig und geht nach vorne. „Erstens hab ich mir die Kanne nur ausgeliehen und zweitens hab ich sie ja wieder mitgebracht.“ Sie reicht der Fahrerin eine glänzende Thermosflasche. „Vielen Dank für damals. Sie haben mir sehr geholfen.“ „Huch, da is ja was drin?“ brummt die Fahrerin. „Ja, aber erst zu Hause trinken. Fröhliche Weihnachten.“ Und während die Fahrerin interessiert an dem Liter warmen Eierlikör in der Flasche schnüffelt, muss sich Beffaná hinten das Geschimpfe der Erwachsenen anhören, was ihr denn einfällt, fast den ganzen guten Likör zu verschenken und die Aluleiter sei jetzt auch weg. „Ach kommt schon, Leute“, flüstert sie. „Wir sind Hexen. Wir kriegen doch einen Baum noch ohne Leiter geschmückt.“

Als sie endlich im Wald ankommen, müssen die Erwachsenen erst mal alle pinkeln gehen. Die Kinder und Sami streifen in der Zwischenzeit ein bisschen herum und Jacob und Beffaná zeigen sich gegenseitig die Stellen, wo Beffaná Sami zum ersten Mal getroffen hat und wo der unsichtbare Jacob Esmeralda und Anil belauscht hat. Genau wie damals bei Beffanás erstem Besuch beim Krampus regnet es ein bisschen. Wobei: heute ist es kein Wunder, schließlich sind sie mit Esmeralda unterwegs. Doch Beffaná stört sich nicht daran. Im Gegenteil, das gemächliche Tröpfeln des Wassers von den Bäumen ist etwas, das sie immer mit dem Wald verbinden wird und mit… „Mino?“ Der junge Zauber steht am Waldrand, ziemlich genau da, wo zum ersten Mal Sami gestanden und Beffaná angebellt hat. Sami zischt Jacob ein „Komm, wir gehen mal den interessanten Baum da hinten angucken“ zu und Mino schlendert zu Beffaná. „Fröhliche Weihnachten, Hexenschülerin.“ „Fröhliche Weihnachten, Drachentöter.“ „Wow, das klingt fast heldenhaft“, sagt Mino. „Ich wollte Drachenmörder sagen, aber heute ist Weihnachten. Wie geht es deinem Vater?“ „Grummelt so vor sich hin. Wartet, dass dein Monsterbruder auftaucht, um beim Aufbau zu helfen.“ „Hab ihn mitgebracht. Aber ich glaube, heute wird das nicht’s mehr. Die Erwachsenen haben drei, vier Eierlikörsorten zu viel probiert. Ich bin froh, wenn wir noch irgendwo Bescherung machen können, bevor die ins Bett müssen. „Bescherung? Hier im Wald?“ „Tradition, Mino. Keine Bäume fällen und so.“ „Also teilweise“, sagt Mino, „ist deine Familie noch viel duschgeknallter als meine.“ Er schaut an ihr vorbei zu Sami und Jacob, die inzwischen um das Wartehäuschen fangen spielen. „Mal ernsthaft, Beffaná. Wegen Jacob: Habt ihr da irgendeinen Plan?“ „Was für einen Plan?“ „Er ist ein Pulverfass, Beffaná. Es ist ein Wunder, was dein Vater bisher geschafft hat. Ein Zauberer wie Jacob braucht viel Anleitung und Freiraum und Möglichkeiten und alles zusammen.“ „Was willst du damit sagen, Mino?“ „Dass es nur einen Lehrer gibt, der Jacob zeigen kann, wie er seine Kräfte unter Kontrolle hält. Wie er sich unter Kontrolle hält.“ „Wir bringen ihn nicht zum Krampus, Mino. Das müsste dir doch klar sein.“ „Ist es, Beffaná. Ich rede nicht von meinem Vater. Ich rede von mir.“ „Du willst Jacobs Lehrer werden? Du?“ „Ja wer denn sonst, Hexenschülerin? Du hast zwar Talent für zehn Hexen, aber du sortierst doch selbst immer noch deine Finger, bevor du loszauberst. Und dein Vater hat keine magischen Fähigkeiten.“ „Mein Vater ist viel mehr als du denkst, Mino.“ „Es gab schon immer Gerüchte über deinen Vater, Beffaná. Aber er ist kein Zauberer. Und Esmeralda hat schon genug damit zu tun, dass sie nicht überall, wo sie hinkommt, einen Blizzard auslöst. Jacob braucht einen erfahrenen Zauberer. Einen besseren als mich werdet ihr nicht finden. Ich hab’s bewiesen, Beffaná. Ich hab bewiesen, dass ich anders als mein Vater bin.“ „Und du hast den Drachen getötet.“ „Und du… dir sind Drachen wichtiger als Freunde, Hexenschülerin.“ Für einige Zeit stehen sie schweigend voreinander, dann kommen vom Parkplatz lachend Knurps, Esmeralda und Anil auf sie zu. „Wo geht ihr hin?“, fragt Mino. Beffaná zuckt mit den Schultern. „Wir brauchen nur eine Tanne und einen geschützten Platz. Der Rest ist nicht wichtig.“ „Eine Tanne also…“ „Du weißt schon, keine Fichte oder Douglasie oder… ach weißt du was? Völlig schnuppe. Grün. Nadeln und keine Hunderscheiße in der Nähe reicht völlig.“ „Dann wartet hier“, sagt Mino. „Ich weiß da was.“

Es ist dunkel im Wald, doch Mino hat nicht zu viel versprochen. Der Weg leuchtet! Zwei grünlich schimmernde Bänder führen tief in den Wald hinein bis hin zu einer ganz besonderen Stelle. Es könnte sehr weihnachtlich, ja, fast romantisch sein, bestünden die leuchtenden Wegränder nicht aus tausenden von grün-schimmernden Pilzen, die sich unentwegt wirklich lahme Witze zurufen. Beffaná hört noch ein „Kommt Häschen in die Apotheke und fragt: „Haddu Fliegenpilz…?“, dann ist sie in einem ungewöhnlich dichten Waldstück angekommen. Anil und die anderen folgen ihr und schauen Beffaná fragend an. Die mächtigen Tannen stehen in engen Reihen nebeneinander. „Weiß beginnt!“, sagt Mino. Er steht plötzlich neben ihr. Seine Augen funkeln im fluorisierenden Schein der Pilze. Seine Hände hat er tief in den Hosentaschen vergraben, keine Chance zu sehen, ob der linke Daumen nervös auf sein Beim trommelt. Doch dieses Mal ist klar, er hat gewartet. Gespannt wie ein Flitzebogen. „E3“, sagt Beffaná. Weiter hinten im Wald hört sie das Jubeln eines Bigfoots und während alle übrigen Bäume wie auf ein geheimes Zeichen im Boden verschwinden, bleibt ein einziger Baum stehen, eine krüppelige Lärche, wie selbst Beffaná weiß. Denn Lärchen werfen als einzige Nadelbäume im Winter ihre Nadeln ab. „Ich dachte, ist irgendwie dein Stil, Hexenschülerin“, sagt Mino und winkt die anderen näher heran. „Überlegt’s euch bitte. Die Sache mit Jacob, meine ich.“ „Machen wir, Mino. Versprochen.“ „Dann feiert jetzt schön und Frohe Weihnachten Euch allen.“

Zum Glück kennt Esmeralda einen brauchbaren Ausnüchterungszauber. Sie ist zwar zu betrunken, um ihn selbst noch anzuwenden, kann aber Beffaná zumindest sagen, wie er funktioniert. So kann es doch noch eine äußerst lustige Bescherung geben. Die Lärche sieht auch geschmückt noch ziemlich ärmlich aus, aber so richtig stört das niemanden, und Beffaná ganz bestimmt nicht. Für Knurps ist es das allererste Weihnachten und er bekommt von Esmeralda einen Zirkel und Millimeterpapier. „Falls dir mal Ideen für neue Erfindungen kommen“, sagt sie. Und Anil hat natürlich vollkommen sinnlose Geschenke für alle, aber was soll’s? Sami hat einen Kratzbaum bekommen und freut sich auf eine irgendwie verstörende Weise trotzdem. Und der einzige, den Anils Geschenke früher wirklich geärgert haben, nämlich Jacob, der hat sich dieses Mal vorgenommen, die Geschenke demnächst einfach selbst im Kaufhaus umzutauschen , wenn er die Sache mit dem Schweben richtig in den Griff bekommt. Dann gibt Esmeralda Anil einen Stoß. Und noch einen. Und als er sich immer noch nicht rührt, schnappt sie sich eben selbst das längliche Paket und überreicht es Beffaná. „Dein Vater und ich“, sagt sie, „wir haben etwas von Deiner Mutter aufbewahrt und wir dachten…“ „DU hast aufbewahrt“, murmelt Anil. „Und DU dachtest!“ „…WIR dachten, dass du ein Recht darauf hast, das hier zu bekommen. Du weißt, was das ist?“ „Klar“, sagt Beffaná. „Und dein Vater“, sagt Esmeralda, „hat angeboten…!“ „Schluss mit dem Zauber!“ schnaubt Anil. „Hier ist der Deal: Einmal pro Woche, langsam anfangen und immer unter meiner Aufsicht.“ „Danke, Papa. Aufsicht heißt…“ „Aufsicht heißt, dass du Bescheid sagst, bevor du losfliegst, und ich schau mal, ob ich die alten Tricks noch kann. ‚Hui!‘ Und so…“ „Danke Papa. Weiß du, was wirklich doof ist? Ich hab überhaupt nichts für dich. Ernsthaft, ich hab’s total vergessen.“ „Nicht schlimm, Beffaná. Ich weiß schon was. Du bist doch jetzt eine echte Hexe, oder?“ „Ja.“ „Du tust du mir einen riesigen Gefallen, wenn du einfach mal den Fahrstuhl heile hext.“ „Klar Papa. Wird sofort erledigt. Potzblitz.

Und irgendwo, am Rand des Waldes, kräht ein dünnes Stimmchen: „Muddu wegschmeißen! Ist sehr giftig!“