Beffaná 2021

Folge 20: Leviathan

Seit dem Urknall entstanden drei Generationen von Sternen. Vor viereinhalb Milliarden Jahren begann eine Wolke aus Gas und der Asche uralter Sterne in sich zusammenzustürzen und das Fusionsfeuer eines Sterns der dritten Generation zu zünden. Unserer Sonne. Es gab keinen Knall und keine Explosion, denn im Vakuum des Weltalls herrscht ewige Stille. Aus der verbleidenden Gas- und Staubscheibe um die Sonne herum bildeten sich in Laufe der nächsten Millionen von Jahren die Planeten. Dabei ging es wild zu. Einige der Himmelskörper krachten ineinander und bildeten neue Planeten. Der neu entstandene Uranus war nach einem solchen Crash so von der Rolle, dass er sich seitdem auf der Seite liegend dreht und der Venus war nach einem Asteriodenunfall so schwindelig, dass dort seitdem die Sonne im Western aufgeht. Als der erste Staub sich verzogen hatte, und so langsam Ordnung ins Sonnensystem einkehrte, kamen die Leviathane. Riesige, friedliche Ungetüme, die in den äußeren Asteroidengürteln der Sterne lebten und sich nun in die Nähe der Sonne wagten, um sich aufzuwärmen. Mit Vorliebe ließen sie sich im Gravitationsschatten sonnennaher Planeten treiben, denn dort gab es Orte, an denen sie ohne eigene Anstrengung um die Sonne kreisen konnten, ohne mit dem Planeten zu kollidieren oder von ihm angezogen zu werden. Schrödinger nennt einen solchen Ort Lagrange-Punkt. Die Trolle nennen ihn Stjerne hjem, Sternheim.

Es fühlt sich seltsam vertraut an, wieder auf dem Mond zu sein. Die Crew der Zeitmaschine hat Harold versprochen, in seinem altem Basiscamp auf der Rückseite des Mondes neue Sauerstoffflaschen und eine große Palette Dosenfleisch ›einzusammeln und in Denises’ Lager am Rand des Aiken-Kraters nach ein paar alten Sachen von ihm zu suchen. „Sie hat mir dauernd meine Handcreme geklaut“, meinte Harold. „Und hier auf Aische krieg immer immer so trockene Haut bei fast 24 Stunden täglich im Raumanzug.“ Denise’ Lager sieht nicht nicht besonders ordentlich aus. Der hydroponische Garten wuchert vor sich hin und überall liegen alte Noten herum. Beffaná erinnert sich, dass Denise gerne gesungen hat. „Hat die sich nicht beschwert, dass Harold so unordentlich ist?“ brummt Thomas. „Ich würd eher sagen, in Sachen Putzen tun die beiden sich nicht besonders viel.“ Die beiden sind alle hier, Schrödinger und Fleur haben sie nur abgesetzt und laden drüben bei Harolds altem Zelt Proviant und Sauerstoff in die Zeitmaschine. „Möchte mal wissen, wo Denise diese Stapel an Schokoriegelverpackungen her hat“, murmelt Beffaná. „Ich meine, hat die `n ganzen Kiosk leergefressen?“ „Muss ein englischer Kiosk gewesen sein“, mäht Thomas. „Alles auf Englisch. Pop -Tarts. Nie gehört. Sieht aus wie glasiertes Hundefutter“ Das Schaf ist inzwischen an die Raumanzugeinsätze bei geringer Schwerkraft gewöhnt und hüpft fröhlich in der Höhle hinter dem hydroponischen Garten herum. „Hast du die Handcreme schon gefunden, Beffaná?“ ruft er. Die schüttelt ihren Helm und hält ihm statt dessen eine uralte Packung Pralinen in Herzform unter die Nase. „Schau mal, Valentinstags-Pralinen. Sag mal Thomas, liebst du mich eigentlich noch?“ Thomas erstarrt. „Was?“ „Na du warst doch in mich verliebt, damals. Als wir uns kennengelernt haben. Ist das inzwischen wieder weg?“ „Warum soll es weg sein, Beffaná? Ist ein bisschen gemein, Witze darüber zu machen, findest du nicht?“ Beffaná erinnert sich daran ,wie der Pastor mit diesem riesigen Blumenstrauss vor ihrer Tür stand, um ihr seine Liebe zu gestehen und wie er kurz darauf blökend in ihrem Badezimmer stand. „Gemein schon!“sagt sie. „Aber auch witzig!“ „Haha, mäh!“

Thomas verzieht sich weiter nach hinten in die Höhle. Inzwischen ist er sich gar nicht mehr so sicher, dass wirklich Beffaná für seine Verwandlung verantwortlich ist. Das Auftauchen Schrödingers in der Zeitmaschine war mehr als nur reiner Zufall. Ein paar Stunden, nach der Party, auf der Thomas Beffaná kennengelernt hat, verschwindet die sprechende Katze aus seiner Wohnung, nur um kurze Zeit später genau dort wieder aufzutauchen, wo Thomas Beffaná seine Liebe gestanden hat. Wer kann schon wissen, was die Katze inzwischen oder vorher oder nachher oder wann und wo auch immer mithilfe ihrer Fähigkeiten angestellt hat? Andererseits: Was auch immer seine Verwandlung verursacht hat, das Verliebtsein in Beffaná ist immer noch da. Thomas weiß, dass es dämlich ist und er weiß, das es aussichtslos ist, aber dieses Gefühl ist wie Hunger oder Müdigkeit, es kommt immer wieder. Inzwischen hat Thomas das Ende der Höhle erreicht. Von hier führt aber immer noch ein breiter Gang ins Innere des Felsens. „Wahrscheinlich der Ort, wo Denise versucht hat, ins Innere des Mondes zu graben“, denkt er. „Ah, Handcreme! Na bitte. Hab sie gefunden“, ruft er nach vorne zu Beffaná. Es ist für ein Schaf im Raumanzug gar nicht so einfach, eine Cremetube vom Boden aufzuheben. Keine Finger und das Maul unter einem Helm. Also beschließt Thomas die Tube mit den Hufen vor sich herzuschieben. Er ist noch nicht besonders weit gekommen, da bemerkt er aus den Augenwinkeln einen Schatten. Etwas stößt ihn zur Seite, Thomas verliert kurz die Orientierung und als er das Gleichgewicht wieder bekommen hat, ist die Handcreme verschwunden! Genauso wie was immer es auch war, das ihn weggeschubst hat. „Beffaná!“, ruft Thomas und dann hört er sie auch schon, wie sie vorne am Eingang schreit. „Na wartet! Habt wohl nicht mit einer ausgewachsenen Hexe gerechnet, ihr Zwerge!“ Thomas rennt in Richtung der Schreie. Beffaná steht direkt im Eingang und lässt in der Luft drei vielleicht einen Meter hohe Gestalten um sie herum durch die Luft wirbeln. Sie kreischen und fluchen, können sich aber nicht aus Beffanás Zauber befreien. Einer von ihnen lässt die Handcreme fallen, die er Thomas offensichtlich gerade entrissen hat. „Was ist los, Beffaná?“ ruft Thomas. „Was sind das für Wesen?“ „Keine Ahnung, Thomas“, ruft die Hexe. „Lauf raus zu dem Funkgerät, das Schrödinger uns dagelassen hat. Er soll sofort herkommen! Vielleicht hat er solche wie die hier schon einmal vorher gesehen.“

„Sowas wie die hier hab ich noch nie vorher gesehen!“ murrt Schrödinger. Es hat keine Minute gedauert, dann war er da. Fleur hat er offenbar in der Zeitmaschine zurückgelassen. „Und dass ich solche wie die noch nie gesehen habe, ist allein schon sonderbar genug! Ich bin viel rumgekommen in der Welt, wie ihr wisst.“ Beffaná hat die drei Zwerge in einer Ecke der Höhle abgesetzt, von wo die drei hektisch zwischen Beffaná, Thomas, und Schrödinger hin und her schauen und offenbar versuchen, den besten Fluchtweg auszumachen. Irgendwie erinnert Thomas sich, so zerknautschte Gesichter, große Nasen und Ohren und wilde Haare schon einmal irgendwo gesehen zu haben. „Keine Angst“, sagt Beffaná. „Wir tun euch nichts. Ich bin Beffaná. Meine Freunde und ich kommen von der Erde. Wer seid ihr, wohnt ihr hier? Ist das hier eure Heimat?“ Die Zwerge starren schweigend nach unten, offenbar sind sie geblendet vom Mondtag, die Sonne scheint durch den Höhleneingang weit hinein in die Höhle. Schließlich zuckt einer von den drei Zwergen mit den Schultern und schüttet seinen Kopf. „Utgardloki“, sagt er und zeigt nach unten auf den Boden. „Utgardloki?“, sagt Schrödinger. „Das ist kein Ort, das ist der Name eines Riesen aus dem Märchen.“ „Nein“, sagt einer der Zwerge. „Aber ich wundere mich, dass du diesen Namen kennst! Er ist streng geheim, denn wir glauben daran, dass wer den Namen kennt, auch Macht über den Besitzer hat. Utgardloki ist unser Name für die verlorene Heimat. Sternheim.“ „Und was genau seid ihr?“ fragt Thomas. „Ich habe so etwas wie euch schon mal gesehen, da von ich mir sicher!“ „Das glaube ich kaum“, sagt der Zwerg. „Denn nach allem, was ich weiß, sind wir die letzten. Wir sind Nøkk, Draug, Nisser. Und wir nennen uns Trolle.“

Trolle! Natürlich. Thomas erinnert sich an die vielen Male, die er kleine Trollfiguren in überteuerten Souvenirgeschäften in den Händen gehalten hatte. Sie sehen tatsächlich aus wie Trolle. „Wo genau ist dieses Sternheim, Eure Heimat?“, fragt Beffaná. Sie sind auf Bitten der Trolle ein Stück weit tiefer in die Höhle gegangen, da den Trollen das Sonnenlicht zu grell ist. „Und warum seid ihr denn hier, in der alten Höhle des Tatzelwurms?“ „Oh, wir wollten nachschauen, ob der Wurm noch da ist und zum Glück ist er weg“, antwortet Draug, einer der Trolle. „Und Sternheim ist verloren. Wir suchen in den Tiefen nur die alten Steine von Sternheim.“ „Aber was war Sternheim?“, fragt Beffaná. Draug schaut die anderen beiden Trolle an. „Wir können es ihnen ruhig erzählen. Sonst nehmen wir die Geschichte unseres Volkes bald mit in unser Grab.“ Und er beginnt.

Vor unermesslich langer Zeit war die Galaxis von den Leviathanen bewohnt. Jeder einzelne Leviathan war ein einziges Wunder, einige waren nur einige Kilometer groß, aber es gab andere, die waren groß wie Planeten. Sie ernährten sich vom Licht und vom Staub der Sterne und zogen friedlich durch die Galaxis, nachdem die ersten Sternenfeuer abgekühlt waren. Der Name unseres Leviathans, unsers Sternheims lautete Utgardloki. Und weil er uns Vater und Mutter zugleich war, nannten andere ihn auch Theia, die Göttliche. Jahrmillionen reiste unser Volk im Inneren des Utgardloki durch das Weltall. Er führte und er nährte uns, indem er mit uns seine Weisheit und die Nahrungsmittel teilte. Wir waren eins mit dem Utgardloki, er war unsere Theia, wenn er unsere Kinder gebar und unser Führer, wenn er uns sicher durch Asteroidenfelder und Sonnenstürme führte. Im Gegenzug pflegten wir ihn und halfen ihm, die Nahrung in jeden letzten Abzweig seines unermesslich großen Körpers zu tragen. Nach vielen, vielen Jahren hatte Utgardloki endlich einen Ort gefunden, wo er ruhen konnte. Nahe der Sonne und so zwischen der Sonne und einem jungen Planeten platziert, dass er einfach nur durchs Weltall gleiten konnte. Es war die glücklichste Zeit unseren Volkes. Und dann kam das Verderben. Etwas geschah mit dem Utgardloki und er kam von seinem Kurs ab. Immer näher kam der dem jungen Planeten, durch dessen Schwerkraft wir vorher so sicher gewesen waren. Wir flehten den Utgardloki an, er möge den Kurs ändern. Aber er konnte es nicht! Die Katastrophe geschah! Das Sternheim zerbrach und der Utgardloki stieß mit dem jungen Planeten zusammen. Es war ein unermesslicher Feuerball. Der Utgardloki wurde auseinandergerissen und zersprengte den jungen Planeten in zwei Teile. Unser Volk wurde in alle Sonnenwinde zerstreut und die allermeisten starben. Einige von uns konnten auf einem Trümmer des Sternheims hier auf dem kleineren Stück des geteilten jungen Planten landen, der sich nach und nach zu einem Mond formte. Und nachdem wir lange Hunger litten, viele starben und auch wir Restlichen dachten, das wir sterben müssten, fanden wir in den Tiefen dieses Mondes mit der Zeit genügend Steine unseres Sternheims, um uns davon zu ernähren.

„Potzblitz!“ sagt Beffaná, was für eine traurige Geschichte.“ „Ja“, sagt Schrödinger. „Und so langsam verstehe ich, dass sie auch wahr ist. Denn nach allem was wir wissen, ist das die Geschichte, wir der Mond entstanden ist. Aus einem Zusammenprall der Erde mit einem unbekannten Himmelkörper. Miau. Und auch wir nennen diesen Himmelskörper Theia, die Göttliche. Tochter der Gaia und des Uranos und eine der zwölf Titanen.