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Beffaná 2020 – Kapitel 15: Zwergenaufstand

Es gibt Tage, an denen die Welt kleiner wird und größer zugleich. Kleiner wird sie, weil du einen langen Weg nun zum zehnten oder elften Mal beschreitest und er plötzlich gar nicht mehr so lang erscheint. Kleiner wird sie, weil alles, was du vorher groß und unbegreiflich fandest, jetzt recht klein und ganz normal geworden ist. Und trotzdem wird die Welt auch größer, weil dir klar wird, dass hinter den langen, wohl vertrauten Wegen noch viel längere, ganz neue Straßen liegen, Routen in unbekannte Länder, über tiefe Ozeane und himmelhohe Gebirge hinauf. So ein Tag ist heute, als Beffaná nach dem Frühstück das Treppengeländer herunterrutscht, Sami aus Esmeraldas Wohnung abholt und die beiden zusammen zu Beffanás Schule gehen. Zum ersten Mal seit Tagen ist Beffaná wirklich ausgeruht, denn sie war am Abend nach der Jagd nicht beim Krampus, sondern ist früh ins Bett gegangen und hat ausgeschlafen. Die Welt ist groß und klein und auf jeden Fall voller neuer Verheißungen. Dann tritt Beffaná aus der Haustür.

Die Raben auf den Laternenmasten rechts und links des Weges sind ein erstes Zeichen. Der Krampus hat gewartet! Er denkt allen Ernstes, sie hätte nach der großen Nachtschrat-Jagd einfach so weitermachen können: Schule, Hausaufgaben, Krampus, viel zu wenig Schlaf, und wieder Schule. Und es bleibt nicht bei den Raben. Direkt nach Beginn der ersten Stunde stürmt er leibhaftig selbst zur Klassenzimmertür herein. Selbstredend ist der Rest der Klasse wieder mal erstarrt und so langsam fragt sich Beffaná, wie oft sie selbst eigentlich schon minutenlang irgendwo herumgestanden hat, weil irgendeine Hexe es wichtig fand, ungestört ihre Hexengeschäfte zu erledigen. Jedenfalls steht er jetzt vor ihr, sie ist gerade noch pünktlich gekommen, hat mit dem Arbeitsblatt für den Überraschungstest in Geschichte begonnen und brütet über Fragen zum “Gang nach Canossa”. Was immer das auch sein soll. Beffaná rät einfach drauflos. Der Krampus hält sich nicht lange mit Höflichkeiten auf: “Du kennst unsere Abmachung und ich erwarte, dass du sie erfüllst! Wenn du aufgeben willst, sag es jetzt, dann verschwende ich nicht meine Zeit mit dir und du kannst dein Leben mit Dingen wie...” – er schaut auf das Arbeitsblatt – “dem Gang nach Canossa... verschwenden...? Warte, das ist ja interessant...” Der Krampus stößt Beffanás Sitznachbarin Jessie zur Seite, so dass sie unsanft auf den Boden rutscht und setzt sich auf deren Stuhl. “Das ist ja alles falsch!” ruft er. “Garantiert sogar”, sagt Beffaná. “Ich geh ja abends Schrate jagen, statt für Geschichte zu lernen...” “Allerdings”, schnaubt der Krampus. “Wir fliegen bei Gelegenheit mal hin und ich stelle dir Papst Gregor VII vor. Ziemlich lustiger Typ, aber ein eher mieser Zauberer. Hätte mal besser aufpassen sollen im Unterricht statt immer nur mit den Mädchen zu schäkern.” Dann steht der auf, zerrt Jessie auf ihren Stuhl zurück, klopft ihre staubige Hose ab und fegt mit einem “Pünktlich, Beffaná!” zur Tür hinaus.

Jess ist stinksauer auf Beffaná und lässt sich überhaupt nicht mehr beruhigen. “Du hast mich behandelt wie irgendeine Schulhoftusse!”, zischt sie noch während der Test eingesammelt wird. Als die Lehrerin Beffanás Arbeitsblatt überfliegt, wird sie ein wenig bleich und schüttelt ungläubig den Kopf. Eine Eins wird das wohl eher nicht. Der nächste Schlag folgt, als ihr in der Pause auch noch Joshua über den ganzen Flur folgt und fast verzweifelt fragt, warum Beffaná nicht zurückgerufen hat. Er lässt sich überhaupt nicht abschütteln. Beffaná überlegt kurz, ob sie außer dem Anlockzauber letztens noch irgendetwas anderes mit dem Jungen angestellt hat, aber ihr fällt nichts ein. 'Wieso kommt er jetzt auf einmal angekrochen?', überlegt sie noch, da steht auch noch Frau Feuerbusch, die Schulleiterin vor ihr. “Beffaná, ich wollte noch mal mit dir reden wegen der Sache mit deiner Nachbarin!” “Stopp!”, schießt es aus Beffaná heraus. Sie fühlt sich schon wieder sehr müde. Kann man nicht einmal seine Ruhe haben und ungestört zur Schule gehen? Für heute reicht es jedenfalls. Ohne sich die Mühe zu machen, ihren Rücksack und ihre Winterjacke aus der Klasse zu holen, rennt sie aus dem Schulgebäude und sieht, dass selbst auf dem Schulhof alles bewegungslos vor sich hin starrt. Draußen steht Sami. “Wow”, sagt er. “Clown gefrühstückt?” “Willst du dich gleich daneben stellen zu den anderen?” ranzt Beffaná ihn an. “Wir gehen jetzt nach Hause.” Aber – zuhause ist niemand. Natürlich nicht. Jacob ist in der Schule, Anil offensichtlich unterwegs und Beffanás Schlüssel steckt gut und sicher in der Innentasche ihres Wintermantels in der Schule. “Tür-auf-Zauber?”, fragt Sami. “Kenn ich nicht”, sagt Beffaná. Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie die Tür aufsprengen könnte, aber sowas gibt ja doch nur wieder Ärger. “Lass mal runter zu Esmeralda gehen”, sagt sie. “Vielleicht gibt's da auch Tee. Oder irgendwas zum Kaputtschlagen.”

Esmeraldas Diagnose ist schnell und eindeutig. “Mieser Scheißtag – und ein Goldstück in den Fluchkasten.” Beffaná schüttelt die Box. “Ganz schön viel drin”, murmelt sie anerkennend. “Gibt auch viele miese Scheißtage, wenn man so alt ist wie ich”, sagt Esmeralda.” “Du machst ganz schön viel für mich”, sagt Beffaná. “Für wie viele Goldstücke da drin bin ich denn verantwortlich?” “Kein einziges Schätzchen!” ruft Esmeralda. “Weißt du was, du brauchst mal jemandem, der dem Krampus verklickert, dass du auch nur eine ganz normale Durchschnittshexe bist. Wir gehen da jetzt einfach mal hin und ich rede mit ihm.” “Würdest du das tun?”, fragt Beffaná. “Aber ich will auf keinen Fall, dass er mich nicht mehr unterrichtet!” “Kriegen wir hin”, sagt Esmeralda. “Ich schätze, im Grunde ist er total scharf darauf, Dich zu unterrichten.” “Meinst du?” “Ach klar. Ich war ja vor Kurzem mal bei ihm in der alten Bude im Wald, da ist mir ziemlich schnell klar geworden, dass du für ihn 'ne große Nummer bist.”

Im Bus fragt Beffaná, wie Esmeralda eigentlich das Hexen gelernt hat. “Vom Krampus”, antwortet sie. “Zwei Nächte lang. Dann bin ich abgehauen.” “Und dann?” “Dann war die Kacke am Dampfen!”, wirft Sami ein. “I wo”, sagt Esmeralda. “Er war sauer, hat mir ein paar Raben hinterhergeschickt, hat mir ein paar Warzen auf die Nase gehext, mein Haus abgebrannt und dann war die Sache vergessen.” “Ach, dann erst?” Beffaná findet das irgendwie nicht witzig. “Du machst einen Vertrag mit dem Mistkerl. Ich hatte das Glück, dass ich eine echt mittelmäßige Hexe bin, nicht besonders interessant für ihn.” “Und was passiert, wenn man interessant für ihn ist?” Sami zieht den Schwanz ein. “Dann solltest du besser hingehen, oder...” “Oder Tante Essi kommt und haut dich da raus!”, ruft Esmeralda.

Der Krampus lässt sie warten. Als er Beffaná, Esmeralda und Sami endlich in seine Küche bittet, schaut er sie grießgrämig an. “Was soll das?”, fragt er. “Betriebsausflug bei den Hochhaushexen?” “Beffaná braucht eine Pause!” schnauzt Esmeralda ihren alten Lehrer an. “Und zwar jetzt!” Sie baut sich vor dem Zwerg auf und überragt ihn dabei um mindestens zwei Köpfe. “Immer noch die alte Gewitterhexe, was?”, schnaubt der Krampus. “Pass auf, ich hab an meinen Blitzen gearbeitet!” “Goldig!” sagt der Krampus. Er ruft nach Mino. Als der junge Zauberer endlich herinkommt, erkennt Beffaná ihn kaum mehr wieder. Völlig übernächtigt sieht er aus, hat dunkle Ringe unter den Augen und seine Wangen sind eingefallen. “Es gibt einen Nachtschrat abzurichten!”, knurrt der Krampus. “Entweder, junge Hexe, du hilfst deinem Freund hier dabei, oder du kommst nie mehr wieder und er muss es alleine schaffen. Such's dir aus!” Mino will protestieren, aber Beffaná ist schneller: “Ich helfe Mino!” ruft sie. “Aber das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun!” ruft Esmeralda. “Beffaná kann doch Mino helfen und beim Rest ein bisschen kürzer treten.” “Es ist Zeit, dass die Gewitterhexe jetzt nach Hause geht”, sagt der Krampus jetzt, sehr ruhig, sehr kalt. Er macht eine Handbewegung und Esmeralda dreht sich auf der Stelle um und marschiert wie an einer Schnur gezogen in Richtung der Ausgangstür. “Es wird Zeit”, sagt der Krampus, “dass Esmeralda ihr Doppelgänger-Dasein zu einem Ganztags-Job macht. Du hast ja Recht, Esmeralda, Beffaná hat keine Zeit für dieses ewige Hin- und Her. Pass gut auf Familie Grimm auf, ich werde mich bald melden! Sei schön artig in der Schule und WAG ES JA NICHT NOCH EINMAL HIER AUFZUTAUCHEN, BEVOR ICH DICH RUFE. HAST DU MICH VERSTANDEN?!” “Ja, Herr”, sagt Esmeralda mechanisch und verlässt auf schnellstem Weg das Graue Haus im Wald. “Irgendwelche Fragen, Hund?” blafft der Krampus, doch Sami schüttelt sich nur und verzieht sich unter den Küchentisch.

Als Esmeralda an diesem Nachmittag nach Hause kommt, geht sie kurz in ihre Wohnung, packt ein paar Sachen zusammen und macht sich dann in Gestalt einer jungen Hexe auf den Weg in den achten Stock. Als sie an ihrem Fluchkasten vorbeikommt, schreit sie einmal kurz auf und wirft den Kasten laut scheppernd gegen den Spiegel. Oben klingelt sie. “Hallo Papa, ich hab meinen Schlüssel verloren. Potzblitz.”

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Fucking serious

Ich bin, bei Gott, kein Germanist This shit is far too serious

Bei mir reimt Sommer sich auf Omma Komma, die mir, womma schomma Von'se reden, Geld für Eis Gegeben hat und andern Scheiß: Für Tarzanüberlebensmesser! Das war überhaupt viel besser Als Vanessa, dieaufmich stand Auf Föhr, und auf mir auch, am Strand, Isch schwör, bis man uns fand und Streng verhört hat, denn wir war'n auch noch verwandt.

Das Messer aber hatte alles: Mullverband, im Fall des Falles Kompass, Nadel, Faden, Pflaster, Blendgranaten, Ghettoblaster Pin-up-Pics von Jane und Cheetah Und von unser'n Onkel Dieter Seine Rita ihre Vita Knaxx-Club-Ausweiß, Hubbabubbas Und zuletzt vier Taschenbuddhas Doch – guess what – beim ersten Schnitzer In die Pizza brach das Messer Und Vanessa wurde besser Im Vergleich – und meine Inzestrüstung weich Nur leider saß sie ganz weit weg Ich sah sie nur ihr Essbesteck Sich in den kleinen Bruder bohren Den Verräter, diesen Toren. Doch anstatt auf mich zu warten Durchzubrennen in “die Staaten” Wie wir's nannten, rannte sie Von Inzest zur Pädophilie Zu Onkel Dieter, diesem Vieh

Was bleibt sind Tränen, schlechte Witze... Um des Reimens Willen sitze Ich, erfinde Traumata, Denn Dieter gab's nicht, Komma, War Stattdessen einer auß'em Osten Von Westfalen, den wir hassten, Doch Vanessa liebte ihn... So war nicht nur mein Messer hin, Sondern auch meine erste Liebe Die ich tausendmal beschrieben Habe in Gedichten, die Zwar komisch wirken und doch nie Zum Lachen sind, ich weine oft Beim Schreiben und wer jetzt noch hofft Dass irgendwo am Horizont Die Schlusspointe winkt und kommt Dem sei gesagt: So läuft das nicht, Das Leben nicht, nicht das Gedicht.

Aus Unglück rekrutieren sich Jedoch die Dichter, meinst Du nicht? Vanessa mag sehr glücklich sein Doch reimen kannse nicht, das Schwein

Fotos sind manchmal auch einfach überschätzt

Ich lag heut schon im MRT Es war okay, tat gar nicht weh Ich musste lange starr verharren Und auf dreißig Bäume starren Ehrlich wahr, ich hab gezählt, Da war sonst nichts, was munter hält Man hatte mir ein Bild direkt Vor’s Auge in das Rohr gesteckt Von einer Lichtung, satt und grün Auf der die Sonne milde schien Im Hintergrund stand Baum an Baum Wie sie’s halt tun, am Waldessaum Und ich zähl los, da fängt es schon Zu Wummern an im harschen Ton Dann hämmert, surrt und puckert es Und ich geb zu, ich hatte Stress Weil ich bei Buche siebzehn zwar Gelandet, doch nicht fertig war Und Buche achtzehn tat sich schwer Im Hirn zu landen, weil’s doch sehr, Nee, eher mehr noch, scheiße dort Im Hirn grad war, bei all dem Schrott Aus Schwurbelresonanzmagnet- Verwirblungsstrom im Kopf zugeht… Nun gut, ich hab’s geschafft zuletzt, Zu Zählen. Und blieb unverletzt Und alles, was der Arzt jetzt hat Sind Großhirnschnibbelbilder satt. Was das jetzt heißt? Ich weiß es schlicht Bis auf die Zahl der Bäume nicht.

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Komisch

Ich habe einen Luftballon Von einer Kinderkrebsstation Geklaut. Denn da hing alles voll! Und trotzdem war die Stimmung mies

#DailyPoem Igel, Komma, schon was älter

Schau, der alte Igel, wie Er schüffelt, aufgeregt wie nie, Er sucht im Strauch die alten Stellen Dort: Die Schnecke! Da: Das Bellen Eines Hundes, den er kannte, Bis der auf die Straße rannte… Ach, was ist das lange her, Und hier, die Ranke gibt's nicht mehr, Dafür steht wankelmütig da Das Schilfgestrüpp, wie's immer war, Und ist das nicht der Thymian, Den man mit Maden fressen kann? Na klar! Mit Schnittlauch, Rosmarin! Der Igel seufzt und schmilzt dahin Grad' neben dem Rhabarbarbeet Wo jetzt die Reichskriegsflagge weht. Nun aber ab ins Schlafversteck Denkt er. Doch das ist weg. Oh Schreck.

Ohne Titel #DailyPoem

Wenn letzte Reste von den Bäumen fallen Väter sich in Kinderhände krallen Müttermünder gegen Wind anschrein Dann wird es wohl November sein

Wenn erster Reif die dürren Igel frostet Und dem Fiat der Unterboden rostet Kalte Schauer über Auen peitschen Wenn die Alten mit dem Schicksal feilschen

Warten längst die Engerlinge in der Erde Alles, was zur Erde fällt zu greifen Und noch vor dem Eisfall zu verwerten

Bis sie fett verpuppt zum Käfer reifen Und im nächsten Sommer in den Gärten Kindern in die Nasen kneifen