Beffaná 2021

Folge 21: Philippa Steel, Privatdetektivin

„Hi, ich muss mit Philippa sprechen, ist sie da?“ „Wer fragt das?“ „Sag ihr einfach, es ist wichtig.“ „Das sagt jeder.“ „Sag ihr, die Trolle schicken mich.“ „Wir mögen hier keine Trolle.“ „Aber sie haben Geld.“ „Dein Geld ist hier nichts wert. Philippa ist beschäftigt.“ „Sag ihr es geht um Trojaner.“ „Was?“ „Trojaner!“ (Musik geht aus)

Eispferde mögen es nicht, wenn sie gefunden werden. Das hat sehr gute Gründe und darum sind Eispferde mit ihrem Misstrauen gegenüber Fremden keineswegs eine Ausnahme. Im Gegenteil. Es gibt 93 bekannte fortgeschrittene Zivilisationen in diesem Teil der Galaxis und davon gibt es genau eine, die wie bekloppt elektromagnetische Wellen in die Nachbarschaft sendet. Niemand mag diese Leute, viele lachen sie aus und ein paar rüsten bereits ein paar Schiffe aus, um zu schauen, ob’s bei den Idioten was zu holen gibt. Diese Idioten nennt man Menschen. Sie haben sogar zwei golden schimmernde Sonden ins Weltall geschickt mit Botschaften für die galaktische Nachbarschaft. Die Sonden heißen Voyager 1 und 2, sie hängen in vielen Klassenzimmern der Galaxis als Warnung für die Alienkinder, was man besser auf keinen Fall tun sollte, wenn man den nächsten Tag in unserem Winkel des Universums noch erleben möchte. Unter Eispferden gibt es die Redensart: Dumm wie die Erderwärmer. Damit sind natürlich die Menschen gemeint. Wer so laut in den Weltraum ruft: „Findet mich! Tötet mich! Esst meine Milz und meine Leber!“, der muss schon sehr dumm sein. Da fragt man dann auf der anderen Seite, wie so ein dummes Volk ein so erfolgreiches Terraforming-Projekt durchziehen konnte. 1 Grad Atmosphären-Temperaturanstieg nach nur 120 Jahren – das verdient dann schon Respekt.
Jedenfalls, um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Es gibt 93 bekannte fortgeschrittene Zivilisationen in diesem Teil der Galaxis, eine davon ist bekloppt und wahrscheinlich gibt’s noch tausende von anderen Zivilisationen. Die wollen nicht nur nicht gefunden werden, die Schaffens’s auch tatsächlich. Unter Menschen ist die Vermutung, dass andere Zivilisationen in der Galaxis sich vielleicht vor allen anderen verstecken, durchaus bekannt. Man nennt das auf der Erde die „Dunkle-Wald-Theorie, weil man sich das Universum quasi wie einen großen Wald bei Nacht vorstellen kann. Man sieht nichts, alles ist stockfinster, und im nächsten Augenblick ist man gefressen worden. Vertreterinnen dieser Theorie auf der Erde werden zumeist belächelt, weil man Ihnen sagt, das man vor Zivilisationen, die schlau genug sind um Raumschiffe zu bauen, keine Angst haben muss. Die seien zu klug, um Gewalt gegen andere anzuwenden. Naja. Sieht man ja bei den Menschen, was von dieser Theorie zu halten ist. Aber zurück zu den Eispferden. Die leben seit vielen hunderttausend Jahren sehr zufrieden und sehr versteckt unter der vereisten Wasseroberfläche des Saturnmondes Titan und genießen die geringe Schwerkraft. Darum gelten Eispferde auch als die elegantesten Tänzerinnen des Sonnensystems, obwohl sie eine doppelt so große Masse wie die Pferde auf der Erde haben. Aber Eispferde sind nicht nur gute Tänzer*innen. Auf dem Titan gibt es auch die größte Dichte erfolgreicher Privatdetektivinnen im weiten Umkreis. Und es heißt ganz bewusst Privatdetektivinnen, denn auf dem Titan werden Hengste bezüglich ihrer beruflichen Wahlfreiheit leider stark diskriminiert. In der Regel werden sie nur für’s Zeugen kleiner Eispferdchen und als Fernseher gebraucht. Eispferdhengste besitzen eine äußerst lange und breite Zunge, auf die sie Fernsehbilder projizieren können. Darum ist der meist verwendete Spruch bei einem ersten Date von Eispferden auch: „Zeig mir Deine Zunge Baby!“ Dazu kommt: Eispferdhengste beschäftigen sich quasi den halben Tag nur damit, zu vergleichen, wer von ihnen wohl die größte Zunge hat. Die berühmteste Privatdetektivin auf dem Titan ist Philippa Steel. Sie ist es, die Beffaná von verschiedenen Seiten empfohlen wurde. Ihr Büro, wenn man es denn so nennen kann, unterhält sie im ersten Stock des berühmten Tanzlokals Hippster-Hippo.

„Komm herein, Beffaná. Du lässt nicht locker, oder?“ „Ich hab’s ein paar Freunden versprochen. Es geht um eine Leviathan-Kollision vor rund vier Milliarden Jahren.“ „Schon’n büsschen her, wäre ich meinen.“ „Darum komme ich zu dir. Man sagt, du bist die Beste.“ „Ich werd’ schauen, was ich tun kann. Leviathane sterben immer wieder mal. Der Titan ist auch einer, wusstest du das? Ist ebenfalls vor vier Milliarden Jahren gestorben. Aber ganz friedlich, an Altersschwäche. Die Trolle treiben sich hier immer noch irgendwo rum und klauben die Reste ihres alten Sternheims auf.“ „Die Trolle, um die es in unserem Fall geht, sind nur noch zu dritt.“ „Das bezweifle ich, Beffaná. Es geht doch um den Crash auf die Erde damals, oder? Guck nicht so erstaunt, sooo viele Möglichkeiten gibts nun nicht... Wenn ein Teil von Eurem Leviathan auf der Erde gelandet ist, dann gibt’s bei euch auch Trolle. Jede Wette. Die Biester sind zäh.“ „Aber kein Mensch hat jemals bisher Trolle auf der Erde gesehen.“ „Kein Mensch hat jemals bisher irgendwas gesehen, Beffaná! Das ganze Sonnensystem ist quietschfidel vor Leben und ihr fragt euch immer noch, ob noch irgendwer das draußen ist.“ „Nimm mich da raus, ich weiß es inzwischen.“ „Dann musst du’s mal bei Gelegenheit deinem Bürgermeisters sagen oder wer immer jetzt gerade euer Dingenskirchen regiert.“ „Okay, das ist doch schon einmal ein guter Anfang. Die Trolle wird’s sicher freuen, dass ein och andere gibt. Aber die zweite Frage ist, was eigentlich genau gestehen ist. Die Trolle wollen das nicht einfach so akzeptieren. So wie ich das verstanden habe, gibt es tausend Verschwörungstheorien darüber, was damals passiert ist.“ „Besoffen gewesen und nicht aufgepasst?“ „Wie bitte?“ „Ehrlich Beffaná! Betrunkene Leviathane, das ist mal ein ernsthaften Problem gewesen. Wenn die Trolle innen drin bei der symbiotischen Nahrungsherstellung Mist bauen, dann kommt es immer wieder mal zu Gährungsprozessen. Und so einem planetengroßen Leviathan willst du nicht im Weg stehen, wenn es betrunken ist.“ „Ich weiß nicht, Philippa. Ausschließen kann Ich’s nicht. Aber ich hab ein bisschen selbst recherchiert und darum hab ich unten gesagt, es geht um Trojaner.“ „Ja, richtig. Hast du etwa einen erwischt? Hat ihn noch irgendwer gesehen? Ehrlich, das gibt richtig Ärger! „Nein, Philippa. Aber der Leviathan befand sich vor dem Crash am Lagrange-Punkt L5. Da, wo sich auch die Trojaner verstecken. Wieviel müsste man denn gesoffen haben, um von dort aus gegen die Erde zu krachen?“ „Viel, Beffaná. Viel zu viel, wenn du mich fragst

Okay. Kleiner Service-Block. Wir haben schon mal über Lagrange-Punkte gesprochen. Um jeden Planten im Sonnensystem gibt es 5 Stück davon. An diesem Punkt heben sich Schwerkraft der Sonne und des um die Sonne kreisenden Planten mehr oder weniger gegeneinander auf. Ein super Platz für einen Leviathan um genau hier zu parken und sich quasi wie auf einem Autozug von den Gesetzen der Schwer- und der Fliehkraft um die Sonne ziehen zu lassen. Und das, ohne jemals gleichzeitig den Abstand zum jeweiligen Planeten zu verändern. Es gibt aber Unterschiede zwischen diesen Lagrange-Punkten. Drei davon sind ziemlich instabil. Die beiden anderen, L4 und L5 sind stabil. Wenn der Leviathan da mal leicht betrunken raustrudelt, machte das überhaupt nichts. Er fällt quasi automatisch immer wieder in L4 oder L5 zurück. Und jetzt die Sache mit den Trojanern. Weil diese Langrange-Punkte so ein guter Platz zum Chillen sind, machen es sich da nicht nur Leviathane bequem. Sondern auch alles andere an Gerümpel, was so durchs All trudelt. Asteroiden zum Beispiel. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es in den Langrange-Punkten aller größeren Planten eine Art Gerümpelhaufen gibt. Und weil sich diese Steine quasi im Schwerkraftschatten von Sonne und Planet verstecken, nennt man sie auch Trojaner bzw. Trojanische Pferde. Griechische Sagen, Troja und so. Fiese Geschichte, würde an dieser Stelle zu weit führen, sie zu erzählen. Und leider gibt’s da noch mal den Spezialfall der trojanischen Eispferde. Bei Eispferden gibt’s ja, wie bei den meisten anderen auch, Kinder. Und die werden irgendwann größer. Und bevor sie vollständig erwachsen sind, gibts eine kurze Phase, in der die jungen Pferde ein bisschen übermütig werden. Sie finden diese ganze „Wir-müssen-uns-vor-anderen-bösen-Aliens-verstecken“-Sache blöd, langweilig und altmodisch und machen das, was die amerikanischen Amish-People bei ihren Teenagern „Rumspringa“ nennen. Auf ihren viel zu lauten Mofas durchs Weltall sausen. Und der größte Kick ist es, in der Nähe von anderen großen Planeten in den Lagrange-Punkten zu chillen und zeigen, wie cool man ist. Am beliebtesten sind L1 und L2, die sind am nächsten dran und damit am Gefährlichsten, wenn’s darum geht, entdeckt zu werden. L4 und L5 sind aber auch ganz okay. Die sind stabiler und eine bisschen weiter weg. Ist quasi wie der Sprungturm im Schwimmbad . L3 ist der Startblock, L4 und 5 der Dreier und L1 und L2 sind der Zehner. Trojaner sind aus diesem Grund ein Riesendings auf dem Titan. Da die Behörden wegen der Entdeckungsgefahr durch böse Aliens völlig paranoid beim Thema Trojaner sind und Erwischtwerden beim Langrange-Punkt-Chillen drakonische Strafen nach sich zieht, engagieren Eltern, die es sich leisten können, Privatdetektivinnen, um ihre Kinder vor der Polizei nach Hause zu bringen. Das Ganze ist ein Riesengeschäft. Und Philippa ist die beste darin.

Es war wirklich sehr, sehr eng in der Zeitmaschine. Aber Philippa Steel hatte darauf bestanden, bei Beffaná mitzufliegen. Wann bekommt mn schon einmal die Gelegenheit in einem Raumschiff mit Zeitreisedingsi mitzufliegen. Natürlich war die Nutzung des Relativitätsrelativierers die allererste Idee gewesen. Einfach in die Vergangenheit fliegen und schauen, was genau geschehen sit. Das Problem ist nur zu wissen wo genau bzw. wann genau man hin will. So auf 200, 300 Millionen Jahre genau lässt sich der Zeitpunkt des Leviathan-Crashs wohl schätzen, aber dann hieße es, schön alle paar Jahrtausende Nachgucken, ob man gerade richtig ist, wenn die Sache beginnt. Quasi wie Topfschlagen. Kann dauern und ist überraschend langweilig ,wenn keiner „heiß“ oder „kalt“ ruft. Dann doch lieber Philippa Steel, die beste Privatdetektivin des Sonnensystems zum richtigen Lagrange-Punk schaffen und schauen, ob sie irgendwelche Spuren dort findet. Das mag sich seltsam anhören: Spuren von etwas zu finden, von dem man noch nicht einmal genau weiß, was genau es ist bzw. war. Aber wenn es irgendeine schafft, dann Philippa! Sie hat die höchstmögliche Zahl an Wochenendweiterbildungskursen für Privatdetektivinnen belegt (nämlich 4) und hat 15 Jahre lang alle Mitratekrimis in der Fernsehzeitung gelöst. Und außerdem hat Philippa etwas, das man nicht mal mit dem Geld der Trolle bezahlen kann: Glück. Als sie am Lagrange-Punkt ankommen sehen sie sofort, dass es sich dort inzwischen ein kleiner Asteroid in der Größe eines Fußballstadions gemütlich gemacht hat. Und als sie gerade aussteigen, um ihn zu fragen, ob er in den letzten paar Milliarden Jahren etwas Ungewöhnliches gesehen hat, findet Philippa auf dem staubigen Boden den Asteroiden einen goldenen Schlüsselanhänger. Darauf steht: „Eigentum von Admiral Klumpatsch, Befehlshaber der 7. Raumflotte. Bitte sofort zurückgeben, sonst werden Sie verdampft. Erreichbarkeitszeiten meines Sekretariats: Mo -Do 9 bis 15 Uhr, Fr. 9 bis 12 Uhr. Sprechen Sie in den übrigen Zeiten bitte auf die Alien-Mailbox.“ „Ziemlich viel Schrift für einen Schlüsselanhänger“, sagt Philippa. „Potzblitz!“ sagt Beffaná. „Wenn das ein Zufall ist, fresse ich unsere Katze.“