Beffaná 2021

Kapitel 22: Proxima

Proxima: Kluuuumpatsch… Klumpatsch! Kluuuumpatsch… Klumpatsch! Klumpatsch (schreckt auf): Was kann ich tun, Gebieterin? Proxima: Ich werde dich wohl in die die große Leere schicken müssen. Etwas gefällt mir nicht im Raumzeitmuster dort. Klumpatsch: Wonach soll ich suchen, Gebieterin? Proxima: Such nach irgend etwas, Klumpatsch! Und was immer es auch ist, vernichte es. Es hat dort nichts zu suchen. Klumpatsch: Ja, Gebieterin. Proxima: Ach, und Klumpatsch? Sei doch so gut und schneide dir die Fingernägel. Nicht nur die von deinen Steuerhänden, sondern auch die von deinen Würgehänden und die von deiner Fuchtelhand. Klumpatsch: Es ist meine Wilde-Drohungs-Hand, Gebieterin. Proxima: Schneid dir einfach deine verdammten Fingernägel, du Dreckbolzen! Du bist mein oberster Kommandeur und kein grongalischer Schlurps! Klumpatsch: Grongalische Schlurpse gelten als äußerst attraktiv, Gebieterin! Proxima: Ist dein Lebensgefährte nicht ein grongalischer Schlurps? Klumpatsch: Ja Gebieterin. Er ist der schlurpsigste Schlurps von allen. Proxima: Dann zieh dir wenigstens Handschuhe an, wenn Du im Dienst bist. Ich kann deine Drecksgriffel einfach nicht ertragen. Klumpatsch: Ja, Gebieterin. Proxima: Eine Sache noch, Klumpatsch. Sie ist hinter dir her. Klumpatsch: Das kann nicht sein, Gebieterin! Ich habe sie fünf Minuten lang erwürgt, und dann verbrannt und dann gegessen. Proxima: Nicht deine Mutter, Idiot. Die Hexe in der Zeitmaschine. Sie hat deinen Schlüsselanhänger gefunden. Klumpatsch: Meinen Schlüsselanhänger? Wirklich! Ich hab den schon überall gesucht! Wo war er denn? Doch nicht in der Sauna?! Sag nicht, er saß doch im Abfluss des Whirlpools!“ Proxima: Er lag dort, wo du ihn verloren hast, als ihr den Leviathan in die Protoerde geschleudert habt. Eine gewisse Philippa Steel hat ihn im Fundbüro abgegeben. Klumpatsch: Es tut mir unendlich leid, Gebieterin. Proxima: Ich weiß, Klumpatsch. Aber es läuft alles genau nach Plan. Hörst du das eigentlich auch? Da singst ein Kind, oder? Warum singt es? Warum singt dieses verdammte Kind? Hat es keine Mutter, die es schlägt, wenn es zu laut singt? Klumpatsch: Ich höre kein Kind singen, Gebieterin. Proxima: Schon gut, Klumpatsch. Ich kümmere ich selbst drum. Ich kümmere mich selbst… Schlaf jetzt.

Es gibt Morgene, da würde Admiral Amadeus Klumpatsch gerne ohne einen neuen Tagesbefehl aufwachen. Aber so etwas hat es lange nicht gegeben. Eine halbe Stunde, bevor der Admiral schweißgebadet von seiner Liege steigt, beginnen sich seine Augen unter den geschlossenen Lidern in einem zuckend- schnellen Rhythmus zu bewegen. Ärzt*innen würden sagen, dass Admiral Klumpatsch träumt. Klumpatsch weiß es allerdings besser. Denn das, was er in der ersten Morgendämmerung eine halbe Stunde vor dem Aufstehen träumt, hat sehr reale Folgen. Davon könnten unter anderem die ersten Bewohner von Rigel 3 berichten, würden sie noch existieren. Proxima hatte beschlossen, dass sie keine Schneehasen auf Rigel 3 brauchet, sondern Eiswürmer. Und das bereits in 200 Millionen Jahren. Der Admiral räumte schnell und gründlich auf und hinterließ auf dem Planeten eine Probe braun-grünen Schlamm. Eiswurm-Ursuppe. Meist sind es kleine Sachen, die seine Gebieterin ihm im Traum befielt. Häufig muss er nicht einmal darum bitten, dass sie eins ihrer Quantengeschwüre für ihn öffnet, um ihn und seine Flotte durch die Zeit zu schicken. Klumpatsch ist froh, dass er Proxima noch nie im wachen Zustand gesehen hat. Alles was er von ihr weiß, sieht er im Traum Klumpatsch hat schon unzählige Missionen für Proxima ausgeführt, und die allermeisten erfolgreich. Seltsamerweise hat die Gebieterin die letzte Mission, die er nicht erfolgreich zu Ende führen konnte, nicht mehr weiterverfolgt. Er wurde nicht einmal bestraft. Die mehrwöchige Suche nach einem neuen Heimatplaneten und die Verfolgungsjagd eines Raumschiffs, das gerade auf dem Weg zu einem vielversprechenden Kandidaten namens Erde war, wurde einfach abgebrochen. Klumpatsch war klar, dass Proxima ihm nur einen Bruchteil von dem sagte, was sie wusste und was die plante, aber manchmal war er sich nicht sicher, ob sie wirklich einen klaren Plan verfolgte. Nun, es war nicht seine Aufgabe, sich diese Fragen zu stellen oder zu beantworten. Das erste und letzte Mal, als er es versucht hatte, wäre ihm im Traum fast das Gehirn zerplatzt. Ansonsten, das muss Klumpatsch zugeben, kommen Proxima und er ziemlich gut miteinander klar. Er tut, was sie will und sie foltert ihn nur ziemlich selten. Als der Admiral an diesem Morgen aufsteht, sind die Kopfschmerzen nur mäßig stark. Es könnte ein guter Tag werden. Es geht also in die große Leere. Riecht nach einem langweiligen Auftrag. Es passiert oft genug, da hört Proxima einfach nur die Flöhe husten. Wahrscheinlich hat sich einfach nur ein betrunkener Leviathan hoffnungslos verflogen und schreckt mit seinem Gegröle die kleinen Minikampfdrohnen auf , die es dort gibt. Oder gab? Klumpatsch erinnert sich nicht hat mehr, wann er das letzte Mal da war. Aber hey! Noch ein Vorteil: Keine Zeitreise heute. Es könnte wirklich ein guter Tag werden. Der Admiral köpft sich einen leicht widerborstigen Warzensqueezer zum Frühstück und schlürft ihn langsam aus. „Koslowsky!, ruft er dann. „Fahr schon mal den Wagen vor.“

Schrödinger hat schlecht geschlafen heute. Und ja, auch Zeitreisekatzen schlafen. Wer Milliarden Jahre alt ist und fit bleiben will, braucht seinen Schönheitsschlaf. Heute Nacht hat er wieder von früher geträumt. ‚Früher‘ ist eine verwirrende Beschreibung für das Leben eines Zeitreisenden, das ist Schrödinger schon klar. Es gibt das ‚Früher‘ in der eigenen Biographie, also zum Beispiel die Zeit, kurz nachdem man geboren oder ausgespuckt wurde, geschlüpft ist, sich ins nächste Entwicklungsstadium metamorphosiert hat oder mit einem „Lass dich hier bloß nie wieder blicken!“ auf die Welt geworfen wurde. Diese Sachen hat Schrödinger alle hinter sich und nichts davon hat ihn irgendwie besonders beeindruckt. Aber es gibt auch das ‚Früher‘ des Universums, dieses Früher, in dem die Raumzeit noch straff gespannt war und ganz frisch roch, ein bisschen wie Algen und Lachgas mit einer Prise Pfefferminz. Damals, auf der Protoerde, kamen schon andere Aromen dazu. Da hatte die Raumzeit schon ordentlich gearbeitet, eine ganze Reihe riesiger Sterne verdaut und war schon ordentlich durchlöchert. Aber es ist dieses Früher, das Früher im jungen Sonnenssystem, das für Schrödinger am meisten nach „Früher“ klingt. Weil es der Anfang dieser Geschichte war. Auch wenn er lange gebraucht hat, um dahin zu kommen. Gerade hatte er noch mit drei knatschigen Sternen namens Erdmute, Dietmar und Udo konferiert, wobei Udo natürlich auch ein richtiger Stern ist, selbst wenn er klein und braun ist, (genau) Und dann war er zurückgereist, um den Geschwistern der Sonne das Leben in ihre Systeme zu bringen. Schrödinger fand das eine simple und geniale Idee: Alle kriegen eigene Planeten mit Leben drauf, keine ist mehr neidisch auf die andere, alles ist gut. Und weil Schrödinger keine Lust hatte, lange nach den Grundzutaten des Lebens zu suchen, nahm er sich einfach das, von dem er schon wusste, das es funktioniert. Urschlamm von der Protoerde. Damals noch ein ziemlich wilder Planet. Den er erst einmal finden musste. Es war wieder die Sache mit dem Topfschlagen: Wenn niemand „kalt“ oder „heiß“ ruft, muss man ziemlich lange auf dem Boden herumkriechen. Also: Im Sonnensystem. Nachschauen, ob die Sonne schon da ist, huch, da ist sie ja, noch ziemlich kalt, aber wird schon, und dann schauen, wo und wann die Erde auftaucht. Wenn Schrödinger es sich’s jetzt so überlegt, dann hat er endlich Urschlamm auf der Erde gefunden, da muss der Einschlag des Leviathans auf der Erde längst passiert gewesen sei. Vielleicht gab es damals also schon Trolle auf der Erde. Schrödinger hat allerdings keine gesehen und einfach ein Maul voll Urschlamm mitgenommen. Einfach ist aber natürlich gelogen. Nix war einfach. Diese ganz schnelle Idee im Cockpit der Zeitmaschine hatte sich zu einem regelrechten Mammutprojekt ausgewachsen. Allein schon, mit dem Urschlamm in die anderen Sternsystem zu kommen. Ohne Hilfe auch für eine Zeitreisekatze kaum zu schaffen. Also irgendwo hinterm Jupiter auf die Lauer legen und gucken, ob ein interstellarer Komet vorbeikommt, der zufällig in die richtige Richtung fliegt. Soll ja vorkommen, alle paar Millionen Jahre. Als Schrödinger es dann endlich geschafft hatte, das Dreifachsternsystem von Erdmute, Dietmar und dem gar nicht mal so kleinen Udo zu kommen (genau) Da gab es das nächste Problem: Er fand keinen Planeten. Du kannst tiefgefrorene Ursuppe ja schlecht in den Stern selbst werfen, da is’n büsschen mollig für zum Überleben. Das ist ein Grundsatzproblem von Dreifachsternsystemen. Je mehr Kram in den Sternen selbst gelandet ist, desto weniger bleibt für die Planten übrig. Drei Sterne brauchen ordentlich Futter. Auch Udo (genau) Schließlich fand er doch einen einzigen Planeten. Keinen super-coolen, aber was solls. Er war ein bisschen schwer, und hatte auch nicht so diiiiiie ideale Umlaufbahn. Aber das ist ja auch kein Wunder in einem Dreifachsternsystem: Da ist die erste Frage schließlich: Umlaufbahn um was? Um einen der Sterne? Um alle drei? Fliegt man irgendwie Slalom oder eine Acht oder wie soll das richtig laufen? Es läuft, kurz gesagt gar nicht so richtig. Weil: Wenn drei oder mehr Körper sich gegenseitig mit ihrer Schwerkraft beeinflussen, dann kann kein Physiklehrer der Welt und auch kein Supercomputer ausrechnen, wo der Planet in der ganz Geschichte bleibt. Kann man gerne googeln, heißt Dreikörperproblem, sind schon viele kluge Aufsätze und ein genialer Science-Fiction-Roman drüber geschrieben worden: Geht nicht. Aber Schrödinger hatte keine Wahl.. Und er wollte auch noch mal irgendwann zurück nach Hause. Also: In das Cockpit der Zeitmaschine, wo die anderen bereits seit einer hundertstel Sekunde auf ihn warteten. „Scheiß drauf“, murrte er (ja, sorry, hat er wirklich so gesagt), kippte die Ursuppe in eine Pfütze, von der er hoffte, dass es so was ähnliches wie Wasser war und haute ab. Wenigstens würden, wenn’s klappt, auf diese Weise gleich alle drei Sterne Leben bekommen, denn der Planet eumelte im Laufe der Jahrhunderte irgendwie immer zwischen allen Dreien herum. Der Rest ist Geschichte. Irgendwie fand Schrödinger den Weg ins Cockpit der Zeitmaschine zurück, unter anderem, weil er unterwegs Hilfe von einem Pastor und einer Vogelscheuche bekam und aus dem Klecks Ursuppe entwickelte sich tatsächlich, keiner kapiert genau, wie das überhaupt klappen konnte, eine Spezies unglaublich liebenswerter Fans von Seidenmalerei und einer besonders komplizierten Art des Puzzlens. Nur einer von ihnen wurde ein Riesenarschloch nämlich Admiral Klumpatsch. Er versklavte bereits Fünfzehn Jahre nach seiner Geburt den gesamten Planeten und war ziemlich mit sich und der Weltherrschaft im Reinen, bis er eines Nachts anfing, richtig bösen Mist zu träumen. Er wusste nicht genau, wer oder was Proxima war. Aber er wusste ziemlich schnell, dass man es sich sehr genau überlegen musste, Befehle mit ihr zu diskutieren. In dieser Hinsicht konnte Proxima genau so ein fieser Möpp sein, wie er selbst.

Als Admiral Klumpatsch einige Tage nach Abflug in Richtung der großen Leere, die von manchen auch die Casimir-Ausdehnung genannt wird, seinen ersten Offizier Koslowsky nach dem neusten Stand fragt, präsentiert der ihm ein etwas unscharfes Bild des Bordteleskops: „Sieht aus wie das rote Raumschiff, das wir letztens vergeblich verfolgt haben. Ich verstehe das allerdings nicht. Unsere Sensoren zeigen keinerlei Antriebsspuren nichts. Das Ding hat sich in der letzten Zeit nicht sonderlich bewegt. Außerdem ist es ganz schön zusammengequetscht. Und: Es wabert ein leichter Furzgeruch durch den ganzen Sektor. „Was wartest du dann noch!“, blafft Klumpatsch. „Du kennst doch den Befehl: Was immer es auch ist, vernichte es. Es hat dort nichts zu suchen!“ „Potzblitz“, murmelt Koslowsky. „Was soll das sein, Potzblitz! Reissense sich mal zusammen, Mann!“ „Jawohl, Herr Admiral. Es kam mir nur so vor, als wäre das ein gutes Abschiedswort!“ Dann drückt Koslowski einen großen, roten Knopf.