Beffaná 2021

Folge 17: Vier glorreiche Halunken

Es geschah in meinem neunten Jahr auf Rigel 3. Wir hatten die Eiswürmer weit hinaus in die Ebene der Winde vertrieben und seit fast drei Monden war Ruhe in der Stadt. Die Nacht war vorgedrungen, am Himmel stand weithin leuchtend der Hexenkopfnebel und die Gipfel der Pathos-Berge glitzerten im Sternenlicht. Drinnen in der Bar stritten sich Kang und Kodos um das letze Stück Wurmleber und der Automat spielte seit Stunden die Klagelieder der großen Mutter von Gorbsch. Der Major war oben in seinem Zimmer und hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Dennoch wartete draußen vor der Tür, gesattelt und bereit, sein Kryon-Drache. Das Tier war unruhig. Bis hinter den Bartresen hörte ich sein Schnauben in der eisigen Kälte. Das Licht flackerte. Die beiden Leuchtfeen flogen, statt oben an der Decke zu bleiben, immer wieder zum Tresen, um das Schaf zu beschnüffeln, das seit einer Stunde vor einem Glas Wasser saß und auf den Bildschirm starrte. „Mach die scheiß Roten-Alien-Rosen aus!“ schrie Kang. „Diese stereotypen Charaktere beleidigen meine Intelligenz!“ Kodos gluckste zustimmend, nutzte die Ablenkungen aber und schnappte sich das letzte Stück Wurmleber. „Niemand schaltet irgendetwas aus“, brummte das Schaf. „Das ist die Folge, in der Alien-Katrin vor Augen geführt wird, dass sie nicht mehr Teil von Alien-Florians Familie ist und Alien-Mia und Anke den Vortritt beim Krankenhausbesuch lässt. Außerdem muss Alien-Simon Gunter überzeugen, dass er sein Assistent im Hotel wird.“ „Woher weißt du das?“ grunzte Kodos. „Bist du etwa ein Zeitreisender?“ „Fernsehzeitung“, meckerte das Schaf und warf Kodos den steinernen West-Galaxis-Streaming-Almanachen an den Kopf.

In diesem Augenblick ging die Tür des Majors auf und der Alte stand oben am Geländer. „Niemand spoilert Rote-Alien-Rosen, solange ich auf diesem Planeten etwas zu sagen habe“ rief er mit fester Stimme herunter und schritt mit seinen schweren Stiefeln die Treppe hinunter. „Wer ist der Bettvorleger?“ fragte er mich, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken. „Sitzt seit einer Stunde hier und starrt in sein Wasserglas.“ „Immerhin jemand, der einen guten Drink zu schätzen weiß. Gib mir auch eins, aber in einem sauberen Glas.“ „Natürlich, Major“, sagte ich und verschwand kurz in den Keller, um ein Glas für den Major sauberzulecken. Als ich wieder hoch kam, hatte sich der Major direkt neben das Schaf gesetzt. „Gibt es noch Wurmleber?“ fragte er, und als ich nur den Kopf schütteln konnte, schaubte der Major einmal kurz auf und bestellte eine Packung Fischstäbchen. „Was willst du hier?“ fragte er das Schaf. „Wenn du in meine Stadt kommst, musst du als allererstes um Erlaubnis fragen, bevor du auch nur einen Huf auf meine Straßen stellst. Also?“ „Also was?“ „Ich habe nicht gehört, dass du gefragt hast!“ „Ich habe nicht gefragt“, sagte das Schaf. „Man sagt, du hättest auch nicht gefragt.“ In der Bar wurde es still. Die Leuchtfeen flitzten blitzartig nach oben an die Decke und stießen fluchend mit den Köpfen aneinander. Kang und Kodos entblößten ihre Zähne. „Ich… hätte nicht gefragt?“ zischte der Major. „Darauf kannst du verdammt noch mal wetten, dass ich nicht gefragt habe! Mir gehört dieser ganze verdammte Planet! Jedes Eiskristall, jeder Stein, jedes einzelne verdammte Atom auf diesem Planeten ist mein Eigentum! Selbst Kang und Kodos hier machen genau das, was ich ihnen sage. Stimmt doch, Kang?“ Kang wollte antworten, verschluckte sich aber an dem Stückchen Wurmleber, das er Kodos im letzten Moment aus dem Maul gerissen hatte und nickte nur wild, während er hustete. „Die Würmer sagen, dass sie zuerst hier waren“, schnurrte es da aus Richtung der Tür. Im Eingang zur Bar stand die lässigste Katze im ganzen Hexenkopfnebel. Sie lutschte an einem Eiszapfen, während sie langsam zum Schaf und zum Major ging. „Die Würmer sagen, sie hätten dich, obwohl du nicht gefragt hast, trotzdem willkommen geheißen und dich zu ihrem Ehrenbruder gemacht. Sie sagen, sie haben dir sogar einen elektrisch beheizten Eiskratzer und eine Heizdecke mit 2 Jahren Garantie plus Option auf eine Mitgliedschaft in ihrem Curling-Team geschenkt und du… hast sie gejagt!“ „Sie waren im Weg“, brummte der Major. „Sie sind abscheulich!“ ergänzte ich. „Und lecker!“ ´schmatzte Kang.

„Genug geredet!“rief das Schaf und stieß den Hocker nach hinten. „Die Würmer finden in der Ebene keinen Schutz und nichts zu fressen. Sie müssen in die Berge zurück, um zu überleben. Und wir sorgen dafür, dass genau das auch geschieht.“ „Tut ihr das?“, lachte der Major. Er trank sein Wasserglas mit einem Zug aus und bließ auf seiner Drachenpfeife. Ich wusste, was er vorhatte und bückte mich hinter den Tresen, um bereit zu sein für das, was jetzt folgte. „Gorgon!“ bellte der Major, „komm herein! Ich nominiere dich zum Duell!“ Kang und Kodos lachten nervös, sprangen aber sofort auf und verzogen sich hinter den Musikautomaten. Der Drache brach durch den Haupteingang und steckte sein riesiges Haupt durch den Raum bis zum Tresen. „Major?“ fragte er. „Such dir einen aus“, sagte der Major. „Sie bezweifeln meine Rechte an dem Planeten.“ „Du da!“ Dröhnte der Drache und wies mit seiner Schnauze auf das Schaf. „Wie ist dein Name?“ „Der Name ist Thomas.“ „Dann Thomas, fordere ich dich zum Duell. Alles oder nichts. Du kennst die Regeln?“ „Welche Regeln?“ sagte das Schaf und grinste. „Mäh, nur Spaß. Wir spielen drei offene Runden. Mein Partner Schrödinger macht die Ersatzrunde. 1 Joker, aber im Team.“ „Guuuut“, lachte Gorgon, der Drache. „Ich nominiere Kang als Ersatz. Aber wir spielen alle 17 Staffeln. Und wenn du verlierst, dann gehört mir dein Fell.“ Das Schaf schluckte. „Und wenn Du verlierst, verlasst ihr den Planeten für immer und die Würmer können zurück ins Gebirge.“ Ich trat hinter dem Tresen hervor und legte meine Quizblöcke und die Sanduhr neben mich auf den Tisch. „20 Sekunden pro Frage“, sagte ich. „Ich notiere die Ergebnisse und Kodos ist der Regelwart.“ „Mach ich“, maulte Kodos. „Wenn ihr meine Schiedsrichterlinzenz sehen wollt, die hängt drüben an der Wand. Lehrgangszweitbester im letzten Jahr hinter Gesine Schlotterbeck. Diese blöden Streberin.“ „Es geht los!“, sagte ich. „Alien-Rote-Rosen-Kneipen-Quiz. Erste Runde: Wie heißt Alien-Clemens’ Winters erste Ehefrau in der 7. Staffel, bevor der merkt, dass er Gefühle für Alien-Susann hat und mit ihr, nachdem die sich von ihrem totgeglaubten Mann Alien-Roman getrennt hat, eine Teeplantage in Alien-Vietnam gründet?“ „Alien-Regina!“ dröhnte Gorgon wie aus der Schneepistole geschossen. Das Schaf wurde bleich. „Korrekt“, sagte ich und der Major klopfte anerkennend mit den Fingerknöcheln auf den Tresen. „Es ist natürlich dieselbe Alien-Regina, die vorher Zusammen mit Alien-Britta Berger, der Ärztin aus Leidenschaft, einen Medizinpreis für ihre Studie an Morbus Kensington gewinnt und die zwischendurch auch eine Affäre mit dem Meeresbiologen Thomas Alien-Janson hat.“ „Natürlich“, brummte Kodos. „Verdammt, Thomas!“ miaute die Katze. „Ersatzrunde! Ersatzrunde!“ „Ich beantrage Ersatzrunde“, sagte das Schaf. Es schaute entschuldigend zu der Katze hinüber. Kodos zog die Ersatzaufgabe aus dem Kartenstapel. „Alien-Montagsmaler!“ sagte er. Es stellte sich heraus, dass die Katze überhaupt nicht zeichnen konnte und das Schaf versuchte gar nicht erst, die Kritzelei der Katze am Flipchart zu erraten. „Zwillingsparadoxon“, zischte die Katze, als sie sich neben das Schaf setzte. „Die Lösung war Zwillingsparadoxon!“ „Du hast ein Gesicht gemalt!“ „Das sollte die Mona-Lisa sein. Und Mona und Lisa sind die Zwillinge bei Halo-Spencer!“ „Nächste Runde“, rief ich. „Aufgepasst: Was für einen Laden eröffnet Alien-Helen in der 14. Staffel?“ Wieder war der Drache schneller. „Cupcake—Laden“, brüllte er. Kang und der Major grinsten, aber dieses Mal gab sich das Schaf nicht so schnell zufrieden. „Falsch!“ mähte es. „Es ist genau genommen ein so genannter Cupcake-Pop-up-Laden.“ „Aber das ist doch das gleiche“ donnerte der Major. „Nein!“ rief Schrödinger. „Ein Laden ist ein Laden. Aber ein Pop-up-Laden ist ein Laden, den die jungen Alien-Leute heutzutage einfach mal schnell irgendwo eröffnen, wo eigentlich noch was anderes verkauft oder gemacht wird. Und wenn sie nach 2 Tagen merken, dass ihre Trendy-Hipster-Idee nur ein Haufen Scheiße ohne vernünftigen Business-Plan ist, schmeißen sie alles wieder hin, wandern nach Peru aus und eröffnen dort ein stinknormales Café. So wie Alien-Helen und Alien-Peer am Ende der 14. Staffel.“ Jetzt schauten alle auf Kodos. Der sah sehr gequält aus. „Denk an deine Schiedrichter Lizenz!“ mahnte ihn das Schaf. Das wirkte. „Fehler. Punkt für das Schaf. 1:1.“ Gorgon tobte! Sein Kopf schoss in die Höhe und eine der Feen-Lampen wurde fast zwischen seinem Schädel und der Zimmerdecke zerquetscht. „Hätte ich bloß diese verdammte Gesine Schlotterbeck nach Rigel geholt“, schrie der Major. Er musste sich merklich zusammenreißen, um Kodos nicht an die Gurgel zu gehen. Aber alle im Raum wussten, dass so etwas gegen alle Regeln der Galaxis verstoßen hätte: Das Quiz und seine Regeln stehen immer über den Belangen der Einzelnen. Kodos schüttelte sich: „Die letzte Runde entscheidet. Bereit?“ „Bereit.“ „Bereit.“ „Achtung: Doppelfrage. Alien-Marc und Alien-Alice verlassen am Ende der zweiten Staffel den Hautplaneten Demenz, um im Aldebaran-System Schafe zu züchten. Mit wem war Alien-Marc noch kurz vorher zusammen und warum hat er sich von ihr oder ihm dann doch getrennt?“ Zum ersten Mal konnte ich den Drachen wirklich verunsichert sehen. Es malte in seinem Hirn. Ich war mir sicher, dass er den Namen kannte. Aber kannte er auch den Trennungsgrund? Alle wussten, dass Fragen zu Motiven der Handelnden sehr tricky waren. Denn erstens wurden sie meist nicht explizit erklärt und zweitens waren sie nicht selten auch an den Alien-Haaren herbeigezogen, um einer Staffel noch ein Happy-End zu verpassen. Aber auch das Schaf schwankte. Und dann… sahen sich die beiden Kontrahenten an und brüllten absolut synchron: „Joker-Runde!“

Der Boden der Bar bebte, als draußen die Drachen landeten. Gorgon hatte nicht weniger als drei seiner Brüder als Joker benannt. Es war eine äußerst schwierige Übung, zumindest die Köpfe der drei in die Bar hineinzubekommen. Fenster splitterten. Ich würde im Anschluss viel reparieren müssen. Als der Joker des Schafs in die Bar kam, wurde es erneut mucksmäuschenstill in der Bar. Dick eingepackt in einen Schneeanzug kam eine junge Alien-Frau durch die Tür. Begleitet wurde sie von einem keifenden, zuckenden Fellball. Alle Anwesenden im Raum wussten sofort, wen sie hier vor sich hatten. Das Bild der jungen Alienfrau wurde seit Wochen über alle Streaming-Dienste der westlichen Galaxis gesendet. Es war die Hexe Beffaná. Wo immer sie und ihre Bande auftauchten, stifteten sie Chaos und Verzweiflung. Angeblich waren sie sogar der großen Leere entkommen und hatten Admiral Klumpatsch und seine 7. Raumflotte abgehängt. Das Schaf zwinkerte Beffaná zu. „Sie schenken hier ein sehr anständiges Wasser aus“, sagte es zu ihr und funkelte dann mich direkt an: „Für manche sogar im sauberen Glas.“ Ich leckte in Windeseile ein Glas aus, begab mich zurück an meinen Platz zur Sanduhr und wartete gespannt auf die Jokerfrage. Kodos mischte sorgfältig den Fragenstapel. „Die richtige Antwort eben wäre übrigens Cathrin Alien-Wadowski gewesen, die Frau, die Alien-Marc bei einem Raumschiffabsturz das Leben rettete.“ „Und der Grund für die Trennung“ fragte der Major. „Er hat gemerkt, dass er Dankbarkeit mit Liebe verwechselt hat.“ „Ich wusste es!“ brüllte der Drache. „Immer verwechseln diese verdammten Idioten Liebe und Dankbarkeit. Das ist doch einfach nicht zu fassen!“ „Ruhe jetzt bitte“, sagte Kodos und zog eine Quizfrage aus dem Stapel. „Das ist die entscheidende Frage. Maximal 60 Sekunden Zeit.Wer sie richtig beantwortet hat sofort gewonnen. Wer sie falsch beantwortet hat sofort verloren. Nicht antworten ist gegen die Regeln. Es zählt die schnellste Antwort. Beratung in der Gruppe ist erlaubt. Bereit?“ „Bereit!“ „Bereit.“ Die Drachenköpfe drängelten sich bis fast zu meinem Tresen. Ich konnte ihre heißen Atemwolken spüren. Auch das Team des Schafes und der Hexe wirkte angespannt.
„Also: Warum…“ „Oh verdammt, schon wieder eine Warum-Frage!“ zischte einer der Drachen. „Pssssst! Also: Warum gucken wir uns diesen Scheiß eigentlich jeden Tag wieder an?“ Die Hexe, und das ist die Wahrheit, ich schwöre, die Hexe antwortete schneller als ihr Schatten an der Wand: „Weil wir trotz all der Stereotypen die Identifikation grundlegender sozialer Dynamiken in seriellen Narrativen allein schon aus evolutionären Gründen interessant und relevant finden, weil wir die Protagonist:innen und ihr Handeln ständig im Rahmen sozialer Vergleichsprozesse mit uns selbst und unserem Leben abgleichen, was im Laufe der Zeit zur Manifestation von Empathie und para-sozialen Beziehungen führt und schließlich: Weil uns langweilig ist und wir die Kulisse und die Landschaftsbilder manchmal einfach toll finden! Potzblitz!“

Wieder regte sich niemand in der Bar. Selbst die Drachen hatten das Atmen eingestellt. Durch die offenen Fenster wehte eisige Luft herein und irgendwo weit draußen auf der Ebene der Winde begann der Jubel der Eiswürmer.