Beffaná 2021

Folge 15: Wo sind all die Popel hin?

Nun sitzen sie da. Und warten. Es ist gut, denkt Beffaná, dass Thomas sich dem roten Überriesen angenommen hat. Soll er sich die Zeit ruhig nehmen. Zeit haben sie wirklich mehr als genug.

Zeitreisen verändert die Perspektive auf die Dinge. Beffaná wollte Schrödinger schon darum bitten, einfach eimal 100 Jahre in die Zukunft zu …hm, fliegen, um zu schauen, ob Beteigeuze dann noch da ist. Sagt man das bei Zeitreisen? Fliegen? Wahrscheinlich heißt es einfach reisen. Schrödinger kennt wahrscheinlich auch irgendeinen wichtig klingenden Schwurbelfachbegriff, aber so kompliziert ist es ja nun auch nicht. Beffaná hat das Ding zwischendurch ja selbst gesteuert. Raumvektorhebel, Zeitvektorhebel, Relativitätsrelativierer. Letztlich ist es komplizierter, einen Besen zu steuern. Es gibt zwar weniger Hebel, aber die Balance ist wichtig… Wie auch immer, es ist wohl besser nicht nachschauen, ob Beteigeuze in 100 Jahren noch da ist. Wem soll das helfen? Nun sitzen sie also und warten. Der Planet, auf dem sie Thomas abgesetzt haben liegt direkt im Beteigeuze-System. Überraschenderweise ist er bewohnt und heißt Soror. Es wäre natürlich schön, ebenfalls kurz dazubleiben und ein bisschen frische Luft zu schnappen. Aber Zeitmaschinen und ihre Quantenwirbel erregen in einer Zivilisation schnell Aufsehen. Wenn in der Nähe des Landepunktes die Leute plötzlich beginnen, in Rekordzeit rückwärts zu altern oder eine Millionen Jahre Evolution zu überspringen, dann gibt das garantiert Ärger oder hochgezogene Augenbrauen. Außerdem: Frische Luft schnappen klappt hier sowieso nicht. Soror müffelt. Also haben sie Thomas mit seinem Funkgerät auf einem Berg zurückgelassen und machen Rast auf dem nächsten Mond von Soror, einem überraschend idyllischen Fleckchen Stein mitten im Weltall. Zwischen unzähligen Kratern flitzen grün leuchtende Kügelchen hin und her, über den Himmel spannt sich kilometerweit ein Bogen aus gefrorenem Gas und dahinter geht am Horizont gerade Beteigeuze auf. „Sind die grünen Dingelchen irgendwie gefährlich? Ich meine gefährlich für uns oder die Zeitmaschine?“ fragt Beffaná und Schrödinger zuckt mit den Achseln: „Wasser, verschiedene Salze, Proteine, und Muzine: Eiweiß-Mehrfachzucker-Verbindungrn. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen: Fliegender Schleim.“ „Schleim?“ „Schleim, Schnotten, Rotze, Popel, Mömmes, Popel.“ „Jeder Popel fährt ’n’ Opel“, wispert Fleur, aber extra leise, der Spruch ist selbst Ihr im Prinzip zu blöd. „Du sagst, wir haben es mit fliegendem Popel zu tun? Meinst Du das, Schrödinger?“ Aber statt der Zeitreiseekatze antwortet jemand anderes. „Angenehm, Meisenkaiser.“ Die Popel fliegen nicht nur, sie können offenbar auch sprechen. „Guten Tag“, sagt Beffaná. Ihr wird bewusst, dass sie als der Alien auf diesem Mond sich vielleicht erst mal vorstellen müsste. „Ich bin Beffaná, Beffaná Grimm. Bachelor in Interkultureller Regionalgeshichte. Von der Erde.“ „Meisenkaiser, wie gesagt“, antwortet ein schwebender grellgrüner Punkt direkt vor Beffanás Nase. „Ich bin amtierender Borkentruchsess und zweiter Prinzipal der drei Schnottenstollen. Darf ich fragen, was ihr hier tut?“ „Och, nix Besonderes“, sagt Beffaná. „Wir warten auf einen Freund unten auf dem Planeten.“ „Soso. Unten auf dem Planeten. Kommt bald wieder eine Ladung wie? Ich weiß nicht, wie die sich das vorstellen!“ „Was, vorstellen?“, fragt Beffaná. „Na, das mit der Popelpopulation hier auf Soror 3! Soll ich’s euch zeigen? Habt ihr ein bisschen Zeit?“ „Du hast ja keine Ahnung“, murmelt Beffaná. „Überhaupt keine Ahnung…“

Der grellgrüne Popel mit dem vollständigen Namen Meinhard Meisenkaiser fliegt ihnen ein Stückchen voraus. Immer wieder grüßt er vorbeifliegende andere Popel, die sofort anhalten und angeregte Gespräche mit dem zweiten Prinzipal beginnen. Beffaná und Schrödinger ist das ganz recht, denn mit ihren Raumanzügen kommen sie nur schwer voran. Zudem schleppen die beiden zusammen eine selbst gebaute Atemkapsel für Fleur, damit der Rattenkönig nicht wieder in der Zeitmaschine zurückbleiben muss. Als sie am Rande eines großen Kraters anhalten, stockt Beffaná der Atem. Der Krater ist dich gefüllt mit grün-schleimiger Rotze, aus der immer wieder große Blasen emporsteigen. Zerplatzt eine der Blasen an der Oberfläche, steigt ein Schwarm frischer, neongrüner Popel in den Himmel empor. Die anderen Popel in der Luft begrüßen die Neuankömmlinge, aber ihr Enthusiasmus hält sich eher in Grenzen. „Tja, Tag auch“, hört man und „Willkommen in der Hölle.“ „Was ist hier denn los?“ fragt Beffaná. „Das kommt halt davon“ grummelt Meinhard Meisenkaiser. „Fast jede Woche entsorgen die Riesenaffen von Soror ihren Popel in den Kratern der Monde. Und weil die Monde einen radioaktiven Kern haben, beginnt der Schnotten unten am Grund der Rotzeseen irgendwann zu leben. Das sind wir. Die Popel von Soror.“ „Die Popel von Soror?“ miaut Schrödinger. „Hört sich wie ein sehr schlechter Film an.“ „IST ein schlechter Film!“ zischt Meisenkaiser. “Schau dich mal um! Sieht du, wovon wir uns hier ernähren können?“ „Nein. Ich sehe nur Landschaft und Rotze“, entgegnet Schrödinger. „Eben!“, schnaubt Meisenkaiser. „Es gibt nichts es essen! Außer Schnotten. Wir müssen uns gegenseitig aufessen!“ „Das ist ja furchtbar“, ruft Beffaná. „Und es gibt keine Alternative?“ „Schnitten buttern statt Schnotten futtern?“, flüstert Fleur. Heute ist irgendwie nicht ihr Tag. „Die Jungen essen die Alten. So einfach ist das“, sagt Meisenkaiser. „Wir als gewählte Prinzipale sorgen für die Auswahl. Morgen bin ich selbst dran. Schade, es waren sehr schöne zwei Tage, die ich gelebt habe.“ „Und es gibt keine Alternative?“ ruft Beffaná. „Du musst wissen, es ist quasi meine Spezialität Lösungen für diese Art von Problemen zu finden.“ „Solange die Riesenaffen von Soror so riesige Mengen Popel produzieren, wüsste ich nicht, was du tun könntest“, murmelt Meisenkaiser. Dann erklärt er es ihnen etwas genauer: „Popeln ist eine Art Volkssport auf Soror. Popeln gilt als höflich und absolut notwendig, um in der Gesellschaft nicht verachtet zu werden. Dabei ist es weder nötig, noch ist es gesund. Im Gegenteil! Die Popelei erzeugt ungeheure gesellschaftliche Probleme. Das Gesundheitssystem kollabiert fast wegen der ganzen Nasenentzündungen. Die Popelberge sind riesig! Jede Woche starten Raumschiffe zu einem der Monde, um zumindest für ein bisschen Entlastung zu sorgen. Und die Leute auf Soror müssen essen und trinken ohne Ende, um immer genug Nachschub in der Nase zu haben! Unsere eigenen Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass die Gesellschaft auf Soror kurz vor einem Kipppunkt steht. Wenn sie noch zehn Jahre so weiter machen, dann ist es zu spät. Erst werden sie untergehen und wir sowieso!“ „Naja“, murmelt Schrödinger. „So wie ich das sehe, explodiert euer Stern sowieso in ein paar Jahren…“ Aber Beffaná bedeutet ihm zu schweigen. „So wie ich das sehe, braucht Ihr hier oben eine nicht-kannibalistische Ernährungsgrundlage und die da unten müssen mit der Popelei aufhören.“ „Nein!“ entgegnet Meisenkaiser. „Was wir brauchen sind Waffen! Wir werden die Affen mit Krieg überziehen und ihren Planeten unterwerfen! Und dank Euch haben wir jetzt die ultimative Massenvernichtungswaffe! Eine Zeitmaschine! Damit werden wir sie auslöschen!“ „Aber das ist Wahnsinn!“ ruft Beffaná. „Es gäbe Euch gar nicht ohne die Affen!“ „Und mit ihnen leiden wir“ entgegnet Meisenkaiser. „So können wir uns wenigstens wehren. Wir ziehen in den Kampf!“ Das Ufer und die Luft über dem Rotzesee hallt vom Kampfgeschrei der neongrünen, radioaktiven Popel wider. „Brrrrrr!“ Neben Beffaná explodiert Fleur fast in ihrer engen Kapsel. „Streicheln statt Strafen!“ zischt sie und versucht verzweifelt, aus der Kapsel herauszukommen. Das ist die Ablenkung, auf die Schrödinger gewartet hat.

(Zeitmaschinengeräusch).

Nun sitzen sie also und warten. Der Planet, auf dem sie Thomas abgesetzt haben liegt direkt im Beteigeuze-System. Überraschenderweise ist er bewohnt und heißt Soror. Eigentlich will Beffaná die Zeitmaschine, während sie auf Thomas warten, auf einem der Soror-Monde parken, um die lokale Zeitline nicht durcheinander zu bringen. Doch das nicht nicht notwendig. Die Bewohner von Soror scheinen Beffaná und die Crew der Zeitmaschine erwartet zu haben. Tatsächlich gibt es einen eigenen mit zehn Meter dickem Carbon ummantelten Hangar zum Abstellen der Zeitmaschine. Als Beffaná aussteigt atmet sie tief durch: „Herrlich, endlich wieder frische Luft zum Atmen!“ Als sie, Schrödinger und Fleur in der Stadt der Riesenaffen spazieren gehen, während Thomas sich mit seinem Funkgerät in die Berge verzogen hat, begegnen Ihnen immer wieder mobile Gesundheitsteams. Einer der umstehenden Affen klärt sie auf: „Das sind nur die Popelpräventionsteams. In unserer Religion gibt es sehr klare Regeln, dass Popeln eine schlechte Sache ist! Heutzutage nimmt das zwar niemand mehr besonders ernst, aber sollen sie doch ihre Flugblätter verteilen. Popeln ist eh uncool.“ „Interessant“, sagt Beffaná. „Was es nicht alles für Religionen gibt…“ „Ja“, sagt der Affe. „Und Schrödinger sei Dank ist die Anti-Popel-Regel sogar irgendwie sinnvoll. Unsere Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass uns die Popelei vor echte globale Probleme stellen würde.“ „Sagtest Du ‚Schrödinger sei Dank?‘“ Fragt Beffaná? „Ja, Schrödinger!“ Der Affe zeigt auf ein großes Gebäude am Ende der Straße. „Unsere wichtigste Gottheit! Der Gott der Coolheit und des Nichtpopelns.“ Beffaná funkelt böse ihren Reisebegleiter an: „Potzblitz! Was hast Du jetzt wieder angestellt, Katze?“ „Ehrlich Beffaná, es war wirkich die beste Lösung…!“ „Was heißt hier BESTE LÖSUNG? Warum haben die einen verdammten Gott nach dir benannt? Was hast du denen erzählt? Und was bedeutet diese Sache mit dem Popeln…?“