jein

es sei!

Heute fühlte ich mich einmal mehr irritierend gut regiert. Vom Bundesminister für Wirtschaft und Klima, der den Jahreswirtschaftsbericht vorlegte, ebenso wie vom Bundeskanzler und dessen besonnener – ja, eine überstrapazierte, aber dennoch richtige Vokabel – Haltung bezüglich der Panzerlieferungen.

Ich halte die Lieferung für richtig. Für ebenso richtig halte ich es aber auch, dass nicht binnen Tagen oder gar Stunden entschieden wurde, Kriegsgerät gen Osten zu schicken. Die Bundesrepublik ist im Kern ihrer politischen Kultur noch ein pazifistisches, unmilitärisches Land und das halte ich für gut und richtig so. Lese ich von einer angeblichen Irritation bei den Alliierten und Partnern, so hoffe ich, dass dies Ausdruck diplomatischer Ränke und keine ehrliche Haltung ist. Alles andere hielte ich für unverständlich.

An der wirtschaftlichen Entwicklung – CW: Ich finde Wachstum gut – lässt sich ein Befund ablesen, den ich gerade in Deutschland so oft bestätigt finde: Schwarzmalerei und „Schlimmfinden“ haben hier permanente Hochkonjunktur. Woran das liegt und ob es wirklich typisch deutsch ist, weiß ich nicht, würde mir aber wünschen, dass man mit diesem Wissen das nächste Aufregerthema direkt im Ansatz wieder runterkochen könnte – wenn nicht publizistisch, dann wenigstens mental.

Es ist ein ungewöhnlicher und sicher vorübergehender Zustand, sich gut regiert zu fühlen. Regierungen sind dafür da, die Themen abzuarbeiten, für die es gerade keinen gesellschaftlichen Konsens gibt. Daher operieren sie ja ständig im Modus des Kompromisses. Dass ich mich gerade auf der gefühlt guten Seite der Kompromisse wiederfinde, ist sicher Zufall und Glück geschuldet.

Ich bin mal wieder an diesem Punkt, den ich eigentlich anstrebe: Die Bücher sind gelesen, die Zeitung auch, der Feedreader ist leer, die Podcasts sind gehört, die Serien geschaut. Jetzt könnte ich selbst etwas beginnen, beispielsweise schreiben. Oder einfach mal selbstauferlegte Medienabstinenz und meditative Langeweile pflegen. Allein, die Leere beunruhigt mich. Hätte ich ein Buch griffbereit, ich fühlte mich wohler.

Das ist natürlich alles Unsinn und ein Luxusproblem, aber interessant finde ich, dass ich mich schon sehr lange nicht mehr gelangweilt habe, zuletzt womöglich als Kind – da aber in meiner subjektiven Erinnerung sehr oft. Heute liest man (irgendwo, ich habe keine Quelle parat), wie wichtig Langeweile sei. Verräterisch auch, wie ich sie oben direkt mit Meditation in Verbindung bringe.

Immerhin habe ich nun etwas geschrieben. Jetzt schaue ich die Wand an.

Ich lade eine Audacity-Session vom 28. Dezember, die zwei Spuren von rund zehn Minuten Länge enthält. Sie sind mit der abwegigen Lärmsoftware Samplebrain von Aphex Twin entstanden. Die Samples stammen aus einer vor rund zwanzig Jahren entstandenen Komposition, die ich auf einer alten Festplatte wiedergefunden habe. Das Erzeugnis vom 28. Dezember hat nicht das geringste mit diesen zu tun.

Ich separiere die interessanteren von den zu abstoßenden Passagen der beiden Spuren, stelle neue her, die ich zueinander verschiebe, lasse hier einen Part aus-, dort wieder einen einfaden, verändere Tonhöhen, füge Hall hinzu. Nichts davon folgt einem Plan. Das Vergnügen ist allein meinerseits.

Ich schreibe einige Zeilen auf, die ich mit dem entstehenden Stück assoziiere.

Das stete Unausgeruhtsein. Die morgendlichen Zweifel. Der Unvernunft.

So oder so oder so wird es heißen. Es ist Der Unvernunft.

Hin- und Rückfahrt bei kaltem Regen: Sehr erfrischend.

Ich lese Artikel aus dem Themenfeld der Policy Diffusion, das untersucht, warum Policies in anderen Ländern kopiert werden und andere nicht. Mein bevorzugtes Beispiel ist niederländische Verkehrspolitik, aber man könnte auch portugiesische Drogenpolitik und vieles andere anführen.

Zugleich gibt es natürlich Beispiele, in denen Policy Diffusion durchaus passiert, etwa wenn Länder eine Industriepolitik wie die USA mit dem Inflation Reduction Act praktizieren, um Unternehmen von der Abwanderung abzuhalten. Nur geschieht das unter Konkurrenzbedingungen und das ist bei den obigen, schönen Beispielen in der Regel nicht gemeint.

Vielmehr scheint es darum zu gehen, dass der lösungsorientierte Staat sich doch einfach nur umschauen müsste, und dann sehen würde, dass die niederländische Verkehrspolitik, um bei meinem bevorzugten Beispiel zu bleiben, gut ist, und sie anschließend nachzuahmen.

Dieser Wunsch nach Lösungsorientierung des Staates scheint mir sehr verbreitet zu sein, gerade auch im Kontext der Klima- und Umweltpolitik, aber auch weit darüber hinaus. Er ist eng verwoben mit dem Glauben, es gäbe eine offenkundig richtige Lösung, sie läge gleichsam auf der Straße, entspränge einem gesunden Menschenverstand oder ähnlichem und es haperte lediglich an der Umsetzung.

Allerdings ist der Staat in seiner, ist Politik in ihrer grundlegenden Architektur gar nicht auf die Lösung von Problemen hin konzipiert. Dagegen sprechen die stets zu kurzen Wahlperioden, die dem Gesetzgeber ja bekanntlich langfristiges Denken verunmöglichen, so das Lamento. Dagegen sprechen Gewaltenteilung und Rechtsstaat, die einen Staat zwingen, das letztinstanzlich ausgeurteilte Recht eines Unternehmens hinzunehmen.

Es gibt gute Gründe zu glauben, dass der Staat Probleme zu lösen haben. Das entspringt der Wohlfahrtsstaatlichkeit, der Art, wie Parteien, Politikerinnen und Politiker kommunizieren und der eingeübten politischen Praxis in modernen Demokratien.

Aber das sind alles bis auf Weiteres Thesen und Denkrichtungen, die sich bewähren müssen. Daher lese ich ja auch Artikel zum Thema.

Ich möchte hier alleine schon deshalb ständig bloggen, weil die Oberfläche so herrlich ist. Schwarz auf weiß, schnörkellos, die wenigen Icons dezent ausgegraut, bis man sie benötigt. Besser als „Medium“ jemals gewesen sein wird, behaupte ich.

Am schönsten ist ein Artikel ja unmittelbar vor dem Klick auf das Veröffentlichen, wenn er eigentlich fertig ist, aber noch fortgesetzt werden könnte. Vielleicht ist das besonders sinnbildlich für die Entscheidung:

Die Entscheidung ist vor der Entscheidung eine andere als nach der Entscheidung.

Sehr durchdacht und außergewöhnlich finde ich auch die Möglichkeit, hier bei write.as einzustellen, wie die Beiträge dargestellt werden sollen. Es gibt drei Möglichkeiten:

  • Blog: Dates are shown. Latest posts listed first.
  • Novel: No dates shown. Oldest posts first.
  • Notebook: No dates shown. Latest posts first.

Ich glaube, ich stelle dieses Blog gleich auf Notebook.

Der überwältigende Einfluss für die Entstehung des Westens ging vom Christentum aus, sagt der britische Historiker Tom Holland, der ein Buch zum Thema geschrieben hat, im FR-Gespräch mit Michael Hesse

Das ist so ein Satz (aus dem Perlentaucher), an dem ich immer länger herumkauen kann, je mehr ich drüber nachdenke. Was heißt denn „ging vom Christentum aus“? Hat das Christentum (was ist das? Wer? die „Entstehung des Westens“ (wo genau ist das? Was heißt Entstehung?) beabsichtigt? War sie dessen Plan oder Ziel? Sicher nicht.

Geht es letztlich nur um die immer gleiche Pfadabhängigkeit, in der „Dinge“ aus den „Dingen“ hervorgehen, die vor ihnen bestanden, wobei jedes Verb, sei es „hervorgehen“ oder „entstehen“ überhaupt nichts erhellt?

Sicherlich tue ich dem Herren Tom Holland, dessen Interview der Perlentaucher ja auch lediglich paraphrasierte, höchst unrecht – und auch der oben zitierte Abschnitt ist im Original viel länger –, aber solche Sätze machen mich inzwischen dann doch sehr unruhig. Sie sind ja auch endemisch: Stets wird von hoch abstrakten Dingen wie dem „Kapitalismus“ gesprochen, diese werden mich verunklarenden Verben zueinander in Beziehung gesetzt und die Weltbeschreibung ist so unbrauchbarer als je zuvor.

Ich weiß inzwischen zu schätzen, dass Niklas Luhmann jegliche Ontologie (die Rede von Dingen) aufgeben und gegen Unterscheidungen austauschen wollte. Ich müsste es nur beherzigen.

Heute war ich zum ersten Mal in diesem Jahr Blut spenden. Das ist der einzige Anlass, aus dem ich mich regelmäßig in die „Ruhrpark“ genannte hiesige Shopping Mall begebe, denn dort hat das Rote Kreuz seine Räumlichkeiten angemietet.

Ich fahre dort mit Öffentlichen hin, was zwar zeitraubend, aber nicht unangenehm ist. Ich bin inzwischen so selten abseits des Fahrrads oder der eigenen Füße unterwegs, dass ich die Eindrücke und das Gefühl des Gefahrenwerdens eher schätze.

Ich höre Musik von Kali Malone:

In the spring of 2020, the three artists were locked down together in Berlin. During that time, they began to make music at Berlin Funkhaus and MONOM and ended up making Does Spring Hide Its Joy, which features Malone on 72 sine wave oscillators, Railton on cello, and O’Malley on guitar.

Die Entropie rund um den Home Office-Arbeitsplatz – vor allem die überall hervorlugenden Kabel – haben mich veranlasst, den Schreibtisch und das Drumherum nicht nur aufzuräumen, sondern auch einige Anschaffungen zu tätigen, die nun leider in den nächsten vier bis fünf Werktagen nacheinander einzutrudeln drohen. Es bleibt einem auch nichts erspart.

Ansonsten war heute nichts. Ich war nicht einmal draußen, zu schlecht was das Wetter. Letzte Woche bin ich einmal bei Regen im Regenzeug eine dreiviertel Stunde draußen unterwegs gewesen, aber das ist ja auch nichts. Nun droht die Ruhr schon wieder Hochwasserpegel zu erreichen.

Vor ein paar Tagen hatte ich mir etliche Radiosendungen mit Musik gebookmarkt, denn Podcasts und Musik scheint mir so eine Art Leerstelle zu sein. Funktioniert vielleicht lizenzrechtlich nicht, keine Ahnung. Jedenfalls läuft hier gerade die jüngste Episode der Sendung Freaks Only von Travis Holcombe auf KCRW. So richtig wie Radio, wo man nicht weiß, was als nächstes kommt, aber auch wärmer und humaner als so eine Tidal-Playlist. Sehr schön …

Ich müsste mal wieder mehr Fotos machen.

Wollte ich unfair sein, so würde ich Adrienne Fichter unterstellen, sie könne sich von ihren rund 16.700 Twitter-Followern so schwer trennen. Ihr Text für republik.ch (https://www.republik.ch/2022/11/25/twitter-darf-nicht-sterben) operiert nämlich mit einer bombastischen Kernthese:

„Twitter hat schon längst den tipping point überschritten: den Zeitpunkt, an dem der Kurznachrichtendienst systemrelevant geworden ist für die globale Öffentlichkeit.“

Diese These bleibt weitgehend unbelegt – es wird auch nicht erklärt, wie man diese Systemrelevanz feststellen könne (typisch für solche Begriffe aus der politischen Überwältigungslyrik), geschweige denn, wie sie sich falsifizieren, also widerlegen ließe.

Bestätigungsfehler

Twitter sei ein zentraler digitaler Ort, „wo wir von den Protesten im Iran oder dem Krieg in der Ukraine aus erster Hand erfahren würden“.

Was aber ist mit Konflikten, von denen wir nicht auf Twitter erfahren? Wo sind die Tweets und Accounts aus Äthiopien und der Tigray-Region, um nur einen der jüngsten Konflikte auf der Welt zu nennen? Tatsächlich genügt es in der Regel, eine aktuelle Ausgabe eines guten journalistischen Produktes durchzublättern, um eine Vielzahl an Themen vorzufinden, die bei Twitter nicht oder nur in verschwindend geringer Zahl berichtet werden. Die Themen, die selbst darin nicht behandelt werden, kommen noch hinzu.

So formuliert Fichter ungewollt einen Bestätigungsfehler: Natürlich erfahren wir auf Twitter von den Konflikten, von denen wir auf Twitter erfahren. Von den übrigen aber nicht. Das ist per se nicht schlimm: Kein Medium leistet einen Vollüberblick, die wenigsten würden sich aber auch als zentrale Orte bezeichnen.

Rechenschaft ohne Rechenschaft

Mit der durch Twitter geschaffenen Öffentlichkeit sei zudem accountability – also „Rechenschaftspflicht“ – geschaffen worden: Entscheidungsträger könnten für ihre Aussagen zur Verantwortung gezogen werden. Beispiele hierfür lassen sich in der Tat aufzählen. Aber sie genügen nicht, um von einer verlässlichen Rechenschaft zu sprechen, geschweige denn einer „Pflicht“. Zu leicht ist es, Tweets zu löschen, zu unverbindlich ist die Teilnahme am Netzwerk, zu unzuverlässig dessen künftiger Bestand. Unverlässliche Rechenschaft ist aber in der Konsequenz: keine Rechenschaft.

Sodann schildert die Autorin kritisch die sogenannte „Messengerisierung“ anderer Netzwerke wie Facebook mit einer bemerkenswerten Konsequenz:

Relevante und wissens­werte Kommunikation von Bürgerinnen, Firmen, NGOs, Verbänden und politischen Entscheidungs­trägern verschwindet mehr und mehr in private digitale Räume. Und ist damit für Aussenstehende nicht mehr nach­vollziehbar.

Das halte ich offen gesagt für blühenden Unsinn. Politik, Verbände und NGOs haben auch nach 2014 weiterhin fließig in die öffentlichen Netzwerke wie Twitter gepostet, die wurden ja nicht durch Messenger ersetzt.

Zur Abrundung dieses Verrisses möchte ich mit einer nicht minder abwegigen These gegenhalten: Twitter ist ein Unterhaltungsmedium, das sich erfolgreich als Informationsmedium tarnt. Seit dem Flugzeug, das im Hudson landete, hat Twitter erfolgreich für sich diesen Status des irrsinnig schnellen Informationsmediums aufrechterhalten und ausbauen können. Wie das gelang, ist mir weitgehend ein Rätsel. Aber es fühlte sich sicher besser an, das mindless scrolling als Information zu verklären.

Ich schreibe einen Beitrag bei write.as, um nach Veröffentlichung zu testen, ob und wie sich dieser bei Mastodon sehen und gegebenenfalls kommentieren lässt.

Damit hinreichend viele Zeichen (am besten mehr als fünfhundert) zusammenkommen, schreibe ich noch ein paar Worte mehr. Und Sätze. Und Absätze.

Zumindest diesen einen noch. Dann klicke ich gleich auf Publish. Dieses Interface ist aber auch wirklich sehr schön.