Wald und Höhle

Ein paar Bemerkungen zur Unendlichen Geschichte

1 Meine Tochter ist jetzt in dem Alter, wo sie ein dickes Buch nach dem anderen einfach so wegfrisst und in sich hineinliest, so dass man mit dem Bücherkaufen kaum noch nachkommt, bzw. einem die Ideen ausgehen, was man dem kleinen, noch nicht alphabetisierten Bruder als Kompensationsgeschenk überreichen könnte, wenn die Schwester schon wieder drei Bücher kriegt usw., ihr kennt das ja. Und als sie dann neulich wieder einmal klagte, kein Buch mehr zu haben, zog ich eben die Unendliche Geschichte aus dem Regal, das alte Exemplar aus meiner Kindheit noch, und wünschte ihr viel Spaß damit. Und sie nahm es und fing an zu lesen.

2 Was für ein wichtiges Buch das einmal für mich war. Wie ich durch dieses Buch das Lesen nochmal neu lernte. Wie ich die Figuren dieses Buches liebte, ihren Weg verfolgte: Bastian, Atréju, die Kindliche Kaiserin, der Glücksdrache Fuchur. Die ganze Welt: Phantásien.

3 Sie las das dann in wenigen Tagen durch, und fast hätten wir nicht drüber geredet, wenn nicht mein Fahrradsturz dazwischen gekommen wäre. Pfingstmontag haute es mich vom Rad, und tags darauf konnte ich mich nicht mehr rühren, jede Bewegung ein Schmerz, bei schönstem Wetter war ich bewegungslos ans Sofa gefesselt und die Unendliche Geschichte lag noch wie ein großes Fragezeichen auf dem Tisch rum, also griff ich sie auf, und las sie selber nochmal.

4 Erste Erkenntnis: Das Buch stinkt. Ich las es als nichtrauchendes Kind, dann schleppte ich es durch meine gesamten Raucherjahre mit hindurch, durch wieviele Wohnungen, durch wieviele Städte, ich selbst qualmte es voll, und jetzt, wo ich es wiederlese und gerade erst wieder in einen Nichtraucher zurückverwandelt bin, fällt diese gesamte Geschichte auf mich zurück, in einem Geruch, in einem Gestank, Seite für Seite.

5 Aber zum Inhalt: Die Identität von Bastian und Atréju wird deutlich klar, als Atréju im Zauberspiegel sein wahres Ich sieht: Bastian, der im Schulspeicher das Buch liest. Vom Zauberspiegel war ja gesagt worden, er zeige das wahre innere Ich. Gleichzeitig erleben wir aber Bastian als einen, der einfach ein Buch liest, und sich dementsprechend ganz normal mit dem Protagonisten des Buches identifiziert: Atréju. Das wahre innere Ich der Helden war also immer schon der Leser selbst. Wenn es also im zweiten Teil zum Konflikt zwischen Bastian und Atréju kommt, ist das im Grunde ein schizoider Akt der Persönlichkeitsspaltung, und es ist eigentlich logisch, dass die Phantasiegestalt Atréju ihre moralische Integrität wahrt, während der echte Mensch Bastian in den Größenwahn abdriftet.

6 Nun ist aber der echte Mensch Bastian in Wahrheit ja auch wieder „nur“ eine Figur in einem Buch, „nur“ eine von einem Autor ausgedachte Puppe – und genau das ist der Punkt, an dem die Geschichte unendlich wird, denn der Leser, der die Bastianpuppe durch seine lesende Identifikation belebt – dieser Leser bin ja ich! Oder letzte Woche meine Tochter. Oder der oder die oder eben fast jeder, wer hat die Unendliche Geschichte nicht irgendwann mal in seinem Leben gelesen? Und im Indianerjungen Atréju, der vom auf dem Schulspeicher lesenden Bastian belebt wird, reaktivieren sich andererseits eben genau meine gesammelten Lektüren von Indianergeschichten usw. Die Verkomplizierung der Beziehung „Leser – Figur“ zu einer Triade „Leser – Lesende Figur – Figur“ erinnert an Peirce, der aus der zweistelligen Abbildfunktion Objekt – Zeichen auch eine Triade machte und so unendliche Zeichenprozesse in Gang setzte.

7 Im Grunde ist die Unendliche Geschichte ein Buch über die Transformation eines Lesers in einen Autor. Über den Übergang vom Lesen zum Schreiben. Und in dieser märchenhaften Parabel ist es eben ein- und dasselbe Buch, das Bastian ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter lesen kann, wenn er es nicht selber weiter schreibt. Und dieser bestimmte Punkt – Bastians Hineingleiten in die Geschichte – wird einerseits als unvermeidlich dargestellt, andererseits aber auch als Sündenfall. Bastian verliert die Haftung an die wirkliche Welt in dem Maße, wie er merkt, dass er in der phantásischen Welt alles so gestalten kann, wie er will. Die Welt ist beliebig formbar, Resultat ist Bastians Größenwahn, seine charakterliche Verschlechterung bis hin zu dem Punkt, da er sich selbst zum Kaiser von Phantásien krönen will, und dann Krieg führen muss gegen sein Alter Ego Atréju. Die Unendliche Geschichte daher als Hymne auf die Grenzenlosigkeit der Phantasie zu lesen – was, soviel ich sehe, die Standardinterpretation des Buches darstellt – ist vollkommen falsch. Im Gegenteil schien mir das Bild der Alten Kaiser Stadt, wo all die Menschen landen, die sich so tief in die Phantasiewelt hinein verstrickt haben, dass sie nicht mehr wieder hinaus finden, das eindrücklichste des ganzen Buches: Wahnsinnige, die unter Anleitung eines Affens mit Buchstabenwürfeln sinnlose Worte in den Staub werfen.

8 Genauso falsch ist daher die ebenso weit verbreitete Annahme, es handle sich bei der Unendlichen Geschichte um einen Hymnus auf das Lesen und die Bücher. Es wird ausdrücklich betont, es gebe noch andere Wege nach Phantásien, nicht nur Bücher. Von der Kindlichen Kaiserin wird erzählt, sie stehe mit den Buchstaben auf Kriegsfuß und Hauptheld Atréju ist Analphabet. Dazu passt, das Michael Ende in dem einzigen Interview mit ihm, das ich auf YouTube finden konnte – eine Gesprächssendung mit Joachim Fuchsberger – ausdrücklich betont, wie ungern er schreibe. Mir unerklärlich, warum Fuchsberger hier nicht nachfragte: Der Erfolgsautor, der das Schreiben hasst? Darüber hätte ich gern noch Näheres erfahren.

9 Was mir als Kind schon auffiel, und jetzt wieder, ist die förmliche Besessenheit des Buches von Namen und dem Akt des Benennens. Immer wieder erschafft Bastian Dinge, indem er sie einfach benennt, beziehungsweise durch die Benennung erhalten die Dinge gewisse magische Eigenschaften etc. Und der ganze innerste Kern der Geschichte ist ja die Kindliche Kaiserin, die einen neuen Namen braucht. Gewisse romantische Vorstellungen scheinen hier fortzuwirken, es schlafe ein Lied in den Dingen, das nur hörbar werde, wenn einer das richtige Zauberwort sagt. Ich hingegen war da als Kind schon skeptisch: Warum ausgerechnet Mondenkind? Warum nicht Sternenstaub, Sonnenkranz oder Planetenbraut?

10 Was man als Kind unmöglich sehen kann, sind die literarischen Einflüsse, aus denen Ende sich bedient. Natürlich ist es erstmal ein Rundumschlag durch sämtliche Märchen- und Sagenwelten, die ganze Struktur des Buches verweist in ihrer Stationenhaftigkeit auf mittelalterliches Erzählen. Dann aber auch – für den erwachsenen Leser unübersehbar – der Einfluss von Borges. All die Labyrinthe, Zauberspiegel, allsichtbarmachenden Leuchtsteine. Nicht zuletzt die ganze Idee eines Buches, das sich langsam in Wirklichkeit verwandelt, das sich die Wirklichkeit gleichsam anverwandelt, verweist meines Erachtens deutlich auf Tlön. Vielleicht daher die überwältigenden Offenbarungsgefühle, als ich vor vielen Jahren Borges für mich entdeckte, weil das auch eine Heimkehr in schon einmal als Kind bereiste Lesewelten war.

11 Meine Tochter ist inzwischen weitergereist zu Alea Aquarius, eine Art moderne Meerjungfrau, wenn ich sie richtig verstanden habe. Mir selber habe ich Momo bestellt. Schenk ich ihr dann wieder, wenn ich durch bin.