Zettelwerk

Chrologisch geordnete Notizen zur Literatur, zum Schreiben und zur Erinnerungskultur. Das, was sonst nirgends Platz hat.

Seit dem Erscheinen von No Man's Sky spiele ich dieses Spiel von Hello Games. Nein, ich bin kein Nerd. In den meisten Fällen beginne ich mich mit zunehmendem Spielefortschritt am Computer zu langweilen – zu flach und voraussehbar sind für mich die meisten der Produkte auf dem Markt. Leer und müde logge ich mich dann oft aus, mit dem Gefühl, einen Teil meiner Lebenszeit sinnlos verschwendet zu haben. Zeitvertreib war nie so mein Ding.

Mit diesem Spiel ist es anders. Schon damals, als kurz nach Erscheinen von No Man'S Sky der von der von den Medien künstlich gezüchtete “Mega – Hype” um die procedural erzeugten Welten der Weltraumerkundung in sich zusammenbrach, blieb mein Interesse für diese Art von Spiel bestehen. Bis heute spiele ich es, nimmermüde vom Betrachten und Entdecken der Planetensysteme, nimmermüde am Entdeckergeist in mir, der auch “Virtuelles” gerne spielerisch erforschen mag. Meine diesbezügliche Neugier scheint unerschöpflich. Es ist ein wunderbares Gefühl in neue Welten einzutauchen!

Dabei ist die Spielemechanik so unterschiedlich nicht von dem, was Spielewelten normalerweise so bewegt: Craften, Kämpfen, Bauen, Entdecken und Überleben sind auch anderswo die Grundbestandteile des Gamings. Aber dabei eine neue Welt zu entdecken, eine fast schon jüngfräuliche, das ist natürlich etwas, was mich besonders zu begeistern vermag. Die Technik in SciFi-Romanen hat mich meist nie wirklich interessiert, das ist auch beim Gaming so. Damit verhält sich NMS auch sehr zurückhalten. Dafür protzt es aber mit der Farbenwelt und der Vielfalt von Tektonik, Flora, Fauna und NPCs und bietet uns noch dazu an, die gemachten Entdeckungen zu systematisieren. Damit, so denke ich, wird uns ein Instrument an die Hand gegeben, die (künstlich erzeugte) Welt zu systematisieren. Dabei bleibt es sich fast gleich, ob die Entdeckungen in der Realität existieren oder nicht.

Ich habe micht in letzter Zeit sehr viel mit der Welt der Pilze beschäftigt und auch viel dazu gezeichnet. Deshalb hat sich auch beim Spielen von NMS mein Fokus sehr stark auf sie gerichtet. Wer mir auf Mastadon folgt, wird sich anhand meiner gemachten Entdeckungen in der nächsten Zeit davon überzeugen können. Das sei als Warnung gedacht, für alle diejenigen unter meiner LeserInnen, die Spiele eigentlich nicht mögen. Aber wie sagt schon Friedrich Schiller im 15. Brief seiner “Ästhetischen Erziehung”:

Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Das ist natürlich ein Stück weit Legitimierung der eigenen Absichten. Und dann noch der weit weniger zitierte Passus, der mich als Spielenden von NMS immer beseelt:

In sich selbst ruhet und wohnt die ganze Gestalt, eine völlig geschlossene Schöpfung, und als wenn sie jenseits des Raumes wäre, ohne Nachgeben, ohne Widerstand; da ist keine Kraft, die mit Kräften kämpfte, keine Blöße, wo die Zeitlichkeit einbrechen könnte. Durch jenes unwiderstehlich ergriffen und angezogen, durch dieses in der Ferne gehalten, befinden wir uns zugleich in dem Zustand der höchsten Ruhe und der höchsten Bewegung, und es entsteht jene wunderbare Rührung, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat.


#Fungi #NMS #Gaming

Man kann Texte über das Ende der Menschheit nur schreiben, wenn man sich nicht mehr in die Zukunft projiziert: nicht sich, nicht die eigenen Kinder, nicht die Enkelkinder. Wenn man also mit der Zukunft dieser Welt restlos abgeschlossen und sich selbst völlig objektiviert hat, zudem kein Mitleid mehr mit dieser Menscheit empfindet, mit ihrem Leiden im Untergang und den Verwerfungen, die die Apokalypse hervorrufen wird. Das Schreiben über das Post.Anthropozän IST schon Teil des Untergangs, ist die Entfremdung, ist Apokalypse Now.


#Jura #Post.Anthropozän

Besser versteht man das Buch von Octaiva E. Butler: Die Parabel vom Sämann (1995), wenn man eben dieses Gleichnis in der Bibel aufsucht und zu begreifen beginnt, welche Auseinandersetzungen der Heldin des Romanes bevorstehen.

Das Evangelium nach Markus, Kapitel 41ff.

Und er fing abermals an, am Meer zu lehren. Und es versammelte sich eine so große Menge bei ihm, dass er in ein Boot stieg, das im Wasser lag, und er setzte sich; und alles Volk stand auf dem Lande am Meer. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

Das Gleichnis vom Sämann

Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen's auf. Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten's, und es brachte keine Frucht. Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Vom Sinn der Gleichnisse

Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.

Die Deutung des Gleichnisses

Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? Der Sämann sät das Wort. Diese aber sind es, die an dem Wege sind: Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war. Und diese sind es, die auf felsigen Boden gesät sind: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so kommen sie alsbald zu Fall. Und andere sind es, die unter die Dornen gesät sind: Die haben das Wort gehört, und die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Und jene sind es, die auf das gute Land gesät sind: Die hören das Wort und nehmen's an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.


#Bibel #Literatur #OctaviaEButler

Ein Gedicht von Etel Adnan, gefunden beim Kaffeehaussitzer

The morning after my death we will sit in cafés but I will not be there I will not be


#Gedicht #Fundstücke #Tod

#Jura #Literatur #Post.Anthropozän Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse

(5) Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen. Dieses Paradigma gilt natürlich auch für Donna J. Garaways Beegrifflichkeit vom Chtuluzän.:

Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)

ist bei Rosa Kissel zu lesen.

(6) Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese “Fehlleistung” der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?

(7) Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa VHEMT, die sich hymnisch und problemlösend gebende Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.

#Jura #Literatur #Post.Anthropozän

Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?

(0) Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die grüne Wüste nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.

Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.

(1) Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das “Denken” (die “Intelligenz”) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich Gleiter fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?

(2) Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten “rationalen” Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem Wie lange?. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?

(3) Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.

(4) Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné – aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.

(Fortsetzung folgt)

Die Kirche in Rosureux ist der Heiligen Fides von Agen (Sainte Foy) geweiht. Ich betrete die Kirche und mache einen skurrilen Fund.

Man möchte meinen, dass die Kirche auf dem kleinen, zentralen Platz in Rosureux schon über Jahrhunderte ihren Platz behauptet hätte, so archaisch erscheint die Architektur des gesamten Ortes. Ein steinernes Zeugnis sei die Kirche für den längst verschwundenen Glauben der Bevölkerung, für seinen Aberglauben an die Wundertätigkeit eines kleinen Mädchens aus Aquitanien. Doch wir täuschen uns und die Chronik des Ortes belehrt uns eines Besseren. Die Kirche stammt aus dem Jahr 1779, davor stand hier eine Kapelle aus dem 16. Jahrhundert, der Glockenturm wurde einige Jahre später, im Jahr 1781, errichtet. Dann aber zerstörten zwei Brände, nämlich 1834 und 1952 die Kirche völlig, sodass sie jeweils zwei Jahre später im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut werden musste. Die Kirche ist also nicht viel älter als der Verfasser dieser Zeilen, was eine Art Verbindung zwischen beiden schmiedet. Jung also, und alt zugleich: eine Lebensbegleiterin an entlegener, bislang unbekannter Stelle: im Herzen eines tief eingeschnittenen Tales mitten in der grünen Wildnis des Jura. Aufgrund der den Dingen innewohnenden Einfachheit wirkt hier alles älter, traditioneller, ursprünglicher. Sind wir zur Einfachheit des Lebens zuückgekehrt?

Dennoch widerfährt dem Besucher beim Betreten der Kirche etwas, was zunächst ehrfürchtiges Schaudern, dann aber so etwas historische Differenz hervorruft. Im Inneren der sehr einfach gehaltenen Kirche von Rosuraux findet sich ein kleiner gläserner Kasten, in der die Gestalt der Heiligen Fides von Agen aufgebahrt liegt. Ein Reliquiar in Form eines Sarges. Die Kirche ist ihr geweiht, vor dem Gotteshaus befindet sich ein gemauerter Brunnen, der in seiner Mitte eine Steinskulptur der Heiligen trägt. Die aufgebahrte Heilige im Inneren der Kirche aber fesselt meine Aufmerksamkeit, spekuliert sie doch mit dem morbiden Charme eines toten Kindes.

Also eben keine Reliquie, sondern eine Puppe in diesem etwa 150 cm langen Sarg, nicht älter als fünfzig, sechzig Jahre. Den Sargdeckel tragen stilisierte klassizistische Säulchen aus mit Goldfarbe gemalten Holz, dazwischen Glas, um den Blick auf das am Rücken liegende Mädchen Mädchen freizugeben. Gebettet wurde es auf einer weissen Matratze und zwei Kissen, die ihren Kopf stützen. Sainte Foy ist mit einem langen pinkfarbenen und mit Spitzen geschmückten Gewand bekleidet, trägt Sandalen und einen goldfarbenen Haarring. Das Haar selbst scheint echtes Haar zu sein, gekämmt fällt es über die Schultern. Woher wurde es genommen, von wem stammt es? Gruselig auch die Augen, die noch halbgeöffnet und nach oben verdreht sind. Zwischen rechter Hand und Oberkörper ist ein goldener Strab abgebildet, welcher wohl die *Märtyrerpalme” versinnbildlichen soll. Die Rückseite des Sarges ist mit purpurnem Samt ausgekleidet, ein filigranes Kreuz auf einer Halskette hängt dort, als hätte es dem Kind von einst gehört.

Da liegt es nun, das unschuldige Kind von 15 Jahren, dass sich gegen die Tradition und für einen neuen, frischen Glauben entschieden hat und welches dafür den heidnischen Göttern geopfert werden musste. Wir schreiben das 4. Jahrhundert, genauer den 6. Oktober 303 und wir befinden uns in AGEN, einem Ort im Südosten Frankreichs. Der Legende nach war dieses Kind ein Mädchen aus vornehmer Familie und sollte, vor den römischen Statthalter Datianus zitiert, der heidnischen Göttin Diana ihre Tribut zollen, so wie es damals dem Alter und den Gebräuchen entsprach. In einem besonderem Ritus und unter der Verwendung von Weihrauch sollte sie dem im römischen Reich weitverbreiteten Dianakult ihre Referenz erweisen. Doch diesem Initiationsritus entschlug sie sich der Legende nach standhaft mit dem Verweis auf die Dämonen, die hinter den römischen Göttern stünden. Allein ihrem christlichen Herren wolle sie dienen, den Dämonen der alten Götter müsse sie entsagen. Als alle Drohungen der Obrigkeit nichts halfen und ein Präzedenzfall geschaffen worden war, hatte sie die Konsequenzen durch die Mächtigen zu tragen. Sie wurde auf einen bronzenen Gitterrost gebunden und darauf verbrannt. Mit ihr ihre Geschwister und einige ihrer unmittelbaren Anhänger. Die Leidensgeschichte besagt auch, dass sie vom Leiden erlöst, einem ihrer Verehrer erschien, in strahlend weissem Gewand und einer Krone mit Edelsteinen und Perlen auf dem Haupte. Eine Taube flog aus den Wolken und setzte sich auf ihren Kopf, untrügliches Zeichen, dass sie durch ihre Standhaftigkeit das Ewige Heil errungen hatte. Im gleichen Zug, erklärt es die Legende , wurden ihre Gebeine sofort nach ihrem Tod verbracht.

Ein Stück weit spiegelt sich in dieser Legende der Kampf des Christentums gegen die alten heidnischen Bräuche, die noch bis ins 9. Jahrhundert in ländlichen Gegenden weiterlebten, die aber nun mit einem behaupteten Hexentum in Verbindung gebracht wurden, wie etwa in einem Bericht aus der Abtei Brün im 9. Jahhundert:

... dass einige verbrecherische Weiber, umgewandt dem Satan nach, verführt durch Illusionen und Phantasmen der Dämonen, vermeinen und behaupten zu nächtlicher Stunde mit Diana, der dea paganorum (= Göttin der Heiden) und einer zahlreichen Menge von Frauen auf irgendwelchen Tieren zu reiten und grosse Räume in der Stille der unheimlichen Nacht zu durchmessen, ihren Befehlen als denen einer Herrin zu gehorchen und in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst aufgerufen zu werden. Der nachantike Dianakult.

Noch einmal: Es war ein Kind, das hier als Märtyrerin herhalten musste, weil es offenbar den gesellschaftlichen Regeln mit ungewöhnlicher Standhaftigkeit widersprach. Ich frage mich dabei: wie gruselig ist es, wenn eine Institution ihre Kinder zu Märtyrerinnen macht, um so ihre Macht in der Bevölkerung zu zeigen? Und noch etwas zweites frage ich mich: was bringt eine Gemeinschaft dazu, solch ein perverses Faktotum, eben die Reliquien eines verbrannten Kindes, anzubeten und zu verehren? Der Fides-Kult, der sich wie auch viele andere christliche Kulkte im Mittelalter auszubreiten begann, spricht eine deutliche Sprache. Sie stieg schon bald zu einer der wichtigsten Heiligen des europäischen Mittelalters auf und breitete sich rasch entlang der Jakobswege aus. In Frankreich erhielten viele Kirchen das Patrozinium (die Schutzherrschaft) der Hl. Fides. Dieser Reliquienkult mag für die Vergangenheit wohl verständlich erscheinen, wo Aberglauben und Wunderglauben sich im Christentum die Hand gaben. Was aber geht in Menschen vor, die in einer vor 60 Jahren neuerbauten Kirche den Reliquienkult wie auf einer Bühne nachzustellen vermögen?


#GeniusLoci #Jura #Legenden

#RuthBlum #Literatur #Klettgau

Jetzt klärt sich auf der Titel des Buches von Ruth Blum auf. Er ist nicht bloss ein Hinweis auf die Landschaft des #Klettgaus, sondern bezeichnet auch die zwei Prinzipien, denen die Heranwachsende Regine folgt.

Hier das Zitat:

Der Grossvater liebte den blauen Himmel mit seinem märchenhaften Kornblumenglanz, seinen tönenden Melodien. Die Grossmutter aber hatte sich vollkommen der grünen Erde verschrieben. Zwischen Himmel und Erde lag manche Gewitterschwüle, zuckten viele Blitze auf; doch sie verebbten – und die Wolken zerrannen wieder und zerflossen im seidenweichen Blau, welches die grünenden, blühenden Felder bestrahlte. Törichtes Beginnen zu fragen, welche der beiden Welten die meine wäre, die blaue oder die grüne. Ich trug sie beide tief im Herzen, strebte beiden nach. Nur war die eine Honigseim und die andere lediglich das kraftvolle Bauernbrot des täglichen Lebens.

Noch ein weiteres Gegensatzpaar kommt in diesem Bild zum Ausdruck: das zwischen der städtischen Kultur mit seinen Möglichkeiten für Kunst und Kultur und das der Provinz, die nichts davon kennen will, weil sie keinen Platz dafür findet.

#RuthBlum #Klettgau #Grenzen

Nach den literarischen nun auch noch die persönlichen Erfahrungen mit der Grenze.

Assoziationen: Damals im Waldviertel in den 70er Jahren, im verschneiten Wald, als mich die plötzlich auftauchenen Tafeln mit der Aufschrift Achtung, Schussgefahr beim Langlauf sehr erschreckten und ich es als möglich denken wollte, dass wir am Eisernen Vorhang lebten. Dann später, in den 90er Jahren, als bei der Zugfahrt von Wien nach Zagreb diese neuen Grenzen meinen Nachtschlaf störten und Grenzbeamte in Operettenuniformen mir klar machten, dass die Stunde des Nationalismus geschlagen hatte. “Krieg in Jugoslawien”, hiess das damals. Schliesslich die Jahre beruflicher Flugreisen, bei denen Grenzen wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit erschienen. Und dann die Pandemie 2020 als man sich in der Verzweiflung politischer Orientierungslosigkeit dazu hinreissen liess, einen Grenzzaun zwischen Deutschland und der Schweiz aufzustellen (zwischen den Stadtteilen Kreuzlingen und Konstanz). Bis heute empfinde ich politische Grenzen nur als Behinderung im natürlichen Umgang der Menschen mit den Menschen.

Bei meinem letzten Aufenthalt im Klettgau verhöhne ich die Anmassung einer Grenze zwischen demokratischen und pluralistischen Staaten, die miteinander in Frieden leben. Die vielen Grenzsteine an der deutsch-schweizer Grenze haben natürlich ihre Bedeutung, obwohl sie völlig verloren in der Landschaft stehen, wie Zeugen aus bedeutungslosen Zeiten. Um 1830, während der letzten Grenzkorrekturen zwischen dem Grossherzogtum Baden und dem Kanton Schaffhausen wurden diese Steine auf spezielle Art eingegraben und ausgerichtet, mit den richtigen Beschriftungen auf den richtigen Seiten. Auf der Deckfläche der Quader befindet sich eine Einkerbung, die den Grenzverlauf markiert. Das alles lässt mich wieder an das Kapitel des Romans von Ruth Blum denken, wo diesselben Steine doch etwas anderes andeuteten als diese heute tun: die Grenze zwischen Krieg und Frieden.

Und dann die Wanderung vor zwei Wochen. Von einem Berghof hinunter zieht sich der kleine Waldpfad in den seltsamen Ort Wunderklingen. An ihm liegen sehr viele dieser alten Grenzsteine. Ich behandle sie wie Denkmäler, die unter Schutz stehen. Ich betrachte und berühre sie, fotografiere sie und bewundere sie ein wenig. Fast 200 Jahre stehn sie da als stumme Zeugen einer zwar historisch gewordenen, aber letztlich doch willkürlichen Setzung politischer Macht. Ich laufe Slalom zwischen ihnen wie ein kleines Kind, das die Realität nicht anerkennen will.

#Gaming #Apokalypse #Solarpunk

Die Widersprüche einer apokalptischen Welt, in der noch nicht alles entschieden ist. Zum Computerspiel “Cloud Gardens”.

Kennen sie diese Art von Bewusstseinszustand? Man träumt, das man kurz vor dem Erwachen ist und bemüht wegen der Schönheit des Traumes verzweifelt, eben NICHT aufzuwachen. Eine Zeitlang bleibt man so in der Schwebe zwischen Halbschlaf und Erwachen: bis das Traumgebäude platzt! Vergeblich versucht man nun, sich wieder in den Schlafzustand zu versetzen, doch die Realität ist stärker. Man hat sich selbst an der Nase herumgeführt.

In eine Traumwelt führt uns das Spiel: Versatzstücke von verfallenden Städten und Teile von Industrielandschaften taumeln aus dem Nebel in das Bild, schweben wie auf Wolken in einem unbestimmten Raum. Schlaftrunken muten uns Grafik und Musik an. Irgendwo muss wohl die Welt explodiert sein und sie wirft uns ihre Zerstörung in den Sinn. Aber alles ist bereits vorbei. Sie erscheint so logisch und final, diese apokalptische Welt. Wir spielen sie, als würden wir uns vorbereiten auf das Leben nach dem Ende.

Die gute Nachricht: Wir dürfen auf postapokalyptischen Trümmern Pflanzen wachsen lassen: aus diesen werden in kurzen Spielschritten Blumen und Samen, die wir wieder verwenden, um Pflanzen und Samen wachsen lassen zu können. Wir spielen Gott und Göttin. Eine uns mit uns selbst versöhnende Aufgabe: die Trümmer der Zivilisation mit Grün zu überziehen, sie in die Natur “zurückzudrücken” bis sie “verschönert” oder gar “verschwunden sind”. Die Kraft der Natur sei das, meint eine Gamerin ganz verzückt. Doch sie vergisst, dass die Dinge, die sie braucht, um Pflanzen wachsen zu lassen, selbst Debris sind. Ja, Licht und Wasser sind hilfreich, aber am Besten wirkt eben dass weitere Zumüllen der gerade geschaffenen Natur: mit Autoreifen, Dosen, kaputten Sesseln, ausgedienten Strassenschildern, giftigen Autowaracks und, und, und. Je mehr Pflanzen in die Welt gesetzt werden, je höher wachsen die Müllberge an. Ein Perpetuum Mobile. Die Spielmechanik ist perfide und stürzt uns in ein Double Bind, nur wenige Clicks von jetzt entfernt.

Und immer noch spielen wir weiter und erfreuen uns am Gedeihen der Natur, die sich vom Abfall nährt. Die Realität ist stärker. Wir werden gnadenölos scheitern an unserem Spiel.

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