Zettelwerk

Grenzen

#RuthBlum #Klettgau #Grenzen

Nach den literarischen nun auch noch die persönlichen Erfahrungen mit der Grenze.

Assoziationen: Damals im Waldviertel in den 70er Jahren, im verschneiten Wald, als mich die plötzlich auftauchenen Tafeln mit der Aufschrift Achtung, Schussgefahr beim Langlauf sehr erschreckten und ich es als möglich denken wollte, dass wir am Eisernen Vorhang lebten. Dann später, in den 90er Jahren, als bei der Zugfahrt von Wien nach Zagreb diese neuen Grenzen meinen Nachtschlaf störten und Grenzbeamte in Operettenuniformen mir klar machten, dass die Stunde des Nationalismus geschlagen hatte. “Krieg in Jugoslawien”, hiess das damals. Schliesslich die Jahre beruflicher Flugreisen, bei denen Grenzen wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit erschienen. Und dann die Pandemie 2020 als man sich in der Verzweiflung politischer Orientierungslosigkeit dazu hinreissen liess, einen Grenzzaun zwischen Deutschland und der Schweiz aufzustellen (zwischen den Stadtteilen Kreuzlingen und Konstanz). Bis heute empfinde ich politische Grenzen nur als Behinderung im natürlichen Umgang der Menschen mit den Menschen.

Bei meinem letzten Aufenthalt im Klettgau verhöhne ich die Anmassung einer Grenze zwischen demokratischen und pluralistischen Staaten, die miteinander in Frieden leben. Die vielen Grenzsteine an der deutsch-schweizer Grenze haben natürlich ihre Bedeutung, obwohl sie völlig verloren in der Landschaft stehen, wie Zeugen aus bedeutungslosen Zeiten. Um 1830, während der letzten Grenzkorrekturen zwischen dem Grossherzogtum Baden und dem Kanton Schaffhausen wurden diese Steine auf spezielle Art eingegraben und ausgerichtet, mit den richtigen Beschriftungen auf den richtigen Seiten. Auf der Deckfläche der Quader befindet sich eine Einkerbung, die den Grenzverlauf markiert. Das alles lässt mich wieder an das Kapitel des Romans von Ruth Blum denken, wo diesselben Steine doch etwas anderes andeuteten als diese heute tun: die Grenze zwischen Krieg und Frieden.

Und dann die Wanderung vor zwei Wochen. Von einem Berghof hinunter zieht sich der kleine Waldpfad in den seltsamen Ort Wunderklingen. An ihm liegen sehr viele dieser alten Grenzsteine. Ich behandle sie wie Denkmäler, die unter Schutz stehen. Ich betrachte und berühre sie, fotografiere sie und bewundere sie ein wenig. Fast 200 Jahre stehn sie da als stumme Zeugen einer zwar historisch gewordenen, aber letztlich doch willkürlichen Setzung politischer Macht. Ich laufe Slalom zwischen ihnen wie ein kleines Kind, das die Realität nicht anerkennen will.

#Literatur #Solarpunk #RuthBlum #LeGuin #Grenzen

Wir haben aus der Erfahrung der jungen Regine in Ruth Blums Buch gelernt, wie politische Grenzen aufgeweicht werden können und: wie sie einerseits das Selbst begrenzen und andrerseits zu ihrer Überschreitung verleiten.

“Grenze” ist also sowohl Einschränkung als auch potentielle Freiheitserfahrung. Warum aber? Ein Philosoph sieht das so:

Weil Grenzen als menschengemachte Konventionen nie absolut sind, sondern die Grenzüberschreitung immer möglich machen. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen, faustisch gesprochen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieses Verhalten beschreibt letztlich den Kern der menschlichen Entwicklung. Konrad Paul Liessmann in einem Interview mit brand eins

Das haben wir schon beobachtet, als das Mädchen Regina durch das Überschreiten der Grenze und Bertreten eines Landes im Krieg die Durchlässigkeit des von den Erwachsenen festgesetzten Status erfahren hat. Und tatsächlich ist die Grenzerfahrung ambivalent: das Mädchen begibt sich einerseits in Gefahr, als sie sich verirrt und auch noch von flüchtenden französischen Kriegsgefangenen an der “Grenze” bedroht wird. Und nun hat auch sie (symbolisch) zum ersten Mal den möglichen Tod erblickt, als sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet. Aber sie erfährt auch, dass Grenzen überschritten werden können: die Möglichkeit ist da. Damit symbolisiert Ruth Blum geschickt, wie sich der Autonomiespielraum eines jungen Menschen erweitert, was jedoch immer auch ein Stück Gefährdung darstellt, eben entblösst zu sein vom Schutz durch Erwachsene und allein gestellt zu sein auf sich.

Wie unüberwindlich Grenzen gesetzt werden können zeigt Ursula K Le Guin in “The Dispossessed” gleich im ersten Kapitel. Entlang jenes Ortes, wo die Raumschiffe von ausserhalb landen, wurde eine Mauer gebaut, mehr der Wahrnehmung halber als der Absperrung wegen. Eigentlich könnte man diese leicht überwinden, doch keiner tut es, schon seit Generationen nicht. Neugier auf das Jenseitige gibt es schon, aber keinen Wunsch, sie zu überschreiten. Man beobachtet lieber, auf der Mauer sitzend wie in einem Theaterstück.

Nur der eine “Landesverräter” wird von einem Trupp Soldaten vom Heimatplaneten in ein Raumschiff verbracht: zur Reise in die andere Welt, in die er unter Polizeischutz und -gewalt emigriert. Aber damit ist er die grosse, skandalöse Ausnahme und erregt öffentlichen Unmut, ja Gewalt. Würde man von dem Techniken des Mordes und des Aufstands wissen, könnte man sie auch anwenden. Der Verräter droht das allgemeine Selbstverständnis zu untergraben. Aber Mann und Frau bleiben letztendlich in sich gefangen.

Und ein weiterer Aspekt der Grenze wird bei Le Guin angesprochen: je nachdem auf welcher Seite man sich befindet, sieht man unterschiedliche Dinge und beurteilt man sie anders. Ist das “Gefängnis”, die “Trostlosigkeit” immer jenseits der Mauer? Ist das Andere automatisch zum Unverständnis und zur Gegnerschaft verdammt?

#Literatur #GeniusLoci #Grenzen #Klettgau #LeGuin #RuthBlum #Solarpunk

Zweimal finde ich in meiner aktuellen Lektüre Grenzen thematisiert. In Ruth Blums Buch “Blauer Himmel. Grüne Erde (1941)” und in Ursula K. Le Guins Buch “The Dispossessed” (1974)”. Und gerade komme ich aus dem Kanton Schaffhausen zurück. Grund genug, über Grenzen zu schreiben.

Zunächst berichte ich aus der Erfahrungswelt eines Kindes. Ruth Blum widmet in ihrer sgn. Autobiographie ein ganzes Kapitel der Grenze. Es ist die Zeit des Grossen Krieges und die Erwachsenen sprechen darüber in unheilvoller Weise, welche die eigene Kindheit immer wieder wie ein Schatten verdunkelt. Der Krieg ist da draussen, jenseits der Grenze, die von den Schweizer Vätern beschützt werden muss. Der eigene Vater wacht am Gotthart in Schnee und Eis über die Sicheheit der Familie. Da muss die Grenze ein Bollwerk sein, eine riesige Mauer, die den Krieg Draussen hält, damit im Inneren Frieden herrscht. Eingeklemmt zwischen den Franzosen und Deutschland liegt die Schweiz im Ersten Weltkrieg. Ein viel beschworenes Bollwerk ist das Land, umgeben von einem bewachten Grenzzaun. Doch in Wirklichkeit verirrt man sich rasch entlang der fragilen Trennlinie zwischen Ländern und Kulturen.

Das Unverständnis, was denn eigentlich eine Grenze sei, ist gross bei dem Mädchen aus einem kleinen Dorf im Klettgau. Es kann nicht verstehen, dass diesseits und jenseits dieselbe Landschaft, derselbe Sommer existieren, diesselben Menschen leben und sich kaum von einander unterscheiden. Nur das Schweizer Zollhäuschen gibt an, dass hier irgendwo das eigene Land enden muss und der Krieg dahinter tobt. Und so geschieht es, dass sich das Mädchen namens Regine ohne rechte Orientierung auf die deutsche Seite der Grenze verirrt. Dort, wo sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet, muss Regine erstaunt feststellen:

Da draussen war ja keine Zerstörung, kein Untergang. Keine blutigen Schlachten, keine brennenden Häuser erfüllten dieses stille deutsche Tal. Nicht ein einziger Trommelwirbel erschütterte seine schläfrige Mittagsruhe. Nur friedliche Rauchwölklein wirbelten über den Dächern auf und dem Bächlein entlang weideten weisse Schafe.

Doch irgendwo kommt der Abschluss, das Ende, die Grenze ins Spiel. Das Mädchen wird von einem Grenzsoldaten aufgegriffen und wieder in die Schweiz zurückgeschickt. Doch ihr Glauben an die Undurchlässigkeit der Grenze ist erschüttert: sie hatte ja selbst gesehen, dass es dort weder Bollwerk noch Zaun. weder Turm noch Graben gab, sondern nur ein paar graue Steine am Boden lagen. Die Grenze ist ihrem Wesen nach durchlässig und so auch die Welten zu beiden Seiten.