Zettelwerk

Literatur

Besser versteht man das Buch von Octaiva E. Butler: Die Parabel vom Sämann (1995), wenn man eben dieses Gleichnis in der Bibel aufsucht und zu begreifen beginnt, welche Auseinandersetzungen der Heldin des Romanes bevorstehen.

Das Evangelium nach Markus, Kapitel 41ff.

Und er fing abermals an, am Meer zu lehren. Und es versammelte sich eine so große Menge bei ihm, dass er in ein Boot stieg, das im Wasser lag, und er setzte sich; und alles Volk stand auf dem Lande am Meer. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

Das Gleichnis vom Sämann

Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen's auf. Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten's, und es brachte keine Frucht. Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Vom Sinn der Gleichnisse

Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.

Die Deutung des Gleichnisses

Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? Der Sämann sät das Wort. Diese aber sind es, die an dem Wege sind: Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war. Und diese sind es, die auf felsigen Boden gesät sind: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so kommen sie alsbald zu Fall. Und andere sind es, die unter die Dornen gesät sind: Die haben das Wort gehört, und die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Und jene sind es, die auf das gute Land gesät sind: Die hören das Wort und nehmen's an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.


#Bibel #Literatur #OctaviaEButler

#Jura #Literatur #Post.Anthropozän Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse

(5) Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen. Dieses Paradigma gilt natürlich auch für Donna J. Garaways Beegrifflichkeit vom Chtuluzän.:

Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)

ist bei Rosa Kissel zu lesen.

(6) Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese “Fehlleistung” der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?

(7) Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa VHEMT, die sich hymnisch und problemlösend gebende Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.

#Jura #Literatur #Post.Anthropozän

Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?

(0) Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die grüne Wüste nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.

Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.

(1) Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das “Denken” (die “Intelligenz”) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich Gleiter fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?

(2) Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten “rationalen” Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem Wie lange?. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?

(3) Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.

(4) Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné – aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.

(Fortsetzung folgt)

#RuthBlum #Literatur #Klettgau

Jetzt klärt sich auf der Titel des Buches von Ruth Blum auf. Er ist nicht bloss ein Hinweis auf die Landschaft des #Klettgaus, sondern bezeichnet auch die zwei Prinzipien, denen die Heranwachsende Regine folgt.

Hier das Zitat:

Der Grossvater liebte den blauen Himmel mit seinem märchenhaften Kornblumenglanz, seinen tönenden Melodien. Die Grossmutter aber hatte sich vollkommen der grünen Erde verschrieben. Zwischen Himmel und Erde lag manche Gewitterschwüle, zuckten viele Blitze auf; doch sie verebbten – und die Wolken zerrannen wieder und zerflossen im seidenweichen Blau, welches die grünenden, blühenden Felder bestrahlte. Törichtes Beginnen zu fragen, welche der beiden Welten die meine wäre, die blaue oder die grüne. Ich trug sie beide tief im Herzen, strebte beiden nach. Nur war die eine Honigseim und die andere lediglich das kraftvolle Bauernbrot des täglichen Lebens.

Noch ein weiteres Gegensatzpaar kommt in diesem Bild zum Ausdruck: das zwischen der städtischen Kultur mit seinen Möglichkeiten für Kunst und Kultur und das der Provinz, die nichts davon kennen will, weil sie keinen Platz dafür findet.

#Literatur #Solarpunk #RuthBlum #LeGuin #Grenzen

Wir haben aus der Erfahrung der jungen Regine in Ruth Blums Buch gelernt, wie politische Grenzen aufgeweicht werden können und: wie sie einerseits das Selbst begrenzen und andrerseits zu ihrer Überschreitung verleiten.

“Grenze” ist also sowohl Einschränkung als auch potentielle Freiheitserfahrung. Warum aber? Ein Philosoph sieht das so:

Weil Grenzen als menschengemachte Konventionen nie absolut sind, sondern die Grenzüberschreitung immer möglich machen. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen, faustisch gesprochen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieses Verhalten beschreibt letztlich den Kern der menschlichen Entwicklung. Konrad Paul Liessmann in einem Interview mit brand eins

Das haben wir schon beobachtet, als das Mädchen Regina durch das Überschreiten der Grenze und Bertreten eines Landes im Krieg die Durchlässigkeit des von den Erwachsenen festgesetzten Status erfahren hat. Und tatsächlich ist die Grenzerfahrung ambivalent: das Mädchen begibt sich einerseits in Gefahr, als sie sich verirrt und auch noch von flüchtenden französischen Kriegsgefangenen an der “Grenze” bedroht wird. Und nun hat auch sie (symbolisch) zum ersten Mal den möglichen Tod erblickt, als sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet. Aber sie erfährt auch, dass Grenzen überschritten werden können: die Möglichkeit ist da. Damit symbolisiert Ruth Blum geschickt, wie sich der Autonomiespielraum eines jungen Menschen erweitert, was jedoch immer auch ein Stück Gefährdung darstellt, eben entblösst zu sein vom Schutz durch Erwachsene und allein gestellt zu sein auf sich.

Wie unüberwindlich Grenzen gesetzt werden können zeigt Ursula K Le Guin in “The Dispossessed” gleich im ersten Kapitel. Entlang jenes Ortes, wo die Raumschiffe von ausserhalb landen, wurde eine Mauer gebaut, mehr der Wahrnehmung halber als der Absperrung wegen. Eigentlich könnte man diese leicht überwinden, doch keiner tut es, schon seit Generationen nicht. Neugier auf das Jenseitige gibt es schon, aber keinen Wunsch, sie zu überschreiten. Man beobachtet lieber, auf der Mauer sitzend wie in einem Theaterstück.

Nur der eine “Landesverräter” wird von einem Trupp Soldaten vom Heimatplaneten in ein Raumschiff verbracht: zur Reise in die andere Welt, in die er unter Polizeischutz und -gewalt emigriert. Aber damit ist er die grosse, skandalöse Ausnahme und erregt öffentlichen Unmut, ja Gewalt. Würde man von dem Techniken des Mordes und des Aufstands wissen, könnte man sie auch anwenden. Der Verräter droht das allgemeine Selbstverständnis zu untergraben. Aber Mann und Frau bleiben letztendlich in sich gefangen.

Und ein weiterer Aspekt der Grenze wird bei Le Guin angesprochen: je nachdem auf welcher Seite man sich befindet, sieht man unterschiedliche Dinge und beurteilt man sie anders. Ist das “Gefängnis”, die “Trostlosigkeit” immer jenseits der Mauer? Ist das Andere automatisch zum Unverständnis und zur Gegnerschaft verdammt?

#Literatur #GeniusLoci #Grenzen #Klettgau #LeGuin #RuthBlum #Solarpunk

Zweimal finde ich in meiner aktuellen Lektüre Grenzen thematisiert. In Ruth Blums Buch “Blauer Himmel. Grüne Erde (1941)” und in Ursula K. Le Guins Buch “The Dispossessed” (1974)”. Und gerade komme ich aus dem Kanton Schaffhausen zurück. Grund genug, über Grenzen zu schreiben.

Zunächst berichte ich aus der Erfahrungswelt eines Kindes. Ruth Blum widmet in ihrer sgn. Autobiographie ein ganzes Kapitel der Grenze. Es ist die Zeit des Grossen Krieges und die Erwachsenen sprechen darüber in unheilvoller Weise, welche die eigene Kindheit immer wieder wie ein Schatten verdunkelt. Der Krieg ist da draussen, jenseits der Grenze, die von den Schweizer Vätern beschützt werden muss. Der eigene Vater wacht am Gotthart in Schnee und Eis über die Sicheheit der Familie. Da muss die Grenze ein Bollwerk sein, eine riesige Mauer, die den Krieg Draussen hält, damit im Inneren Frieden herrscht. Eingeklemmt zwischen den Franzosen und Deutschland liegt die Schweiz im Ersten Weltkrieg. Ein viel beschworenes Bollwerk ist das Land, umgeben von einem bewachten Grenzzaun. Doch in Wirklichkeit verirrt man sich rasch entlang der fragilen Trennlinie zwischen Ländern und Kulturen.

Das Unverständnis, was denn eigentlich eine Grenze sei, ist gross bei dem Mädchen aus einem kleinen Dorf im Klettgau. Es kann nicht verstehen, dass diesseits und jenseits dieselbe Landschaft, derselbe Sommer existieren, diesselben Menschen leben und sich kaum von einander unterscheiden. Nur das Schweizer Zollhäuschen gibt an, dass hier irgendwo das eigene Land enden muss und der Krieg dahinter tobt. Und so geschieht es, dass sich das Mädchen namens Regine ohne rechte Orientierung auf die deutsche Seite der Grenze verirrt. Dort, wo sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet, muss Regine erstaunt feststellen:

Da draussen war ja keine Zerstörung, kein Untergang. Keine blutigen Schlachten, keine brennenden Häuser erfüllten dieses stille deutsche Tal. Nicht ein einziger Trommelwirbel erschütterte seine schläfrige Mittagsruhe. Nur friedliche Rauchwölklein wirbelten über den Dächern auf und dem Bächlein entlang weideten weisse Schafe.

Doch irgendwo kommt der Abschluss, das Ende, die Grenze ins Spiel. Das Mädchen wird von einem Grenzsoldaten aufgegriffen und wieder in die Schweiz zurückgeschickt. Doch ihr Glauben an die Undurchlässigkeit der Grenze ist erschüttert: sie hatte ja selbst gesehen, dass es dort weder Bollwerk noch Zaun. weder Turm noch Graben gab, sondern nur ein paar graue Steine am Boden lagen. Die Grenze ist ihrem Wesen nach durchlässig und so auch die Welten zu beiden Seiten.

#Literatur #RuthBlum

Ich lese im ersten Kapitel von Ruth Blums Buch Blauer Himmel. Grüne Erde. (1941)

Ich konnte nicht anders, meine beiden aktuellen Bücher, habe ich nach kurzem Zögern weggelegt und das Buch, welches mir fast schon durch Zauberei in die Hände gekommen ist, aufgeschlagen. Ich lese im ersten Kapitel, das sich Der Farbkasten nennt. Es ist die Phantasiewelt eines jungen Mädchens, in die mich die Erzählerin eintreten lässt.

Der Grossvater hat diesen wunderbaren Farbkasten, der sie in die Fabelwelt der Farben entführt. Die Grundfarben, die Mischfarben, die Kunst, wie er die Farben ineinander verrinnen und Gestalt annehmen lässt. Das Kind will aber allein mit den Grundfarben malen, für sie entstehen daraus Naturgestalten, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden und es träumen lassen: Leberecht Gelb, der Meister der Fühlingswiese; Fräulein Rot, die Mohnkönigin; Wunnibald Grün, der Meister der kühlen und schattigen Wälder. Zu guter Letzt aber das Blau, die blaue Blume Sehnsucht, die einmal erhascht, immer unerreichbar bleiben wird.

Es steht eine Blume im Himmelslicht Wohl dem, der sie auf Erden bricht.

Was Ruth Blum mit diesem Kapitel schafft, ist die Sinnlichkeit des Kindes wiederzubeleben. Wir kennen das von den Gerüchen der Kindheit, die uns unser ganzes Leben begleiten und einen besonderen Zauber auf uns ausüben. Für die Erzählerin sind es jedoch die Farben, die die Welt erfahrbar machen und die Zugewandtheit und Liebe zu ihr entwickeln helfen.

#Klettgau #GeniusLoci #literatur

Fast hätte ich geschrieben: Ein Koffer voller Andenken. Doch Andenken sind dazu da, um zu verstauben, Geschichten jedoch sollen bewegen und erzählt werden.

Wie befürchtet, war auch der #Klettgau eine reiche Ausbeute an Geschichten. Das Neue, oft am Wegrand Aufgelesene, das mühsam Erforschte, zufällig Erlauschte und erstaunt Gesehene haben mich bereichert, aber auch von der Arbeit am Roman abgehalten. Doch sei es drum, ich stehe nicht unter einem finanziell verursachten Schaffensdruck, den Musen sei Dank! Ich kann mir Zeit lassen und vielleicht die eine oder andere aufgelesene Geschichte in den Stoff einarbeiten.

Es war eine literarische Entdeckung, die mich wohl am meisten von den Erlebnissen im Klettgau beeindruckte: die unbekannte und wohl auch in ihrer Region vergessene Schriftstellerin Ruth Blum hat es mir besonders angetan. Heute ist eines ihrer Bücher aus dem Jahr 1941 bei mir eingetroffen: Blauer Himmel. Grüne Erde. Das ist ihr erstes Werk und wohl auch eine Lebenserinnerung, die sie Jahrzehnte später in ihrem Buch Graue Steine fortsetzen sollte. Eine ganze Welt tut sich hier wohl auf in der Region um Schaffhausen, eine Welt, von der ich (familiär bedingt) immer schon mehr erfahren wollte.

Und noch zweite eine zweite Entdeckung (ich beschränke mich hier wirklich nur aufs Literarische) muss ich erwähnen: jene von Ursula Noser:

Aus der Ballade vom Ackerland Ursula Noser

Abgeerntet ist heute schon das Feld Zwei Falter gestern taumelten durch Reifeduft und Erdgeruch in alle Tiefen einer Sommernacht berauscht vom Korn und seiner Süsse

Die Bagger werden kommen um unser Feld für andre Saaten umzubrechen

Wenn dies vollbracht ist werden wir nur noch Erinnerungen ernten

Ursula Noser entzieht sich fast komplett meiner Recherche im Internet. Schliesslich finde ich in irgendeiner Ecke des Digitalen Raums ein Geburtsdatum (1947) und den Beruf “Lyrikerin”. Sie war offenbar Kolumnistin bei der Schaffhauser Nachrichten. Und dann ist noch die Lesung ihres Gedichts abseits auf Youtube. Vereinzelt auch ein paar Onlite gestellte Diapositive im Schaffhauser Stadtarchiv, die sie in jungen Jahren zeigen. Ein Rätsel also und ein Werk, dem man offenbar detektivisch nachjagen muss. Ich möchte so gerne mehr von ihrem Ouevre lesen, wenn sie überhaupt eines hat, das veröffentlicht wurde.

Beide Dichterinnen habe ich auf meinen Spaziergängen im Klettgau entdeckt, auf dem sgn. Schaffhauser Dichterpfad, auf dem ziemlich viel schlechte, aber auch passable bis gute LyrikerInnen versammelt sind. Eine nette Idee, aber ein wenig Biographie auf einer eigenen Website hätte ich mir für die ausgestellten Damen und Herren gewünscht. Stattdessen find ich eine Trophy und viel sportlich motiviertes Blabla. Auch das sind Geschichten, allerdings moderne Paraphrasen auf das “richtige Leben” , die mich so gar nicht interessieren.

#Literatur #RuthBlum #Klettgau

Das Gedicht fand ich in der Nähe der Burg Radegg, auf einer Tafel des Schaffhausner Dichterpfads, mit der Bezeichnung Südranden 8. Es ist wohl ein wenig altmodisch, aber ich mag seinen Charme.

Ruth Blum Akelei oder Narrenkappe Aquilegia vulgaris

Mit dunklem Blick und schlecht rasiertem Kinn, den schüttern Haarschopf mangelhaft gebürstet, durchstreift den weiten Wald der Musensohn, der nach dem Bild der blauen Blume dürstet.

Schmalbrüstig keucht er über Stock und Stein, sein kurzer Dichteratem geht asthmatisch. Ein grosses Wildschwein nimmt entsetzt Reissaus; Der Ungekämmte ist ihm nicht sympathisch.

Zur Burgruine klettert er empor. Sieh da, was blüht auf dem vergrasten Söller? “Die blaue Blume der Romantik ists!” ruft er verzückt und steckt sie an das Göller.

Heimwandelnd trifft er einen Lehrer an, der zieht den “Binz” aus seiner alten Mappe. “Mein Lieber”, lacht er, “was dein Knopfloch zieht, heisst Aquilegia oder Narrenkappe!”

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Wer sich einen Roman erwartet, der esoterische Praktiken ins Rampenlicht stellt und deren Irreleitung anprangert, stellt, liegt falsch. Es geht vielmehr um die Einsamkeit des Menschen mit sich selbst.

Das Buch startet mit dem Sterben, einem Prozess, indem die Sterbende meint, sie könne einfach nicht mehr. Elisabeth legt sich nieder und stirbt, vor den Augen ihrer drei MitbewohnerInnen, die zusehen und nichts tun können, weil sie derart mit sich beschäftigt sind. Der mensch ist immer allein mit sich selbst, das lernen wir von Anfang an.

Rein äusserlich geht es in G. Blees Erstlingswerk um die Frage, wer denn Schuld am Tod dieser Frau sein könnte, die sich vor den Augen ihrer MitbewohnerInnen zu Tode hungarn darf. Warum hat man es so weit kommen lassen, warum hat man keine ärztliche Hilfe geholt, warum verherrlicht man den Tod und verkennt dessen Tragik so unbeirrt. Diese Fragen stellen sich die Polizei und in weiterer Folge auch die LeserInnen. Liegt es denn nicht ohnehin auf der Hand: dass eine der Esoterik zugewandten Gruppe, die sich allein von Licht ernähren will, sich zu Tode hungern muss? Ein erwartbares, wenn auch tragisches Sektenschicksal?

Gerda Blees hält fest, dass sie zwar Meldungen über einen derartigen Fall zum Anlass genommen hätte, diese Geschichte zu erzählen, es scheint aber, als habe sie die Faktizität dieses Falles nie interessiert. Die Geschichte, die sie geschrieben habe, sei allein ein Produkt ihrer Phantasie. Ein Stück Fiktion also.

Doch warum geht es dann in diesem dicht geschriebenen und oft überwältigendem Text von 240 Seiten? Das ist so leicht nicht zu entscheiden, denn der Todesfall und die unmittelbaren Reaktionen darauf werden aus 25 verschiedenen Perspektiven beleuchtet, die den 25 Kapiteln des Buches entsprechen. Es sind ungewöhnliche Perspektiven, die die Erzählerin dabei formuliert: die des Todes, die des Lichts, die der kognitiven Dissonanz in den handelnden Personen, die der Eltern der Verstorbenen, die der Musikinstrumente, auf denen die Wohngruppe sich selbst feiert. Nebel zieht auf, und ganz gleich welche Position man zu esoterischen Haltungen einnehmen mag: die einfache Schuldzuweisung verschwimmt einem vor Augen, wenn so viele Perspektiven eröffnet werden. Das ist gut so, denn das Leben der Menschen war noch nie eindeutig und klar.

Dass auch Dinge Haltungen entwickeln können und ihre Sicht auf die Geschehnisse, mag ungewöhnlich und wie ein schriftstellerischer Trick erscheinen. Oft beeindruckt das, manchmal erscheint es ein wenig lächerlich und in wenigen Gällen auch kokett, wenn etwa die Erzählung selbst den Blick auf die Erzählerin eröffnet:

“Die Autorin hat keine Zeit dafür, Sachen zu erfinden, die uns interessanter machen würden. Dabei gibt es noch so viel Spannendes zu erzählen.”

Die Handlung kommt nicht so richtig voran, vielmehr kreist sie um vier Menschen, die zusammenwohnen, um ihren Einsamkeiten zu entgehen bis eine von ihnen stirbt. Oft fällt es schwer, längere Passagen des Romans in einem Stück zu lesen. Tief verbohrt sich der Roman in menschliche Befindlichkeiten, in die Unentschiedenheit der Existenz, in die Manipulation duch den Anderen, in das sich allein gelassen Fühlen.

Es ist, wenn man so will, ein zutiefst existentialistischer Roman, dem wir hier nicht entrinnen können: Ohne Hoffnung, aber mit wachsenden Zweifeln an sich selbst und den anderen. Ratlos lässt er uns zurück mit uns selbst. Wir möchten ihn von Neuem zu lesen beginnen. So soll Literatur sein.