Zettelwerk

RuthBlum

#RuthBlum #Literatur #Klettgau

Jetzt klärt sich auf der Titel des Buches von Ruth Blum auf. Er ist nicht bloss ein Hinweis auf die Landschaft des #Klettgaus, sondern bezeichnet auch die zwei Prinzipien, denen die Heranwachsende Regine folgt.

Hier das Zitat:

Der Grossvater liebte den blauen Himmel mit seinem märchenhaften Kornblumenglanz, seinen tönenden Melodien. Die Grossmutter aber hatte sich vollkommen der grünen Erde verschrieben. Zwischen Himmel und Erde lag manche Gewitterschwüle, zuckten viele Blitze auf; doch sie verebbten – und die Wolken zerrannen wieder und zerflossen im seidenweichen Blau, welches die grünenden, blühenden Felder bestrahlte. Törichtes Beginnen zu fragen, welche der beiden Welten die meine wäre, die blaue oder die grüne. Ich trug sie beide tief im Herzen, strebte beiden nach. Nur war die eine Honigseim und die andere lediglich das kraftvolle Bauernbrot des täglichen Lebens.

Noch ein weiteres Gegensatzpaar kommt in diesem Bild zum Ausdruck: das zwischen der städtischen Kultur mit seinen Möglichkeiten für Kunst und Kultur und das der Provinz, die nichts davon kennen will, weil sie keinen Platz dafür findet.

#RuthBlum #Klettgau #Grenzen

Nach den literarischen nun auch noch die persönlichen Erfahrungen mit der Grenze.

Assoziationen: Damals im Waldviertel in den 70er Jahren, im verschneiten Wald, als mich die plötzlich auftauchenen Tafeln mit der Aufschrift Achtung, Schussgefahr beim Langlauf sehr erschreckten und ich es als möglich denken wollte, dass wir am Eisernen Vorhang lebten. Dann später, in den 90er Jahren, als bei der Zugfahrt von Wien nach Zagreb diese neuen Grenzen meinen Nachtschlaf störten und Grenzbeamte in Operettenuniformen mir klar machten, dass die Stunde des Nationalismus geschlagen hatte. “Krieg in Jugoslawien”, hiess das damals. Schliesslich die Jahre beruflicher Flugreisen, bei denen Grenzen wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit erschienen. Und dann die Pandemie 2020 als man sich in der Verzweiflung politischer Orientierungslosigkeit dazu hinreissen liess, einen Grenzzaun zwischen Deutschland und der Schweiz aufzustellen (zwischen den Stadtteilen Kreuzlingen und Konstanz). Bis heute empfinde ich politische Grenzen nur als Behinderung im natürlichen Umgang der Menschen mit den Menschen.

Bei meinem letzten Aufenthalt im Klettgau verhöhne ich die Anmassung einer Grenze zwischen demokratischen und pluralistischen Staaten, die miteinander in Frieden leben. Die vielen Grenzsteine an der deutsch-schweizer Grenze haben natürlich ihre Bedeutung, obwohl sie völlig verloren in der Landschaft stehen, wie Zeugen aus bedeutungslosen Zeiten. Um 1830, während der letzten Grenzkorrekturen zwischen dem Grossherzogtum Baden und dem Kanton Schaffhausen wurden diese Steine auf spezielle Art eingegraben und ausgerichtet, mit den richtigen Beschriftungen auf den richtigen Seiten. Auf der Deckfläche der Quader befindet sich eine Einkerbung, die den Grenzverlauf markiert. Das alles lässt mich wieder an das Kapitel des Romans von Ruth Blum denken, wo diesselben Steine doch etwas anderes andeuteten als diese heute tun: die Grenze zwischen Krieg und Frieden.

Und dann die Wanderung vor zwei Wochen. Von einem Berghof hinunter zieht sich der kleine Waldpfad in den seltsamen Ort Wunderklingen. An ihm liegen sehr viele dieser alten Grenzsteine. Ich behandle sie wie Denkmäler, die unter Schutz stehen. Ich betrachte und berühre sie, fotografiere sie und bewundere sie ein wenig. Fast 200 Jahre stehn sie da als stumme Zeugen einer zwar historisch gewordenen, aber letztlich doch willkürlichen Setzung politischer Macht. Ich laufe Slalom zwischen ihnen wie ein kleines Kind, das die Realität nicht anerkennen will.

#Literatur #Solarpunk #RuthBlum #LeGuin #Grenzen

Wir haben aus der Erfahrung der jungen Regine in Ruth Blums Buch gelernt, wie politische Grenzen aufgeweicht werden können und: wie sie einerseits das Selbst begrenzen und andrerseits zu ihrer Überschreitung verleiten.

“Grenze” ist also sowohl Einschränkung als auch potentielle Freiheitserfahrung. Warum aber? Ein Philosoph sieht das so:

Weil Grenzen als menschengemachte Konventionen nie absolut sind, sondern die Grenzüberschreitung immer möglich machen. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen, faustisch gesprochen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieses Verhalten beschreibt letztlich den Kern der menschlichen Entwicklung. Konrad Paul Liessmann in einem Interview mit brand eins

Das haben wir schon beobachtet, als das Mädchen Regina durch das Überschreiten der Grenze und Bertreten eines Landes im Krieg die Durchlässigkeit des von den Erwachsenen festgesetzten Status erfahren hat. Und tatsächlich ist die Grenzerfahrung ambivalent: das Mädchen begibt sich einerseits in Gefahr, als sie sich verirrt und auch noch von flüchtenden französischen Kriegsgefangenen an der “Grenze” bedroht wird. Und nun hat auch sie (symbolisch) zum ersten Mal den möglichen Tod erblickt, als sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet. Aber sie erfährt auch, dass Grenzen überschritten werden können: die Möglichkeit ist da. Damit symbolisiert Ruth Blum geschickt, wie sich der Autonomiespielraum eines jungen Menschen erweitert, was jedoch immer auch ein Stück Gefährdung darstellt, eben entblösst zu sein vom Schutz durch Erwachsene und allein gestellt zu sein auf sich.

Wie unüberwindlich Grenzen gesetzt werden können zeigt Ursula K Le Guin in “The Dispossessed” gleich im ersten Kapitel. Entlang jenes Ortes, wo die Raumschiffe von ausserhalb landen, wurde eine Mauer gebaut, mehr der Wahrnehmung halber als der Absperrung wegen. Eigentlich könnte man diese leicht überwinden, doch keiner tut es, schon seit Generationen nicht. Neugier auf das Jenseitige gibt es schon, aber keinen Wunsch, sie zu überschreiten. Man beobachtet lieber, auf der Mauer sitzend wie in einem Theaterstück.

Nur der eine “Landesverräter” wird von einem Trupp Soldaten vom Heimatplaneten in ein Raumschiff verbracht: zur Reise in die andere Welt, in die er unter Polizeischutz und -gewalt emigriert. Aber damit ist er die grosse, skandalöse Ausnahme und erregt öffentlichen Unmut, ja Gewalt. Würde man von dem Techniken des Mordes und des Aufstands wissen, könnte man sie auch anwenden. Der Verräter droht das allgemeine Selbstverständnis zu untergraben. Aber Mann und Frau bleiben letztendlich in sich gefangen.

Und ein weiterer Aspekt der Grenze wird bei Le Guin angesprochen: je nachdem auf welcher Seite man sich befindet, sieht man unterschiedliche Dinge und beurteilt man sie anders. Ist das “Gefängnis”, die “Trostlosigkeit” immer jenseits der Mauer? Ist das Andere automatisch zum Unverständnis und zur Gegnerschaft verdammt?

#Literatur #GeniusLoci #Grenzen #Klettgau #LeGuin #RuthBlum #Solarpunk

Zweimal finde ich in meiner aktuellen Lektüre Grenzen thematisiert. In Ruth Blums Buch “Blauer Himmel. Grüne Erde (1941)” und in Ursula K. Le Guins Buch “The Dispossessed” (1974)”. Und gerade komme ich aus dem Kanton Schaffhausen zurück. Grund genug, über Grenzen zu schreiben.

Zunächst berichte ich aus der Erfahrungswelt eines Kindes. Ruth Blum widmet in ihrer sgn. Autobiographie ein ganzes Kapitel der Grenze. Es ist die Zeit des Grossen Krieges und die Erwachsenen sprechen darüber in unheilvoller Weise, welche die eigene Kindheit immer wieder wie ein Schatten verdunkelt. Der Krieg ist da draussen, jenseits der Grenze, die von den Schweizer Vätern beschützt werden muss. Der eigene Vater wacht am Gotthart in Schnee und Eis über die Sicheheit der Familie. Da muss die Grenze ein Bollwerk sein, eine riesige Mauer, die den Krieg Draussen hält, damit im Inneren Frieden herrscht. Eingeklemmt zwischen den Franzosen und Deutschland liegt die Schweiz im Ersten Weltkrieg. Ein viel beschworenes Bollwerk ist das Land, umgeben von einem bewachten Grenzzaun. Doch in Wirklichkeit verirrt man sich rasch entlang der fragilen Trennlinie zwischen Ländern und Kulturen.

Das Unverständnis, was denn eigentlich eine Grenze sei, ist gross bei dem Mädchen aus einem kleinen Dorf im Klettgau. Es kann nicht verstehen, dass diesseits und jenseits dieselbe Landschaft, derselbe Sommer existieren, diesselben Menschen leben und sich kaum von einander unterscheiden. Nur das Schweizer Zollhäuschen gibt an, dass hier irgendwo das eigene Land enden muss und der Krieg dahinter tobt. Und so geschieht es, dass sich das Mädchen namens Regine ohne rechte Orientierung auf die deutsche Seite der Grenze verirrt. Dort, wo sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet, muss Regine erstaunt feststellen:

Da draussen war ja keine Zerstörung, kein Untergang. Keine blutigen Schlachten, keine brennenden Häuser erfüllten dieses stille deutsche Tal. Nicht ein einziger Trommelwirbel erschütterte seine schläfrige Mittagsruhe. Nur friedliche Rauchwölklein wirbelten über den Dächern auf und dem Bächlein entlang weideten weisse Schafe.

Doch irgendwo kommt der Abschluss, das Ende, die Grenze ins Spiel. Das Mädchen wird von einem Grenzsoldaten aufgegriffen und wieder in die Schweiz zurückgeschickt. Doch ihr Glauben an die Undurchlässigkeit der Grenze ist erschüttert: sie hatte ja selbst gesehen, dass es dort weder Bollwerk noch Zaun. weder Turm noch Graben gab, sondern nur ein paar graue Steine am Boden lagen. Die Grenze ist ihrem Wesen nach durchlässig und so auch die Welten zu beiden Seiten.

#Literatur #RuthBlum

Ich lese im ersten Kapitel von Ruth Blums Buch Blauer Himmel. Grüne Erde. (1941)

Ich konnte nicht anders, meine beiden aktuellen Bücher, habe ich nach kurzem Zögern weggelegt und das Buch, welches mir fast schon durch Zauberei in die Hände gekommen ist, aufgeschlagen. Ich lese im ersten Kapitel, das sich Der Farbkasten nennt. Es ist die Phantasiewelt eines jungen Mädchens, in die mich die Erzählerin eintreten lässt.

Der Grossvater hat diesen wunderbaren Farbkasten, der sie in die Fabelwelt der Farben entführt. Die Grundfarben, die Mischfarben, die Kunst, wie er die Farben ineinander verrinnen und Gestalt annehmen lässt. Das Kind will aber allein mit den Grundfarben malen, für sie entstehen daraus Naturgestalten, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden und es träumen lassen: Leberecht Gelb, der Meister der Fühlingswiese; Fräulein Rot, die Mohnkönigin; Wunnibald Grün, der Meister der kühlen und schattigen Wälder. Zu guter Letzt aber das Blau, die blaue Blume Sehnsucht, die einmal erhascht, immer unerreichbar bleiben wird.

Es steht eine Blume im Himmelslicht Wohl dem, der sie auf Erden bricht.

Was Ruth Blum mit diesem Kapitel schafft, ist die Sinnlichkeit des Kindes wiederzubeleben. Wir kennen das von den Gerüchen der Kindheit, die uns unser ganzes Leben begleiten und einen besonderen Zauber auf uns ausüben. Für die Erzählerin sind es jedoch die Farben, die die Welt erfahrbar machen und die Zugewandtheit und Liebe zu ihr entwickeln helfen.

#Literatur #RuthBlum #Klettgau

Das Gedicht fand ich in der Nähe der Burg Radegg, auf einer Tafel des Schaffhausner Dichterpfads, mit der Bezeichnung Südranden 8. Es ist wohl ein wenig altmodisch, aber ich mag seinen Charme.

Ruth Blum Akelei oder Narrenkappe Aquilegia vulgaris

Mit dunklem Blick und schlecht rasiertem Kinn, den schüttern Haarschopf mangelhaft gebürstet, durchstreift den weiten Wald der Musensohn, der nach dem Bild der blauen Blume dürstet.

Schmalbrüstig keucht er über Stock und Stein, sein kurzer Dichteratem geht asthmatisch. Ein grosses Wildschwein nimmt entsetzt Reissaus; Der Ungekämmte ist ihm nicht sympathisch.

Zur Burgruine klettert er empor. Sieh da, was blüht auf dem vergrasten Söller? “Die blaue Blume der Romantik ists!” ruft er verzückt und steckt sie an das Göller.

Heimwandelnd trifft er einen Lehrer an, der zieht den “Binz” aus seiner alten Mappe. “Mein Lieber”, lacht er, “was dein Knopfloch zieht, heisst Aquilegia oder Narrenkappe!”