Zettelwerk

Solarpunk

#Gaming #Apokalypse #Solarpunk

Die Widersprüche einer apokalptischen Welt, in der noch nicht alles entschieden ist. Zum Computerspiel “Cloud Gardens”.

Kennen sie diese Art von Bewusstseinszustand? Man träumt, das man kurz vor dem Erwachen ist und bemüht wegen der Schönheit des Traumes verzweifelt, eben NICHT aufzuwachen. Eine Zeitlang bleibt man so in der Schwebe zwischen Halbschlaf und Erwachen: bis das Traumgebäude platzt! Vergeblich versucht man nun, sich wieder in den Schlafzustand zu versetzen, doch die Realität ist stärker. Man hat sich selbst an der Nase herumgeführt.

In eine Traumwelt führt uns das Spiel: Versatzstücke von verfallenden Städten und Teile von Industrielandschaften taumeln aus dem Nebel in das Bild, schweben wie auf Wolken in einem unbestimmten Raum. Schlaftrunken muten uns Grafik und Musik an. Irgendwo muss wohl die Welt explodiert sein und sie wirft uns ihre Zerstörung in den Sinn. Aber alles ist bereits vorbei. Sie erscheint so logisch und final, diese apokalptische Welt. Wir spielen sie, als würden wir uns vorbereiten auf das Leben nach dem Ende.

Die gute Nachricht: Wir dürfen auf postapokalyptischen Trümmern Pflanzen wachsen lassen: aus diesen werden in kurzen Spielschritten Blumen und Samen, die wir wieder verwenden, um Pflanzen und Samen wachsen lassen zu können. Wir spielen Gott und Göttin. Eine uns mit uns selbst versöhnende Aufgabe: die Trümmer der Zivilisation mit Grün zu überziehen, sie in die Natur “zurückzudrücken” bis sie “verschönert” oder gar “verschwunden sind”. Die Kraft der Natur sei das, meint eine Gamerin ganz verzückt. Doch sie vergisst, dass die Dinge, die sie braucht, um Pflanzen wachsen zu lassen, selbst Debris sind. Ja, Licht und Wasser sind hilfreich, aber am Besten wirkt eben dass weitere Zumüllen der gerade geschaffenen Natur: mit Autoreifen, Dosen, kaputten Sesseln, ausgedienten Strassenschildern, giftigen Autowaracks und, und, und. Je mehr Pflanzen in die Welt gesetzt werden, je höher wachsen die Müllberge an. Ein Perpetuum Mobile. Die Spielmechanik ist perfide und stürzt uns in ein Double Bind, nur wenige Clicks von jetzt entfernt.

Und immer noch spielen wir weiter und erfreuen uns am Gedeihen der Natur, die sich vom Abfall nährt. Die Realität ist stärker. Wir werden gnadenölos scheitern an unserem Spiel.

#Literatur #Solarpunk #RuthBlum #LeGuin #Grenzen

Wir haben aus der Erfahrung der jungen Regine in Ruth Blums Buch gelernt, wie politische Grenzen aufgeweicht werden können und: wie sie einerseits das Selbst begrenzen und andrerseits zu ihrer Überschreitung verleiten.

“Grenze” ist also sowohl Einschränkung als auch potentielle Freiheitserfahrung. Warum aber? Ein Philosoph sieht das so:

Weil Grenzen als menschengemachte Konventionen nie absolut sind, sondern die Grenzüberschreitung immer möglich machen. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen, faustisch gesprochen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieses Verhalten beschreibt letztlich den Kern der menschlichen Entwicklung. Konrad Paul Liessmann in einem Interview mit brand eins

Das haben wir schon beobachtet, als das Mädchen Regina durch das Überschreiten der Grenze und Bertreten eines Landes im Krieg die Durchlässigkeit des von den Erwachsenen festgesetzten Status erfahren hat. Und tatsächlich ist die Grenzerfahrung ambivalent: das Mädchen begibt sich einerseits in Gefahr, als sie sich verirrt und auch noch von flüchtenden französischen Kriegsgefangenen an der “Grenze” bedroht wird. Und nun hat auch sie (symbolisch) zum ersten Mal den möglichen Tod erblickt, als sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet. Aber sie erfährt auch, dass Grenzen überschritten werden können: die Möglichkeit ist da. Damit symbolisiert Ruth Blum geschickt, wie sich der Autonomiespielraum eines jungen Menschen erweitert, was jedoch immer auch ein Stück Gefährdung darstellt, eben entblösst zu sein vom Schutz durch Erwachsene und allein gestellt zu sein auf sich.

Wie unüberwindlich Grenzen gesetzt werden können zeigt Ursula K Le Guin in “The Dispossessed” gleich im ersten Kapitel. Entlang jenes Ortes, wo die Raumschiffe von ausserhalb landen, wurde eine Mauer gebaut, mehr der Wahrnehmung halber als der Absperrung wegen. Eigentlich könnte man diese leicht überwinden, doch keiner tut es, schon seit Generationen nicht. Neugier auf das Jenseitige gibt es schon, aber keinen Wunsch, sie zu überschreiten. Man beobachtet lieber, auf der Mauer sitzend wie in einem Theaterstück.

Nur der eine “Landesverräter” wird von einem Trupp Soldaten vom Heimatplaneten in ein Raumschiff verbracht: zur Reise in die andere Welt, in die er unter Polizeischutz und -gewalt emigriert. Aber damit ist er die grosse, skandalöse Ausnahme und erregt öffentlichen Unmut, ja Gewalt. Würde man von dem Techniken des Mordes und des Aufstands wissen, könnte man sie auch anwenden. Der Verräter droht das allgemeine Selbstverständnis zu untergraben. Aber Mann und Frau bleiben letztendlich in sich gefangen.

Und ein weiterer Aspekt der Grenze wird bei Le Guin angesprochen: je nachdem auf welcher Seite man sich befindet, sieht man unterschiedliche Dinge und beurteilt man sie anders. Ist das “Gefängnis”, die “Trostlosigkeit” immer jenseits der Mauer? Ist das Andere automatisch zum Unverständnis und zur Gegnerschaft verdammt?

#Literatur #GeniusLoci #Grenzen #Klettgau #LeGuin #RuthBlum #Solarpunk

Zweimal finde ich in meiner aktuellen Lektüre Grenzen thematisiert. In Ruth Blums Buch “Blauer Himmel. Grüne Erde (1941)” und in Ursula K. Le Guins Buch “The Dispossessed” (1974)”. Und gerade komme ich aus dem Kanton Schaffhausen zurück. Grund genug, über Grenzen zu schreiben.

Zunächst berichte ich aus der Erfahrungswelt eines Kindes. Ruth Blum widmet in ihrer sgn. Autobiographie ein ganzes Kapitel der Grenze. Es ist die Zeit des Grossen Krieges und die Erwachsenen sprechen darüber in unheilvoller Weise, welche die eigene Kindheit immer wieder wie ein Schatten verdunkelt. Der Krieg ist da draussen, jenseits der Grenze, die von den Schweizer Vätern beschützt werden muss. Der eigene Vater wacht am Gotthart in Schnee und Eis über die Sicheheit der Familie. Da muss die Grenze ein Bollwerk sein, eine riesige Mauer, die den Krieg Draussen hält, damit im Inneren Frieden herrscht. Eingeklemmt zwischen den Franzosen und Deutschland liegt die Schweiz im Ersten Weltkrieg. Ein viel beschworenes Bollwerk ist das Land, umgeben von einem bewachten Grenzzaun. Doch in Wirklichkeit verirrt man sich rasch entlang der fragilen Trennlinie zwischen Ländern und Kulturen.

Das Unverständnis, was denn eigentlich eine Grenze sei, ist gross bei dem Mädchen aus einem kleinen Dorf im Klettgau. Es kann nicht verstehen, dass diesseits und jenseits dieselbe Landschaft, derselbe Sommer existieren, diesselben Menschen leben und sich kaum von einander unterscheiden. Nur das Schweizer Zollhäuschen gibt an, dass hier irgendwo das eigene Land enden muss und der Krieg dahinter tobt. Und so geschieht es, dass sich das Mädchen namens Regine ohne rechte Orientierung auf die deutsche Seite der Grenze verirrt. Dort, wo sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet, muss Regine erstaunt feststellen:

Da draussen war ja keine Zerstörung, kein Untergang. Keine blutigen Schlachten, keine brennenden Häuser erfüllten dieses stille deutsche Tal. Nicht ein einziger Trommelwirbel erschütterte seine schläfrige Mittagsruhe. Nur friedliche Rauchwölklein wirbelten über den Dächern auf und dem Bächlein entlang weideten weisse Schafe.

Doch irgendwo kommt der Abschluss, das Ende, die Grenze ins Spiel. Das Mädchen wird von einem Grenzsoldaten aufgegriffen und wieder in die Schweiz zurückgeschickt. Doch ihr Glauben an die Undurchlässigkeit der Grenze ist erschüttert: sie hatte ja selbst gesehen, dass es dort weder Bollwerk noch Zaun. weder Turm noch Graben gab, sondern nur ein paar graue Steine am Boden lagen. Die Grenze ist ihrem Wesen nach durchlässig und so auch die Welten zu beiden Seiten.

Tags: #Romanprojekt #Solarpunk

Elemente des Solarpunk in meinem Roman Ellaine einbinden.

Ich habe heute ein wenig im Internet herumgestöbert und bin auf das Solarpunk-Manifest aus dem Jahr nach 2019 gestossen. Hier liessen sich einige generelle Aussagen über die Perspektiven des Romans ableiten. Um auch das Inventar des Buches zu bereichern, werde ich im Linkkasten einige Seiten zum Thema sammeln. Ich lese also einige Artikel darüber und sammle Stichworte, welche mit ihren Inhalten vielleicht Solarpunk repräsentieren: Aktivismus, Ästhetik, Allgemeinwohl, Literaturgenre, Anti-Dystopie, Solartechnologie, Transkulturalität, Gegenkultur. Folgende Definition für Solarpunk als Genre findet sich auf dem Magazin Teilzeithelden:

Solarpunk ist ein Genre, dass in einer utopischen oder nah-utopischen futuristischen Welt spielt. Diese Welten haben ihre Energieversorgung komplett auf irgendeiner Form von erneuerbaren Energien aufgebaut. Auch sind sie in der Regel post-kapitalistisch, anti-hierarchisch und dekolonial.

Im Aesthetics Wiki werden unter dem Stichwort Solarpunk folgende AutorInnen dieses literarischen Subgenres genannt: