Dysnomia

anomic aphasia anonymous

von Konrad

Das Bremspedal schlägt am Boden auf. Muskeln verkrampfen. Hände versuchen zu greifen. Hintern heben sich von Sitzen. Zähne schlagen aufeinander. Die Nadel rast dem Nullpunkt entgegen. Schuhe verlieren den Grip. Kommen ins Rutschen. Hände vergeben den rettenden Halt. Gewicht, plötzlich ungesichert. Reifen blockieren, drehen ein Stück, blockieren und drehen sich wieder. Kommen zum Stillstand. Fliehkraft rammt die hilflose Trägheit der Masse. Prallt gegen die Scheibe. Erst Hände. Dann die Nase. Ein Labyrinth aus millionen Kreuzungen. Entsteht. Vergeht. Noch bevor das Blut zu schießen beginnt. Tascheninnereien nehmen Fahrt auf. Füße in der Luft. Hände auch. Zeitlupenfiguren. Zusammen mit abertausenden Glasmeteoriten. Mikrostroboskopische Fliegerasse werden zu Chaos. Auf dem Boden, auf Sitzen, in Haaren, Ausschnitten, Taschen, Mündern, Kinderaugen. Zacken ritzen, schneiden, färben sich rot. Dröhnen wie Starkregen. Sitze werden überschlagen. Finger beim Aufsetzen, biegen und brechen. Die Flugmasse verlangsamt beim Aufprall, wieder verkörpert. Staucht, reisst, schürft auf, blutet, zerschindet. Kracht, knackt. Stirbt letztlich. Abschiedsblut versickert in Ritzen. Herrschaft absoluter Stille. Kurz. Bevor das Stöhnen beginnt.

von Konrad

Allein die Ankündigung von „no time to die“ zieht mich, trotz über einjährigen Kinoaushungerns, nicht direkt vor die große Leinwand. Dafür waren die Craig-Filme der letzten Jahre zu repetitiv, zu bemüht. Deshalb wage ich, ohne auch nur den Trailer, geschweige denn den Film, gesehen zu haben, hier eine Voraussage von James Bond Teil 25:

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von Konrad

Karlsgartenstraße 3. Peter schreckt schweißgebadet auf, plötzlich weiß er, dass er jetzt los muss. Sofort. Er knipst die Nachtischlampe an, reißt sich die Bettdecke von den Beinen und springt auf. Noch in der Drehung vom Bett herunter angelt er nach seiner Hose auf dem Stuhl neben sich. „Was ist los?“, fragt eine müde Stimme von der linken Seite des Bettes. „Nichts, schlaf weiter! „, raunzt Peter zurück. Hastig zieht er sich ein paar Socken an. Er registriert, dass die Farben nicht zusammenpassen, ist aber schon damit beschäftigt, einen Pulli aus dem Haufen zu zerren.

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von Konrad

Yi hat ihre Beine fest um das Gestänge geschlungen. Sie hält sich mit aller Kraft so sicher wie möglich und ist nahe davor, einen Krampf zu bekommen. Vor sich blickt sie in den lichten Tunnel, den der Ausleger des Krans bildet. Rotes, dickes Gestänge, kalt von der Nacht und taufeucht vom heraufziehenden Morgen. Hinter ihr ist nichts mehr, Yi sitzt auf der Grenze zum Abgrund.

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von Konrad

Er braucht sie nicht zu suchen. Er findet sie. Möglichkeiten, poröse Stellen, Durchgänge. Dann schlägt er zu.

Noah legt seine Kleidung auf die Bank vor den Spinden. Er betritt den Duschraum. Das Klima ist erdrückend. Die Luftfeuchtigkeit und Temperatur sind ähnlich wie die in einer Aufgusssauna. Es riecht nach fruchtigem Duschgel, Körperlotion und Haarspray. Die Melange einer kürzlich verlassenen Mädchendusche. Jetzt ist er allein. Noah lächelt ein dünnes Lächeln. Wieder einmal hat sein, zugegeben wirklich simpler, Plan funktioniert.

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von Steffen

Ein sanftes Vibrieren im Handgelenk weckt ihn aus traumlosem Schlaf. Zwei Minuten früher als gestern, der Ablauf wurde wieder optimiert. Wie in Zeitlupe und noch halb betäubt löst er sich aus der polymerharten Z-Form. Sofort reibt und massiert er die Dermalkontakte an seinem Rücken. Er hasst das ewige Jucken, die ständig wieder aufflammenden Entzündungen. Im anderen Raum der Wohneinheit verraten ein karibischer Sonnenaufgang und im Wind wiegende Palmen im flimmernden Display-Fenster dass heute Mittwoch ist und Sommer. Er kaut zwei antibiotische Cracker zusammen mit der Startup Pille und spült mit destilliertem Wasser nach. Obwohl er sicher ist dass er seit langem immun gegen den Wirkstoff ist, ist da immer der Horror der Abstoßung, der venalen Korrosion und des langsamen Verblutens durch die Poren der Haut.

Außerdem will er sich keinesfalls mit einem gehorteten Cracker-Vorrat erwischen lassen. Sozialsabotage, automatisch bestraft mit fünf Jahren Ehrendienst in den äußeren Kolonien. Er weiß, dass sein erneuter Aufenthalt dort den sicheren Tod bedeuten würde. Vermutlich würde sein Körper nicht einmal den Transfer, die Kälte und die Entbehrungen des Vakuums überstehen. Er schlüpft in die beengte Uniform, rückt die Reihe bunter Orden zurecht. Im Etagenflur zitronengelber Kunststoff und feiner Desinfektionsnebel aus unsichtbaren Zerstäubern. Sanfte Beleuchtung und geflüsterte Durchsagen von sanften, jungen, gesunden Stimmen. Ankündigungen, neue Verordnungen, der Wetterbericht und dazwischen periodisch und mechanisch die zufallsgenerierten Zahlenreihen der über Nacht Desynchronisierten.

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von Konrad

Du schließt die Haustür hinter dem freundlichen alten Mann zu und atmest tief durch. Endlich allein. Du läufst durch die kleine Wohnung im Erdgeschoss. Hohe Räume, große Fenster, durch die das goldene Sonnenlicht scheint. Dielenboden, wo keine weichen Teppiche liegen. Holzmöbel, wenig Deko und wenn, dann an den passenden Stellen und geschmackvoll.

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von Konrad

Seine Arme umkrampfen die eigenen Beine. Leichtes Wippen in Hockstellung. Nackt. Das warme Wasser fließt viel zu langsam. Bedeckt erst knapp seinen Penis. Besser, die Wanne wäre schon voll. Besser, der vielleicht einzige Schutz wäre stark, vorhanden, zuverlässig. Aber das Wasser fließt langsam. Plätschert statt zu rauschen. Vorhersehbar. Jeder versucht, seine Wanne so heiß und so voll zu bekommen, wie es nur geht an diesem Abend. In dieser Nacht, der Nacht der Schwärze.

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von Steffen

Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Akt als Schöpfung durch ein schlichtes Sagen. Als Sprechakt und Autopoiesis, dem Erzeugen durch sich selbst und aus sich selbst heraus. Wir alle, so könnte man meinen, sind wenig mehr als die physischen Fortsetzungen und psychosoziale Brechungen jenes primären Akts, von wem oder was auch immer er ausging. Einerseits als die biologischen Akteure seiner Wiederholung im Fortpflanzungsakt als sympoietischem Mit-etwas-machen oder, schlichter ausgedrückt, des Miteinandermachens. Dennoch verweist die Geburt—als genetisch “befleckte” Mimesis des In-die-Welt-bringens durch die Sprache selbst—im “Urschrei” von Mutter und Kind sowohl auf Sprache als Entstehungsakt des Verstands als auch auf die Schmerzhaftigkeit und das Ausgeliefertsein während jedes schöpferischen Akts.

Die Menschwerdung—das gewollte oder ungewollte, aber doch unumgängliche Heideggersche Geworfensein in die Welt—eröffnet eine weitere Ebene dieser handlungsgeschichtlichen Exegese. Einerseits im Spannungsfeld des neugeborenen Kindes zwischen absoluter Hilflosigkeit und zukünftiger (jedenfalls theoretisch) unbeschränkter Handlungsmacht. Andererseits verweist die Entstehung des unbedarften, unwissenden und unschuldigen auf eine räumliche sowie moralische Dimension des Seins. Kulturell liegt diese im allegorischen Raum des Paradieses als “Vorort” zum Sündenakt, der nur den unschuldig (und damit paradoxerweise unmenschlich) Agierenden offen steht.

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von Steffen

Unhörbare Radio-Hits schallen aus den stoßfesten Lautsprechern der Handwerker im Erdgeschoss gegenüber der Straße. Sie bohren, hämmern, schleifen, meißeln, schrauben, schaben, schaufeln, waschen sich die Hände und legen sich nieder um es dann noch einmal tun zu können. Nur so kann alles werden, die Substanz des Zivilen muss jeden Tag verteidigt, bestätigt und ausgebaut werden. Fortschritt, so könnte man fast meinen, ist die humanste Form des Krieges aus dem es keinen Ausweg gibt, denn Stillstand ist zu nah am heute geläufigen Verständnis des Totseins. Doch wer steht uns als Feind gegenüber in diesem unsichtbaren Kampf?

Mit dieser Frage und mit diesem Totsein sieht sich der auf einer scheinbar unbewohnten Insel gestrandete Robinson Crusoe konfrontiert. Die tropische Insel, Teil eines winzigen Atolls vor der Küste Venezuelas, ist die Antithese zum westlichen Fortschrittsglauben und der Inbegriff zeitloser und statischer Primitivität. Nachdem er Werkzeuge, Nahrung, Waffen und andere nützliche Gegenstände aus dem in der Brandung liegenden Schiff geborgen hat, beginnt er umgehend mit der Errichtung von Gebäuden, Schutzwällen sowie der Urbarmachung des Bodens und Domestizierung von wilden Ziegen und anderen Tieren. Dass es schließlich Jahre und Jahrzehnte dauert diese solitäre Zivilisation aufzubauen, ist dabei kein Hindernis sondern ein glücklicher Umstand für den Schiffbrüchigen. Es ist Defoes Parabel auf die Kraft des Einzelnen in der Überwindung von Mühsal und Not, die Notwendigkeit des Fortschritts und die Früchte von Kapital und Arbeit—alles zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans im Jahr 1719 relativ neue Konzepte.

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