“Mir wird klar, dass es lange her ist, seit ich zuletzt eine Möwe hier im Hof gesehen habe, wo man doch früher kaum etwas essen konnte, ohne von einem ganzen Schwarm umringt zu werden. Ohne ihre lautstarken Kämpfe um die Essensreste ist es viel stiller hier.”
Das ist zum Glück nicht die Gegenwart, sondern eine befürchtete Zukunft in dem Buch Zugvögel.
Denn hier ist das Gegenteil der Fall. Heute war das Wetter über Mittag plötzlich angenehm, so dass ich beschloss, es doch nochmal zu wagen. 16 Grad Wassertemperatur ist im Juni meine Grenze, bei der ich hier in das Ostseeschwimmen einsteige. Bislang ging es im September nicht über den 08. September hinaus. Aber noch sind es laut App 16 Grad.
Wie eine Halbinsel fügt sich das Hinterland von Travemünde zwischen der Küste und dem Hemmelsdorfer See in die Landschaft. Während ich das Fahrrad durch das Herbstlaub lenke und noch immer warme Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüre, öffnet sich der Blick für Neues.
“Fall” heißt Herbst im Amerikanischen, das Alte fällt, damit das Neue entstehen kann. Irgendwie gleichen sich Mai und September. Alles steht in voller Blüte, die leuchtenden Bäume sehen frühlingshaft aus und die Temperaturen sind noch warm. Nur, dass der September schon ein “r” hat. In den Monaten ohne “r” darfst Du barfuß laufen, sagt eine alte Bauernregel.
Meine Wege führen mich durch Alleen, über kleine Hügel, vorbei an imposanten Bauernhöfen und Landsitzen, an Holzschränken, in denen Eier auf den Verkauf warten, an Sonnenblumenfeldern und Kürbispräsentationen.
und die kleinen Störche sind von den großen nicht mehr zu unterscheiden.
…
Ist es nicht, als wäre er das eigentlich Schaffende, schaffender als denn der
Frühling, der schon gleich ist, schaffender als, wenn er kommt mit seinem
Willen zur Verwandlung und das viel zu fertige, viel zu befriedigte, schließlich
fast bürgerlich-behagliche Bild des Sommers zerstört?”
schreibt Clara Rilke 1904 in ihren Briefen.
Zugegeben, ich habe den Rilke noch nicht beiseite gelegt, die Zeilen stammen aus seinem Büchlein “Herbst”.
Küstenleben.
Herbstliches Laub fegt über die Strandpromenade. Eine kleine Invasion von Feuerquallen hat die Schwimmroutinen unterbrochen. Es ist die Zeit im Jahr, wenn sie das Dorf erreichen. Ende August.