Wald und Höhle

Die Idee des einen einzigen Tagebuchs ist verführerisch, aber utopisch. Ich weiß gar nicht auswendig, wieviele Tagebücher ich derzeit parallel führe. Ein anschwellendes Zettelkonvolut mit Blutdruckwerten liegt beim Brot, das dazu passende Blutdruckmessgerät auf den Kochbüchern. Auf dem Rechner diverse Dokumente, die Tagebuchcharakter haben, eines Tages will ich sie mal zusammenführen, in chronologische Ordnung bringen also. Andererseits: Wozu? Dann die ganzen Notizbücher, irgendwas zwischen Terminkalender, Einkaufszettel und intimsten Bekenntnissen. Fürchterlichste Einsichten in die genauere Natur der Ausweglosigkeit. Liegen immer irgendwo rum. Wenn man sie braucht, sind sie unauffindbar, drum fange ich ständig neue an. Und dann noch Wald und Höhle, ich sags euch, heute hat erst wieder ein Narr sich als Subskribent bei Sichten und Ordnen eingeschrieben. Er oder sie macht sehr schöne Fotos von ihren oder seinen Urlaubsreisen, fantastische Meeresansichten, einzigartig in ihrer Austauschbarkeit.

Eine Verstreuung also, sowohl am Computer, als auch auf den Papieren. Wenn man nur alle Gedanken mal sammeln könnte, zu einem Strang, zu einem Lauf, zu einer Einheit. Wenn die Schrift einfach mal liefe und einen lesbaren Faden erzeugte. Aber es zerstreut sich immerfort, auf dies und jenes. Kein Rückgrat hat dieses Denken, es fußt auf keinerlei Einsichten, nichts ist diesem Denken gewiss, es ist wundervoll: Ein Gefühl des freien Schwebens, Wald und Höhle halt, was der Name immer schon versprach: Die totale Geborgenheit im Nichts.

Gern wüsste ich mehr darüber, was die Leute, die Wald und Höhle lesen, an Wald und Höhle eigentlich gut finden. Oder anders gesagt: Diese verrückte Unmöglichkeit, nochmal wirklich neu anzufangen, bei Null. Nein, das geht wirklich nicht, sagte Weintraub und schob dabei sein Glas Rotwein auf dem Tresen hin und her, vergiss es einfach, du bist für die Leute der Sichter und Ordner, der ewige Beethovenfreak, sei froh, dass du überhaupt irgendwas bist für drei oder fünf Hanseln, und hör endlich auf, neu anzufangen. Er war jetzt richtig sauer, wie ich deutlich sehen konnte, er schnaubte förmlich. Ist ja schon gut, wisperte ich kleinlaut.

Harry S. Weintraub, der Literaturpapst und letzte Großkritiker, mit Zehntagebart und Bierwampe hier vor mir thronend, larger than life, in Erlangens erlesenster Künstlerkneipe, was sollte ich schon sagen? Ok, sagte ich, ich dachte ja bloß, dass ich diese aphoristische Kargheit, diese Verkarstung der Sprache mal wieder mit ein wenig, (ich meine, verstehste?), mit ein wenig Pomp and Circumstances aufbrezeln sollte, einfach der Abwechslung halber. Es soll doch nicht immer alles gleich klingen. Ist denn nicht jedes Schreiben immerzu nur der Versuch, aus dem fürchterlichen Gleichschritt auszubrechen, in dem wir alle gefangen sind? Dieses grauenvolle Versmaß des Linkszwodreivier, das uns alle niedertrampelt? Manchmal denke ich, nur das völlige Aufgeben des Schreibens könne uns erlösen. Als sei das Schreiben selbst die Krankheit.

Fünf oder zehn Sekunden der völligen Stille bis Weintraub ins Nichts reinsagt: So ganz hundertprozentig knusper bist du auch nicht mehr, oder? Weintraub eben. Komplett der Philosoph.

Es ist schöner, in nordwestlicher Richtung aus Berlin hinauszufahren, als in südwestlicher Richtung, dachte ich heute wieder, als ich in nordwestlicher Richtung aus Berlin hinausfuhr, an Alt-Tegel vorbei, durch Heiligensee und schließlich über die ehemals vermauerte Grenze hinweg. Im Grunewald und am Wannsee stinkt alles so fürchterlich nach Geld, auch die Kollegen Radler, die da ihre Wahnsinnsrennmaschinen herzeigen, ich fühle mich da immer leicht fehl am Platze. Im Nordwesten hingegen radelt man weitgehend allein dahin, rechts der Wald, links die ganz normalen Eigenheimträume, sauber aufgereiht und ohne falschen Pomp. Nichts weist daraufhin, dass dies hier die crazy Weltmetropole Berlin ist, es könnte irgendwo sein, eine ixbeliebige Vorstadt, mir gefällt sowas.

Dann auf der anderen Seite der Havel wieder runter Richtung Spandau, ein Stadtteil, dessen riesenhafte Ausmaße mich immer wieder von neuem verblüffen. Da sitzt ganz hinten im Hirn noch die kindliche Vorstellung, gemäß der das Wort Spandau nichts anderes als ein Gefängnis bezeichnet, in welchem nur ein einziger Gefangener sitzt: Rudolf Heß. Stundenlang konnte ich mich als Kind mit dem Gedanken gruseln, wie der letzte Nazi als uralter Greis alleine in Spandau sitzt und einfach nicht stirbt, ein Verfluchter, unsterblich, zu ewigem Leben mit unverzeihbarer Schuld verdammt.

Er starb dann doch.

Als ich C. heute von der Schule abhole, sprudelt es sofort aus ihr heraus, dass sie heute in Musik ein neues Lied gelernt haben, Yellow Submarine nämlich, sie singt es kurz an, ob ich das zufällig kenne, sie wisse allerdings noch eine lustigere Version davon, ob ich die auch mal hören wolle, also das gehe so: Zieht den Bayern die Lederhosn aus, Lederhosn aus, Lederhosn aus. Und ich steh so auf dem Schulhof rum, und zum ersten Mal in meinem Leben wird mir klar, dass dieser Bayernschmähgesang tatsächlich auf die Melodie von Yellow Submarine getextet ist, das war mir vorher noch niemals aufgefallen.

Später hörten wir Yellow Submarine in der Küche vom iPod, und weil mir auch nichts besseres einfiel, liefen die verdammten Beatles dann weiter und weiter, bis sie sich irgendwann auflösten, one after the nine o nine.

Ich hatte diverse Lederhosen in meinem Leben, als Kind in Bayern wurde man da halt so reingesteckt, ich hab das immer gehasst. Eine ausgedachte Deppentracht letztlich, mein Urgroßvater trug nur dreiteilige Anzüge, wie die Fotografien beweisen.

Der Sankt-Vader-Tag ist für uns Kinder immer etwas ganz Besonderes. Ein imperialer Ehrengardist kommt mit schwarzer Atemmaske und Helm in den Kindergarten, die simulierten Sauggeräusche der Beatmungsmaschine sind von weitem schon hörbar. Wir stehen stramm in einer Reihe und machen keinen Mucks. Dann schreitet der Stellvertreter Vaders sehr langsam und ernsthaft die Reihe ab, stellt sich mit gekreuzten Lichtschwertern vor jedem Kind auf, und beschwört die dunkle Seite der Macht, das Kind für ein weiteres Jahr vor Fischgrätenerstickung zu schützen. Ist man am Sankt-Vader-Tag krank und kann den Kindergarten nicht besuchen, muss man ein Jahr lang auf Fisch verzichten, sicherheitshalber. Die Sicherheit geht im Imperium immer vor.

Nacht.

Das ist eigentlich die erste Szene des Faust, wie ich eben nochmal nachgeschlagen habe. Nacht wird spezifiziert mit dem Zusatz: In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer. Interessant. Studierzimmer kommt erst später, nach Vor dem Tor, allgemein als Osterspaziergang bekannt, und ich weiß nicht, ob dieses Studierzimmer eigentlich wirklich dasselbe enge, gotische Zimmer des Anfangs ist, oder nochmal ein anderes. Jedenfalls geht es im Faust, wie mir scheint, um diesen permanenten Wechsel zwischen Enge und Weite, die Eingesperrtheit in der zu engen Stube einerseits, die Verlorenheit und Ausgesetztheit im zu offenen, zu großen Draußen andererseits.

Wald und Höhle, zweifellos Schlüsselszene des Stücks, ist also gewissermaßen auch von der reinen Örtlichkeit her die Synthese der Gegensätze. Ein Außenraum zwar und sicher das Gegenteil einer Studierstube voller Bücher, aber dennoch auch ein Ort zum Verstecken, ein Winkel, eine Nische, keine vollkommene Verlorenheit wie Offen Feld.

Mich hat immer dieses Bild vom Blog als Wohnzimmer so auf die Palme gebracht. Die unterwürfigen Kommentatoren des Don Alphonso zum Beispiel, diese Speichellecker, die ihm als großmächtigem Hausherrn huldigen: In seinem Wohnzimmer darf der werte Don eben tun und lassen, was er will! Und da wird dann wirklich so ein unglaublich spießiger, enger Innenraum konstruiert, vollgehängt mit Biedermeierbildern, Tee aus Silberkannen und dümmsten Ressentiments.

Für viele mag Don Alphonso der eine Blogger sein, der es geschafft hat. Für mich ist er ein Irrtum. Ein Langweiler, der über dieselben drei Themen in immergleichen Phrasen den immergleichen verdrehten Schrott schreibt. Was für immense Textmassen sich aus nur zwei oder drei kleinen Gedanken heraus produzieren lassen, überrascht mich immer wieder.

Wald und Höhle will jedenfalls kein Wohnzimmer sein, für niemanden. Wald und Höhle will auch nicht eng sein, nicht hochgewölbt, nicht gotisch und keinen Hauch von Biedermeier will Wald und Höhle an sich haben. In Wald und Höhle wird selbstverständlich auch keine Prinzregententorte serviert.

Wald und Höhle will sich einfach nicht einsperren lassen, und Erwartungshorizonte sind die schlimmsten Gefängnismauern.

Drum ist Wald und Höhle hier draußen.

Nacht.

Fahrradfahren und Nichtrauchen waren früher ja Beschäftigungen, die exklusiv den Kindern vorbehalten waren. Erwachsen war, wer Auto fuhr und rauchte, am besten gleichzeitig, mit käsweißen Kindern auf dem Rücksitz.

Dementsprechend war das Fahrradfahren ein reines Propädeutikum des Autofahrens, das Lernen der Verkehrsregeln etc. Das kindliche Nichtrauchen analog dazu ein bloßes Propädeutikum des Rauchens. Ich zum Beispiel wollte mit dreizehn Astronaut oder Astronom werden und war deshalb begeisterter Leser der Zeitschrift P.M., die zur einen Hälfte aus kindgerecht aufbereiteter Wissenschaft, zur anderen Hälfte aus Zigarettenwerbung bestand. Beide Hälften studierte ich gründlichst. Welche Fluppe sollte ich mir einst auf Mondbasis Alpha anstecken, wenn ich denn endlich erwachsen wäre? Cowboymäßig L&M oder doch lieber eine selbstgedrehte Gauloises? Über derlei Fragen brütete ich Stunden.

Auch in den Stories von Philip K. Dick wird fortwährend geraucht, wie mir auffällt: Auf dem Mars, in den interstellaren Raumschiffen, warum auch nicht? Damals war das wirklich normal. Nun wurde nichts aus Mondkolonien und Marsbesiedelung, und statt lässig rauchend mit Lichtgeschwindigkeit zwischen Galaxien hin und her zu rasen, schwinge ich mich lieber aufs Rad und rauchte heute schon wieder keine. 1987 hätte ich das natürlich langweilig gefunden.

Die alten Fotoalben wie sie nach Rauch stinken eine Zigarettenschachtel auf jedem dritten Bild

Ich huste blättere mich durch

Die toten Eltern Das Kind Ich

Klebrig das Nikotin der längst gerauchten Zigaretten

Die Vergangenheit stinkt sie kann jetzt weg

Morgen Telefon Steinmetz Betreffs Grabstein

Vom Kronprinzessinnenweg rechts in die Havelchaussee einzubiegen, ist vor allem ein akustisches Ereignis: Du bist die ganze Zeit neben der Autobahn her geradelt, dein Kopf hat den Avuslärm schon als normales Grundrauschen abgespeichert und weggeblendet, und dann biegst du ab und langsam wird das Autodröhnen leiser und leiser, du hörst die ersten Vögel zwitschern, fährst weiter, ganz weit hinten rauscht noch was, bis es dann irgendwann ganz verstummt, und jetzt bist du wirklich im Wald. Links liegt das Wasser, die holden Schwäne, sturzbesoffen von Küssen das Haupt in den See hängend, und von weitem siehst du schon den Grunewaldturm, denkst: Der steht doch eigentlich gar nicht großartig weit oben auf einem Berg? Musst dann aber doch ziemlich zurückschalten und dich langsam da rauf schnaufen. Und die Luft und das immer noch so helle Grün der Bäume, die Stille des Waldes. Eigentlich viel zu schnell tauchen dann schon wieder die Häuser auf, und an der Heerstraße biste wieder im Gebrumm der Stadt. Zwei milchgesichtige Polizisten vor dem türkischen Konsulat, wie immer.

Im Hugendubel auf der Wilmersdorfer rettete ich kurzentschlossen William T. Vollmanns Hobo Blues vom Grabbeltisch. Erster Satz: „Ich bin der Sohn meines Vaters.“ Ok, gekauft, allein der eine Satz ist die 5 Euro schon wert, keine weiteren Fragen.

Heute natürlich prompt überhaupt nicht geradelt. Wie es eben so ist, wenn man am Vortag großspurig die Gründung eines Radeltagebuchs annonciert hat. Es ist aber auch ein komisches Wetter zur Zeit, man schlägt bei Sonnenschein die Wohnungstür zu, und bis man unten am Hof ist, haut es einem die Hagelkörner um die Ohren. Stattdessen weiter in den Stories von Philip K. Dick. Was für ein Meister! Dystopische Horrorgeschichten zum Totlachen, Kafka im Spaceship. Bin durch Jonathan Lethem auf ihn gekommen, der ja wirklich von den noch Lebenden mein eigentlicher Lieblingsautor ist, und also in seinen autobiographischen Essays lang davon spricht, wie sehr er durch Dick beeinflusst wurde. Natürlich katastrophal übersetzt, wie eigentlich alle Bücher von Lethem, allein der Titel schon: „Bekenntnisse eines Tiefstaplers“. Im Original heißt das Ding „The Ecstasy of Influence“, ich meine, wie kommt man auf so einen Schmarrn von Übersetzung? Beziehungsweise: warum übersetzt man nicht einfach, was da steht, statt selber zu meinen, man habe den noch viel passenderen Titel als der Autor selber. Ich füge hinzu, dass es sich hier um Übersetzer handelt, die offenbar noch nie etwas von Walter Benjamin gehört haben, und auch keine Lust hatten, den mal zu googeln, plötzlich ist da von Benjamins „Arkaden-Projekt“ die Rede, das ist doch grotesk, ich musste wirklich laut auflachen.

Im Grunde ist es meine Tragödie, dass mein Englisch so schlecht ist, man müsste all diese Werke eigentlich im Original lesen. Das ganze Deutsch müsste man letztlich jetzt wirklich mal abschaffen, diese schreckliche Sprache, kein Mensch versteht dieses grässliche Gekrächz.